Einzelbild herunterladen
 

gtr 248

Marburg, Sonnabend, 22. Oktober 1881.

XVI. ZhlgW

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d-Annoncen-Burea v. Th- Dietrich u. Co. Raffel und Hannover; 3 Dietrich in Frankfurt a L Haasenstein u. Vogler Frankfurt a. M., Bert Leipzig, Köln rc.; Rud^., Mosse in Berlin, Frank­furt a. !Dt. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jligersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jrwalidendank in

Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition lKoch'fche Buchdruckerei) bezogen 2A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psa.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

Die Landwirtschaft und die Parteien.

II.

Die Gegner des heutigen Grundbesitzerstandes begnüge» sich schon längst nicht mit der Abwehr derjenigen Maß­regeln, welche der ungerechten und dem Gemeinwohl gefähr­lichen Ueberlastung des Grundbesitzes Schranken setzen sollen. Die Gegner gehen zum Angriff auf den Grundbefltzerstand über und verlangen, daß die Last desselben gesteigert werde. Sie verlangen die Höherbelastung des Grundbesitzes in den­jenigen landwirtschaftlichen Nebengewerben, deren günstige Entwickelung in den letzten Jahrzehnten dem Grundbesitz hauptsächlich die Möglichkeit gewährt, sich gegen die übrigen ungünstigen Einflüsse Wachsen der Kommunallast, immer stärker eindringende Konkurrenz des Auslandes, Steigen des Zinsfußes u. s. w. zu behaupten. Man verlangt daher von jener Seite die Höherbesteuerung der Zucker­und Spiritusproduktion. An sich sind diese Gewerbe frei­lich wohl besteuerungsfähig und unterliegen längst einer angemessenen Besteuerung. -.Es läßt sich auch nicht behaup­ten, daß eine Erhöhung der jetzigen Steuersätze für immer unthunlich sei. Allerdings erscheint diese Erhöhung als ein gegen den Grundbesitz gerichteter Schlag, so lange dem­selben nicht wenigstens von der Doppellast, die auf seinem Ertrag für Staat und Gemeinde ruht, und dann noch ein­mal wiederum in doppelter Gestalt auf sein Einkommen gelegt ist, das eine oder das andere Glied abgenommen ist oder doch wenigstens Die sichere Bürgschaft gegeben worden, daß diese Abnahme eintreten werde.

Es bleibt ein Blick auf die beiden Gewerbe zu werfen, deren noch nicht erfolgte Höherbelastung von gewisser Seite für eine ungemesfene Bevorzugung deö Grundbesitzerstandes auszugeben gesucht wird.

Die Spiritusbrennerei unterliegt in Preußen einer Steuer, welche von dem Umfang des Maischraumes erhoben wird. Da die Spiritusgewinnung aus Korn einen weit größeren Maischraum erfordert als die aus der Kartoffel, so ist die Wirkung der Maischraumsteuer die fast ausschließ­liche Verwendung der Kartoffel zur Spiritusbrennerei, also eine gewinnbringendere Verwertung der Kartoffel gewesen. Da nun wiederum die Kartoffel in den vorwiegend leichten Bodenflächen der östlichen Provinzen mit verhältnißmäßiger Sicherheit gebaut werden kann und ein ausgedehnter Kar­toffelbau dem Landwirt dort die Möglichkeit gewährt, einen verstärkten Viehstanb zu ernähren und dadurch dem Boden wertvollen, ja unentbehrlichen Dünger zuzuführen, so hat das System der Maischraumbesteuerung, indem cs den Kartoffelbau begünstigte, als eine der segensreichsten Ein­richtungen gerade für die landwirtschaftlich weniger bevor­zugten Gegenden gewirkt.

