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Jltarßurg, Sonntag, 9. Oktober 1881.

XVI. ZhlM,

37 r. 237.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u. Co. in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M; Laasenstein u. Vogler in zrantfurt a. M., Berlin, Leipzig. Köln k. ; Rudolf Msse in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

GkWslhk ZitllW.

Anzeigen nimmt entgegen;; die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co. in Frankfntta. M.; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin: W. ThicneS iU Elberfeld; E. Schlotte in

Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (R o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 21/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Woche« - Ueberficht.

Die politischen Ereignisse der abgelaufenen Woche sind nicht von Belang. In unserem Vaterlande nehmen selbst­verständlich die bevorstehenden Reichstagswahlen das Hauptinteresse in Anspruch, und es dürfte wohl kaum sich in früherer Zeit eine so rege Agitation bei allen Parteien gezeigt haben, wie bei dieser Wahl. Schon jetzt über den etwaigen Ausfall derselben Kombinationen anstellen zu wollen, wäre sehr gewagt, wenn auch die Annahme nicht unberechtigt erscheint, daß den Konservativen wohl ein er­freuliches Plus an Sitzen zusallen, die nationalliberale Partei aber diesmal die Kosten zu tragen haben wird. In wenigen Wochen fällt die Entscheidung und wir können nur dem Wunsche Raum geben, daß noch in der zwölften Stunde Alles aufgeboten wird, um überall den konser­vativen Kandidaten den Sieg zu verschaffen.

Der Umstand, daß die Verhandlungen mit Rom augen­blicklich ruhen, darf durchaus nicht so angesehen werden, als ob dieselben ins Stocken geraten seien. Nachdem Herr v. Schlözer nach Washington gereist ist und Herr v. K e u d e l l in Deutschland weilt, kann selbstverständlich in diesem Augenblicke nicht von direkten Verhandlungen die Rede sein. Fest anzunehmen ist aber, daß an maßgebender Stelle inzwischen sehr eingehende Erwägungen über die Schlichtung der Differenzen zwischen dem Staate und der katholischen Kirche stattfinden und daß mit jedem Tage die Aussicht wächst, die gänzliae Beilegung des sog. Kultur­kampfes bald als vollendete Thatsache begrüßen zu tonnen.

Die Landtagswahlen in Baden haben ein der libe­ralen Partei ungünstiges Resultat geliefert. Nach einer vorläufigen Zusammenstellung haben die Nationalliberalen 8 Sitze verloren, 1 gewonnen, also einen Verlust von 7 Sitzen zu verz ichnen, die Ultramontanen haben 4 Sitze mehr als bisher (5 gewonnen, 1 verloren), die Demokraten 2, die Konservativen 1 Sitz gewonnen; als zweifelhafter Bezirk wird noch Thüngen-Vonudvrs bezeichnet, doch hofft man dort noch den liberalen Kandidaten durchzubringen (des jüdischen Feiertages wegen wurde in mehreren Be­zirken die Abgeordnetcnwahl vom 3. auf den 4. verlegt). Rechnet man die noch in der Kammer verbleibenden zu den neugcwählten Abgeordneten, so wird sich das Partei- Verhältnis im künftigen Landtage wie folgt gestalten: 36 Liberale, 19 Ultramontane, 5 Demokraten, 3 Konser­vative, während es bisher waren: 43 Liberale, 15 Ultra­montane, 3 Demokraten, 2 Konservative. Obgleich die Liberalen hiernach noch immer die Majorität in der Kam­mer besitzen werden, so klagen die liberalen Blätter doch ganz gewaltig über „mancherlei Erscheinungen", welche bei den diesmaligen Wahlen hervorgetreten sein sollen.

Die österreichisch-ungarische Zollkonferenz hat den größten Teil dcs Zolltarifs bereits erörtert. Dem

Wiedergefundeu.

Novelle von Julius Gündel.

(Fortsetzung.)

