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Nr 247.

Marburg, Freitag, LUIOktober 1881

XVI. MW,

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Vureaux v. Th- Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mffe in Berlin, Frank­furt a. M- rc.

WchMk 3ritimn.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co- in Frankfurt a. M; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidcndank in Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonutagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Luchdruckerei) bezogen 2‘/+ Mark durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. sexcl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Deutsches Reich.

•* Berlin, 19. Oktober. Das Verhalten der libe­ralen Presse dem Falle Hobrecht gegenüber ist wohl der traurigste Beweis für den Mangel an Aufrichtigkeit und Selbstachtung dieser Presse, der bisher hervorgetreten ist. Man präge sich die folgen! en Aeußerungen womöglich mit feurigen Lettern ein. Am 12. Okt. schrieb die „Tribüne" in ihrer zweiten Ausgabe: „Eine neue Flunkerei der „Norddeutschen Allgemeinen" bringt der Staatsminister a. D. Hobrecht jetzt ans Licht. Das reaktionäre Blatt hatte den letzten Aeußerungen des Herrn Hobrecht gegen das Tabaksmonopol die Behauptung entgegengestellt, der­selbe habe sich im Schooße des Staatsministeriums als Anhänger des Monopols bekannt, wofür „urkundliche Be­weise" zu erbringen feien. Die „Nationalliberale Korresp." erklärt sich jetzt für ermächtigt, diese Behauptung zu be­streiten und der Moment für die „urkundlichen Beweise" der „N. A. Z" ist also da!" Am Montag den 17. Okt. schreibt dasselbe Blatt nach Mitteilung des von der „N. A. Z." am 16. Oktober veröffentlichten Protokolls: „Die Publikation ist zunächst für die Wahl der Mittel charak­teristisch, die man heute jedem Widerspruch gegen Regic- rungsprojekte gegenüber anzuweuden für erlaubt hält. Ein Verfahren, das unter anderen Umständen als schwerster Amtsmißbrauch verfolgt und geahndet werden würd , wird hier mit einer Unbefangenheit geübt, die auf dem Gebiete der „Indiskretionen" wohl kaum ihres Gleichen hat." An wen anders kann man bei diesem Verfahren denken, als an die Fifchweiber, die einem Beschimpften zurufen: Du hast nicht den Mut, mich anzugreifen! und wenn sie den Schlag fühlen, ein Geheul anstimmen, daß der Markt er­dröhnt. Hat die „Tribüne" etwa die „urkundlichen Be­weise" , für welche sie am 12. Oktober den Moment gekommen erklärt, irgend wo anders gesucht, als in den Protokollen des Slaatsministeriums? Sowie die „Tribüne" verfährt, mach! es aber mit einigen Ausnahmen die ganze liberale Presse. Die klerikale Presse, welche in dieser Sache keinen Grund hat, für sich eine Niederlage zu sehen, verliert daher nicht ihre Unbefangenheit und er­klärt unumwunden, daß die Staatsregierung recht hat und daß Herrn Hobrechts Rolle eine traurige ist — die Nolle eines öffentlichen Charakters, der in Marienwerder erklärt, daß die Einführung des Tabaksmonopols sich weder in finanzieller noch in politischer Beziehung empfiehlt, der als StaatSminister in einer Staatsministerialsitzung formell er­klärt hat, das Monopol sei unter allen Formen der Tabaks­besteuerung diejenige, welche dauernd die größten Erträge liefere und am gerechtesten wirke, der ebendaselbst erklärt bal, er halte nur vor der Einführung des Monopols eine Zwischenstufe sür unvermeidlich, und der in einer dritten Erklärung behauptet, in Marienwerder nicht bestritten zu

Aus der Vorzeit.

Von der heil. Elisabeth, Landgräfin von Tbüringen und Hessen, und von ihren Erbnehmern, den deutschen Herren, den Gründern der Ordenskommende und den Erbauern mehrerer kirchlicher Gebäude in Marburg.

(Fortsetzung.)

