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V Die Thaten des Liberalismus.
Wenn in den Kreisen der Wähler der Fortschritt und Liberalismus überhaupt jetzt kurz vor den Wahlen dadurch Anhänger zu werben sucht, daß er sich auf seine „Thaten" bcmsi und dem Volke vorsagt, als seien demselben von liberaler Seite bereits die größten Dienste erwiesen worden, so dürfte es denn doch nicht uninteressant sein, sich diese „Thaten" etwas näher anzusehen und zu zeigen, daß der Liberalismus bisher noch nichts geleistet hat, wodurch er sich ein Anrecht auf den Dank des Volkes erworben hätte.
Gehen wir zurück bis zum Jahre 1862, als Fürst Bismarck in das Ministerium eintrat, so sehen wir, daß schon damals der Liberalismus kein Vertrauen zu unserem leitenden Staatsmanne haben wollte. Nach den damaligen Aussprüchen der fortschrittlichen Demagogen sollte die Zeit der höchsten Erniedrigung für Deutschland und Preußen gekommen sein, während sich gar bald erwies, daß das gerade Gegenteil von dem, was ter Liberalismus vorauS- sagte, eintraf. Unermüdlich waren die Radikalen beflissen, das Volk durch falsche Prophezeiungen und erdichtete Schild derungen auszuwiegeln, und vor dem Kriege gegen Dänemark, zu dem sie selbstredend die Mittel verweigerten, gefielen sie sich in der Voraussagung: „Ein glücklicher Ausgang dieses Krieges sei unter keinen Umständen zu erwarten."
Die Siege bei Missunde, Alsen, Düppel rc. widerlegten in kürzester Zeit die falschen Propheten, und auch hi. r erwies sich also die B hauptung des Liberalismus als gänzlich unzutreffend.
Dann hieß eß aus fortschrittlichem Munde, unser leitender Staatsmann Bismarck wolle für die russische Erbfolge in den Herzogtümern Schleswia - Holstein eintreten und gleich darauf wieder, Schleswig-Holstein solle gebunden an Dänemark überliefert werden, bloß weil Bismarck Deutschland regiere. ,
Als das Jahr 1866 kam, veranstaltete der Liberalismus überall Versammlungen, in welchen gegen den Krieg protestiert wurde. Der unrettbare Verfall Preußens und Deutschlands wurde von den Liberalen für den Fall des Krieges vorausgesagt. Und nun? Deutschland steht mächtiger als jemals in der Geschichte da; die liberalen Weissagungen haben sich nicht erfüllt, und wenn der foit- geschrittcne Liberalismus zuerst die Verfassung des norddeutschen Bundes und später jene deS deutschen Reiches oblehnte, so hat er durch solche „Thaten" zur Genüge bewiesen, daß er weder Herz noch Vcrständniß für die Macht, Ehre und Würde unseres großen Vaterlandes besitzt, daß der Untergang desselben erwünschter gewesen wäre, weil dieser seine falschen Voraussagungen bewahrheitet haben würde.
Trotz tiefet unumstößlichen Thatsachen wagt es nun der Liberalismus noch täglich, sich als den wahren Freund
des Volkes, als den Träger der monarchischen Gesinnung, als den treuesten Anhänger der Krone in den Augen deS Volkes hinzusteven. Daß auch dieser Versuch nichts alö Spiegelfechterei ist, geht ebenfalls aus dem früheren Verhalten des Liberalismus hervor.
Wenn man sich der Ereignisse beß Jahres 1848 erinnert, so wird unS die Thalsache ins Gedächtnis; gerufen, daß es der Liberalismus war, der auf ven Barrikaden kämpfte, daß er in der Residenz seines Königs die Soldaten dieses seines Königs erschießen ließ und die Leichen der gemordeten Krieger triumphierend am Palais deS Monarchen vorüberführte.
Wahrlick eine eigentümliche „monarchische" Gesinnung des fortgeschrittenen Liberalismus. An das Palais des damaligen Prinzen von Preußen, unseres jetzigen erhabenen Kaisers, heftete man ein Plakat mit der Inschrift „Nattonal- Eigentum" an und Herr Schulze-Delitsck, der Führer der Fortschrittspartei, erklärte öffentlich: „Das Königtum von Gotteß Gnaden sei bankerott!" Bei allen für Preußen wichtigen historischen Gedenktagen fehlten tie Fortschrittler und der eben erwähnte, vom gesamten Liberalismuß so hoch gefeierte Herr Schulze aus Delitsch wollte bekanntlich sogar „Preußen den Großmachtskitzel austreiben".
Was wäre aus Preußen, waß aus Deutschland geworden, wenn diese „monarchische" Gesinnung des Liberalismus den Sieg davon getragen hätte?!
Oder war es etwa ein Beweis „monarchischer" Gesinnung, daß die fortschrittlichen Berliner Stadtverordneten sich im Jahre 1863 weigerten, zu dem Leichenbegängnis des Prinzen Friedrich von Preußen eine Deputation zu entsenden? Gab sich in der Aeußerung des Aög. Gneist, daß die von unserem teuren Könige selbst geschaffene Armee-Reorganisation „daö Kainszeichen an der Stirn trage" etwa eine „monarchische" Gesinnung kund?
