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Marburg, Sonntag, 23. Oktober 1881
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureau v. Th- Dietrich u. Co. t Kassel und Hannover; Tl Dietrich in Frankfurt a M Haasenstein u. Vogler i Frankfurt a. ÜJi., Berlir Leipzig, Köln rc-; Rudol, Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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Die Wahl zum Reichstag!
Die Entscheidung, welche der Wahltag bringen soll, rückt immer näher heran und mancher, der seither ruhig und unbekümmert um den Kampf der Parteien die Dinge hat gehen lassen, fühlt sich jetzt veranlaßt, der Sache näher zu treten und sich die Frage vorzulegen: welchem Kandidaten giebst du deine Stimme? Wichtig genug ist die Wahl und wo sich Konservative und „vereinigte Liberale" enlgegenstehen, da ist es nicht schwer, sich zu entscheiden, wenn man nur einfach erwägt, waS jede der beiden Parteien will und welches Ziel sie verfolgt.
Die Liberalen rufen: Fort mit BiSmarckl Der Kanzler soll nicht mehr regierens und die das geradezu aussprechen, das sind die schlimmsten Schreier von den „vereinigten Liberalen" — so ein Eugen Richter, Lasker und Konsorten. Die etwas Zahmeren von den „vereinigten Liberalen" sagen das nicht direkt heraus, sondern hängen ein Mäntelchen darum und meinen: „die Regierung darf nicht zu stark sein" das heißt auf deutsch: „die Regierung, welche der Reichskanzler vertritt, ist eine kräftige, wir — vereinigte Liberale — wollen eine etwas schwächliche Regierung, welche nach unserem Gefallen regiert, also — muß der Reichs kanzler uns weichen 1" Und um das den Herren Wählern klar zum achen, wird den Wählern mancherlei vorgeschwatzt, z. B. wird ein Redner aus den Freiheitskriegen von anno fünfzehn zitiert und an sein Wort erinnert: „bis das Licht guter Verfassungen herantritt und die kümmerlichen Lampen der Kabinette überstrahlt!" Wie passend ist diese Erinnerung für untere „3 e i t, wie ausgezeichnet dem größten Staotsmanne Europas, dem Schöpfer der deutschen Einheit, dem starken Lenker der Regierung gegenüber an die „kümmerlichen Lampen der Kabinette" zu erinnern! natürlich entgegen dem strahlenden Lichte der verfassungstreuen „vereinigten Liberalen"! O! diese Erleuchtung reiner liberaler Talglichter! wie dunkel muß es in ihren Köpfen sein, welche finstere Nacht in ihrem Herzen, wenn sie glauben, unser Volk ließe sich mit solchen Reden bethören!
Das deutsche Volk in seiner großen Majorität, und namentlich unser Wahlkreis, ist mit den Konservativen einverstanden, wmn dieselben sagen,
wir wollen eine starke Regierung, wir wollen den Leiter derselben, den Reichskanzler unterstützen, wenn er des Vaterlandes Ansehen nach außen, das Heil des Reiches im Innern, die Wohlfahrt jedes Standes und jedes Unterthanen fördert.
Wir Konservativen halten es für genügend, wenn in einem Jahre der Reichstag, im andern die Landtage beraten, wenn die endlosen parlamentarischen Sitzungen sich kürzen, die ewige Wühlerei sich vermindert; wir erachten das als eine Besserung unserer Zustände, weil wir eingesehen haben, wohin uns die Rederei des Liberalismus gebracht hat. An ihren Werken haben wir die „vereinigten Liberalen" erkannt! WaS haben uns dieselben im deutschen Vaterlande gebracht? Kirchlichen Unfrieden — eine schwer darnieder liegende Industrie — einen zerrütteten Handwerkerstand — eine Ueberlastung des Grundbesitzes — eine tiefgehende Unzufriedenheit des Arbeiter st andeSI
Und da sollen wir lieberal wählen?
Woche« - Ueberficht.