Bald nach der Einweihung der Elisabethkirche im Jahre 1283 erbauten die deutschen Herren auf deren Nordseite eine Kapelle. In der hierauf bezüglichen Urkunde vom Jahre 1286 gewährt Bischof Berthold v. Würzburg allen denjenigen Ablaß, welche die Kapelle durch Besuch und Gaben ehren würden, und in dem darauf folgenden Jahre stiftete Hedwig, die Witwe des Schöffen Eckhard von Wetz­lar, in dieselbe eine ewige Lampe. In Dcutschordcns-Rech- nungen aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts wird diese Kapelle „Elisabethkapelle" genannt.

AIS Landgraf Philipp der Großmütige im Jahre 1539 das lutherische Religionsexercitium in der Elisabethkirche einführte und bei dieser Gelegenheit Elisabeths Reliquien aus Sarg und Schrank entfernte, wurde die Elisabethkapelle außer kirchlichen Gebrauch gesetzt. Von dem im Jahre 1605 stattgehabten moritzianischcn Bildersturm blieb sie verschont; sie behielt ihren Altar, ihre Wandgemälde, darunter einen 10 Fuß hohen St. Christophorus, und ihre steinernen Statuen.

An die Westseite der Elisabethkapelle lehnte sich an daS Krankenhaus der deutschen Herren, Jnfirmarie oder Ftr- manei genannt. Es war dies ein zweistöckiges Gebäude mit hohem steilem Dache. Im untern Stocke, welcher später als Ordensweinschenke benutzt wurde, befand sich die Krankenstube, im obern war die Wohnung des Ordens­

haben, was er im Staatsministerium als seine Meinung kundgegeben und für richtig gehalten! — Wenn die liberale Presse ein ungeheures Aufsehen davon macht, daß von einem Dokument hoch vertraulicher Art Gebrauch gemacht worden sei, so hatte Herr Hobrecht durch seine „Ermäch­tigung" der „N. L. K." zu erklären, daß er sich niemals im Staatsministerium prinzipiell für das Tabaksmonopol ausgesprochen, den Charakter eines Vorganges im StaatS- ministerium zum Nachteil der jetzigen Staatsregierung sei­nerseits entstellt, und dieser Entstellung konnte nicht bloß mit Versicherungen entgegengetreten werden, weil die liberale Presse einstimmig die Glaubhaftigkeit der Versicherungen gegenüber der Aussage des Herrn Hobrecht würde in Zweifel zu ziehen gesucht haben. Im Uebrigen muß man sagen, daß die Protokolle des Staatsministeriums gerade den Zweck haben, in schwierigen und zweifelhaften Fällen den wahren Hergang nötigenfalls urkundlich sestzustellen. Ein solcher Fall lag aber hier vor, wo ein ehemaliger Minister das, was er im Staatsministerium vertreten hatte, ableugnete. Wenn die liberale Presse die Frage stellt, ob denn der Veröffentlichung des Protokolls ein Staatministerialbeschluß voraufgegangen sei, so ist sie zu dieser Frage in keiner Weise berechtigt. Würde man ihr aber den Gefallen thun, die Frage zu beantworten, so würde sie doch nur von neuem über unerhörte Indiskretion schreien. Diese Presse wider­spricht sich nicht nur von Tag zu Tage, sondern in dem­selben Atem. Mit demselben Atem beklagt sie die Veröffent­lichung des Protokolls als eine ungehörige Indiskretion — zu dec sie doch selbst die Staatsregierung gezwungen hat, wenn cs eine wäre —, und in demselben Atem verlangt sie die Fortsetzung der eben beklagten und verschrieenen Indiskretion.

Berlin, 19. Okt. Dem Geburtstage unseres Kron­prinzen widmet die „Prov.-Korr." folgende Betrachtung: „Man erzählt von Alexander dem Großen, daß er einst als Kronprinz die Großthaten seines Vaters Philipp aus dem Grunde beklagt habe, weil für ihn nichts zu thun übrig bleibe — und doch ist er Alexander der Große geworden. Dieser Gedanke liegt wohl nahe an dem Tage, wo der Kronprinz sein fünfzigstes Jahr vollendet, noch an den Stufen des Thrones, und als erster Unterthan eines Vaters, reich an Ehren und an Verdiensten um daö Vaterland. Doch das deutsche Volk würde den fünfzigsten Ehrentag des Kronprinzen nicht mit solcher Freude begehen, wenn er eben nur der Sohn des Kaisers, selbst dieses so tief ver­ehrten Kaisers wäre, — wenn auch alle die Eigenschaften ihn schmückten, durch die er und sein Hauö dem Volke so wert sind und welche ihn zum Gegenstand der allgemeinen Liebe und Teilnahme machen: was dieser Feier die volle Bedeutung giebt, ist, daß unser Kronprinz selbst einen hohen Anteil an jenen Großthaten gehabt hat und daß sein Name mit den großen Ereignissen der letzten zwei Jahrzehnte, mit

