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Nr. 2513.

Marburg, Sonntag, 16. Oktober 1881.

xvi. Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux o. Th- Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M ; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

OlicrlfkUche Jritinig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M.; Jögersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene- in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

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Gambetta in Deutschland.

Es kann fast gar keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Gambetta inkognito in voriger Woche in Deutschland ge­wesen ist und eine Anzahl Städte, ja vielleicht sogar den Landsitz des Fürsten Bismarck, Varzin in Pommern, be­sucht hat, Meldungen aus Dresden, Hamburg, Kiel, Lübeck, Berlin und Frankfurt a. M. besagen, daß Gambetta diesen Städten einen kurzen Besuch abgestattet hat und auS Paris liegt vom 11. Oktober ebenfalls eine Nachricht vor, wonach Gambetta von seiner Reise nach Deutschland wieder in der französischen Hauptstadt eingetroffen ist. Wir wollen nun allerdings nicht behaupten, daß diese Reise Gambettas nach Deutschland unbedingt eine politische Bedeutung haben muß und daß derselbe tatsächlich eine Unterredung mit dem Fürsten Bismarck gehabt hat, denn dafür fehlen uns die positiven Beweise, da aber Herr Gambetta sich anschickt, in den nächsten Tagen die Ministerpräsidentschaft Frankreichs und wahrscheinlich auch das Ministerium des Auswärtigen zu übernehmen, so liegt es allerdings sehr nahe, anzunehmen, daß die Reise Gambettas nach Deutschland viel eher einen politischen als einen privaten Zweck hatte. Die Uebernahme der Regierung durch Gambetta bedeutet ja ohne Zweifel eine neue, hervorragende Epoche in der Entwickelung der französischen Republik, denn Gambetta, der Mann, der die neue Republik in Frankreich hauptsächlich geschaffen und ihr Achtung und Ansehen im In- und Auslande verschafft hat, Gambetta, den man in seinem Vaterlande für den genialsten Staatsmann hält uns dem man zutraut, daß er Frankreichs kühnste Pläne verwirklichen werde, muß auch, wenn er nun an die Spitze der Regierung gelangt, sein Werk zu krönen suchen.

Woraus soll aber diese Krönung bestehen? Viele sind der Meinung, daß dieselbe nichts anderes bedeuten könne, als die Wiederherstellung von Frankreichs europäischer Vor­herrschaft mit der Revanche an Deutschland. Wenn aber dies richtig ist, muß da die Regierung Gambettas nicht sofort ein Stein des Anstoßes für das deutsche Reich sein? Kann Deutschland an dr Spitze von Frankreichs Negierung lange einen Staatsmann dulden, der uns einen Krieg bis aufs Messer bereiten will? Müßte eine solche Thatsache nicht zu einem unmittelbaren Zusammenstöße Deutschlands und Frankreichs führen? Will und kann Gambetta, wenn er demnächst das französische Staatöruder ergreift, nur an der Verwirklichung dieser Revancheidee hängen? Gewichtige Stimmen und zwingende Verhältnisse lassen dies glücklicher Weise als sehr unwahrscheinlich erscheinen und in gut unterrichteten Zeitungen des In- und Auslandes wird sogar behauptet, daß Gambetta gar nicht mehr der Vertreter der alten Revancheidee sei, auch gar nicht einmal sein könne, denn in der französischen Nation hat sich auch mehr und mehr das Friedensbcdürfnis geltend gemacht, die

