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Marburg, Donnerstag, 3. November 1881

XVI. Z-hWNg

SSO* Für die Monate November und Dezember werden Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

und deren Gratisbeilage

Illustriertes Sonntagsblatt

von allen Post-Anstalten, auf dem Lande auch von den Landpostboten, entgegengenommen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 31. Okt. Ein Blick auf die Wahlen iw Elsaß-Lothringen zeigt, daß, wie man auch sonst ihre Re­sultate beurteilen und deuten mag, sie doch keineswegs in ihrer Mehrheit als ein Ausdruck des Protestes gegen die Zusammengehörigkeit mit Deutschland auszufassen sind, daß vielmehr konfessionelle, katholische Interessen dabei wesentlich als ausschlaggebend mitgewirkt haben. Letzteres erhellt einmal aus dem Umstande, daß drei katholische Geistliche, Winterer, Guerber und Simonis, wiedergewählt wurden, welche sich in ihren Manifesten mit großer Mäßigung aus­sprachen. Dann wird die Thatsache illustriert dadurch, daß die protestantischen Kandidaten Kablö, Goldenberg und Dietrich in ihren Programmen erklärt haben, für die katho­lischen Interessen und mit dem Zentrum im Reichstag stimmen zu wollen. Bemerkenswert ist ferner, daß, von Kabis uno Dollfus abgesehen, kein Kandidat das Schlag­wortProtest" in fein Wahlprogramm ausgenommen hat. Besanzon in Metz nicht. Wenngleich letzterer früher sich auf einen ähnlichen Slandtpunkt stellte, wie die beiden Vor­genannten, so scheint er aber doch in neuerer Zeit gemä­ßigteren Anschauungen zu huldigen. Man darf hieraus wohl schließen, daß der Standpunkt einer prinzipiellen, nach Frankreich hir.überschauenden Opposition im wesent­lichen auf, die großen Städte des Landes beschränkt ist, während die bedeutende Mehrheit der Bevölkerung, die Be­wohner der kleineren Städte und der ländlichen Bezirke dieser unfruchtbaren, negierenden Politik abgeneigt ist. Dem Bundesrat ist in Gemäßheit des Artikels 72 der Verfassung die allgemeine Rechnung über den Reichshaus­halt für das Etatsjahr 1877/78 nebst den dazu gehörigen Spezial-Rechnungen, einem Vorberichte und den Bemer­kungen des Rechnungshofes vorgelegt worden. Die Mi­nister des Innern, der Finanzen und der Landwirtschaft haben den Oberprästdien die Verteilung der für das Etats- fahr 1880/81 infolge der Einführung der Kreisordnung gegen bezügliche Etatsansätze für 1873 ersparten und ge­mäß § 70 der Kreisordnung den Landkreisen der betreffen­den Provinzen, nach Abzug ter denselben bereits gezahlten Abschlagsraten, noch zu überweisenden Polizei-Verwaltungö-

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th. Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube u. Go. in Frankfurt a. M.; Jügersche Buchhandlung 'daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: G. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen gipirnn. er-....*__77 . , .. _ ...

Buchdruckerei) bezogen 3'/. Mark, durch di- Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 tpfg. i[efct.aÄene ®

Mr in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg.berechnet 9äcilc 10

kosten von zusammen 146 481 M. zugehen lassen. Die General - Staatskasse hat Anweisung erhalten, die auf die einzelnen Regierungsbezirke entfallenden Beträge den be­treffenden RegierungS-Hauptkassen zu weiterer Verrechnung zu überweisen. Die Oberprästdien haben alsdann das Weitere zu veranlassen. Das Reichsstempelgesetz vom 1. Juli d. I. legt sämtlichen Behörden und Beamten der Bundesstaaten und Kommunen die Verpflichtung auf, die Besteuerung der ihnen vorkommcnden, nach diesem Gesetze stempelpflichtigen Urkunden und die zu ihrer Kenntnis ge­langenden Zuwiderhandlungen gegen das Gesetz bei der zu­ständigen Behörde zur Anzeige zu bringen. Da das In­teresse deS Reichs und der preußischen Staatskasse zur Sicherung eines wirksamen Erfolges des Gesetzes eine auf- meiksame Ausübung jener Aufsicht erheischt, so haben die Minister des Innern und der Finanzen die Behörden mit entsprechender Weisung versehen lasten.

