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JUarßurg, Donnerstag, 6. Oktober 1881

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Wiedergefuude«.

Novelle von Julius Gündel.

(Fortsetzung.)

Was sollte jetzt Gottfried denken?! Es regten sich in ihm Zweifel gegen seine afrikanischen Freunde; wieder auch ries es in ihm: das ist nicht möglich, daß diese dich betrügen!

Das Jahr 1872 nahte seinem Ende und Gottfried kam sich vor wie ein Gefangener in großer Freiheit. Die Be­hörden mußten ihn ganz vergessen haben.

Hier lachte ihm derselbe blaue Himmel, ja auch noch schöner als daheim. Dasselbe saftige Grün, auch Blumen und Früchte giebt cs hier, nur noch prächtiger, herrlicher und großartiger als daheim; hier leuchten ihm so oft zwei feurige Sterne, sie suchen so oft sein Inneres zu ergründen, sein Herz zu durchbohren und daheim — warten vielleicht seiner zwei holde blaue Sterne, deren Licht sein Herz so manchesmal erwärmt, erfreut hat, und deren wahres züchtiges Feuer ihm seine Liebe zu diesen Stemen erwachen ließ; ihm blieb Rösel unvergeßlich. —

Die hier aufgedrungenen Ketten der Freundschaft mußten gebrochen werden, das mußte geschehen, da sowohl in Güte als auch durch Gewalt voraussichtlich nichts auszurichten war, durch List!

Mit diesem Gedanken unternahm Gottfried von jetzt an jede Arbeit, that jeden Schritt und Tritt. -- Durch Europa zu kommen schien ihm nicht allzuschwierig; und hätte er Monate hindurch zu Fuß wandern müssen, es konnte ihn nichts, keine Gefahr zurückschrecken, die Trieb­federn der Liebe und Sehnsucht waren zu mächtig. Wie aber sollte er von Afrika fort, ohne Geld oder Geldeswert übers Meer nach Europa gelangen? — Diese Frage ver-

V Zur Steuer der Wahrheit.

Herr v. Bennigsen hat am Sonntag, den 25. v. M-, eine Rede in Hannover gehalten und darin u. a. gesagt: das Programm des Nationalvereins, aus der Bewegung von 1848 wieder ausgenommen, sei von dem König Wilhelm und dem Fürsten Bismarck 1866 durchgeführt worden.

Wie ist es möglich, daß dergleichen behauptet werden konnte, und daß eine Versammlung gebildeter, politisch unter­richteter Leute dazu Beifall rief?! Schon die Berufung auf 1848 hätte stutzig machen müssen. Denn niemand hat die Bewegung dieses Jahres bitterer kritisiert, niemand die politischen Possen desselben lächerlicher gemacht als gerade Herr v. Bismarck. Man lese nur seine Reden auö jener Zeit. Noch 1862 äußerte er Ende September in der Budgetkommission: „Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — das ist der Fehler von 1848 nnd 1849 gewesen — sondern durch Eisen und Blut." Durch Reden und Majoritätsbeschlüsse glaubte aber der Nationalverein, in Erinnerung der redseligen Tage des Frankfurter Parla­ments, die deutsche Einheit schaffen zu können. Der naive Glaube an die Phrase hat ihn bis 1866 nicht verlassen; er hat die Nationalliberalen heute wieder ergriffen. „Diese Leutchen", schreibt Bismarck im August 1866, „haben alle nicht genug zu thun, sahen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrase."

Der Nationalverein ist 1859 gegründet. Seine Stifter haben die Einheit Deutschlands und die „preußische Spitze" oft genug im Munde geführt. Sie dachten sich aber, ein aus Urwahlen hervorgegangencs Parlament sollte die Sache machen; den Beschlüssen desselben müßten und würden sich sämtliche Fürsten hübsch fügen. Als endlich 1862 Preußen Miene machte, sich zur Führerschaft in Deutschland zu rüsten und sich an die Spitze zu stellen, da wurde es vom Nationalvercin wütend bekämpft. Die Matadore der Redner haben in der Kvnfliktözeit wiederholt die „notorische Un­fähigkeit" des Ministeriums Bismarck konstatiert, haben eS gekränkt und beleidigt nach allen Richtungen, eine Wehe

Berufe, erhebt der Nationalverein nochmals seine Stimme gegen einen Bruch des deutschen Landfriedens, besten Schuld wie ein Fluch auf das Haupt seiner Urheber zurück­fallen wird."

So geschehen zu Berlin, am 14. Mai 1866, sechs Wochen vor der Schlacht von Königgrätz. Und trotz solcher Thatsachen wagt es der Stifter des Nationalvereins vor versammeltem Volke zu sagen, der König und Bismarck hätten daS Programm des NationalvcreinS durchgeführt?! Naiv kann eine solche Kühnheit schwerlich noch genannt werden.

