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Marburg, Donnerslag, 20. Oktober 1881.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux [ Th. Dietrich u. Co. in «affet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M .; ssaasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

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V Fürst Bismarck und der Liberalismus.

Im gegenwärtigen Augenblicke, wo die Wogen des Parteikampfes so hoch gehen, dürfte eS wohl angemessen sein, an die sogenannte Konfliktszeit und an den so leb­haften Kampf des Liberalismus gegen unfern ersten Staats­mann zu erinnern, ein Kampf, durch den die Liberalen schon damals ihre gänzliche Urteilsunfähigkeit an den Tag legten.

Unser erster Staatsmann hatte bekanntlich im Jahre 1862 die Leitung des Ministeriums übernommen. DaS Mißtrauen der Liberalen empfing ihn schon bei Beginn seiner AmtSthätigkeit; denn der bekannte Schulze-Delitzsch sprach sofort von der „ungeschicktesten Handhabung der Geschicke unseres Vaterlandes", und als Herr v. Bismarck im Abgeordnetenhause im Jahre 1863 es offen aussprach, daß die liberalen Vertreter sich im Kampfe mit der Krone um die Herrschaft des Landes befänden, wurden die Aeuße- rungen des Ministers von fortschrittlicher Seite als ein „offenes Manifest des Absolutismus" bezeichnet. Der schon erwähnte Herr Schulze aus Delitzsch meinte: Bismarck sei überhaupt unfähig zu irgend einer Aktion, der Erfolg mit dem Feldjäger in Hessen bedeute nichts; er suchte das Ministerium lächerlich zu machen, und es gelang ihm, die Heiterkeit des Hauses zu erregen. Herr v. Sybel aber warf sich in die Brust und deklamierte von der Trauer, die ob solchen Ministeriums das Land bedecke. „Die Kleinodien unserer Vergangenheit werden uns unter den Händen verfälscht und der Blick unserer Zukunft wird von Grund aus verdüstert." Dies Ministerium, meinte er, „türme einen Berg von gegenseitiger Verkennung und Vor­urteilen zwischen dem rechtschaffensten Könige und dem loyalsten Volke auf." Herr v. Carlowitz gar begann eine Rede mit den Worten: „Ich bin der Meinung, daß, was dieses Ministerium auf dem Gebiete der auswärtigen Poli­tik auch unternehmen möge, jede seiner Unternehmungen von vornherein mit Unfruchtbarkeit werde geschlagen sein." Gründe hatten die Herren weiter keinen, als den, daß der König und sein Ministerium die Reorganisation der Armee nicht wollte fallen lassen, daß Bismarck ihnen ihren Willen nicht thun wollte.

Es kam der polnische Aufstand und die preußische Uebereinkunft mit Rußland (Januar 1863). Derselbe von Carlowitz warnte vor der Ueberlegenheit der russischen Politik über die preußische und ermahnte den Minister­präsidenten, sich nicht „mutwillig unter den ungünstigsten Umständen in äußere Verwickelungen einzulaffen". Entrüstet verwahrte sich wieder v. Sybel gegen die schlechte Politik, welche „angeblich zur Wahruiig unserer Jntereffen und zum Schutze unserer Grenzen 500 Quadratmeilen deutscher Erde (übrigens ein nines Phantasiegebilde) dem Lärmen und Leiden eines barbarischen Krieges eröffnet, welche uns aus

