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Marburg, Mittwoch, 12. Oktober 1881.
XVI. ZahkWg
«nreigen nimmt entgegen: S, Expedition d. Blattes, inwie d.Annoncen- Bureaux > Tb- Dietrich u. Co. in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M ; ^aalenftein u. Vogler in &urt a. M., Berlin, G, Köln re.; Rudolf 8- 'n Berlin, Frank- " furt a. M. :c.
OdnWslhe ZkitW.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co- in Frankfmt a. M ;J8gersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich Buchdru
außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Berlage „Jllustrirte« SomttagSblatt durch die Expedition (Koch sche ckerei) bezogen 2*/* Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr., — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg-
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Aus dem Laude der Kastauieu.
In ganz Europa, ja vielleicht in der ganzen Welt giebt es zumal wenn man die stolze Geschichte und die Naturscanungen des Landes dabei in betracht zieht, wohl kaum einen unglücklicheren Staat als Spanien., Seit einem Jahrhundert haben in Spanien einander in greller Abwechselung alle möglichen Regierungssysteme gejagt. Ab- olutismuS, Konstilutionalismus, Demokratie, Republik, Militärdiktatur, jesuitisches, konservatives und liberales Parteiregiment haben dort mit einander abgewcchselt und die Spanier sind immer so unzufrieden und so unglücklich gewesen wie zuvor. Wie mag das kommen? Hat für die Spanier die Form der Regierung so wenig Bedeutung und sind sie noch nicht im Stande, sich zu einer selbstthätigen Verbesserung ihrer Zustände zu erheben, oder haben alle Negierungen nicht gewußt, was den Spaniern Not thut, daß keine sich auf die Dauer zu erheben vermochte?
Die gegenwärtige spanische Regierung teilt nun wieder das Schicksal ihrer Vorgängerinnen. Der daö Ministerium leitende Sagasta galt von jeher für einen unbeständigen Politiker und fo scheint er auch jetzt der nötigen Festigkeit zu ermangeln. Was ist das gegenwärtige Programm der spanischen Regierung? Man will die Parteien versöhnen, und die Thronrede, die jüngst bei Eröffnung der Kortes verlesen wurde, wandte sich an die Oppositionsparteien mit der Bitte, die Regierung doch ja sanft zu behandeln. Welch' ein veraltetes und fozufagen kindliches Verfahren! Glaubt man allen Ernstes, in einer Zeit voll brennender Fragen und wirtschastlicher Umwälzungen sei der Augcnblik für die Versöhnung der Parteien gekommen? Dazu könnte wahrlich keine schlechtere Zeit gewählt werden.
Die spanische Regierung verspricht allerdings in ihrem Programm dem Gerichtswesen bessere Formen zu geben und'in Steuersachen zeitgemäße Aenderungcn zu treffen, allein das sind Versprechungen, wie sie alle ai.dcren spanischen Regierungen dem Lande auch gemacht hüben. Aber man hat vom Ministerium Sagasta ganz andere Dinge erwartet, denn man stürzte die Regierung deö Herrn Cano- vas del Castillo doch nur, weil man glaubte, Sagasta wür- e thun, was Eanovas nicht thun konnte. Darrn sieht man sich aber nun getäuscht; Sagasta l ot bis rahin nichts gethan, waö Cancvas nicht auch vollbracht hätte. Ueber- haupt hat Sagasta in der spanischen Geschichte lange genug eine Rolle gespielt, um von den Spaniern endlich gekannt zu sein als das, waö er ist, als ein charakterloser Politiker. Die Spanier sind in der weisheitsvolleu Politik eben Kinder und nur in Jntriguen und Revolutionen Helden. Wenn sie eine Regierung haben, so gcberden sie sich, als ob sie überhaupt keine Regierung ertragen könnten; ist aber, wie schon oft in Spanien, du anarchischer Zustand eingelreten, so beeilen sie sich womöglich bei dem AbsolulismuS wieder
unter Dach und Fach zu komurcn, der sich doch auch in Spanien überlebt hat.