Rösel hingegen war zu Hause in ihrer Wohnstube und hatte das B.'sche Wechcnblatt vor sich, die neuesten Nach­richten vom Kriegsschauplätze lesend. Manche Thräne netzte das ZeiiungS latt, und hätten die böszungigcn Zecher in dem Wirtshause sie so dasitzen sehen, die fromme Dulderin, hätten sie das treue, sittsame Weib in der Wirtschaft schalten und walten sehen, das anzuschauen nur eine Freude war, sie hätten sicher auch nicht die leiseste Beschuldigung aus­gesprochen. Aber wie sich so oft sogleich 10 andere finden, die, wird auf Jemanden ein Stein geworfen, mit nach­werfen, so erging eö auch der armen Rösel.

Von dem Tage des Erntefestes an hatte sich im Dorfe eine Partei gebildet, die der Rösel, wie man sich auszu­drücken pflegt, gern Eins ans Zeug geflickt hätte. — War cs der Neid, oder was war es sonst? — Mit wahren Luchsaugen bewachte man im Dorfe den RöselShof, und hatte sich Heinrich einmal In demselben gezeigt, um seiner Nachbarin zu raten oder zu helfen, gleich gab es böse Zungen, welche die ärgsten Reden über die Rösel und den Heinrich von Mund zu Mund trugen, und dies wurde so arg, daß die Mägde des Röselshofcs, die mit wahrer Ver­ehrung an ihrer Herrin hingen, letztere von dem häßlichen Gerede in Kenntnis setzten.

Der gequälten Rösel, die wie darüber aus den Wolken gefallen war, blieb nichts übrig, als den Nachbar Heinrich zu bitten, nicht mehr in den Röselshof zu kommen, und wenn sie bei ihm etwas zu erfragen hatte, so schickte sie von nun an eine ihrer Mägde oder den Knecht zu ihm.

„Fremdenblatl" zufolge soll von allen Seiten die Not­wendigkeit konstatiert worden sein, für die aus Deutschland in größeren Quantitäten eingeführten Artikel die Zollsätze zu erhöhen. Wenn diese Nachricht sich bestätigen sollte, so kann cs keinem Zweifel unterliegen, daß Deutschland alsbald zu ähnlichen Maßregeln bezüglich der aus Oester­reich-Ungarn in Deutschland eingeführten Artikel schreiten wird.

Aus Frankreich ist die Nachricht eingegangen, daß' das Kabinet beschlossen habe, noch vor Zusammentritt der Kammern seine Entlassung zu nehmen, damit zum 28. Oktober das neue Kabinet konstituiert sei. Man zweifelt kaum daran, daß Gambetta der Leiter des neuen Mini­steriums werden wird, aber sehr viel Annehmlichkeiten wer­den demselben schwerlich aus dieser Erbschaft erwachsen, da cö klar zu Tage liegt, daß nur der Stand der tunesischen Angelegenheiten das alte Ministerium zu so eiligem Rück­züge bestimmt hat. Die „Justice" sagt geradezu, das Ministerium beeile sich mit seinem Rückzüge, um der Ver­antwortlichkeit zu entwischen: daS werde ihm aber nichts helfen; man werde schon Mittel finden, die Verantwort­lichen, die durchbrennen möchten, beim Kragen zu fassen. Es ist daher nicht unmöglich, daß die Absicht Ferrys doch noch an dem Widerstande GambettaS scheitert. Für den 28. Oktober ist eine große revolutionäre Maffenkund- gcbung auf freiem Platze geplant. Es fragt sich, wie Gambetta sich zu derselben verhalten wird, ob er dieselbe unterdrückt oder gewähren läßt. Man daif hierauf mit Recht gespannt sein.

Die Blätter wissen schon wieder von der beabsichtigten Abreise des Pap st es aus Rom zu melden. Der Papst soll sich französischen Blättern zufolge ganz bestimmt in diesem Sinne geäußert haben, während die in Wien erscheinende „N. fr. Pr." zu melden weiß, der Papst habe geäußert: man müsse die Revolution mit allen Mitteln bekämpfen, sonst würde er zur Wahrung der Würde des Pontifikats Rom verlassen müssen.