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über das andere geschriecn und den Fluch von Mit- und Nachwelt auf das Haupt desselben herabgerufen. Nicht ohne Scham und Erbitterung kann man heute die Reden der Herren v. Sybe!, Twesteu, Gneist, v. Carlowitz, Vir­chow u. a. lesen.

Ende 1864 tret der Sechöunddreißiger - Ausschuß der Abgeordnetenversammlung vom 12. Dezember in Frankfurt zusammen und richtete eine Ansprache an das deutsche Volk, worin eS von Oesterreich und Preußen heißt, sie hätten den „Anspruch verwirkt, die Großmächte Deutschlands zu fein"; worin die anderen deutfchen Negierungen, die Mittel- staateu, aufgefordert werden, ihre Macht zu brauchen, zu handeln, denn „die Gegner pochen mehr auf den Schein, als auf den Besitz ihrer Uebcrmacht; sie sind nur stark, wenn das übrige Deutschland rat- und mutlos zurückweicht" u. s. w. in diesem aufreizenden, revolutionären Tone.

Dies war vor den Siegen der deutfchen Truppen im dänischen Kriege. Nach dem glorreichen Feldzug erklärte derselbe Sechsunddreißiger-Ausschuß am 28. März 1864 alle Thaten, alle Beschlüsse der siegreichen Mächte im voraus für „null und nichtig". Am Schluß des famosen Schriftstücks steht zu lesen: „Verhallt jede Mahnung er­folglos, so mögen die Schuldigen dem verdienten Geschick anheimfallen.'

Die Generalverfammlung des Nationalvereins zu Eise­nach am 31. Oktober 1864 verwarf nachdrücklich „die undeutsche Richtung" bei preußischen Negierung und pro­testierte aufS Entschiedenste gegen die Annexion der Elb- Herzogtümer „als eine schwere Gefährdung der bundes­staatlichen Einigung der Nation."

Eine treffliche kleine Schrift (Berlin 1864)), betitelt „ein preußisches Wort", setzt sehr klar auseinander, daß die Idee des Nationalvereins nur in Erfüllung gehen könne, wenn Preußen aufhöre, Preußen zu sein. Seit Jahren, heißt es darin, sind alle Schritte der preußischen Politik in den Beschlüssen des Nationalvereins auf die gehässigste Weise mißdeutet, geschmäht und verlästert wor­den. In einem von dem Ausschuß des Vereins erlassenen Rundschreiben heißt es sogar: „Wenn diejenigen, die jetzt an der Spitze Preußens an dem Ruin der preußischen Staatsmacht arbeiten, vollends nach der Leitung Deutsch­lands greifen wollten, so würden sie in der ersten Reihe der Kämpfer gegen eine solche Vermessenheit dem National- Verein begegnen." Wahrlich, der Name „Mondscheinpolitik" war noch viel zu milde für diese törichte Anmaßung und Vermessenheit.

Am 14. Mai 1866 beschloß der Ausschuß des National- Vereins in Berlin eine Ansprache an das deutsche Volk, und darin heißt es u. a: „DaS Rechtsbewußtsein der Nation protestiert bis zum letzten Augenblick gegen die Willkür, welle mit dem Schicksale Deutschlands ein un­verantwortliches Spiel treibt. Treu seinem patriotischen mochte er sich lange Zeit nicht zu beantworten, bis daß der Zufall ihm den einzuschlagenden Weg zeigte.

Eines Tages, er hatte gerade einige Besorgungen in der Stadt vollendet und war auf dem Heimwege begriffen, wandelte er am Kai vorüber: cm außergewöhnlich reges Leben und Treiben fiel ihm daselbst auf, es mußten ein ober mehrere Schiffe soeben angekommen sein. Gottfried beschloß, sich unter die Hin- und Hereilenden zu mischen, zu horchen, ob nicht vielleicht ein bekannter Laut, die deutsche Sprache, an sein Ohr treffe.

Schon ist et im Begriff, den Kai wieder zu verlaffen, da sieht er fast in seiner Nähe ein paar Männer mit ächt deutschen und wettergebräunten Gesichtern, die sich wie vor­sichtig zu unterhalten schienen. Er tritt langsam näher und vernimmt wirklich deutsche Worte. — Welches Ent­zücken! — Wie herrliche Musik dringen die heimischen Laute an sein Ohr! — Hierauf bietet er den Männern deutschen Gruß und bringt sein Anliegen in den allernot- wendigsten Worten vor. Wie staunen die Kriegskameraden, denn solche waren es au8 Hamburg, daß sie, schon seit längerer Zeit wieder auf einem Schiffe, actio, jetzt noch einen biederen deutschen Krieger als Kriegsgefangenen im fremden Lande finden. Sie versprechen ihm ihre Ver­mittelung bei ihrem Kapitän und fordern ihn auf, in fünf Tagen, zu welcher Zeit ihr Schiff wieder in See gehen könne, sich am Kai einzufinden.

