Marburg, Sonntag, 30. Oktober 1881
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Wie immer nach ben Wahlen, verkünden die liberalen Blätter auch heute schon auf allen Linien beit „glänzenden" Sieg ihrer Partei, obgleich bas befinitive Wahlresultat sich in tiefem Augenblicke noch gar nicht angeben läßt. Gerabezu furchtbar ist das Geschrei über ben „immensen" Sieg in der Reichshauptstabt, obgleich hier die antifortschrittlichen Parteien, namentliH'im zweiten Reichstagswahlkreise Minoritäten erzielt haben, wie sie bisher noch nicht dagewesen sind. Und wenn man nun den wüsten SiegeSlärm sich etwas genauer ansteht, wie wenig berechtigt muß derselbe dann erscheinen! Währenb bei der Reichstagswahl im Jahre 1878 nur wenig über 9000 Stimmen auf die konservativen Kandidaten in der Reichshauptstadt fielen, sind am Donnerstag daselbst 47000 Stimmen für die konservative Partei abgegiben worden. Will die liberale Presse diese Thatsache unterschätzen? Oder ist es etwa kein Zeichen der Zeit, daß im zweiten Reichstagswahlkreise fast 13000 Stimmen dem Hofprediger Stöcker im Kampfe mit Virchow zufielen und daß letzterer mit nur 916 Stimmen über die absolute Majorität aus dem Kampfe hervorging?!
Man sieht, der Lärm hat einen sehr schwachen Hintergrund, und wer weiß, ob nicht schon bei der nächsten Wahl sich in der Reichshauptstadt Resultate zeigen, welche die Siegesfanfaren der Fortschrittler verstummen lassen.
Wie erwähnt, läßt sich in diesem Augenblicke selbstverständlich noch kein genaues Bild von dem Wablresultat geben, aber bemerkenswert erscheint es schon heute, daß die sozialdemokratischen Kandidaten in immerhin erheblicher Anzahl zur Stichwahl mit einem oder dem anderen Gegner kommen. Derartige Stichwahlen sind bis zur Stunde schon aus Berlin (im 4. und 6. Wahlkreis), Breslau (im Ost- und Westbezirk), Magdeburg, Halberstadt, Frankfurt a. M., Leipzig, Dresden, Hannover, Wiesbaden, Hamburg, Mainz, Altona rc. gemeldet, und es geht daraus hervor, daß die Sozialdemokratie ihre Agitation sehr rührig betrieben hat.
Wenn die fortschrittliche Presse übrigens bereits wenige Stunden nach der Wahl in ihren Berichten zu dem Ausspruche gelangte, daß die städtische Bevölkerung sich durch-
Theater in Marburg. Am 21. d. M. eröffnete Herr Direktor Driessen die Saison in Marburg und zwar mit dem vortresfllichen Volksstück „HasemannS Töchter" von L'Arronge. Wir haben absichtlich uns bis jetzt jeden Urteile enthalten und wollten erst die Darsteller näher kennen lernen. Dieses ist uns gelungen, und können wir Herrn Direktor Driessen nur Glück wünschen zu den wirklich tüchtigen Kräften, welche sich derselbe engagiert hat. An „HasemannS Töchter", in welcher Vorstellung sich die Herren Krilling-Friedberg (Hermann Körner), v. Strom (Hasemann), Harnier (Eduard Klein), sowie die Damen Frl. Krilling (Franziska), Frl. Nicolas (Emilie), Frl. von Vachs (Rosa) als tüchtige Vertreter ihrer rrsp. Fächer zeigten, schloß sich das „Milchmädchen von Schöneberg" an und war ebenfalls eine gelungene und gerundete Aufführung. Frl. Nicolas war als Tina von einer urwüchsigen Komik, ihr treulich zur Seite stand ihr Partner Herr v. Strom als Heinrich, ebenso Herr Krilling als Neuigkeiten suchender Reporter. Die anderen Partien befanden sich ebenfalls in guten Hände». — Am 27. fand die Aufführung des berühmt gewordenen Lustspiels „Krieg im Frieden" statt. Dieses Stück verdient in jeder Hinsicht den guten Ruf, welcher ihm vorauögegangen ist. Au eine nähere Besprechung des Inhalts wollen wir uns nicht etn- lafsen, sondern nur den spielenden Personen die gerechte
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W Anfang November beginnt eine höchst spannende Erzählung im Feuilleton des Blattes.
