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Marburg, Sonnabend, 8. Oktober 1881
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«.„eigennimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux j, Th- Dietrich u. Co. in s'affel und Hannover; Th. Dietrich m Frankfurt a M; Laasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig- Köln rc-; Rudolf »Zoffe in Berlin, Frankfurt a. M- rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von ® 8. Daube u. Cb. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Gonutagsblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2y4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnserkionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Fürst Bismarck ein Sozialist. I.
Unserem Ncichskanzler wird in den feindlichen Blättern *) und Kreisen oft der Vorwurf gemacht, daß er Sozialismus treibe; dabei wird von einigen wohl wissentlich, von den meisten unbewußt, zweierlei mit einander verwechselt und zusammeng worsen, was himmelweit verschieden ist, nämlich Sozialismus überhaupt, in seiner allgemeinsten Bedeutung das Streben auf Verbesserung unserer gesellschaftlichen (sozialen) Zustände, besonders des Loses der Arbeiter, und Sozialdemokratie, d. h. bad Streben nach solcher Verbesse- rung auf demokratischem Wege. Eine Hebung der sozialen Zustände anzustrebcn, ist jedes Staatsmannes Pflicht, wenn er diesen Namen verdienen und nicht lediglich in den hergebrachten Geleisen wandeln will, —sozialdemokratische Wege dazu aber zu bekämpfen, ist um so mehr geboten, als durch sie die Erreichung jenes Ziels, die Verbesserung unserer Zustände, nicht gefördert, sondern nur erschwert wird. Alle früheren Verhandlungen geben Zeugniß dafür, daß man jenen Unterschied auch auf derjenigen Seite klar erkannte, auf welcher man ihn jetzt zu verdunkeln bestrebt ist, und ferner, daß unsere Regierung, und zwar unter dem Beifall der Liberalen, die Sozialdemokratie mit dem ausdrücklichen Vorbehalte bekämpfte, eine recht soziale Politik treiben zu wollen, und daß Fürst Bismarck mit seiner jetzigen Richtung nur Die damals erteilten Zusagen erfüllt.
Daß die große Mehrheit eben die zum Umsturz führende Sozialdemokratie im Auge hatte, geht aus ihren Aeußerungen entschieden hervor. ,
Berliner sehr liberale Blätter sprachen aus, „die Sozialdemokratie (die sie bekämpfen) sei lediglich die Organisation
*) Zu unserem lebhaften Bedauern gehört auch das „Marburger Tageblatt" zu dieser Schmähpresse; dasselbe entblödet sich nickt, in seiner Nr. 233 in einem Leitartikel ,,äu den Wahlen" von „den jetzigen revolutionäre« und sozialistische« Plänen der Regierung" seinem höchst bescheidenen Leserkreis etwas vorzuflunkern. Ist beim alles RechlSgesühl aus der Leitung des Blattes gewichen?
Anmerk. d. Red.
Wie-ergefuu-e«.
Novelle von Julius Gündel.
(Fortsetzung.)
Mit fick selbst seines heutigen Tagewerks halber zufrieden, begab sich Heinrich heim in das Häuschen seiner Eltern Er war Weber, wohnte mit im elterlichen Hause und arbeitete gewöhnlich am Webstuhle, hatte aber die Land, wirtschaft ein wenig kennen gelernt, da seine Eltern ein schönes Stück Feld und auch noch zwei Kühe besaßen; seine Mutter versorgte7 die Kühe, Heinrich hingegen hatte, weil sein Vater anhaltend kränklich war, die Feldarbeit und was dazu gehörte, zu verrichten.
Der nächste junge Tag fand Heinrich schon frühzeitig auf den Beinen. Ihm war es sogar noch Vorbehalten, Leben in den Röselshof zu bringen.
Ebenso wie die letztvergangenen Tage brackte auch der heutige und die folgenden bei den Erntearbeiten denselben Geschäftsgang mit sich wie seither, nur. daß die letztere Seit von anhaltend guter Witterung begünstigt blieb. >so vergingen nahe ein paar Wochen, man war mit der Ernte so ziemlich zum Ende gekommen und Rösel konnte sich nun auch einige Stunden Zeit nehmen, um ihren Gottfried zu schreiben. Sie teilte ihm alles Wichtige aus der Wirtschaft mit, schrieb ihm daß sie ganz gesund sei und sich nur sehr nach ihm sehne; ferner daß sie alle Tage den lieben Herrgott bitte, er möge ihren Gottfried erhalten und recht bald und gesund zurückkehrm lassen. So und von ganz innigster Liebe durchhaucht lautete der Brief von Anfang bis zum Ende. Seite für Seite, Zeile für Zeile, ja fast Wort für Wort zeugte von nichts weiter als von Liebe und Treue, und eS hatte sich Rösel, daS treue, brave Weib, so in ihre schriftliche Unterhaltung mit Gottfried hinringedacht,
einer Armee zur Herstellung des allgemeinen Umsturzes", ste „erhalte die Erregung der Massen, um sie zur geeigneten Zeit für ihre Zwecke auszubeuten", — sie bewirke „die systematische Entsittlichung zahlreicher VolkSklassen und die Anschümng wilden HasfiS gegen alle bestehende Ordnung",— sie erzeuge „einen Nihilismus, der wie ein ätzend Gift das Volk zu zerfressen droht", — durch sie „üben inmitten der Gesellschaft dunkle Mächte über dunkle Existenzen die Herrschaft aus und treiben sie zu Gewaltthaten". — Ferner hieß es von liberaler Seite, „daß die Umstürzlehre von Sozialdemokraten, selbst wenn stck eine Umsturz ohne Gewaltsamkeiten denken ließe, in unreifen Geistern doch notwendig die Vorstellung erzeugen muß, daß die brutale Gewalt daS Ideal der Partei sei."