Berlin, 1. November. (Zur Wahl am 27. Oktober.) Noch immer bilden die jüngst vollzogenen Neichstagswahlen das Tagesgespräch, und es werden nachträglich eine Unzahl von Wahlbeeinflussungcn bekannt, welche die jüdisch - fort­schrittlichen Elemente sich haben zu schulden kommen lasten. Selbstredend werden diese Beeinflussungen im Reichstage zur Sprache gebracht werden, und man wird dann im Lande wohl erkennen, daß die Bewegung in der Reichshauptstadt keineswegs so unberechkigt ist, wie die fortschrittliche Presse dies stets behauptet hat. Man kann es daher auch nur billigen, daß die antifortschrittlichen Parteien jetzt die Hände nicht in den Schoß legen und eifrig daran arbeiten, fest­zustellen, wie viele der Israeliten, die das deutsche Wahl­recht am 27. Oktober ausübten, sich überhaupt im Besitze des deutschen Jndigenats befinden, um aus Grund dieser Feststellung den Nachweis zu führen, daß taufende von Stimmen bei der Wahl für die fortschrittlich-jüdischen Kan­didaten von Nichtdeutschen abgegeben worden sind, obwohl das Wahlgesetz in seinem § 1 ausdrücklich bestimmt, daß nur jeder Deutsche das Wahlrecht ausüben darf. That- fächlich sind bereits im ersten Berliner Wahlkreise mehrere Fälle fcstgestellt worden, daß österreichische Juden mitge- wählt haben. Sehr rührig waren die israelitischen Elemente in den Wahllokalen. In jedem derselben hatten stets mehrere Personen Posto gefaßt, die genau die Wählerliste verfolgten und bis um 6 Uhr abends die säumigen Wähler per Droschke an die Wahlurne schleppten. Genug, es bot sich ein eigentümliches Bild der seltenen Rührigkeit aller jü­dischen Elemente dem aufmerksamen Beobachter dar und man glaubte kaum noch, daß man sich in der deutschen Reichshauptstadt befand. Ganz eigentümlich ist auch von verschiedenen, namentlich jüdischen Hausbesitzern bei Ein­tragung der Hausbewohner in die Wählerlisten vorgcgangen. So sind mehrere Fälle bereits konstatiert, daß die betreffen­den Eigentümer nur sich, nicht aber auch ihre Mieter in