Dieses Hin- und Herschwanken zwischen zwei Extremen hat die Spanier schon sehr geschädigt; es beraubt sie aller festen Stützpunkte und bringt ihr Land nicht vorwärts Wie lange wird es dauern und Sagasta muß weichen? Schon 8 Monate ist er Minister, grollt die Spanier und hat noch gar nichts gethan. Daö Letztere ist allerdings so ziemlich richtig. Deshalb sieht man sich jetzt schon nach einem Nachfolger für ihn um. Und wie lange wird der regieren? das mag Gott wissen? Ernste Abhülfe wird in diesem traurigen Zustande wohl nur erst dann kommen, wenn der König Alfons aus seiner passiven Rolle heraustritt und sich charakterfeste Ratgeber wählt, bk er bis zum Aeußersten unterstützt und die Gegenparteien ihre wankelmütige Streitsucht austoben läßt.
Deutsches Reich.
»» Berlin. 10. Oktober. Die Frage der Errichtung eines Reichstagsgebäudcs beschäftigt beim Herannahen der Sefsion wiederum die Presse. Es läßt sich in dieser Beziehung nur sagen, daß an dem Plane festgehalten wird, dies Gebäude auf dem Raczynski'fchen Platze zu errichten und daß das letze Hindernis, welches noch bestand, durch den neulichen Beschluß der Stadtverordneten, das nötige Terrain, soweit es der Stadt gehört, zu dem Zwecke kostenfrei zu überlasten, hinweggeräumt ist. — Zur Mitwirkung bei der bereits erwähnten Vorlage über das Hilsskassen- wesen werden dem Vernehmen nach Kommistarien in das Reichsamt des Innern berufen werden. — Vor Kurzem wurde mitgeteilt, daß der Minister deö Innern das Er. kenntnis des Landgerichts zu Wiesbaden, durch welches der Redakteur eines dortigen Blattes wegen eines unzüchtigen Inserats verurteilt worden war, den Polizeibehörden zur Kenntnisnahme für ähnliche Fälle hatte bringen lassen. Der Minister hat jetzt ferner die Aufmerksamkeit der Behörden darauf gelenkt, daß durch Entscheidungen des Kgl. Landgerichts zu Hannover vom 31. Januar und des Reichsgerichts vom 26. März d. I. der Redakteur und der Expedient des „Hannoverschen Courier" zu je 30 M. Geldstrafe event. 3 Tagen Gefängnis verurteilt worden sind, weil sie folgende Annonce zum Abdruck gebracht haben: „Ein unverheirateter 28 Jahre alter Herr wünscht für eine 3 biS 4 Monate lange Reise nach Italien eine Begleiterin von hübschem Aeußeren. Offerten nebst ganz genauer Angabe der Bedingungen von nicht zu jungen Damen, nebst Beifügung der Photographie besorgt die Expedition dieser Zeitung u. s. w." — Im Monat August d. I. wurden auf 47 größeren Bahnen befördert von fahrplanmäßigen Zügen 13 243 Kouricr- und Schnellzüge, 98950 Personenzüge, 53120 gemischte-und 79986 Güler-
Züge; ait außerfahrplanmäßigen Zügen 3711 Kourier-, Schnell-, Perfonen- und gemischte Züge und 34 499 Güter«, Materialien- und Arbeits-Züge. Es verspäteten von den 156313 fahrplanmäßigen Kourier-, Schnell-, Personen- und gemischten Zügen im Ganzen 2681. Von diesen Verspätungen wurden jedoch 1648 durch das Abwarten verspäteter Anschlußzügc hcrvorgernfcn.