Mehrheit der Franzosen, die jetzt als Republikaner die Herren ihres Geschickes geworden sind, scheinen sogar den Frieden ohne jeden Hintergedanken zu wollen, denn wir haben wiederholt die französischen Staatsmänner unter dem Beifall der Nation die Friedensidee preisen hören, Gambetta selbst sah sich veranlaßt, seine vorjährige Cherbourger Rede, die Anspielungen auf die Revanche enthielt, öffentlich zu korrigieren, indem er in seinen jüngsten Reden den Frieden betonte, auch darf mau nicht glauben, daß das französische Volk große Freude an ban tunesischen Feldzuge hat, man ist der Truppensendungcn nach Afrika sogar herzlich über­drüssig und dem Kriegsminister wurde nicht einmal gestattet, die Linientruppen die vollen sechs gesetzlichen Jahre bei den Regimentern zurückzubehalten, gewiß ein schlagender Beweis dafür, daß das französische Volk keine große Freude an Krieg und Kriegslasten mehr hat. Es hat fast den An­schein, als ob sich in der französischen Volksseele eine Wand­lung vollzogen hätte, daß der wütende Revanchezorn einem stillen Friedensmut, der nur die Ehre des Vaterlandes ge­wahrt sehen will, gewichen wäre. Vielleicht hat Gambetta, der einen sehr scharfen Blick für die Neigungen seiner Lands­leute besitzt, diese Wandlung in Frankreich zuerst bemerkt und wird sich dann auch zum Träger dieser friedlichen Idee machen müssen, wenn er sich an der Spitze der Regierung halten will. Alsdann wäre aber auch die Zeit zu einer freundschaftlichen Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich gekommen, ein Umstand, welcher den genialen Gambetta wohl bewogen haben kann, eine Reise nach Deutsch­land und vielleicht gar nach Varzin zum Fürsten Bismarck zu machen, allerdings ein Ereignis, für welches noch die Bestätigung fehlt.

Wochen - Uebersicht.

Das Unwohlsein Sr. Majestät des Kaisers ist gottlob nur vorübergehend gewesen, so daß Allerhöchstderselbe wieder seine täglichen Spazierfahrten unternehmen konnte. Am Donnerstag waren aus Straßburg der Staatöminister Hofmann, die Unterstaats - Sekretäre v. Pommer - Esche, v. Mayr und Ledderhose, sowie der Rektor der Straß­burger Universität, Professor Michaelis, von Sr. Majestät zur Tafel nach Baden-Baden befohlen worden. Ein Be­weis, daß das Allerhöchste Befinden nichts zu wünschen übrig läßt. Nach Berlin wird der Kaiser, wie bis jetzt verlautet, gleich nach dem 20. d. Mts. zurückkehren.

Die Rede, welche Herr v. Bennigsen in Magdeburg gehalten, hat ihm bekanntlich auch in eigenen Kreisen nicht ungeteiltes Lob eingetragen. Von besonderem In­teresse sind die thatsächlichen Angaben, welche angesichts dieser Rede dieNordd. Allg. Ztg." jetzt veröffentlicht, denn dieselben thun dar, daß einzelne Punkte jener Rede mit den Thatsachen im Widerspruch stehen.

Ans der Borzeit.

Von der heil. Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und Hessen, und von ihren Erbnehmern, den deutschen Herren, den Gründern der Ordenskommende und den Erbauern mehrerer kirchlicher Gebäude in Marburg.

(Fortsetzung.)

Elisabeth hatte vor ihrem Hinscheiven zwei Altäre in die Franziskuskapelle gestiftet. Als der Erzbischof Siegfried von Mainz diese am Laurentiustage (10. August) des Jahres 1232 weihte, hielt Konrad von Marburg vor einer zahlreichen Versammlung eine Predigt, in der er diejenigen aufforderte, welche durch das Verdienst Elisabeths eine Heilung empfangen hatten, solche am folgenden T ge dem Erzbischof anzuzeigen und durch Zeugen zu bestätigen. Sehr viele fanden sich in der Absicht ein. Siegfried ließ nun diejenigen Wunder, welche ihm am augenscheinlichsten dünkten, aufschreiben, übergab dann das Verzeichnis Konrad von Marburg und dieser schickte ^es mit einem Begleit­schreiben an Papst Gregor IX. in Rom, um Elisabeths Heiligsprechung hierdurch zu bewirken. Kurz darauf be­auftragte der Papst den Erzbischof von Mainz, den Abt v. Ebersbach und Konrad v. Marburg eine genaue Unter­suchung über die geschehenen Wunder anzustellen und darüber zu berichten. Es geschah, allein die Heiligsprechung erfolgte nicht sofort.