zinsmeisters. Als im Jahre 1761 zur Zeit des 7jährigen Krieges die Franzosen den auf der Nordfeite der Elisabeth» kirche stehenden gefüllten Fruchtspeicher anzündelen, wurde vom Feuer auch die daran sich schließende Firmanci er­griffen und ausgebrannt, bei welcher Gelegenheit die daran gebaute Kapelle ihren Dachstuhl einbüßte. Weil aber der deutsche Orden für die Wiederherstellung letzterer nichts thun wollte, wurde sie am 5. und 6. Mai des Jahres 1786 abgebrochen, nachdem man im Oktober des vorher­gehenden Jahres den Rumpf der Firmanei niedergelegt hatte. Beim Abbruch ter Kapelle sollen der Sage nach die darin sich vorgefundenen steinernen Statuen in den Erdboden versenkt worden sein, während die 3 Schlußsteine derselben, die dermalen in der Elisabethkirche aufbewahrt werde", in jenem Fruchtspeicher sich fanden, welcher wieder hergestellt, 1839 aber abgebrochen wurde. Neben mehreren Grabsteinen aus der Renaissancezeit barg der Fruchtspeicher auch die in der südlichen Turmnijche der Kirche aufie- wahrte Steinplatte mit der Zahl 1480 und ter Inschrift und dem Wappen des Landkomturs Ludwig von Nordeck zur Rabenau.

Für die Bewohner Marburgs und für alle diejenigen, welche in „Walpurgis heiligen Tagen" (1. bis 3. Mai) sich in Marburg aushielten, waren diese Tage Tage der Buße, der Andacht und des Gebetes, an denen man sich wie in der Fastenzeit aller Schmausereien enthielt. Fiel z. B. wie im Jahre 1459 auf einen dieser Tage das Fest der Himmelfahrt Christi, mit welchem eine Prozesston unter Vorhertragung des Sanktissimum durch die Stadt verbun­den war, dann wurde jedesmal die sür die Geistlichen, Beamten, den Magistrat und für die Notablen aus der Bürgerschaft im Pfarrhofe hergertchtete Mahlzeit, zu welcher