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Der Humor im Reichstage.
(Schluß.)
„Meine Herren ich käme in Verlegenheit, wenn ich Ihnen eine Kirche nennen sollte, in deren Nähe nicht ein Wirtshaus wäre, es ist geradezu das Gegenteil der Fall"; und: „Man spricht viel von dem nachteiligen Einfluß, den der Branntwein auf das Leben und die Haltung der Arbeiter hat. Tas kommt nicht so sehr von dem Wirte, als von den großen Fabrikanten, die das Zeug vergiften; von denen ist aber hinsichtlich ihrer Gemeinschädlichkeit so wenig die Rede, daß sie für den schwunghaften Betrieb ihrer gefährlichen Ware noch mit dem Titel Kommerzienrat oder mit Dekorationen belohnt werden." „Wir Landwirte", sagte Herr von Wedemeyer, „haben einen Normalarbeitstag, uns hat der liebe Gott einen Normaltag gesetzt. Wenn der Herr Dr. Schweitzer und Herr Stumm es übernehmen, uns im Winter des Morgens von 6—8 und Abends von 4—6 Gasbeleuchtung auf unseren Feldern zu beschassen, dann sind wir erbötig, für die Landwirtschaft den Normal- arbeistag einzurichten." — Freiherr v. Hagle erwidert u. A.: „Wenn Herr v. Hennig bemerkt, daß er kein Unglück darin sehe, daß die Briefe durch die Butterrnäechen an den Landrat bestellt wurden, so muß ich zu bedenken geben, daß es möglich ist, daß Buttermädchen auf Irrwege geraten und dabei die ihnen anvertrauten Briefe verlieren können." — Hr. v. Wedemeyer behauptet: Der Kartoffel- syrup wird gerade in den untersten Klassen benutzt; ich glaube, daö wird sich leid t konstatieren lassen: hat Einer von Ihnen je Kartoffeljyrup gegessen?" „Nun, meine Herren, wenn ich mich irre, dann habe ich Unrecht", — sagt Kantak.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co. in Frankfurt a. M-; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jiwalidendank in Berlin: W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
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Im gesamten deutschen Reich hat der nun hinter uns liegende Wahltag selbstredend das größte Interesse in Anspruch genommen, und noch immer beschäftigt das Resultat der Wahlen alle Kreise. Wie ernst der Kampf au den meisten Orten gewesen ist, geht auö dem Umstande hervor, daß sehr viele Stichwahlen erforderlich sind, und daß diesmal eine ganz außerordentlich starke Beteiligung an der Wahl sich kundgegeben hat. Hoffentlich bildet sich für die wohlmeinenden Absichten des Reichskanzlers im neuen Reichstage eine compakte Majorität, so daß die Vorlagen der Regierung, welche in Aussicht stehen, zum Segen dcö Volkes Gesetz werden.