Magister Konrad von Marburg sollte die Freude nicht erleben, Elisabeth als eine Heilige zu verehren und als eine Fürsprecherin anzurufen, und zwar wegen der rohen und grausamen Behandlung, deren er sich gegen sein fürst­liches Beichtkind in den letzten Jahren ihres Lebens öfters schuldig gemacht hatte. Nach der Fürstin Tode erwachte Konrads Gewiffen und machte ihm Vorwürfe darüber.

Gott verzeihe mir!" ruft er aus in dem obgenannten Schreiben,daß ich sie einmal so gezüchtigt habe." Er­wähnt jedoch nur den einen Fall, als sie gegen seinen Willen einen Aussätzigen zu sich genommen.

Bevor die Heiligsprechung Elisabeths zur Ausführung kam, ereilte den Magister der Tod. Konrad hatte sich durch seine Ketzerverfolgungcn bei seinen Mitchristen zu sehr ver­haßt gemacht. Als er sich, nun auch an die Fürsten, Gra­sen und Ritter wagte und diese vor die Untersuchungs- kommission brachte, da war es bald aus mit ihm. Auf einer Rückreise von Mainz nach Marburg wurde er von den Rittern von Dernbach, wahrscheinlich Vasallen des Grafen von Sayn, den er der Ketzerei angeklagt hatte, in der Nähe des Dorfes Beltershausen jenseits des Lahnbergeö überfallen und getötet. Als er die Absicht der auS einem Hinterhalte hervortretendcn Männer erkannte und wehmütig um sein Leben flehte, tief eine Stimme:Tötet den Gott­losen und Grausamen, als der selbst keines Menschenlebens geschont hat!" Und so fiel Konrad von Marburg am. 30. Juli 1233 unter den Streichen seiner Mörder. Sein Leichnam soll nach Marburg gebracht und in der Franzis­kuskapelle neben Elisabeth begraben worden sein. Als im Jahre 1249 der Bau der Elisabethkirche die Kapelle durch­brach und nur ein kleiner Teil derselben mit Elisabeths Grab zur Kirche gezogen wurde, hat man wahrscheinlich beim Abbruch der Kapelle seine Gebeine von da in die Kirche übergeführt; Dietrich von Apolda, Elisabeths Bio­graph, der 85 Jahre nach ihrem Tode seine Biographie schrieb, nennt Konrad von Marburg ausdrücklich unter denen in der Elisabethkirche Begrabenen. Um das Jahr 1250 brachten die deutschen Herren Güter bei Belters­hausen an sich und erbauten über Konrads Mordplatz eine

Die Landtagswahlen in Baden, von denen anfangs behauptet wurde, daß sie der liberalen Partei, trotz der Verluste, welche diese erlitten, dennoch in allen Fällen die Majorität sichern würden, werden in ihrem Resultate jetzt selbst von liberalen Blättern keineswegs so rosig dargestellt. Letztere geben jetzt zu, daß die liberale Mehrheit in der neuen badischen zweiten Kammer so klein sein wird, daß sie nur schwer ihre Stellung wird behaupten können. Hoffentlich ergeben auch die bevorstehenden ReichötagS- wahlen in Baden ein ähnliches Resultat.

Aus Stuttgart ist die Trauerkunde von dem Ab­leben des Staatsministers des Innern Dr. v. Sick ein­gegangen. Er verstarb ganz plötzlich infolge einer Bauch­fellentzündung.

Ueber den eventuellen Nachfolger des verstorbenen österreichisch - ungarischen Ministers Baron Haymerle ist noch nichts Definitives bestimmt. Die österreichischen wie die deutschen Blätter nennen eine Reihe von Namen, ohne daß sie mit Bestimmtheit zu sagen wissen, wem die künftige Leitung der österreichisch-ungarischen StaatSgeschäfte anver­traut werden wird. Die nächsten Tage werden darüber Gewißheit bringen.