der ruhmreichen Geschichte des Aufschwungs und der Eini­gung des deutschen Volkes eng verknüpft ist. Keinem Kron­prinzen war es bisher vergönnt, eben schon als solcher sich durch hervorragende Thaten die begeisterte Verehrung des Vaterlandes zu erwerben. Während die Geschicke Preußens und Deutschlands in den Händen feines erhabenen Vaters ruheten, war auch er schon zu hohen Aufgaben berufen, in deren Erfüllung er seine volle und ganze Manneskraft zum Wohle der ganzen Nation bewähren und sich als echter Hohenzoller erweisen konnte. In dem Kriege der Deutsch­lands Geschicke entschied, sowie in dem weiteren Kriege, den Napoleons III. Uebermut heraufbeschwor, war ihm die Führung großer HeereSkörper anvertraut, und dem Ein­druck seiner ebenso herzgewinnenden wie heldenhaften Per­sönlichkeit war es großenteils zu danken, daß die süddeutschen so schnell mit den preußischen Truppen zu einer einheitlichen Macht verschmolzen, die „unser Fritz" von Sieg zu Sieg führte. Im ganzen deutschen Süden lebt jene Zeit in dank­barem Andenken fort, und der Thronerbe des Reiches ist bei den süddeutschen Brüdern eine stets mit Begeisterung begrüßte Erscheinung. In den sonnigen Glanz der neuen deutschen Geschichte mischten sich leider nur zu bald trübe Stunden, welche den Kronprinzen zur Erfüllung anderer Pflichten riesen. Der Kaiser, von Frevlerhand getroffen, lag auf dem Krankenbett und konnte den Aufgaben der Regierung nicht selbst nachkommen; auf sein Ersuchen über­nahm es ter Kronprinz, den gtrabe damals doppelt schweren Beruf zu erfüllen. Obgleich er selbstverständlich die Re­gierung nach den ihm bekannten Auffassungen des Vaters führte, so traten doch in jener Zeit, welche im Innern durch die Auflösung und Neuwahl des Reichstags, jn aus­wärtiger Beziehung durch den Berliner Kongreß bezeichnet ist, wichtige Fragen zur persönlichen Entscheidung an ihn heran, und das Volk konnte in jeder Beziehung die Be­sonnenheit und Umsicht schätzen, die er auch auf diesem Ge­biete bewährte. So ist der Kronprinz nicht bloß als Kriegs- mann und Held, sondern auch als Regent schon allseitig in Thätigkeit gewesen, ehe die selbständige Führung des Szepters ihm einst zufällt. Jn ter Teilnahme, welche ihm auch jetzt an feinem Jubeltage, wie zu jedem frohen oder trüben Ereignis in feiner Familie dargebracht wird, möge er ein Zeichen der dankbaren Verehrung erblicken, welche Deutschland ihm jetzt schon schuldet und ihm, so Gott will, jederzeit erweisen wird."— Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die von verschiedenen Blättern gebrachte Nachricht, daß eine Teilung des Arbeits­ministeriums und die Errichtung eines Ministeriums für Eisenbahnangelegenheiten vorbereitet werde, aus bester Quelle als jeder thatsächlichen Grundlage entbehrend. — Der Etat des Neichshaushalts über den allgemeinen PenstonsfondS für 1882/83 veranschlagt die Einnahme auf 16 876 M., gegen 10776 M. im Vorjahre, die fortdauernde Ausgabe auf 19095 287 M. gegen 18399 993 M. im Vorjahre.

die Stadt ein bedeutendes Quantum Wein stellte, aus­gesetzt und zu einer passenderen Zeit nachgeholt. Auch waren mit dem 1. Mai und 19. November große Jahrmärkte ver­bunden, welche Tausende von Käufern und Verkäufern nach Marburg zogen. Für letztere bestand die vom Landgrafen Heinrich II. (t 1377) gegebene Freiheit, daß an diesen beiden Elisabethlagen und 8 Tage vorher und 8 Tage nach­her von den zu Markte gebrachten Waren niemand Zoll oder sonstige Abgaben nehmen durfte. Die WalpurgiS- weste war die am stärksten besuchte. Zur Sicherheit der Stadt besetzten „in Walpurgis heiligen Tagen" Bürger als Wächter die Pforten der Stadt, den Pfarrkirchhof und den Dammelsberg und wurden dafür mit Brot, Käse und Bier auf Rechnung der Stadtkaste regaliert. Der 1. Mai war für St. Elisabeth und für die St. Elisabethkirche von mehrfacher Bedeutung. ES war 1) der Tag der Erhebung der Gebeine St. Elisabeths im Jahre 1236, 2) der Tag der Weihe der St. ElisabcthSkirche im Jahre 1283, 3) der Tag der Weihe des Hochaltars in genannter Kirche im Jahre 1290. An jene dreifachen Ereignisse erinnert heute noch daö Geläute mit Der großen Glocke in der Elisabrth- kirche am 30. Aprll mittags 12 Uhr.

Die dem deutsche« OrdenShause Marburg von den thüringischen Landgrafen gemachten Schenkungen wurden von bett hessischen Landgrafen uttb Landgräfinnen und an­deren dem Orden Wohlwollenden im Laufe der Zeit noch bedeutend vermehrt, wodurch es dem Hause möglich wurde, mit den Ueberschüsien nicht nur großartige Bauten aufzu­führen, fondern auch Güter, Zehnten und sonstige Gefälle anzukausen.

(Schluß folgt.)