Der Frieden Englands mit dem Transvaal ist geschlossen; am 8. August haben die englischen Kolonial­behörden dem Boercu-Triumvirat die Verwaltung des Lan­des übergeben, doch fehlte dem Friedensinstrumcnt, das die Unterschriften der englischen Kommissare wie der proviso­rischen Regierung des Transvaals erhalten hatte, noch die Ratifikation iurch die Volksvertretung der Boeren. Zu diesem Behufe trat der am 15. September neu gewählte Volksraad am 23. desselben Monats in Pretoria zusammen. Es drangen über die Debatten nur spärliche Nachrichten nach Europa, doch stimmten alle Meldungen mehr ober weniger darin überein, daß die Konvention mit England auf starken Widerstand im Volksraad stoße, gleichzeitig aber wurde die Erwartung ausgedrückt, daß der FriedenSvcrtrag genehmigt werden würde, wenn auch unter Protest. In

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Lieb war es ihr freilich nicht I Hatte sie doch gar zu gern mit ihm von ihrem Gottfried gesprochen und hatte et doch immer wieder einen Grund dafür zu finden gewußt, wenn sie ihm ihre Angst wegen des Ausbleibens jeder Nachricht von Gottfried mitteilte.

Diese Herzenc angst wurde aber mit jeder Woche, deren keine ihr Nachricht von ihrem Manne brachte, schlimmer. — Sehnsüchtig erwartend nahm sie jeden Morgen ihren Platz vor'm Nähtisch am Fenster ein, von dem aus sie weithin den von dem nahe gelegenen Städtchen L. in das Dorf führenden Weg übersehen konnte, ob der Briefträger bald kommen und ihr das verabredete Zeichen, falls er für sie einen Brief von Gottfried habe, geben möchte? — Aber all ihr Hoffen war umsonst. — Der Briefträger kam wohl alle Tage ins Dorf, auch wöchentlich dreimal herein in den Röselshof, um das Wochenblatt abzugcbcn, aber die heißersehnte Nachricht von ihrem Gatten blieb aus.

So war der Herbst hcrangekommen, der Wind strich rauh über tie Stoppeln, die Bäume hatten ihren herrlich grünen Schmuck verloren, nur noch die Astern im Garten blickten stolz auf ihre dahingestorbenen Sä Western herab; kühle und regnerische Tage waren auf schöne warme Sonnentage gefolgt, die gefiederten Sänger hatten zumeist bereits ihre großen Masscnwanderungen in wärmere Gegenden angetnten und ebenso trübe, öde und traurig wie in ter Natur war cs jetzt wieder im RöselShofe geworden.

Hatte Rösel ihre Tagesarbeit vollbracht und war sie am Abend noch manchmal im Kuhstall gewesen, so' trug sie sich bann in der Wohnstube den Tisch an die Ofenbank, zündete die große Lampe an und nahm selbst auf der Bank Platz, um daS Allcrneues« in der Zeitung zu studieren.

der vorigen Woche setzte der Volksraad nach mehrtägige» Verhandlungen eine Kommission nieder mit dem Auftrage, am 3. d. dem Plenum über den Wert der Konvention Bericht zu erstatten. Eine Depesche auS Pretoria besagt folgendes: „In Uebereinstimmuug mit den Instruktionen des VolkSraadS hat die Regierung der Boeren der englischen,. Regierung eine Depesche zugehen lassen, in welcher sie er­klärt, daß die Konvention mit England dem Vertrage von Sandriver zuwiderlaufe. Gleichzcttig wird gegen mehrere Artikel der Konvention Protest erhoben und eine Modist-. kation derselben verlangt." Darnach gewinnt cö den An­schein, daß die Konvention mit England von dem Volks­raad bis jetzt weder angenommen noch verworfen woroen ist.

Conkling, der Störenfried in bet republikanischen Partei bet Vereinigten Staaten, hat abermals eine große Nieberlage in seinem engeren Heimatsstaat erlitten. Die republikanische Konvention bes Staates Newyork trat, wie eine Newyorker Depesche melbet, zusammen und wählte mit großer Majorität ben Senator Miller, besten Wahl von den Anhängern Conklings bekämpft würbe, zum Präsidenten. Diese Wahl gilt als Beweis dafür, daß die Anstrengungen Conklings, die politische Suprematie wieder zu erlangen, gescheitert sind. Miller hielt eine Ansprache in versöhnlichem Sinne, in welcher et zur Unterstützung deS Präsidenten Arthur, über den er sich rühmend aussprach, aufsorderte.