die Listen einzeichneten, wodurch diese Mieter, da sie die Listen nicht einsahen, ihres Wahlrechtes verlustig gingen Selbstverständlich trifft die Wähler selbst die Schuld, denn zur Wahlpflicht gehört unbedingt, daß man sich von der Eintragung seines Namens in die Wählerliste überzeugt Im übrigen hat das Resultat der Wahl die antifortschritt- licken Parteien hier weder überrascht noch entmutigt. Die Versammlungen nahmen wie bisher ihren ungestörten Fort­gang und überall ist die Hoffnung lebendiger als jemals geworden, daß später doch noch einmal gelingen wird, die Hochburg der Fortschrittspartei zu erobern. Die Kreuzzeitung" schreibt:ES wird jetzt von neuem ge­meldet, daß die preußische Regierung eine baldige Berufung beä Reichstages behufs Erledigung des Reichsbudgets vor Neujahr wünsche. Dieser Wunsch besteht, wie wir be­merken, nicht _nut auf Seiten der preußischen Regierung, sondern es hängt davon die ganze parlamentarische Zeit­einteilung für den nächsten Winter sind das nächste Früh­jahr, wie wir sie bereits früher gemeldet haben, ab." Nach demselben Blatte wird dem preußischen Landtage dies­mal die Genugthuung eines im Gleichgewicht abschließenden Etats^ zu teil werden. Es sind bei der hiesigen Uni­versität bis heute nahezu zweihundert Studierende mehr angcmeldet, als im Wintersemester 1880 bis 1881Die Abendzeitungen enthalten folgende Notiz:Die in Börsen- kreisen von neuem erwachte Lust zur Gründung von Banken und Industrie - Gesellschaften und die dabei in mehreren Fällen zu Tage getretenen Anzeichen der Unsolidität haben dem Vernehmen nach die Aufmerksamkeit der hiesigen Staats­anwaltschaft auf sich gezogen, welche den ihr zugehenden Anzeigen über schwindelhafte Manipulationen bei neuen Gründungen die gebührende Beachtung widmet." Die Nachricht, daß der Unterrichtsplan der Gymnasien wo­möglich schon zu Ostern mehrere einschneidende Ver­änderungen erfahren wird, dürfte sich bestätigen. Es handelt sich um eine Reform des Lehrplans sowohl der Gymnasien als der Realschulen. Der Unterricht soll an beiden Anstalten in den Klassen Sexta, Quinta und Quarta ganz übereinstimmend gestaltet werden und erst in der Tertia eine Trennung eintreten, indem in dieser Klasse für das Gymnasium das Gri chische, für die Realschule das Eng­lische und die Verstärkung des mathematischen Unterrichts beginnt. Die Tertia soll dann bei allen Anstalten in eine Ober- und eine Unter-Tertia zerlegt werden. Ferner soll einerseits der mathematisch - naturwiffenschaftliche Unterricht der Gymnasien bis auf sechs Stunden wöchentlich durch alle Klassen ausgedehnt, andererseits die Zahl der lateini­schen Unterrichtsstunden in den Realschulen verstärkt werden. Ein bis dahin gehender Reformplan liegt schon seit einigen Jahren im Kultusministerium fertig vor, und seine Durch­führung hängt nur von der Bewilligung der erforderlichen Mittel seitens des Finanzministers ab. Die Mehrkosten

sRachdruck verboten!

Besiegt!

Novelle von Leo Sonntag.

Ich will nicht!"

Es klang so trotzig, so bestimmt, daß mancher nicht ge­wagt haben würde, weiter zn reden; aber Gustav Arnold gehörte nicht zu den Menschen, die sich sehr leicht einschüchtern lassen, am wenigsten durch ein trotziges Wort aus rostgem Mädchenmunde.

Mein Fräulein, Sie erstaunen mich; ich richte eine höfliche Bitte an Sie und das ist Ihre Antwort!"

O, Herr Doktor, geben Sie sich doch nicht die Mühe, mir gegenüber den Lehrton anzuschlagen; ich bin schon längst aus der Schule und kein Kind mehr."

Aber liebes Fräulein, ich bin mehr und mehr erstaunt, Sie sagen mir, Sie seien kein Kind und in demselben Augenblicke betragen Sie sich wie ein solches. Eilauben Sie mir, Fhnen den Fall vorzutragen. Meine Tante bittet mich um ein Lied; da ich mich nicht selbst begleiten kann und von Ihrer musikalischen Fertigkeit schon viel gehört habe, bitte ich Sie, mir mit Ihrem Talente zu Hülfe zu kommen und erhalte als Antwort jenes trotzigeIch will nicht! Welchen Grund konnten Sie dazu haben?"

Gar keinen, Herr Doktor! Ich wollte eben nicht. Das ist ja Frauenzimmerlogik, nicht wahr?'

Und darf ich Sie nicht ersuchen, mir mitzuteilen, warum Sie nicht wollten?"

Ich habe es Ihnen ja gesagt, weil ich nicht wollte!"

Dann gestatten Sie mir, 'Ihnen zu sagen, mein Fräu- lcm, daß Sie, trotz Ihres Protestes eben doch nichts sind als ein Kind und zwar ein sehr verzogenes!"

