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Nr 233.
Marburg, Mittwoch, 5. Oktober 1881.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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Erscheint täglich außer an den Werktag«! nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS TountagSblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2'/^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Fnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Eine deutsche Stimme über Gambetta.
Der Streit der Meinungen über den Staatsmann, welcher berufen zu sein scheint, in ziemlich naher Zeit die Leitung der Geschicke unseres großen Nachbarlandes Frankreich in seine Hände zu nehmen, wogt schon seit Jahren hin und her und ist durch die Haltung Gambcttas in verschiedenen Angelegenheiten der inneren und äußeren Politik Frankreichs nur noch erregter geworden. Wir brauchen bei letzterem Punkte auf die schroffe Haltung Gambettas gegenüber dem französischen Senate in der Angelegenheit des Listenskrutiniums, ferner auch den Umstand, daß die Minister Constans, Cazot und besonders Farre von Gam- betta so eifrig protegiert wurden und jetzt noch als seine Günstlinge gelten und endlich auf seine Aeußerungen in seinen Bankettreben hinznweisen, um es begreiflich erscheinen zu lassen, wie die Freunde und Gegner des mächtigen französischen Kammerpräsidenten sich immer heftiger bekämpfen. In Frankreich stehen sich natürlich die Urteile über die Handlungen Gambettas, über seine eigentlichen Absichten und über seine staatsmännische Bedeutung und Begabung am schroffsten gegenüber und cs ist daher gewiß von Interesse, in diesem Streite auch eine deutsche Stimme über Gambctta zu hören. — Freiherr von der Goltz, Major im großen Generalstab, hat steh schon früher mit der Person und den Leistungen Gambettas viel beschäftigt und Broschüren über dieses Thema erscheinen lassen und hat gewissermaßen das Resultat dieser Studien in einem Artikel über Gambctta niedergelegt, den Herr v. d. Goltz in dem neuesten Hefte der „Rundschau" veröffentlicht. Der Verfasser legt sein Urteil über den Exdiktator, kurz gesagt, in den Worten nieder, daß Gambetta einer der hervorragendsten Männer seines Landes sei, daß er ein großer Patriot, ein lauterer, edler Charakter, ein unermüdlicher Vorkämpfer der republikanischen Sache, einer der größten Redner aller Zeiten und schließlich auch kein Revancheheld um jeden Preis sei. Vieles, was Herr v. d. Goltz über Gambetta sagt, kann man unbedingt unterschreiben, denn was Gambetta z. B. 1870 in der Organisation deö Widerstands der französijchen Republik gegen die deutschen Heere geleistet hat, ist gewiß etwas ganz außerordentliches, wenn auch
der Erfolg den Anstrengungen und Erwartungen Gambettas und der französischen Nation nicht entsprochen hat. ES ist ebenfalls richtig, daß Gambetta ein begeisterter Patriot, ein gewaltiger Redner und ein unermüdlicher Verteidiger der Rechte des „souveränen" Volkes ist, der schon zur Zeit, als der Stern des dritten Napoleon noch hell strahlte, entschieden die Sache der Republik vertrat. Nur in einem, allerdings sehr wesentlichen Punkte können wir dem Urteile des Herrn v. d. Goltz über Gambetta nicht beipflichten, nämlich in der Behauptung, daß Gambetta durchaus nicht der Mann der Revanche um jeden Preis sei, welcher, wenn er ans Ruder gelangt sei, das Schiff Frankreichs nicht in das gefährliche Fahrwasser einer abenteuerlichen Revanchepolitik lenken würde. Dem müssen wir doch widersprechen, denn thatsächlich gilt Gambetta in Frankreich als der Mann der Revanche, und die Popularität, die der große Bürger von CahorS bei der Mehrzahl seiner Landsleute genießt, ist auf die Thatsache gegründet, daß man in ihm den lebenden Protest gegen die Bestimmungen des Frankfurter Friedens erblickt. Wer noch zweifeln sollte, daß Gambetta die Revanche-Idee auf seine Fahne geschrieben hat, der braucht sich nur auf die Reden zu besinnen, die Gambetta im vorigen Jahre zu Cherbourg, in diesem Jahre zu Belleville gehalten hat, beide Reden bildeten gewissermaßen einen einzigen Protest gegen die Annektion Elsaß-Lothringens und aus beiden Reden schimmerte deutlich die feste Zuversicht auf die Wiedergewinnung der „geraubten Provinzen" hervor, so daß also Gambetta gewiß die Bezeichnung eines Revanche- Helden verdient. Jm Uebrigen könnte man aber wünschen, daß Herr v. d. Goltz auch in diesem Punkte Recht in seiner Meinung über Gambetta behielte und läßt Gambetta die Idee eines Revanchekrieges gegen Deutschland fallen, wenn er an die Spitze des französischen KabinetS gelangt, so wäre ja der Friede zwischen Frankreich und Deutschland auf Jahre hinaus gesichert.
Deutsches Reich.