Die Kaiser-Begegnungen beschäftigen noch immer die deutschen und österreichischen Blätter. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß eine solche Begegnung demnächst zwischen dem Kaiser von Oesterreich und dem Könige von Italien stattfinden wird. Ebenso erscheint es nicht unwahrscheinlich, daß der König von Italien nach der Begegnung mit dem Kaiser Franz Joseph auch dem Kaiser Wilhelm einen Besuch abstaltet.
Bezüglich der französischen Ministerfrage schreibt man der „Tribüne" aus Paris: „Die Ministerkrise ist noch immer nicht offiziell erklärt, aber daS Schicksal des Ministeriums Ferry ist nichts dcstoweniger als besiegelt zu betrachten. Die dem Präsidenten der Republik überreichte Demission — man versichert, dieselbe auf dem Arbeitstische GrövyS gesehen zu haben — wird vorläufig unbeantwortet bleiben und die Minister werden sich dazu bequemen müsien, vor das Parlament, und zwar, da die Deputirrtenkammer einiger Zett zu ihrer definitiven Kon
stituierung bedürfen wird, in erster Reihe vor.den Senat zu treten. Sie weroen da eine harte Nuß zu knacken finden, denn der Senat wird die Gelegenheit kaum vorübergehen lassen, dem Urheber des Artikels 7 etwas am Zeuge zu flicken. Ein Teil der Minister soll daher auch von dieser Wendung der Dinge wenig erbaut sein. Namentlich der Kriegsminister Farre, über dessen Haupt sich ein schweres Gewitter zusammenzieht, und In les Ferry, welcher, was immer die von ihm inspirierten Blätter wie „TÄö- graphe" und „Soir" sagen mögen, damit die letzte Hoffnung einbüßt, im Kabinet Gambetta einen Platz zu finden." So viel steht übrigens fest, daß Gambetta sich keineswegs zu beeilen scheint, um in den Besitz eines Portefeuilles zu gelangen. Jedenfalls zieht er cs vor, abzuwarten, wie die Dinge in den Kammern sich gestalten werden.
Die letzten Nachrichten aus Irland lauten befriedigend. Die Ruhe ist überall wieder hergestellt, wenn auch die Gährung unter der Bevölkerung noch nicht ihr Ende erreicht hat. Der Umstand, daß 340 Pächter aus der Umgegend Dublins, bis vor wenigen Tagen nach der Centralsitzung der Landliga, die Festsetzung des Pachtzinses bei dem Gerichte beantragt haben, muß als ein günstiges Zeichen angesehen werden. Jedenfalls beweist die Widersetzlichkeit dieser 340 Pächter in der Grafschaft Dublin gegen die Befehle der Centralleitung der Liga, daß die Macht über die irische Bevölkerung, deren sich die revolutionären Führer rühmten, doch ihre Schranken hat. Noch ans einer anderen Grafschaft, gleichfalls im Süden Irlands, wo die Anarchie bekanntlich am zügellosesten haust, wird berichtet, daß 600 Pächter bereit sind, bei dem dortigen Landgerichtshof Anträge um Fixierung des Pachtzinses zu stellen.