Wird aber endlich nicht die Behauptung des fortgeschrittenen Liberalismus, daß er die treueste Stütze der Monarchie sei, in ganz eigentümlicher Weise durch den Ausspruch beß fortschrittlichen Königsberger Abgeordneten Dickert in einer in den siebziger Jahren abgehaltenen Versammlung eines Berliner Bezirksvereins illustriert, der dahin lautete: „Das Ziel der Fortschrittspartei sei darauf flcrid tet, auf gesetzlichem Wege die Republik anzustrcbm" l?
Wer nach solchen „Thaten" des Liberalismus den Versicherungen desselben noch Glauben beimesfen sollte, der will überhaupt nicht sehen. Geschaffen hat dieser Liberalismus bisher nichts für die Macht und Größe unseres Vaterlandes und eben so wenig werden uns ersprießliche positive Leistungen von dieser Seite für die Zukunft in Aussicht stehen.
Die bisherigen „Thaten" des Liberalismus richten sich von selbst und wer für das wahre Volkswohl f in tret, n will, kann unmöglich mit diesem Liberalismus gehen, weil
er in seiner ganzen Vergangenheit bewiesen hat, daß seine „Thaten" dem deutschen Volke niemals zum Segen gereichen würden.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Okt. Die Reichsregierung geht damit Nm, ein Statut auszustellen, welches für die auf Grund der 88 97 ff. der Gewerbeordnung (in der Fassung des Gesetzes vom 18. Juli 1881) neu zu bildenden Innungen als Muster zu dienen geeignet ist und nach welchem ältere JnnungS- statuten umgearbeitet werden können. — Zu den Verhandlungen wegen deS ZollanschluffcS von Bremen werden sich der Finanzminister Bitter und ter Staatssekretär Scholz für einige Zeit nach Bremen begeben. — Professor Adolf Wagner sagte in seiner letzten Wahlrede unter anderem: Geheimrat Engel habe einmal die Verstaatlichung der Eisenbahnen persifliert und gesagt, nächstens komme es noch so weit, daß man jeden Morgen vom Turm bläßt: „Heute giebt^ Knödelsuppe." So absurd und lächerlich daö erscheine und so unwahrscheinlich baß sei, so dürfe man doch nicht verkennen, daß vieles, was früher ebenso unmöglich und lächerlich war, jetzt zur allgemeinen Geltung gekommen sei. Es komme dabei viel mehr auf die technische Möglichkeit und Billigkeit an, als auf vorgefaßten Meinungen und Redner würde fick auch gar nicht schämen, dieselbe Suppe zu essen wie alle andern, wenn sie von der Kommune bester und billiger hergestellt werden könnte als von den einzelnen. Der Kanzler will prinzipiell für die Ausführung neuer Gesetze Staatsmittel bewilligt wissen und Redner steht ganz auf dem Standpunkte beß Kanzlers. Herr Wagner setzte sodann auseinander, daß man nicht wisse, ob die ganzen Kosten des StaatszuschusscS zur Arbeiterverstcherung vom TabakSmonopol gedeckt werden sollten und könnten. Gewiß sei nur, daß der Ertrag der Tabakssteuer nach den Plänen des Kanzler nie dazu verwendet werden solle. — Der Justizminister hat durch Verfügung vom 29. v. M. die Mitwirkung der Gerichtsvollzieher bei freiwilligen Versteigerungen dahin neu geregelt, daß vor allem eine Täuschung beß Publikums vermieden werde. Begründet wird die ’J’.norbmuiß damit, daß nicht feit n die Geschäftsleute der Hilfe der Gerichtsvollzieher zu Veranstaltungen von Waren - Auktionen sich bedienten, die nur zu dem Zwecke veranstaltet werden, um entweder auf Kredit entnommene Waren in betrügerischer Absicht zu Sehleuderpreifen zu versilbern oder schlechte unv gering vertigcWaren unter Umständen darzubieten, welche tie Erzielung eines unverhältnismäßig hohen Erlöses verheißen. Dem bezeichneten Auktions-Unwesen soll aber auch nicht mittelbar ein Vorschub durch die Mitwirkung der Gerichtsvollzieher geleistet werden. — Die Ernennung beß bisherigen Landrc ts des Kreises Lübben, v. Puttkamer, zum Landesdirektor von Waldeck ist bereits
Wiedergefuudeu.
Novelle von Julius Günbel.
(Fortsetzung.)
Draußen in Frankreich schlng man sich noch bei grimmiger Kälte, jeden Zoll breit Landes mußten die Deutschen sich blutig erkämpfen.
Da eines Tages brachte der Briefträger einen Brief für Rösel, aber ohne vorher von Weitem ein Zeichen ge- geben zu haben.
ES war ihr eigener letzter Brief an Gottfried.