Deutsches Reich.

•• Berlin, 7. Okt. Seitens des Reichskanzlers ist die Herstellung einer statistischen Ueberficht über die Ergebnisse der bevorstehenden Reichslagswahlen ungeordnet und dabei nicht bloß die thunlichste Beschleunigung anempfohlen, sonder» auch noch hervorgehoben worben, baß auf eine möglichst ge­naue Angabe ber Parteistellung aller einzelnen Wahlkan­didaten besonderer Wert gelegt werde. Das diesmalige Formular unterscheidet sich in ber Hauptsache von dem bei früheren Wahlen gebrauchten dadurch, 1) baß die Spalten, in welchen die Verteilung ber Wahlberechtigten nach den Rcligionöbekenntniffen nachgewicsen wurde, sortgelasten find, nachdem bisher bereits die bezüglichen, unvollständig und unsicher gebliebenen Angaben bei der Zusammenstellung durch den Nachweis bet ReligionLverhältnisse der gesamten Be­völkerung der Wahlkreise nach Maßgabe der Ergebnisse der allgemeinen Volkszählung zu ersetzen gewesen find; 2) daß die Erläuterung zur Ueberschrift der Rubrik, betreffend die Parteibezeichnung der Wahlkandidaten, int Hinblick auf den inzwischen einqetretcnen Wechsel ber Parteistellung geändert worden ist; 3) daß die erste Anmerkung auf bem Schema in dem Sinne geändert ist, daß in die Ueberficht nicht mehr daS Ergebnis aller Wahlen bis zur erfolgten Entscheidung, sondern — tote bereits bei den Wahlen von 1878 geschehen, daS Ergebnis der ersten Wahlen besonders aufzunehmen ifi,

Mil Zittern und Zagen durchlas sie jedesmal die Verlust­listen. Hiernach mußte ihr Gottfried wenigstens noch unter den Lebenden sein, denn nicht eine einzige Verlustliste hatte ihn in ihren Spalten webet unter ber Kategorie ber Der» wunbeten noch unter ben Gefallenen aufgcführt. Es blieb mithin für sie nur die Annahme übrig, daß Gottfried vom Feinde genommen worben sei und vielleicht nicht in die Heimat schreiben dürfe. Sie hoffte sich hierüber noch immer Gewißheit zu verschaffen und beschloß, ihm noch einen Brief zu schreiben.

Der nächste Tag fand sie bei ber Ausführung ihres Vorsatzes.

Noch einmal öffnete sie in einem herzlichen Schreiben an ihren Gottfricb jede Falte ihres Herzens, noch einmal tränkte sie baö Papier reichlich mit Thränen, schilderte noch einmal ben ganzen Zustand der Wirtschaft. Sie verschloß, nachdem sie ihren Gottfried am Schluffe wiederholt ihrer unwandelbaren Liebe und Treue versichert, den Brief in einem Couvert, siegelte dasselbe noch mit ihrem Petschaft zu und legte, nachdem sie sich noch einmal von ber Richtig­keit ber Adresse auf dem Briefe überzeugt hatte, benfelben für ben am andern Morgen kommenden Briefträger zurecht.

Seit Absendung diese« letzten Briefes waren gegen 6 Wochen vergangen, Rösel hatte mit Ausnahme ber Sonn­tage, an welchen sie in ber Kirche bei Gott Mut und Kraft suchte, ihren Bauernhof nicht verlaffen; auch Heinrich war fleißig am Webstnhle unb miet» jeben Besuch im RöselShofe; ebenso hatte auch bas üble Gerede über Rösel unb Heinrich im Dorfe nachgelassen. Weihnachten war herangekommen und für Rösel ganz still verlaufen; jetzt schrieb man bereits Januar 1871. —

(Fortsetzung folgt)