Welche Freude war das für Gottfried, mdlich Aussicht zu haben, bald wieder Europa betreten zu können, denn das Schiff steuerte, wie die Matrosen ausgesagt hatten, birect nach Liverpool. — Von seinen dunklen, farbigen Freunben gedachte, er leicht fortzukommen und sollte es auch ohne Abschied geschehen.

Deutsches Reich.

»* Berlin, 4. Oktober. Im Ministerium des Innern ist neuerdings in Folge der viel'achen in demselben vollzogenen Veränderungen eine neue Geschäftsverteiluug eingetreten. Außer dem Minister sind nämlich die beiden Direktoren der politischen und der administrativen Ab­teilung neu ernannt, nämlich der Unterstaatssekretär von Schlicckmann, welcher zugleich die Vertretung des Ministers führt, und der Ministerialdirektor Herrfurth. Als Räte fungieren der wirkliche Geheime Oberregierungsrat von Kehler, die Geh. Oberregierungsräte Dr. Halm, WohlerS, v. Lebbin, Dr. Förch, Illing nnd v. Brauchitsch und die Geheimen RcgierungSräte Haase, Studt, v. d. Stinten, Röhl. Diesen ist mit dem 1. Oktober noch der Geheime Regierungsrat v. Zastrow, welcher zuletzt im KilltuS- minifterium thätig war, wieder beigetreten. Außerdem fungieren im Ministerium der Geheime OberregierungSrat Harder für die Damenstiftsachen und die Hülfsarbeiter Geheimer RegierungSrat Dr. Heyer und Landrat Freiherr v. d. Reck.

Berlin, 4. Oktober. Das „Deutsche Tageblatt" bringt einen Artikel: „Der schlecht beratene König". DaS Blatt macht darin aufmerksam auf den drastischen Wider­spruch, der sich alltäglich in den hiesigen fortschrittlichen Oppositionsblättern auf das Eklatanteste bekundet. Die Leitartikel vorne, sagt daS Blatt, strotzen von Anfeindungen der Regierung. Sie geben ziemlich unverhüllt den Wunsch zu erkennen, daß die leitenden Minister Deutschlands ihre Plätze räumen möchten. Hinten verleihen Wahlreden u. s. w. solchen Gedanken womöglich noch schärferen Ausdruck, und in der Mitte erscheinen, sorgsamst registriert, Hofnachrichten, verbrämt mit überschwänglichen Loyalitätsverstcherungen, die besonders bei außergewöhnlichen Vorfällen bemüht sind, mit einem Wortschwall, dem man augenscheinlich die Ver­legenheit anmertt, ein Gefühl zu improvisieren, von dessen Wirkungen die Seele des Schreibers nichts fühlt. Diese Loyalitätsverstcherungen sind, so sagt daS „Deutsche Tgbl.", gewissermaßen die Hecke, von der auS die Opposition ihre versteckten Angriffe gegen die leitenden Staatsmänner richtet,

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Der lange Zeit hindurch heiß ersehnte Tag der Rettung brach an, Gottfried hatte die letzte prächtige orientalische Nacht vor Aufregung wachend zugebracht und war froh, sich ankleiden und nachdem er sein wertvollstes Eigentum zu sich gesteckt hatte, zur —Arbeit gehen zu dürfen. Diese bestand heute freilich aus nichts weiter, als durch die Bambus-Allee in die Gärten und durch letztere wieder hin­durch zu gehen und auf kleinen Umwegen, welche Vorsichts­maßregel zum Gelingen seines Planes nötig war, in die Stadt zu kommen.

Seine Flucht ging vortrefflich von Statten, und ebenso hatte auch der Kapitän des betreffenden Schiffes, welchem Gottfried seine Bitte noch einmal persönlich vortrug, nichts gegen deffen Mitfahrt nach Liverpool einzuwenden; nur mußte sich Gottfried im Voraus zu kleinen Dienstleistungen auf dem Schiffe verpflichten.

Doch was hätte Gottfried nichts alles versprochen und gethan, da er sich bereits auf dem rettenden Schiffe befand, das ihn nach Europa bringen sollte und von wo aus er nach F. zu seiner guten Rösel in seine Heimat reisen konnte? Jetzt dachte er nur noch an die großen Augen, die seine Rösel machen werde, wenn er, der vielleicht bereits Totge­glaubte, da auf einmal in seinen Hof zu ihr hereintteie, sie ihm vor Freude um den Hals falle, sie ihn herze und küsse, und nach und nach dachte er, wie glücklich sie nach der langen Trennung, der schweren, nun aber glücklich be­standenen Zeit sein würde. Das waren so seine Gedankm, die ihn beschäftigten, bis nach Verlauf von 6 Tagen — so lange hielt sich Gottfried angesichts der Stadt an Bord des Schiffes auf, — die Anker gelichtet wurden und die Abreise erfolgte. (Forts, folgt)

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