Um aus der Spiritusbcsteuerung einen höheren Ertrag zu ziehen, könnte zunächst eine Erhöhung der Maischraum­steuer in betracht kommen. Dies würde aber, wie die seit

50 Jahren gemachten Erfahrungen bestätigen, sofort eine Benachteiligung der kleinen, namentlich im Osten der Mon­archie belegenen Brennereien zu gunsten der großen zur Folge haben. Denn die hohe Besteuerung des Maischrau- meö setzt die möglichste Verwertung desselben durch kost­bare technische Vorrichtungen voraus, welche nur den großen Brennereien erlangbar sind. Um Dies zu vermeiden, hat man die Besteuerung des reinen Produktes, eine sogenannte Fabrikatsteuer vorgeschlagen. Diese würde aber die Anlage neuer Kornbrennereien begünstigen und außerdem noch die Verdrängung oder die Beschränkung der Kartoffel als Roh­material durch einen zweiten Konkurrenten, durch die Zucker­rübe, welche dann mit Vorteil gebrannt werden würde, zur Folge haben.

Also würde wiederum die Beseitigung der von kleinen Landwirten betriebenen Brennereien eintreten und die In ihren Folgen gar nicht zu übersehende Umwälzung herbei­geführt werden, welche entstehen müßte, wenn die in den besten Gegenden gebaute Zuckerrübe als Brennmaterial die in den Sandgegenden bisher mit Vorteil gebaute Kartoffel verdrängte I

Innerhalb der Staatsregierung haben in gewissenhafter Erwägung der vorliegenden Schwierigkeiten eingehende Er­mittelungen stattgefunden über den besten Weg, die Nach­teile einer erhöhten Maischraumsteuer der fakultativen oder obligaten und ebenso einer Fabrikatsteuer zu ver­meiden und doch einen höheren Ertrag aus der Besteuerung des genießbaren Spiritus zu beziehen. Diese Ermittelungen sind noch nicht abgeschlossen; jedenfalls werden sie weiter­geführt werden unter der genauesten Berücksichtigung der in Frage stehenden vitalen landwirtschaftlichen Interessen; das Ergebniß wird voraussichtlich nur zu Tage treten mit den Vorschlägen, den Grundbesitz auf anbereu Seiten zu entlasten.

Das andere landwirtschaftliche Gewerbe, welches den Gegnern des Grundbesitzerstandes viel zu gewinnbringend erscheint, ist die Gewinnung deS Zuckers auS der Runkel­rübe. Diese Produktion hat nicht nur der Landwirtschaft einen lohnenden Erwerbszweig eröffnet und uns der Be­ziehung ausländischen ZuckerS überhoben, sondern auch ein rein landwirtschaftliches Gewerbe zu einer Exportindustrie ersten Ranges gemacht. Der deutsche Zuckerexport hat im letzten Jahr die Gesamtproduktion von Westindien, welche auf rund 4000000 Gentner geschätzt wird, überstiegen. Er hat die französischen Zucker fast vom englischen Markt verdrängt. Der im letzten Jahr exportierte Zucker, rund 5000000 Centn er bis Ende April 1881, repräsentiert einen Wert von 150 bis 160000000 Mark!

Wo die Rübe überhaupt gebaut werden kann, ist sie eine sehr sichere Frucht. Ihre Kultur bedingt eine viel­fach gesteigerte Ausgabe von Taglöhnen, Tiefkultur und Befreiung des Bodens von Unkraut, so daß die Erträge

der als Vor- und Nachfrucht gebauten Halmfrüchte um ein Erhebliches gesteigert werden.

Durch die tiefere Ackerkultur, welche zum Rübenanbau erforderlich ist, erwachsen daher der Landwirtschaft auch große mittelbare Vorteile aus demselben. Es ist nun aber die Ansicht verbreitet worden, eS seien physikalische und chemische Methoden entdeckt, durch welche eS möglich werde, aus geringeren Rübenmengen eine größere Masse Zucker zu gewinnen als dies früher möglich war. Deshalb sei die jetzige Steuer, welche von dem Zentner Rüben erhoben wird, zu niedrig, namentlich aber sei die Wiedervergütnng der Steuer an den Fabrikanten im Fall der Ausfuhr deö Zuckers eine übermäßige Begünstigung.