Allgemeine Beachtung verdienen folgende Bemerkungen des Berliner Mitarbeiters der in Wien erscheinenden „Pol. Corr." bezüglich einer eventuellen Beendigung des Kulturkampfes. Diese Bemerkungen lauten, wie folgt: „DaS Centrum ist eine Partei der politischen Opposition, und wenn sie einmal, mit vollem Ernste zu Werke gehend, auf alle Sophistik verzichten will, wird die „Germania" sich nicht hinter die Redensart verstecken: das Centrum diene nur der Wahrheit, prüfe alles und behalte daö Gute. Es kommt auf den Maßstab an, an welchem man die Güte und Schlechtigkeit prüft. Wenn dieser Maßstab ein anderer, ein entgegengesetzter ist zu dem des wirkenden Systems oder der leitenden Persönlichkeit, ober gar zu dem unaufgeblichen Maßstabc der Staatsnatur, so ist man Opposition, bildet eine Partei der Opposition. Hier tritt nun unvermeidlich die Frage auf, welche unseres Erachtens den Kern des ganzen römisch-deutschen Konflikts bildet, die Frage: soll der Staat zulassen, daß die ungehemmte Macht der römischen Kirche und Priesterschaft auf deutschem Boden in den Dienst einer politischen Opposition gestellt wird, weil diese Opposition sich ihrerseits verpflichtet, vor Allem für die Zwecke der römischen Kirche einzutreten? Die Bejahung dieser Frage ist unmöglich für Jeden, der sehen will. Der Friede kann hergestellt werden, wenn einmal die Kurie durch andere Kanäle als diesen Kanal einer politischen Opposition ihre Bedürfnisse bei der Staats- Regierung geltend macht. Die Folge würde sein, daß das Centrum auf die Kraft allein angewiesen wäre, die es aus seiner oppositionellen Tendenz schöpft. Will man aber eine solche Tendenz nicht zugeben, will man den Grund der Opposition in der Unzufriedenheit mit der kirchlichen Gesetzgebung allein er.ennen lassen, so möge man politisch und parlamentarisch darnach handeln. DaS System der diScrctionären Vollmachten ist schon darum unentbehrlich und muß eine Zeit lang funktioniert haben, ehe an irgend eine Revision der Gesetzgebung zu denken ist, weil unter diesem System der Beweis erbracht werden muß, daß die Kurie, wenn den begründeten Beschwerden zunächst thai- sächlich Abhülfe geschafft worden, aufhört, die Opposition zu unterstützen: oder daß das Centrum aufhört, politische entnahmen, reicht von 1867 bis zum Schlüsse des Zoll- parlaments. Das letzte Wort aber sei hier dem Grafen v. Bassewitz gestattet, der 1866 bei der Bewilligung von Geldmitteln zur Beobachtung der Sonnenfinsternis bemerkte: „Etwas anders würde die heutige Frage für uns liegen, wenn man die Sonne mittelst Petroleum beobachten könnte!"
gängig gegen die jetzige Politik des Reichskanzlers erklärt habe, und „da die städtische Bevölkerung im allgemeinen die höhere Intelligenz repräsentiere, somit diese Politik verurteilt sei", so kann man den Fortschrittlern ja das kindliche Vergnügen ihrer sonderbaren Logik vorläufig lassen, da das Gesamtresultat der Wahlen bald genug zeigen wird, daß das deutsche Volk in seiner Majorität der jetzigen inneren Politik des Fürsten Bismarck keineswegs abhold ist.
Ist den konservativen Kandidaten auch nicht überall der Sieg zuteil geworden, so haben sie doch, wo sie unterlegen sind, eine so erhebliche Anzahl von Stimmen auf sich vereinigt, daß der Sieg unter rüstiger Mitarbeit ihnen bei künftigen Wahlen nicht fehlen wird.
Wir wollen und dürfen nicht verschweigen, daß an einigen Orten, so namentlich in Breslau, die Thatsache, daß der sozialdemokratische und nicht der konservative Kandidat in die Stichwahl kommt, der Schuld der Centrumspartei zuzuschreiben ist, da letztere von vornherein keine Aussicht hatte, ihre Kandidaten durchzubringen. Es ist heute noch nicht der Augenblick gekommen, hierüber mit den Führern des CentrumS zu rechten; aber eine Klärung wird auch bezüglich dieses Verhaltens der Centrumspartei später eintreten müssen.