Aus Paris wird gemeldet, daß Gambetta daselbst nach seiner Reise durch Deutschland wieder eingetroffen ist. An dem Eintritte Gambettas in das Kabinet wird nicht mehr gezweifelt, wenn dieser Eintritt auch nicht vor der großen Kammerdebatte über die tunesische Frage statt­finden wird. Nachrichten, welche aus London in Paris eingegangen sind, besagen, daß die französische und eng­lische Regierung identische Instruktionen nach Kairo und nach Konstantinopel abgehen ließen. Die nach Alexandrien gesendeten Panzerschiffe würden so meldet ein Telgramm desW. T. B." wegen der durch die Anwesenheit der türkischen Kommiffäre in Kairo hervorgerufenen Auf­regung erst nach der Wiederabreise der Letzteren zurückbe­rufen werden.

Telegramme aus London bestätigen die in Irland erfolgte Verhaftung ParnellS. Es wird gegen ihn die Anklage wegen Aufreizung und Einschüchterung zu dem Zwecke, die irischen Pächter zu verhindern, daß sie ein billiges Pachtgeld zahlen und von den ihnen durch die irische Landbill angebotenen Vorteilen Gebrauch machen, erhoben worden. Aus Quetta werden zwei Niederlagen der Streitkräfte Ayub KhanS durch die Truppen des Emirs gemeldet. In dem eisten Gefecht wurde der Schwager Ayub Khans gefangen genommen. Der Gou­verneur von Herat unterhandelt wegen der UnterwerfungS- bedingungen. Ayub Khan ist nach Persien geflohen. Das Telegramm fügt hinzu, daß Herat wahrscheinlich bereits durch die Truppen Abdurrahmans besetzt sei.

Nachrichten derK. Z." aus Petersburg zufolge kursiert daselbst das Gerücht, daß der Minister-Präsident

Kapelle, deren Rumpf noch vor einigen Jahren stand. So sehr die Landgrafen Heinrich und Konrad anfangs gegen die Uebertragung deS Hospitals an den deutschen Orden waren, so waren sie in anbetracht der Verirrungen und der Buße des letzteren nunmehr für eine solche. Kon­rad hatte sich nämlich im Jahre 1233 nicht nur persönlich an dem Erzbischof Siegfried von Mainz vergangen, son­dern auch die mainzische Stadt Fritzlar mit ihrem schönen Münster in Asche gelegt. Der Erzbischof schwieg nicht dazu, er verklagte vielmehr den Landgrafen beim Papste, der über den Schuldigen sofort den Kirchenbann verhängte. Die Bannbulle fand den Landgrafen nicht unvorbereitet; erhalte bereits sein Unrecht eingesehen und bereut. Um sobald als möglich wieder aus dem Banne herauszukommen, reiste Konrad als Pilger gekleidet nach Rom, offenbarte dem Papste seinen Schmerz über das Geschehene und bat um Absolution. Der Papst sicherte ihm diese unter gewiffen Bedingungen zu, von denen die eine war, daß er in einen geistlichen Orden treten sollte. Der Landgraf erwählte sich den unter dem Hochmeister Hermann von Salza (von 1210 bis 1239) mächtig gewordenen deutschen Orden.

Von Rom nach Marburg zurückgekehrt, traf er zunächst die nötigen Vorbereitungm in betreff der Uebertragung des Franziskushospitals an den deutschen Orden. Demzufolge mtzog er den FranziSkanermönchen ihr Kloster und Elisa­beths Wohnung und erbaute ihnen am Westende der Stadt Marburg ein neues Kloster, das jetzige Bibliotheksgebäude, und daneben eine Kirche, die bis 1723 da stand, wo jetzt der Saalbau steht; dann berief er die deutschen Herren nach Marburg, übergab ihnm da« Hospital, Elisabeths Wohnung und das verlassene Franziskanerkloster. Beides geschah im Jahre 1233. (Fortsetzung folgt.)