•• Berlin, 3. Oktober. Die „Germania" hat neuerdings einen sehr pessimistischen Ton in ihren Bemerkungen über den Stand der deutsch-römischen, von Herrn von Schlözer angeknüpften, jetzt unterbrochenen Verhandlungen angenommen. Namentlich wird dieser Ton in der Wochenrundschau der Nummer vom 1. Oktober hörbar. Es wird sich Niemand den Beruf beilegen, die Hoffnungen der „Germania" herauf- ober herunter zu stimmen. Doch ist es vielleicht nicht unangebracht, aufmerksam zu machen, wenn tatsächliche Irrtümer sich in die Betrachtungen des Blattes einschleichen. Für die „Germania" giel't es keinen Modus vivendi ohne tiefgreifende Revision, eigentlich ohne Abschaffung der Maigcsctze. Solchen Anforderungen gegen
über liegt allerdings nichts ThatsächlicheS vor, was die Erfüllung derselben wahrscheinlich machen könnte. Aber die „Germania" dürfte sich irren, wenn sie von neuerdings häufigeren Widersprüchen in sog. offiziösen Angaben redet. In solchen Angaben, welche einigermaßen den Anspruch machen können, von informierter Seite zu stammen, haben sich Widersprüche nicht oder doch nur scheinbar bemerken lassen. Es ist gesagt worden, die Rückkehr des Herrn v. Schlözer nach Rom als ständiger Gesandter hänge u. A. auch davon ab, ob der seitens der Staatsregierung zu beantragende Posten bewilligt wird. Diese Bewilligung vorausgesetzt, kann eine Weiterführung der Verhandlungen erst stattfinden, wenn die Staatsregierung sich über die Vollmachten, die sie nur durch die Gesetzgebung erlangen kann, schlüssig gemacht hat und wenn diese Vollmachten ihr bewilligt sind. Denn nur mit solchen Vollmachten in der Hand kann der Vertreter in Nom sagen: Dies kann auf Grund der gesetzgeberischen Vollmachten jetzt bewilligt werden, welches werden Eure Gegenleistungen, wie wird Euer Verhalten bei dem herbeizuführenden Zusammenwirken sein? Dies ist der eigentliche, doch ziemlich einfache formelle Stand der Sache. Freilich ist noch nicht bekannt, welche Gestalt die Anträge der Staatsregierung haben und welche Punkte sie umfassen werden. Höchst sonderbar und kaum aufrichtig, wenn auch mit noch so ernster Miene vorgetragen erscheint aber die Meinung der „Germania", die gemäßigte Rede, welche Herr von Bennigsen in Hannover gehalten, habe die Wünsche der Staatsregierung, zu einem Ausgleich mit Rom zu gelangen, sofort gedämpft. Man kann der „Germania' das Lob eines richtigen Urteils über die inneren Vorgänge, namentlich int Vergleich mit liberalen Blättern häufig nicht versagen. Hier aber urteilt sie, wie ein liberales Blatt, oder auch rote ihre zum früheren Urteil minder befähigte Kollegin, das „Schwarze Blatt". Sie meint also wirklich, es gebe für die Staatsregierung keinerlei feste Richtschnur? Je nach dem die Würfel am Wahltage fallen, je nach der Aussicht auf eine konservativ-liberale oder klerikal-konservative Majorität, je na lf der Aussicht auf die Abstimmungen der von Herrn von Bennigsen geführten Parteigruppe werde der Reichstag die so tief greifende, hoch ernste kirchliche Frage behandeln. Die „Germania" hat doch zuweilen gezeigt, daß sie den Fürsten Bismarck gerade von ihrem gegnerischen Standpunkt nicht kleinlich zu beurteilen weiß. Diese Art der Beurteilung aber tränt doch den Stempel einer Kleinlichkeit, die höchstens für den Urteilenden charakteristisch, ans den Beurteilten aber für jeden leidlich verständigen Menschen in keiner Weise zutreffend ist. — Daö Reichsgericht hat untertn 11. Januar d. I. eine Entscheidung getroffen, welche anerkennt, daß die Polizeibeamten, auch ohne Verordnung der Staatsanwaltschaft ober des Richters, und ohne daß sie Hilssbeamte der Staatsanwaltschaft sind, bei
Wiedergefundeu.
Novelle von Julius Gündel.
(Fortsetzung.)
Da plötzlich bogen seine Begl> iter rechts ab und schlugen die Richtung nach einer sich scheinbar weit auödehnenden ländlichen Besitzung ein. Näher gekommen bot sich ein wunderbar herrlicher Anblick dar. Wie eingezaubert lag da ein weites Stück Land, aus dessen fruchtbarem Boden daö saftigste Grün üppig emporroucherte, — alles schien dem Gottfried so fremdartig, — in kleinen Entfernungen von einander zahlreiche und duftende Früchte tragende Bäume, die prächtigsten Orangen; dazwischen wieder reizend und zierlich angelegte Blumenbeete, mit überschwenglichen Gerüche ausströmenden Blumen bedeckt.