Mit diesen im höflichsten Tone gesprochenen Worten wandte der Doktor demverzogenen Kinde" den Rücken und ging in das Nebenzimmer.

Aber Gustav, was hast Du denn schon wieder mit Else gehabt?" tönte ihm hier eine sanfte Frauenstimme entgegen.

Aber liebste Tante, frage doch einmal Else, was ste mit mir hat," entgegnete der Doktor und ließ sich der Ge­heimrätin gegenüber in einem Sessel nieder,ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, sie zu beleidigen; aber bei jedem Wort, das ich an sie richte, fährt sie an mich wie ein kleiner Kobold und in ihrem Zorn gefällt sie mir so gut, daß ich es gewöhnlich nicht unterlassen kann, ihr im höflichsten Tone von der Welt ein paar Ungezogenheiten zu sagen, um sie noch mehr zu reizen."

Ihr scheint Beide ein merkwürdiges Gefallen daran zu finden, Euch zu zanken. Was gab es denn wieder?"

Nun, ich bat Fräulein Else, meinen Gesang auf dem Klavier zu begleiten, worauf ich das bekannte: Ich will nicht! zur Antwort erhielt. Darauf konnte ich nicht umhin, dem Fräulein zu erklären, daß es ein verzogenes Kind sei."

Aber Gustav!"

Liebste Tante, wenn Du ein paar mal wenigerAber Gustav", und ein paar mal mehrAber Else" sagtest, so ^nntest Du vielleicht beffere pädagogische Resultate bei Deinem Pflezekinde erzielen und ich hätte ihr die Beleidigung von vorhin ersparen können. Doch Du bist vollständig blind gegen die Fehler dieses Mädchens und wirst sie noch in Grund und Boden hinein verderben!"

Ach, Gustav, Du hast gut reden. Bei Deinen Jungen in der Schule, die Dir nicht anS Herz gewachsen sind, wie die Else mir, kannst Du Deine pädagogischen Regeln leicht

anwenden: aber versuche es einmal, Else zu zanken, wenn sie Dich mit Ihren lieben Augen bittend ansieht"

Mich haben Fräulein Else's Augen noch nie bittend, sondern immer nur trotzig angeschaut und an ihr meine Erziehungskunst zu versuchen, daö wäre mir ein zu hoff­nungsloses Werk, ich will lieber die Finger davon lassen," entgegnete der junge Mann lachend.

Nun, ich will einmal nach dem kleinen Trotzkopf sehen," meinte die Geheimrätin ausstehend.

Ja, da haben wirs wieder," brummte der Doktor, als seine Tante das Zimmer verlassen hatte.Anstatt daS Mädel tüchtig auszuzanken, daß sie so unhöflich gewesen, geht sie jetzt hin und flieht ihr gute Worte. S'ist zum Tollwerden, diese Frauenzimmerwirtschaft!"

Die Geheimrätin hatte Else im andern Zimmer nicht mehr tiergefunben und war, mit den Gewohnhcitm ihrer Pflegetochter vertraut, hinaus in den Garten gegangen. Unb sie hatte sich nicht getäuscht, wenn ste gehofft, daS junge Mädchen dort zu finden.

In einer dichtbewachsenen Laube saß Else, offenbar in die Lektüre eines Buches vertieft. D och als sie die Schritte der alten Dame hörte, blickte sie auf und wahrlich, eS war ein ganz anderer Ausdruck in den braunen Augen, als da ste vorhin dem Doktor das trotzige: Ich will nicht !, zugerufen.

Sie zog ihre Pflegemutter zu sich auf die Bank unb ste mit beiden Armen umschlingend, bat sie schmeichelnd:

Tante Rätin, nicht schelten! Ich weiß Du kommst deshalb, aber thu's nicht, sei Deiner Else nicht böse Du weißt, sie könnte eS nicht ertragen."

______ (Fortsetzung folgt.)