Die Wahlen sind vorüber; mögen die Konservativen überall auf dem Posten bleiben und die Hände nicht in den Schoß legen. Sind unsere Gesinnungsgenossen fernerhin so rührig wie bisher, so werden wir weitere Sitze im Reichstage gewinnen und auch bei der im nächsten Jahre stattfindenden preußischen Landtagswahl neue Siege zu verzeichnen haben.
Thue jedermann auch in der Zeit, wo der Wahlkampf ruht, seine Pflicht. Das ist auch nach der soeben geschlagenen Wahlschlacht unsere dringende Mahnung.
Wochen - Uebersicht.
Während es früher hieß, daß Se. Majestät der Kaiser auch die beabsichtigte Reise nach Ludwigslust aufgegeben habe, ist Allerhöchstdersclbe doch am Donnerstag zu den Hofjagden in Mecklenburg abgereist und am Nachmittag desselben Tages in erwünschtem Wohlsein in Ludwigslust eingetroffen. Zum Empfange Sr. Majestät waren auf dem festlich geschmückten und illuminierten Bahnhofe der Großherzog und die Herzöge Paul und Johann Albrecht, so wie bie, Spitzen der Civilbehörden und die Offizier- corPS erschienen; die Kriegervercine, die Feuerwehr und die Schulen bildeten Spalier. Um 7 Uhr abends fand eine glänzende Beleuchtung der Cascaden statt, während die Bürgerschaft Sr. Majestät einen Fackelzug darbrachte. Von den Musikkorps des 1. und 2. mecklenburgischen Dragoner-Regiments Nr. 17 und 18 und des mecklenburgischen Grenadier-Regiments Nr. 89 wurde eine Serenade auf dem Schlohplatze ausgeführt.
Ich schließe mit einigen allgemeinen schätzbaren Bemerkungen: „Du mein Gott", bemerkte Dr. Braun, „es ist ja alles hier unter dem wechselnden Monde so zu sagen provisorisch, d. h. es gilt so lange, bis es anders wird;" — und ferner: „Richtig ist, daß das Wachstum einer Nation nicht ohne einige unangenehme Uebergangsstadien vor sich geht, allein, meine Herren, auch wenn ein Mensch schnell wächst. schmerzen ihn zuweilen die Glieder; soll er aber deshalb aufhören zu wachsen?„ — v. Hennig meint -ur Diälenfrage: „Der Grund, die Wähler müßten auch Tagelohn bekommen, wenn die Abgeordneten Diäten erhalten, ist erstens ein aufgewärmter Grund und ein alter Witz; ob er gut ist, überlasse ich dem Geschmacke eines Jeden." — Tr. Becker bemerkt: „Die Kommission sagt, bo6_ Dezimalsystem könne man sich von den zehn Fingern abzählen; das kann man aber mit dem Duodezimalsystem auch, indem man es mit den zehn Fingern und den beiden Fäusten abzählt;" und am anderen Orte: „Ich weiß nicht, ob es gerade glücklich ausgedrückt ist: Eine Photographie ist nicht erschienen, — eine nicht erschienene i Holographie ist in Wirklichkeit keine." — Windthorst meint, die Ven- tilation sei so schlecht, daß man fragen könne, ob nicht die Absick t existiere, „uns auf eine leise Weise vom Leben zum Tode zu befördern" Heiterkeit), aber meine Herren, fällt eö uns deshalb eine „Bundeszentralventilations-Kommission" zu beantragen? „So mag denn das deutsche Volk" — sagt Bamberger — „Cichorie weiter wie bisher in seinen Kaffee mischen, wir müssen ja auch int Zollparlament nns mit einem Surrogat für ein Parlament der deutschen Nation begnügen und können einftroeilen parlamentarische Cichorie trinken, bis wir parlamentarischen Kaffee bekommen."
Die Sammlung, der wir die vorliegenden Goldkörner