freien Stücken mit der Mitschuld an einer kolossalen, von ganz Europa mit sittlicher Empörung betrachteten Menschen­jagd belastet". Er stellte der Regierung das Zeugnis aus, daß der Kern ihres Wesens „die Nichtachtung des Rechtes sei, daß sie weder im Innern noch nach Außen handeln, weder ruhen noch wirken, ja, ich möchte sagen, weder leben noch sterben kann, ohne die Gesetze dieses Landes zu ver­letzen". Aehnlich redeten andere. Die Leute entblödeten sich nicht, durch den Mund des Abgeordneten Twesten zu er­klären: „Die Ehre der augenblicklichen Regierung ist nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes, die Bahn der augenblicklichen Regierungsgewalt ist nicht die Bahn des preußischen Volkes". Er fabelte von einer „militärischen Diktatur", einer „Adjutanten-Regierung", in der wir mitten drin seien. Schließlich forderte er zum einmütigen Protest auf gegen eine Regierung, „welche unfern Staat zu ver­derben droht". Aber die Regierung wich noch wankte nicht, der Abgeordnete Simson bezeichnete das als ein Seiltänzer- Kunststück. v. Sybel that abermals feinen Mund weit auf und sagte u. a.: „Uns, der kleinsten der europäischen Groß­mächte, trug hier der Weltlauf eine Aufgabe entgegen, groß und dankbar wie keine andere, und Preußen hat diese Auf­gabe wie mit Füßen von sich gestoßen..... Daö Herz

unseres Ministeriums scheint leider nur an Bildern der Unfreiheit und Unterdrückung zu hängen, und so schrumpft denn auch ihre Staats- und Kriegskunst wie ihr Ver- faffungsleben zu der Glorie der polizeilichen Chikane zu­sammen." Die Leiter nannte er „notorisch unfähige und unglückliche Befehlshaber". Er sah uns angekommen „auf der tiefsten Stufe der Erniedrigung".

In diesem und einem ähnlichen Tone ging es weiter auch während der schleswig-holsteinschen Frage und während des Krieges gegen Dänemark. Sybel meinte, in diesem Kriege werde Preußen den „durch das ministerielle Pro­gramm angekündigten Selbstmord" vollziehen, und Virchow beschwor schon die „Rache des Volkes für diesen Verrat". Gewiß, Bismarck hatte allln Grund, von „Dilettantismus" dieser Sorte von Politikern zu reden; es war ein sehr milder Ausdruck. Den letzten Trumps spielte Virchow auS, indem er am 22. Januar 1864 ausrief: „Nein, meine Herren, er (Bismarck) ist jetzt dem Bösen verfallen und er wird von ihm nicht wieder loskommen." Er war kaum mehr zu übertrumpfen durch Gneist, der von der „blinden Leidenschaft und den verbrecherischen Ratschlägen" des Mini­steriums sprach. Noch stärker vielleicht war es indessen, daß am Schluß der Landtags-Session der Präsident Grabow nicht dem Könige, sondern „dem verfassungstreuen preu­ßischen Volke" ein Hoch ausbrachte!

Wir wollen absehen von dem Proteste der Fortschritts­partei gegen den dänischen Krieg (Ende Januar 1864 in Frankfurt a. M.), aber das wollen wir nicht verschweigen, daß die „impotente Negation" auch nach dem glorreichen

Kriege nicht verstummte und der Abgeordnete Virchow alle Erfolge für einen — „Zufall" erklärte. (So geschehen am 2. Juni 1865.) Er votierte dem Ministerium noch ein „spezielles Mißtrauen". Waldeck hielt nach wie vor das Ministerium für „unwürdig", Duncker sprach Herrn von Bismarck alle Eigenschaften eines Staatsmannes ab und Löwe forderte das Ministerium zum Rücktritt auf! Doch genug und übergenug des politischen Unverstandes und seiner Purzelbäume.