Berlin, 10. Oktbr. Eine kaiserliche Verordnung vom 7. Oktober beruft den Bundesrat zum 20. Oktober ein. — Der „Reichsanzeigcr" erklärt, die Meldung der Blätter von besonderen Vorbereitungen zum Geburtstage des Kronprinzen, namentlich, daß Deputationen derjenigen Regimenter erwartet würden, deren Chef der Kronprinz sei, als jeder Begründung entbehr end. Der Kronprinz werde, wie alljährlich, den Geburtstag in ländlicher Zurückgezogenheit im Kreise seiner Familie verleben. — Der Profestor und Komponist Würft ist gestern gestorben. — Die „Nordd. Allg. Ztg “ sagt: Die Besprechungen Schlözers hätten jedenfalls die Basis erkennen lasten, welche die Kurie zu betreten geneigt sei Darüber, wie weit diese Basis deutscherseits annehmbar sei, müsse das Ministerium Beschluß fasten; da aber die Negierung gesetzlich an den Zustand gebunden sei, über welchen sich eie Kurie beschwere, so müste die Regierung solche Vollmachten erlangen, welche eine Aende- rung deS gesetzlichen Zustandes in einigen Beziehungen an« zubieten gestalteten. An sich sei auch denkbar, daß die Regierung erst in Rom unterhandele und mit dem Ergebnis vor den Landtag trete. Für einen in Rom fertig gebrachten Ausgleich glaube das Centrum stimmen zu können und dabei die Nationalliberalen und Freikonservativen von der Regierung abzudrängen. Dieser Gang sei aber nicht in Aussicht genommen. — Die Vorarbeiten für den preußi- fchen Staatshaushalt sind jetzt vollständig zum Abschluß gelangt und haben zu dem Ergebniß geführt, daß die Finanzlage als eine erwünschte zu bezeichnen ist. Trotz deS Steuererlasses von 14 Millionen Mark hat die Finanzverwaltung allen irgendwie gerechtfertigten Anforderungen zu entsprechen vermocht. Ganz besonders hat matt sich im Ressort der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Ange- legenheiteti, wie nicht minder in jenen der öffentlichen Arbeiten und der Landwirtschaft von den Bewilligungen deS Finanzministers befriedigt gezeigt. Die bisher in dieser Richtung geäußerten Bedenken haben sich alö ungerecht, fertigt erwiesen. — Der hiesige Provinzialsteuerdirektor Hellwig erläßt int „Reichs-Anzeiger" folgende Bekanntmachung : „Da die Bestimmung in § 7a des Reichs- stempelgesetzes, wonach zu Schlußnoten rc. gestempelte Formulare zu verwenden sind, tu den beteiligten Kreisen ver- sckiedentlich eilte unrichtige Auslegung gesunden zu haben scheint, so mache ich hiermit darauf aufmerksam, daß nach der erwähnten Gesetzesstelle in Verbindung mit der Be- stimmung iin letzten Absatz des § 7 die Versteuerung von
Der lange und bange Winter mit seinen kurzen Tagen war glücklich, vorüber, der Monat März brachte in der Natur, die ersten Frühlingsboten, die Schneeglöckchen, da wurde im Röselshofe alles blank geputzt und gescheuert, als wenn man sich zu einer besonderen Festlichkeit vorbereitete. Und so war eS hier auch der Fall.
Zwei Tage darauf, am Sonntag Nachmittag noch dem Gottesdienste, schritt der Pfarrer des Orteö in vollem Ornat mit dem Lehrer, welch letzterer zugleich das Amt eines Kirchners verwaltete, durch das Dorf auf den NöfelShof zu. Beide traten rafelbst ein und fanden bereits eine kleine Versammlung im festlichen Kleide vor. — Es waren die vom Röselshcfbauer geladenen Zeugen, tic fein vor zehn Tagen geborenes Töchterlein aus der Taufe heben sollten.
Die glückliche Mutter war wieder wohlauf und hatte sämtliche Vorbereitungen zur Taufe, ebenso wie zum splendiden KinetaufSschmause selbst getroffen.
Die heilige Handlung war bereits vorüber, das Kind hatte die Namen'Franziska Pauline erhalten, man befand sich gerade beim Schmause in heiterster Stimmung, da ertönte draußen vom Hose her ein Lärmen und Schreien von Kindern.