Alle diese Behauptungen leiden aber nach Ausweis der amtlichen statistischen Angaben an großer Uebertceibung. Es ist weder die größere Ausbeutung des Rübenmaterials für alle Gegenden und Fabriken eine gleichmäßige, noch sind die Methoden bereits so sicher, daß ihre Anwendung immer den höheren Gewinn mit sich führt. Was aber die an sich ja sehr erfreuliche Steigerung der Ausfuhr des einheimischen Zuckers anlangt, so beruht diese auf ungün­stigen Ernten einzelner Jahre in den überseeischen Ländern, welche das Zuckerrohr hervorbringen, und auf bett Rück­gang, welchen bie französische Zuckerindustrie unter der Herrschaft einer Form der Fabrikatsteuer erlitten hat. Dies spricht auch gegen die von einigen Seiten befürwortete Her­übernahme der Fabrikatstener. Während das angeblich ir­rationelle deutsche Steuersystem dazu geführt hat, daß die Zuckerrübenindnstrie ein rein landwirtschaftliches Gewerbe geblieben ist, daß der Rübenbauer sich bestrebt, möglichst zuckerreiche Rüben zn produzieren, hat umgekehrt das fran­zösische Steuersystem zu einer völligen Trennung des Rüben­baues unv der fabrikmäßigen Verarbeitung von Rüben zu Zucker geführt. Der Gegensatz des Rübenbauers und des Zuckerfabrikanten hat weiter dazu geführt, daß nur auf die Menge der Rüben, nicht auf ihren Reichtum an Zucker­gehalt gezüchtet wird.

Die Entziehung oder die Reduktion der Rückvergütung der Steuer bei ausgeführtem Zucker könnte nun den ein­heimischen Zucker bei günstigeren Zuckerrohrernten bald wieder auf den ausländischen Märkten konkurrenzunfähig machen, was bei der die einheimische Konsumtion schon um das Doppelte übersteigenden deutschen Zuckerproduktion für ein nationales Unglück zu erachten wäre. Andererseits würde bie höhere Besteuerung ber verbrauchten Rübenmengen bie Zuckerfabrikanten sehr ungleichmäßig treffen unb selbst bie» jenigen Fabrikanten oftmals zu hoch belasten, welche in ber Lage sind, bie neuen Methoden anzuwenden. (Prov.-Korr.)

Deutsches Reich.

Berit«, 20. Oktober. In einem weiteren Artikel ber Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" über bie Stellung

Aus der Borzeit.

Von der heil- Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und Hessen, und von ihren Erbnehmern, den deutschen Herren, den Gründern der Ordenskommende und den Erbauern mehrerer kirchlicher Gebäude in Marburg. (Schluß.)

Von Abgaben an bie Stadt Marburg war das Ordens- hauS befreit, dagegen aber halte sich der Landkomtur ver­pflichtet, bie Herren des Rates im Jahre einmal und zwar in der Fastenzeit zu sich zur Tafel zu laden unb außerdem noch jährlich eine Anzahl Handkäse auf das Rathaus zu liefern, welche die Herren unter sich verteilten.

ES ist eine Notiz aus dem Jahre 1381 vorhanden, aus der ersichtlich ist, welche Einnahme unb Ausgabe unb welchen Verlust bas HauS Marburg im Jahre 1380 gehabt hat.

1. Einnahme.

An Korn 2389 Malter,

Weizen 16

Gerste 129

Hafer 393

Sommerfrucht 391

Federvieh 2763 Hühner unb

1265 Gänse

Pfennigzinsen 1161 Pfd.

Von den Mühlen 210 Pfd.

Das Haus hat 21 Morgen Weingärten in Marburg unb Flörsheim und 6 Fuder Weinzehnten in Gelnhausen.

Das Haus hat an Wiesenwachs unb Holz zum Bauen unb Brennen zur Notdurft.

2. Ausgabe.

DaS HauS giebt jährlich zu ewigen Zinsen 219 Pfd.

zu Leibgeding 276 Pfd. 6 ß

zu Wiederkauf 300 Gulden

von 2800 (Sulben, die es schuldig ist.