Warum wir dies alles unseren Lesern erzählen? Da­rum, weil diese Thatsachen die notorische Unfähigkeit des Fortschritts und des extremen Liberalismus beweisen. Wenn irgend etwas klar ist, so ist es dies, daß die deutsche Frage von den Liberalen niemals gelöst werden konnte, daß im Gegenteil Preußen vernichtet und Deutschland zer­rüttet worden wäre. Was aber das schlimmste ist: diese Männer bekannten hinterdrein nicht etwa ihren kolossalen Irrtum, sondern thaten und thun noch jetzt so, als ob s i e die Macht und Größe Deutschlands herbeigeführt hätten. Wer verdient unfern Dank und unser Vertrauen: jene leidigen Phrasenmacher oder Fürst Bismarck ? — Damals hieß es: Herr v. Bismarck versteht nichts von auswärtigen Angelegenheiten; heute heißt es: Fürst Bismarck versteht nichts von inneren Angelegenheiten. Wie sich die Helden des Fortschritts damals gröblich getäuscht haben, so irren sie auch jetzt. Wie sie damals nichts wußten, als der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, so verstehen sie auch jetzt nichts, als der Regierung den Weg zu heilsamen Re­formen zu verlegen. Wollen wir es noch einmal dahin kommen lasten, daß der Schöpfer unserer nationalen Ein­heit und Stärke seine Kraft verzehre im Kampfe mit po­litischen Kannegießern? Soll die Macht der Phrase wieder die Herrschaft gewinnen? Der deutsche Wähler, meinen wir, traut dem erprobten Manne und läßt sich von fal­schen Freunden nicht wieder hinterS Licht führen. Die Sicherheit Deutschlands, ja die Ruhe Europas liegt in dem Vertrauen auf unseren Kaiser und seinen Kanzler. Erschüttert man dies Vertrauen, so wird man bald sehen, welchen Gefahren wir entgegentreiben.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Okthr. Se. Kaiser!, und Königl. Hoheit der Kronprinz begeht heute im Kreise seiner Familie fein 50jährigeö Geburtstagsfest. Zur Teilnahme an der Feier ist Se. Königl. Hoheit der Prinz Wilhelm am Sonntag Nachmittag aus Tirol nach Potsdam zurückgekehrt. Se. Königl. Hoheit der Prinz Heinrich, der zweite Sohn der Kronprinzlicheu Herrschaften, mußte es sich leider versagen, seine Glückwünsche persönlich abzustatten. Auch Se. Hoheit der Erbprinz und Ihre Königl. Hoheit die Frau Erb- prinzessin von Sachsen-Meiningen können an der Feier des

Aus der Borzeit.

Von der heil- Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und Hessen, und von ihren Erbnehmern, den deutschen Herren, den Gründern der Ordenskommende und den Erbauern mehrerer kirchlicher Gebäude in Marburg.

(Fortsetzung.)

Als Konrad aus Italien nach Marburg zurückgekehrt war, begann er alsbald unter thätiger Mitwirkung der hessischen Ritterschaft den Bau der Elisabethkirche, des Stol­zes und der Zierde Marburgs. Nach Verlauf von zwei Monaten waren die Erdarbeiten so weit vorgeschritten, daß am 14. August 1235, tags vor Mariä Himmelfahrt, von Konrao in Gegenwart der Ordensbrüder u. a. der Grund­stein der Elisabethkirche gelegt werden konnte. Mit der Erbauung dieses Denkmals beabsichtigte man einen drei­fachen Zweck zu erfüllen. ES follte: 1) das Grab der Heiligen umschließen, 2) die Menge der wallfahrenden Pil­ger aufnehmen, 3) den Brüdern des deutschen Hauses als Ordenskirche dienen. Landgraf Konrad war eS nur wenige Jahre vergönnt, den Bau zu beobachten; in seinen besten Jahren ereilte ihn der Tod. Er starb zu Rom, sesii Leich­nam aber wurde nach Marburg gebracht und im Fürsten­chor der Elisabethkirche beigesetzt, woselbst ein Denkmal aus Stein sich von ihm vorfindet. Seine würdigen Nachfolger ließen keine Unterbrechung im Kirchenbau eintreten. Dieser nahm ungestört seinen Fortgang und wurde, wenn auch erst nach vielen Jahren, doch glücklich zur Vollendung gebracht. Die Weihe der Kirche geschah am 1. Mai 1283. Sechs­hundert Jahre sind nun an dem ehrwürdigen Gebäude vor­übergegangen, und der Zahn Der Zeit hat ihm nichts an­haben können; noch steht es unversehrt in seiner jungfräu­

lichen Schöne da, trotz der Stürme des Volkslebens und der Wetter des Himmels, von denen Marburg vieles zu erzählen weiß.