In Rußland wird, der „K. Ztg." zufolge, allen Ernstes ein gegen Kaufleute und Juden, d. h. gegen die Reichen, gerichteter Krawall befürchtet. Die Regierung hat von diesem von den Svcialisten ausgehenden Anschlag Kenntnis erhalten, daher auch Koslows Wort zu dem Herausgeber des „Herold":. „Wenn Sie wüßten, was in Petersburg sich vorbereitet rc." Die Truppen sind jetzt täglich in den Kasernen zusammengehalten und eS sind an sie scharfe Patronen verteilt worden. Die Umsturzpartei, meldet man demselben Blatte, wiegelt systematisch weiter auf, hat Proklamationen erlassen: 1) an die uralischen, konischen, orenburgischen, kubanischen, terschen, astrachani- schen, sibirischen u. a. Kosaken, die zum Abfall von Alexander III. aufgefordert werden; 2) eine Bekanntmachung des Execntiv-Comitäs an das Volk der Ukraine in kleinrussischer Sprache gegen die Juden gerichtet, tu der Druckerei der „Narodnaja Wolja" hergestellt wie die übrigen; 3) eine Proklamation an die Arbeiter Rußlands; 4) das Programm über die Arbeiter von den Mitgliedern der Partei der „Narodnaja Wolja", herausgegeben von der .Redaktion der „NarodnajaWolja", und 5) daSProgramm des Executiv-Comitös, bestehend aus sechs Hauptpunkten mit 24 Unterabteilungen, unterzeichnet von „Ispolnitelni Gönntet“ (Exeiutiv-Comite), gedruckt schon am 27. Aug. in der Druckerei der „Narodnaja Wolja", und nun erschienen, wie darunler zu lesen, in „dritter Auslage". Die beiden jüngsten Proklamationen in Großformat sind vom 13. und 15. September an die Kosaken und das Volk der Ukraine, dem Publikum indessen erst ganz kürzlich zu Gesicht gekommen, weil der Druck vermutlich langsam vor sich geht.
Der Präsident Arthur hat am 19. Oktober, beider Feier zur Erinnerung an den am 19. Oktober 1781 in Aorktown erfochtenen Sieg, in Aorktown eine Rede gehalten, in welcher er sich, nach telegraphischer Meldung, wie folgt äußerte: „Vor hundert Jahren hat hier der Kampf um unsere Unabhängigkeit sein Ende gefunden und ist daS Prineip unserer Regierung, die Souveränetät deS Volkes, festgestellt worden. Alle Rachsucht, die aus jenem Kampfe herrühren könnte, ist feit langer Zeit verschwurden. ES ist unmöglich, daß wir uns heute deS Triumphes über unseren besiegten Feind rühmen, angemeffen aber ist eS, das wir uns des Patriotismus und der Treue unserer Vorfahren erinnern und daß wir unsere Söhne in die Erbschaft der Liebe zu der durch baS Gesetz geschützten Freiheit einsetzcn. Ich heiße die Delegierten Deutschlands und Frankreichs willkommen und erinnere an die Freundschaft dieser beiden Nationen, welche die Wandelungen, die sich innerhalb eines Jahrhunderts vollzogen, überlebt hat. Ich hoffe, daß dich Freundschaft auch fernerhin andauern werde und daß das Land, im Innern wie nach außen, Frieden haben werde."
Die ägyptische Krisis ist als beendigt zu betrachten; da die türkischen Kommiffäre abgereist sind, so bereiteten sich auch, wie aus Alexandrien gemeldet wird, die Panzerschiffe „Jnvincible" und „Alma" zur Rückfahrt vor, die jetzt bereits erfolgt ist.
Deutsches Reich.
*• Berlin, 21. Okt. Der Etat für die Verwaltung der Kaiserlichen Marine für 1882/83 beziffert die Einnahmen auf 410 645 Mk., 5500 Mk. mehr als im Vorjahre, die fortdauernden Ausgaben auf 28 465 856 Mark, 947 530 Mk. mehr als im Vorjahre und die einmaligen Ausgaben auf 8 728 800 Mk., 2 644758 Mk. weniger als im Vorjahre. Unter den Positionen der fortdauernden Ausgaben nimmt diejenige, welche von den StationS - Intendanturen handelt, besondere Beachtung in Anspruch. ES werden hierfür 51000 Mk. gefordert statt 40 350 Mark irn Vorjahre. ES treten nämlich in Zugang 2 Intendanten mit durchschnittlich 