--„Aus dieser Verwilderung des Volkslebens könne das Individuum keine sittliche Kräftigung schöpfen, wohl aber liege die Gefahr nahe, daß es mit Haß gegen alles Bestehende erfüllt, die vorhandenen Einrichtungen und ihre Träger zu beseitigen suche, um mitzuwirken an dem Aufbau einer neuen Welt."
„Die Sozialoemokra en predigen die Beraubung der (im rechtmäßigen Besitz befindlichen) Personen, falls sie nicht freiwillig die Börse herausgeben; ste predigen die Vernichtung dieser Personen, falls sie sich zur Wehr setzen, um ihr Eigentum zu verteidigen."
Das ist die Sozialdemokratie, gegen welche das bekannte Gesetz erlassen worden ist, — die Sozialdemokratie, deren revolutionäres und gottloses Treiben der Minister von Puttkamer noch in der letzten Session in jener großen Rede schilderte, welche in Hunderttaufinden von Exemplaren verbreitet worden ist und in welcher es ausdrücklich als Pflicht der Regierung bezeichnet ist, jenes Gesetz weiter mit Ernst und Nachdruck auszuführen. Derselbe Herr von Puttkamer ist kurz darauf ins Ministerium des Innern berufen worden, in welchem er gewiß die Sozialdemokratie ebenso kräftig bekämpfen wird, wie er sie trefflich geschildert hat.
Wie kann nun ein halbwegs verständiger Mensch Fürst Bismarck überhaupt beschuldigen, die revolutionäre Sozialdemokratie zu begünstigen: man muß auf unglaublich einfältige Leser rechnen, um es nur als möglich hin- zustellen.
Wie könnte ferner die Wirtschaftspolitik des Kanzlers auch nur den Vorwand geben, ihn für einen Beschützer des Sozialismus im Sinne der Sozialdemokratie zu halten? Die Wirtschaftspolitik hat einerseits einen neuen Zolltarif geschaffen, welcher die heimische Industrie gegen die fremde mehr als bisher schützen soll, — sie will andererseits dm Arbeiter gegen die Folgen von allerlei Unfällen und Gefährdungen sicherstellen, vielleicht eine allgemeine Altersversorgung ins Leben rufen, die Armen- und Schullasten der Einzelnen und der Gemeinden erleichtern und dazu
daß sie nicht hörte, als Jemand an die Thür klopfte, nicht merkte, wie sich eine Hand gleichsam tröstend auf ihre Schulter legte.
Ihr Brief war von Thränen, für Gottfried die sprechendsten Zeugen von Gattenliebe, förmlich benetzt. —
„Rösel, — Rösel I" sprach eine Männerstimme leise hinter ihrem Rücken.
Erschrocken wendet die Gerufene den Kopf und erblickt den Nachbar Heinrich, auS dessen Wort und Blick die innigste Teilnahme spricht, ter noch immer seine rechte Hand auf ihrer Schulter liegen läßt und ste fo recht treuherzig anschaut.
Rösel erhebt sich und erwidert, dem Heinrich die Hand reichend: „Heinrick, mir ahnt ein Unglück, — wo wird mein Mann sein, so frage ich mich immer, werde ich ihn Wiedersehen?" —
„Tröste Dich, Rösel," entgegnet Heinrich, „der liebe Gott, welcher hier über uns wacht, wird auch Deinen Gottfried im fremden Lande beschirmen, und gar zu lange kannS doch nicht mehr dauern, bis er mit dm andern glücklich Durchgekommenen auch wieder heimkehrt."
Diese und ähnliche beruhigende und Trost spendende Worte, welche Heinrich zu Rösel sagte, brachten der frommen und in wahrer Gottesfurcht erzogenen jungen Frau die Herzmsruhe wieder, gaben ihr den Seelmfrieden zurück. — War es doch, als hätte Heinrich eine gewisse Macht über sie, der treue und herzensgute Nachbar.
Am nächsten Morgen brachte der Briefträger wie gewöhnlich wieder das B.'sche Wochenblatt und Rösel gab dem Boten den Brief und das sorgfältig in Leinwand genähte Kistel mit dem Schinken und Tabak- für ihren Gottfried mit -
den Mehrertrag der Zölle und mancher indirekten Steuern verwenden, als deren „Ideal" er oftmals das Tabaks- Monopol (d. h. dm Staat als einzigm Tabaksfabrikanten) bezeichnet hat.