Um den heilig gesprochenen Körper Elisabeths, der nun­mehr ein Gegenstand der Verehrung war, der Verwesung zu entziehen, mußte er dem Grabe entnommen werden. Für den Tag der feierlichen Erhebung desselben hatte der Erzbischof Siegfried von Mainz den 1. Mai des Jahres 1236 festgesetzt. Zur Begehung dieser Zeremonie hatten sich Kaiser Friedrich II., die thüringischen Landgrafen und Landgräfinnen, Erzbischöfe, Bischöfe, Fürsten, Grafen und Edelleute und eine unzählbare Menge Volks eingefunden, wie sie Marburg seit diesem Tage nicht wieder beisammen gesehen hat. Als die Brüder des deutschen Hauses die Ankunft des Kaisers vernahmen, ging drei Tage vorher der Prior Ulrich mit sieben Brüdern zur Nachtzeit in die Kirche, wo die Gebeine ruhten, und nachdem sie sorgfältig alle Thüren verschlossen, öffneten sie das Grab, indem sie den Stein, Der es bedeckte, davon entfernten. Hierauf nah­men sie den Körper aus dem Sarge, hüllten ihn In ein purpurnes Gewand und legten ihn in eine bleierne Lade, die sie wieder in die Gruft hinabsenkten. Am 1. Mai ver­sammelte sich eine Menge Volks um die Kirche, und nur mit Mühe konnte der Kaiser bis in den Innern Raum gelangen. Er stieg zuerst in die Gruft hinab, die Bischöfe folgten ihm nach, hoben dann die Lade zusammen empor und tru­gen sie an den Ort, wo der Körper dem Volke zur Ver- ehmng ausgestellt werden sollte. Hierauf wurde zu Ehren Elisabeths vom Bischof von Mainz das Hochamt celcbriert. Beim Offertorium nahte der Kaiser sich der Lade, setzte auf das Haupt Elisabeths, das vorher vom Rumpf getrennt worden war, eine güldene Krone und fügte einen goldenen

Pokal hinzu, in welchem man später den Schädel der Hei­ligen einschloß.

Ueber Elisabeths Grab in der Franziskuskapelle erhob sich das Mausoleum, ein Baldachin mit Kreuzgewölbe, in in welchem der Sarg mit den Gebeine» der Heiligen Auf­stellung fand, und an dessen Westseite trat der ihr geweihte Altar. Mit päpstlicher Erlaubnis vom Jahre 1246 durfte der Prior der deutschen Ordensbrüder, wenn er am Elisa- bethaltar die Messe feierte, gleich einem Bischof die Mitra tragen. Diese Gerechtsame ging später auch auf die Elisabethkirche über. Der Hochaltar erhielt auf seiner Rückwand eine Vorrichtung, auf welcher der Sarg Auf­stellung fand, wenn der Prior in Mitra und Jnfnl bei feierlichen Gelegenheiten an diesem Altar die Messe celebriette.

Da nach dem projektierten Bauplan die zu erbauende Kirche Elisabeths Grab umschließen sollte, tonnten für die Folge Hospital und Kapelle nicht stehen bleiben. Als im Jahre 1249 die Nordseite der Kirche beide durchbrach und nunmehr der Kreuzarm der Kirche an die Stelle der letztem mit Elisabeths Grab trat, erfolgte alsbald der Abbruch beider. Die deutschen Herren erbauten hierauf auf bet ihnen zu­gehörigen Fläche südlich von der Kirche ein neues Hospital, und nannten es nach der neuen Heiligen „Elisabethhospital;" es ist dieses die bermatige medizinische Klinik. Erzbischof Gerhard von Mainz verspricht int Jahre 1254 allen den­jenigen Ablaß, welche zum Bau des Elisabethhospitals hllf. reiche Hand leisteten.

Für die zum Grabe der heil. Elisabeth wallfahrendm und in Marburg verstorbenen Pilger ließen die deutschen Herren am Abhange des LützelbergeS eine Begräbnisstätte anlegen und erbaute inmitten derselben im Jahre 1268 die St. MichaelSkapelle. (Fortfetztmg folgt.)