Die ganze Rückseite beß Briefes war beschrieben. Drauf stand: „Adressat versetzt zu . . . Regiment, .... Armee- korpS," und so ähnlich hieß es darauf noch dreimal, uno am Ende war zu lesen: „Adressat soll bet . . . im Kampfe mit FranctireurS gefallen und in Feindeshand geblieben fein."
Diese Nachricht schien für Rösel den Tod zu bringen.
Wie ein Lauffeuer ging eß von Mund zu Mund, durch baß ganze Dorf: „Der Röselhofsbauer ist tot !"
Heinrich war der Erste, welcher eß für seine Pfltck t hielt, sogleich zu Rösel zu eilen und ihr den Trost zu geben, dessen sie so sehr bedurfte. Ta saß sie das atme Weib, laut jammernd die Hände ringend, als Heinrich ein- trat, und hatte derselbe seine ganze UebcrredungSkunst auszubieten, um Röjels Schmerzensausbrüche in eine ruhigere Bahn zu lenken. Noch immer stellte Heinrich der Rösel die Möglichkeit vom Leben beß Gottfried vor und vertröstete sie auf daß Ende des Krieges.
Rösel aber legte Trauerkleidcr an und hielt sich von dieser Zeit an für eine unglückliche Witwe, — für daß unglücklichste Weib von der Welt. Bleich und abgezehrt schlich sie im Hause umher und sand einzig und allein
ihren Trost bei Gott, dem Trockner aller Thräncn, dem Stiller allen Kummers.
Der rauhe W itter war vergangen, der Frühling war angebrochen und mit ihm in der Natur Alles zu neuem Leben erwacht. Mit dem üppigen Grünen und Blühen in Feld und Au zog auch so manchem Menschen neues Leben ins Herz, zog auck bei vielen Menschen neue Hoffnung, frischer, froher Mut ein. — Nicht so ganz war dies bei Rösel der Fall. Ter ihr am Herzen nagende Wurm des Kummers und beß Schmerzes wollte nicht wieder weichen.
Beim Bestellen der Felder hatte wie im Jahre vorher ter Nachbar Heinrich wieder wacker miigeholfen, ebenso denn im Sommer bei der Ernte, und man hatte kaum mit derselben begonnen, da feierte man durch ganz Deutschland das Friedensfest.
Die Armee war heimgekehrt, die heldenmütigen Krieger hatten fast allerorts in den heimatlichen Garnisonen feierlich Einzug gehalten. Jubel ob des glänzenden Sieges über den fränkischen Feind hallte durch ganz Deutschland wenn auch vielseitig mit manch bitterer Klage über den verlorenen Freund, verlorenen Sohn und Bruder und über den gefallenen Gatten oder Bräutigam vcrmmgt. — Bei aller Freude viel, unendlich viel Trauer! Den Haupttrost über den Verlust ihrer Teuren suchten die Meisten in dem AuSspruche: „Er starb für’ß große und endlich geeinigte Vaterland!"
Wohl Allen, die vielleicht wenigstens einen Gegenstand, welchen der Teure bis zu seinem jähm Tode getragen, ober bie doch gewisse Nachrichten über die Art und Weise des TodeS oder das Schicksal beß Geliebten hatten.
Rösel batte auck gar nichts weiter, als ihrm eigenen, nicht an seine Adresse gelangten Brief. Sie zog alle nur
denkbaren Erkundigungen ein, die indes; sämtlich ohne Erfolg blieben.
In keinem Gefangenen-Depot in Frankreich war Gottfried zu finden, nirgends wußte man etwas von ihm, so daß schließlich die Aussagen einiger Kameraden, welche in Gottfrieds Nähe mitgekämpft haben wollten, glaubhaft erschienen ; hiernach konnte er nur gefallen und in ein Massengrab mit toten Gegnern vereint gekommen sein.
Zu Beginn des Jahres 1872 erhielt Rösel als Bestätigung des Todes ihres Gottfrieds den Totenschein, und mit dem Eintreffen desselben wurde ihr auch jede Hoffnung jgenommcn, wurden bd ihr auch alle Zweifel gehoben. ___________
Für den RöselShof war beim Bestellen der Felder, wie überhaupt in der ganzen Wirtschaft bet Nachbar Heinrich unentbehrlich geworren.
Der treue, biedere Nachbar, der uneigennützige Ratgeber war für die Rösel ein wahrhaft teur.r Freund und so erschim eß der Rösel auch gar nicht so befremdend, als er zu ihr im Mai, nachdem er eines Vormittags von bett Feldern deS RöselShofeS, die er besichtigt hatte, hereinkam in bie Wohnstube und vor sie hintrat und sprach: „Rösel, Deine Trauerzeit ist um, Deine Wirtschaft braucht einen Mann als Leiter, benn so wie jetzt kann eS ber Leute halber nicht fortgehen. — Rösel, meine liebe Rösel, willst Tu mich zum Dianne nehmen, willst Du mein liebes Weib werden?" Rösel sah ihm in seine treuen Augen, die das eben Gesagte nur zu deutlich wiederholten und schlug ein in die dargebotene Rechte! — Den Verhältnissen ent, sprcchcnd gab es im Röselshofe jetzt ein glückliches Paar. — (Schluß folgt.)