Man kann über die Zweckmäßigkeit und Heilsamkeit dieser Reformen verschiedener Ansicht sein, sie aber geradezu' oder durch hämische Andmtungmmls sozialdemokratisch zu bezeichnen (d. h. ihnen iiachsagen, daß sie den Umsturz aller Verhältnisse bewirken, daß ste einen Hatz gegen alle« Bestehende bekunden, daß sie die brutale Gewaltthat als Ideal hinstellen, daß sie den Aufbau einer neuen Welt b zwecken, daß sie Beraubung oder Mord predigen und wie die Bezeichnungen des Wesens der Sozialdemokratie weiter lauten), dazu gehört ein seltenes Maß von Verblendung ober Parteileidenschaft.
Freilich hält sich zur Partei der Sozialdemokraten namentlich bei Wahlen, abgesehen von denen, welche mit Bewußtsein diese Ziele verfolgen, auch die große Maffe der „Unzufriedenen" jeder Art, die das LoS der Entsagung nicht tragen wollen und die Genüffe, die sie entbehren müssen, auch Anderen nicht gönnen. Die Sozialdemokratie verspricht in ihrer neuen Weltordnung allen Leidenden, allen Unzufriedenen Erleichterung und Genuß ohne Anstrengung, und die unreife Menge durchschaut um so weniger die Thorheit ihrer Lehren, als diese sich an die schlimmsten aller Leidenschaften, an den Neid und Haß wenden.
Wie solche Stimmungen im Volke vorbereitet werden, das hat ein entschieden liberales (heute sezesstonistischeS) Blatt mit folgenden treffenden Worten gesagt:
„Jenes fortwährende griesgrämige Regenwetter, jenes ewige Tadeln und Nörgeln, welches die Fortschrittspartei in ihren Rednern und Organen zur Erscheinung bracht«, ist nach unten durchgesickert, hat Tausende unserem StaatS- leben innerlich ent rembet. Wollen wir die Bevölkerung zu einem freudigen Mitthnn wieder heranbringen, so gilt es zuerst zu brechen mit der Klique der unbedingten Verneinung, mit den Unternehmern des allgemeinen Mißvergnügens." —
„Die fortschrittlichen Phrasen werden von der Sozialdemokratie aufgenommen und vernutzt; aber dm Sozialdemokraten waren sie doch nur, was dm an Branntwein Gewöhnten eine Limonade ist. Die Sätze der Sozialdemokratie sind für den Arbeiter, den Besitzlosen weit verständlicher".
--„Mögen die Wähler," fügt das Blatt hinzu, „um sich schauen und erkennen, wie die KampfeSweise der Führer der Fortschrittspartei den politischen Boden ver- gistct und jene verbitterte und dem Staatswesen entfremdende Stimmung erzeugt hat, welche die beste Förderung bet Sozialdemokratie geworben ist.
Die Fortschrittspartei, die Erbin der alten Demokratie,
Sie hätte das Kistel fast beneiden mögen, — wäre sie doch gar zu gern selbst an seiner Stelle zu ihrem Gottfried gereift.
Vierzehn Tage mochten vergangen fein, da feierte man in F. das Erntedankfest. Aus dem Gasthofe ertönte Tanzmusik, mancher Jauchzer ließ sich hören, aber es ging nicht so lebhaft zu, als in den Jahren vorher; fehlten ja so viele junge Leute, die fast inSgefammt in Frankreich mären. Manches frische Bauernmädcl blieb heute sitzen, wurde nicht zum Tanze aufgezogen, weil der Schatz, der hierzu daS erste Anrecht gehabt hätte, in Frankreich im Kriege war; die Freude war so eigentlich keine Freude. —
Da im Schenkzimmer neben dem Saal, wenn wir ba« weite, aber um so niedrigere und verräucherte Tanzlokal so nennen dürfen, saßm am weitzgescheuertm runden Tische von Eichmholz ältere Zecher und spülien zur Feier des Tages manches Glas Bier und manchen Schnap« hinunter. Ein wahrhaft widerwärtiger Anblick, wie sie da zechtm, schlemmten, mit den Füßen aufftampften und juchhehtm.
„Du, MöckelS Hannlieb, wo muß benn heute der Heinrich sein?" fragt der MerienSbauer.
„Nun, wo soll der denn anders sein als im RöselShofe bei seiner Rösel, — steht'S doch gerade au«, als ob er ihr Mann wäre," entgegnete MöckelS Hannlieb.
„Na, da sei nur stille, die Rösel ist brav!" erwiderte hierauf der MertmSbauer.
Solche und ähnliche die Rösel und dm Heinrich verdächtigende und auch wieder belobende RedmSarten gingen herüber und hinüber, während der Heinrich daheim saß und einen Brief an seinen Freund Gottfried schrieb.
(Fortsetzung folgt.)