7200 Mk., dagegen kommen andere Ausgaben in Wegfall. In der Motivirung heißt eS: „Mit der fortschreitenden Entwickelung der Marine hat sich auch der Umfang der Geschäfte der Stations-Intendanten so bedeutend erweitert, daß eS sich schon vor einigen Jahren alS notwendig herausstellte, die an der Spitze dir Behörde stehenden Intendantur - Räte von der Mitwahrnehmung einer der Abteilungs-Vorstandsstellen zu entbinden, um sie in den stand zu setzen, ihre voll Thätigkeit den Dirigmten- geschäften zuzuwenden. Eine GeschäftSentlastung der Stations- Intendanturen steht nicht in Aussicht; der denselben zugewiesene Wirkungskreis wird sich vielmehr noch weiter auS- dehnen. Nach der staatsrechtlichen Stellung sind die SlationS-Jntendanturen höhere, der obersten Reichsbehörde unmittelbar unterstellte Reichsbehörden. ES erscheint daher wohlbegründet, Rang und Einkommen der zur Leitung der Stations-Intendanturen berufenen Beamten dem Geschäfts« umfange und der Bedeutung der von ihnen vertretenen Behörden entsprechend zu gestalten und für diese ^Beamten Jntendantenstelleu zu schaffen." Der Gehaltssatz von 7200M. bleibt, nach Abzug der im Gehalt liegenden ServiSquote von 600 Mk., um 300 Mark hinter dem Mindestgehalte der MUitär-Jntendanten des Reichsheeres zurück. — Für den Direktor der deutschen Seewarte ist eine Gehaltserhöhung von 9000 auf 10500 Mk. eingestellt. Eiue GehaltSver« besserung der Zahlmeister ist gleichfalls in Aussicht genommen. Sie ist nach den Motiven ein unabweisbares Bedürfnis.—Von den einmaligen Ausgaben feien erwähnt 81000 Mk. zum Ankauf deS alten Telegraphen - Grundstücks, 850 000 Mk. zum Weiterbau der Korvette G., desgleichen je 380 000 Mark zur Vollendung der Panzerkanonenboote M. und N., 15000 Mark zur Herausgabe eines Werks über die Reise der „Gazelle", 130 000 Mk. zu Bauten auf der Insel Wangeroog, für Torpedozwecke 2100 000 Mk., 1600000 Mk. mehr als im Vorjahre, zur Beschaffung von 228 Revolver-Kanonen 1254000 Mk., für bauliche Umgestaltung der Werft zu Danzig, 8. Rate, 300 000 Mk., desgleichen für Ellerbeck bei Kiel, 10. Rate, 700 000 Mark, desgleichen für Wilhelmshaven, 3. Rate, 450 000 Mark, zur Einrichtung der deutschen Seewarte 23 800 Mk., für Erbauung einer Marine - Akademie und -Schule zu Düstenbrook, 2. Rate, 400000 Mk. — Auf Grund der im Kultusministerium eingegangenen Berichte der Provinzial - Behörden hat der im König!. Statistischen Büreau beschäftigte Hllfsarveiter in der Kategorie der Mitglieder Dr. med. Guttstadt eine Statistik der Bäder und Heilquellen in Preußen während der Jahre 1870—1880 bearbeitet, welche in der Zeitschrift des genannten BüreauS Jahrgang 1881 veröffentlicht ist. Der Kultusminister hat den Königl. Regierungen einen Separat - Abdruck dieser Statistik zur Kenntnisnahme mitgeteilt.
Berlin, 21. Oktbr. Das „Militärwochenbl." meldet: General v. Pape ist zum kommandierenden General des dritten, General v. Stiehle zum kommandierenden General des fünften Armeekorps ernannt worden. — Der Kultusminister von Goßler ist rach Süddeutschland abgereist. — Die „Nordd. Allg. Ztg." betont noch einmal, sie sähe sich veranlaßt, ausdrücklich zu wiederholen, daß die von Herrn von Bennigsen gestellten Bedingungen ausschließlich in der Forderung eines Minister-PortefeuillcS für Herrn v. Forcken- bcck bezw. beS Eintritts eines anbetn Parteigenoffen in den ReichSdtenst bestauben haben. Von anbeten „Bebingungen" ist zwischen bem Herrn Kanzler unb Herrn von Bennigsen gar nicht bie Rede gewesen. Die von der „Nat.-Ztg." jetzt mit so vielem Aplomb vorgeführten bekannten Bedingungm liegen also in nichts weiter, als in der Minister-Kandidatur