Hier in so herrlicher Natur, da wo so reicher Gottessegen, konnte es unmöglich nur böse, da mußte eö auch gute Menschen geben. Solche und ähnliche Gedanken beseelten unseren jungen deutschen Krieger, und er sollte nicht ganz enttäuscht werden.
Entlang einer imposanten Bambusallee und in kühlendem Schatten derselben gelangten seine Begleiter mit. ihm vor den Eingang eines aus harten Steinen erbauten würfelförmigen Hauses. In dieses eingetreten, wurden sie von einem hochgewachsencn Manne mit dunkelfarbigem Gesicht, das ab^ einen recht leutselig gutmütigen Ausdruck zeigte, empfangen. Derselbe bot Gottfried Speise und Trank, bestehend au« gerösteten Fleischstückchen, welche außerordentlich saftig waren, aus ganz besonders schmackhaftem Weiß- brod und feurigem, stärkendem Weine.
Seit langer Zeit hatte Gottfried, der sich bei allen Strapazen einer ganz vorzüglichen Gesundheit erfreute,
nicht so gut unb kräftig gegessen und getrunken. Ten Umstänben angemessen fühlte er sich wohl zufrieden, war es doch besser, hier zu sein und vielleicht arbeiten zu dürfen, als im feuchten Gefängnis hinter starken Eisengittern sitzen unb wohl gar schmachten zu müssen bis zum Ende des Krieges, welches allen Kriegsgefangenen in sowohl freien als auch mehr gebundenen und weniger angenehmen Ver- hältniffen, die ganz volle Freiheit wiederge en mußte, die Gottfried, wie er sich anömalte, zur sofortigen Heimkehr in seine liebe Heimat, zu seiner herzigen Gattin verwenden wollte. —
Wochen, ja Monate vergingen. Gottfried hatte sich in seinen neuen Verhältnissen, die ihm fast seine ganze Freiheit ließen, ziemlich zurecht gefunden, ja in dieselben ganz gut eingelebt, wünschte er nur, daß es hier nach seiner Ansicht sowohl seiner Rösel, als auch seines Hauses und Hofes wegen für ihn kein ewiges Sein gab, recht bald den Friedensschluß zwischen den Krieg führenden Mächten herbei. Dieser kam wohl, aber nicht so in Wirklichkeit die Freiheit für Gottfried.
Der Herr der Besitzung, in dessen Land- und Garten- wirtschaft Gottfried arbeitete und für welche er sich außer- ordentlich nützlich gezeigt hatte, dann die Gattin deö Hausherrn und bereit liebenswürdige Tochter, eine dunkelfarbige Schönheit, ließen durch vereinte Bitten nicht nach, den neuen weißen Freund zu nötigen, ja in herzlichster Freundschaft förmlich zu zwingen, feinen Aufenthalt im fremden Lande in ihrem trauten Kreise zu verlängern.
Eine derartige Situation hätte mit der Zeit wohl gar das Herz eines so treuen braven Gatten, wie es Gottfried war, brechen müsien. So durfte es unmöglich fortbauern 1
— Und wie folgenschwer konnte eine solche Annahme für ihn werden? — Die Phantasie zauberte noch alle nur denkbaren Bilder hervor, welche fein Hirn auf das Schrecklichste marterten, so daß er eines Tages nach vollbrachtem Tagewerk seiner Umgebung offenbarte, er wolle wenigstens seiner Frau, seiner geliebten Rösel, welche um ihn jedenfalls sehr besorgt sei, schreiben, daß er gesund sei, daß er bald zurückkehren werde unb zugleich auch die ungefähre Zeit feiner Rückreise mit angeben. In Ausführung dieses Vorhabens wurde er nicht nur ermuntert, sondern auch unterstützt, denn der alte Hausherr, fein „Freund," besorgte den Brief an „Rösel Sch. in F . . . . bei L .... in Deutschland" persönlich zur Weiterbeförderung. — Gottfried hoffte nun sehnsüchtig auf Antwort von seiner Rösel und wartete darüber ein, zwei sogar drei Monate, indeß eS kam keine. —
Gottfried war vor Betrübnis außer sich. — Sollte feine geliebte Frau, die ihm so teuer war, nicht mehr unter beu Lebenden fein, —> ja das war auch nicht möglich, denn in diesem Falle hätte sein Brief als unbestellbar doch wieder zurückkommen müssen, ober sollte der Brief wohl gar verloren gegangen sein? DaS war nach Gott- friebS Begriffen schon eher möglich! — Derselbe beschloß daher, seiner Rösel einen zweiten Brief zu schreiben und abzusenden, da seine Frau, wenn er noch länger im fremden Lande weilte, schließlich wohl gar berechtigt war, ihn als „tot" zu betrauern. — Wieder ging Gottfrieds Liebesbotschaft an seine Frau denselben Weg, wie die erfte; wieder wartete Gottfried nicht nur 3, sondern 5 Monate auf Antwort, abermals vergeblich, indeß auch sein zweiter Brief kam nicht zurück. (Forts, folgt.)