Zu ewiger Korngulde 26 Malter Korn.

Das HauS gibt jährlich zu Leibgeding 96 Malter Korn, nach Griefftädt 4 Weizen

unb 12 Gerste

nach Flörsheim 72 Korn

2Vr Pfd- Heller unb i/* Ohm Wein.

Das Haus schulbet an nötiger Schuld 300 Gulden.

3. Verlust.

An Korn 382 Malter, Gerste 10

, Hafer 108

Federvieh 1336 Stück,

Zinsen 129 Pfd.

St. Elisabeths größte Freude war Werke der christ­lichen Liebe und Barmherzigkeit zu üben. Die deutschen Herren, ihre Erbnehmer, traten ganz in ihre Fußtapfen: sie speisten die Hungrigen, pflegten bie Kranken, unter­stützten die Armen unb kleideten die Dürftigen. Im Eli- sabethshospitale hatte eine gewisse Anzahl Männer unb Frauen auS Marburg unb aus ben Deutschordens-Dörfern ihren täglichen Unterhalt; Pilgern unb armen Reisenden war dieses Haus eine Herberge. In dem gewöhnlichen Speisezimmer deS Ordenshauses war für hungrige Ein­heimische und Fremde täglich offene Tafel. Zur Zeit des Landkomturs Alhard von Hörde (t 1579) stand des Hauses Opfermann täglich vor der äußersten Thür zur Elisabethkirche, dem sogenannten roten Thor, beauftragt, bie vorübergehenben hungrigen HanbwerkSbnrschen und sonstige Reisende zu Gaste zu laben. DaS angeschnittene Brod unb bie übrig gebliebenen Speisen auf bem Herren- unb Knappentische erhielten bie Armen in ben beiben Siechen­höfen unb außexbem noch jährlich reiche Spenben an Korn

unb Bier unb bie Kranken an Wein. An einem jeben Donnerstag fand eine Brotausteilung unb am St. Mar- tinStag eine Verteilung von Tuch unb Schuhen an Arme unb Bebürftige im Ordenshause der Brüder des Hauses St. Elisabeth statt.

Daß alles im Leben der Veränderung und dem Wechsel ber Zeit unterworfen ist, sollte auch bie hiesige Deutsch- orbenSkommenbe nach einem mehr als 500 jährigen segens­reichen Bestehen erfahren. Napoleon hob nämlich im Jahre 1809 in ben Ländern des rheinischen Bundes, zu welchem auch Knrhessen als ein Glied beS Königreichs Westfalen gehörte, ben deutschen Orden auf, infolge dessen die Güter deSOrdens in fremde Hände übergingen. Mehrere Pächter, welche Deutschordensgüter in Pacht gehabt hatten unb, weil biefe verkauft worben waren, bavon hatten weichen müssen, konnten sich in bie Maßnahmen jenes Fremd­herrschers gar nicht finden, und erwarteten nach ber Wieder­herstellung beS Kurfürstentums im Jahre 1813 auch die des deutschen Ordens. Zu den vertriebenen Pächtern ge­hörte auch der Pächter beS Görzhäuserhofes bei Michelbach, ein ehrlicher, braver Mann, ber dieses Gut viele Jahre in Pacht gehabt hatte. So oft in feiner Gegenwart die jüngsten Ereignisse in Kurhessen zur Sprache kamen und beS deutschen Ordens dabei gedacht wurde, sagte er jedesmal:und der deutsche Orden kommt doch wieder". Mit dieser Hoffnung istber alte Johannes vom Görzhäuser" in bie Ewigkeit gegangen unb viele mit ähnlicher Hoffnung stnb ihm bereits nachgefolgt. Der deutsche Orden ist nicht wieder hergestellt worden, bie OrbenSgüter stnb in fremben Hänben geblieben, unb bie Räume ber ehemaligen Komturei werben gegen­wärtig zu UniversitätSzwecken benutzt.

W. Bücking.