Ter geistliche Herr erhob sich, blickte hinaus in den Hof und sah, daß ein langer Mann mit sonnenverbranntem Gesichte und großem Dollbart das Hofthvr, durch welches er eingetreten war, wieder schloß und mehrere Knaben, die ihm folgen wollten, energisch zurückwies. Es klopfte an die Thür, diese wurde geöffnet und herein in das Zimmer trat der braune, vollbärtige Mann, in dessen Zügen sich beim Erblicken der heiteren und festlichen Verfammlung mit dem Pfarrer an der Spitze große Erregung kundgab. Da
plötzlich trat Rösel aus der Küche herein ins Zimmer und mit dem Ausrufe „Gottfried!" sank sie ohnmächtig zu Boden.
Ja, der leibliche, von seinem Weibe so zärtlich geliebte und als tot tief betrauerte Gottfried war es, ter gerade in F. angekommen war, als man in feinem Hause Kind- taufsfckmaus angerichtet hatte.
Armer Gottfried, armer Heinrich I — Beide drückten sich wie früher als eckte Freunde die Hand. Bereits hatten sie fick durch Blicke verstanden und versprachen sich wohl im Guste eine noch glückliche Lösung des furchtbar über sie herreingebrochenen Verhängn ffes.
Rösel war bald wieder zu sich gekommen und setzte sich neben ihren Gottfried zur andern Seite den Heinrich.
Auf allgemeines Bitten und ganz besonders auf Wunsch des Pfarrers erzählte nun Gottfried seine Leidensgeschichte, wie wir sie in der Hauptsache schon kennen, und sämtliche Kindtaufsgäste saßen bis nach Mitternacht beisammen, ehe sie sich trennten, auch der Geistliche und der Lehrer hatten bis zum Ende von Gottfrieds Erzählung ausgehalten und verschiedene Male über die seltsamen Wege Gottes ihre Verwunderuna zu erkennen gegeben. —
Selbstverständlich konnte die Rösel nicht beide Männer behalten und beide Männer nicht wieder ein und dieselbe Frau haben, und so erklärte denn Heinrich, daß er sogleich das Haus verlassen und dem Gottfried die demselben gebührenden Rechte einräumen wolle.
Der sofortigen Ausführung dieses Entschlusses widersetzte sich aber Gottfried, er wollte erst die fatale Angelegenheit anderweit geregelt wiffen und bat daher den Heinrich, noch so lange Zeit im Hofe zu verbleiben.
Auf Gottfrieds und Heinrich« Antrag bei der bezüg«
Medergesuudeu.
Novelle von Julius Gündel.
(Schluß.)
Vier Wochen darauf beugten in der Kirche zu F. zwei liebende Herzen vor Gott ihre Kniee und empfingen zum ehelichen Bunde den priesterlichen Segen. ES waten die Witwe Gottflied Sck., Therese Sch., geborene M. und der Weber Heinrich L, nunmehr RöselShofsbauer.
Die Neuvermählten lebten ruhig und bescheiden, allein für sich und ihre Wirtschaft, gedacht n noch oft ihres geliebten Gottfried unk vergaßen auch nicht den Spruch des Geistlichen, den er ihnen auf den Lebensweg mitgegeben hatte Halt Gott vor Augen und im Herzen, auf daß ihr in keine" Sünde williget, noch thut wider Gottes Gebot!"
Wohl kaum hätten sie noch gewagt, irgend einen Wunsch zur Erhöhung ihres Glückes auszusprechen, oder auch nur zu denken, da der himmlische Vatcr ihr ganzes Thun wunderbar segnete und vor jeder Unbill behütete. Durch beiderseitigen Fleiß und dauernden Frieden brachten sie es tüchtig vorwärts, denn die Scheuer war gefüllt, der Viehstand war ein vorzüglicher und die Truhe barg hübsche blanke Thaler; auch hatte sick im Dorfe unter ben Cin= wohnern die ehemalige Mißgunst gegen Rösel und Heinrich in das gerade Gegenteil, in eine ganz besondere Achtung umgewandelt.
Wohl kam es vor, daß in den Augen der jungen Frau, wenn sie an langen Winterabenden mit ihrem Heinrich allein im Zimmer saß und sie der letztvergangenen Jahre gedachten, zuweilen noch eine Thräne perlte, welche aber unter dem wohlthuenden Eindruck eines so braven Mannes, wie Heinrich cö war, schnell im häuslichen Gluck zerrann.