Rr. 28i.
Marburg, Sonntag, 2. Oktober 1881.
XVI, ZhlgW
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v Th- Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a Ri; Haasenstein u. Vogler in grantsurt a. Äl-, Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
3ritimn.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. BlatteS, sowie d.Annvncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co- in Frankfurt a. M.; Jkigerschc Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invalidendank in Berlin; W. ThicneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Betlage „JllustrirteS SonntagSblatt durch die Expeditton (Kochsche Buchdruckerei) bezogen 2*A Mark, durch di- Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Fnsertionsgebühr für bte gespaltene tfeite 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
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Oberhessische Zeitung
mit deren Gratisbeilage
Illustriertes Sonntagslllatt
für das mit dem 1. Oktober beginnende vierte Quartal werden auswärts von allen Postanstalten, auf dem Laude auch durch die Landpostboteu, "AL sowie in hiesiger Stadt bei unserer Expedition entgegcngenommen. Unsere auswärtigen Abonnenten ersuchen wir freundlichst die Bestellungen baldigst zu erneuern, um Unterbrechungen in der Zusendung des Blattes zu vermeiden, uns aber auch in' den Stand zu setzen, vollstäudige Exemplare liefern zu können.
Die „Obexhessische Zeitung" ist in Marburg die einzige Zeitung, welche mit dem „Wölfischen telegraphischen Korrespondenz - Buren«" in Gffchäss- Verbindung steht, und ist dadurch in den Stand gesetzt, hervorragende Tagesereignisse aus's schnellste zur Kenntnis ihrer Leser zu bringen.
Die „Ob er hessische Zeitung" zählt zuverlässig angcstellten Ermittelungen zufolge zu den verbrcitestcn Blättern in Hessen und wird auch für die Folge durch Gediegenheit und Reichhaltigkeit ihres Inhaltes den errungenen Standpunkt zu behaupten jederzeit bemüht sein.
Anzeigen sind bei dem fortwährend wachsenden Leserkreis der „Oberhesfischen Zeitung" stets vom besten Erfolg und werden nur mit 10 Pf. die Zeile berechnet.
Im Feuilleton des vierten Quartals kommt zum Abdruck:
Wiedergefundeu. Novelle von Julius Gündel.
Historische Episode aus dem Leben der Heiligen Elisabeth. Von W. Bücking.
Drei Glockenschläge oder das Geheimnis von Cozy Dell. Von Alfred Mürenberg.
Wochen - Ueberficht.
Die liberale Presse kann sich noch immer nicht über den nunmehr in kürzester Zeit in Aussicht stehenden A u s- gleich mit 9t o m beruhigen. Die Kultmkämpfer von Profession sehen sich plötzlich auf den Sand gesctz, d. h. bas beste Mittel zur Agitation ist ihnen aus der Hand gewunden. Der Ernennung des Dr. Ko rum zum Bischof von Trier folgt jene dcö Gencralvikars Kopp zum Bischof von Fulda auf dem Fuße und, was für den gesamten Liberalismus das Unangenehmste ist, die zu Bischöfen Ernannten sind durchweg versöhnlich gesonnen und berei:, dem Kaiser zu geben, was de§ Kaisers ist. Auch die Nachricht, daß an kirchcnpolitischc Vorlagen sür den preußischen Landtag vorläufig noch gar nicht gedacht wird, hat anscheinend
die liberalen Blätter verstimmt. jLetztere müssen nundic oppositionelle Feder aus einem anderen Gebiete walten lassen.
Obgleich die Nachricht von einer Kaiserzusammenkunft in Granica oder Warschau wiederholt dementiert worden ist, macht sich das „Berliner Tageblatt" doch das Vergnügen, sich von einem angeblichen Gewährsmann aufs neue dieselbe unter Anführung einiger Einzelnheiten bestätigen zu lassen. Das fortschrittliche Blatt giebt jetzt allerdings zu, daß die Teilnahme dcö Kaisers Wilhelm an der Entrevue „unwahrscheinlich" sei, bleibt aber bei der Behauptung stehen, daß die Kaiser Alexander und Franz Josef sich jedenfalls begegnen würden. Wir haben wohl nickt nötig, diese Behauptung, die von Wien aus bereits offiziös widerlegt ist, noch besonders zu charakterisieren.
Aus Stuttgart liegen zahlreiche Berichte über die dortige Anwesenheit Sr. Majestät dcö Kaisers Wilhelm vor. Der Zweck der Reise unseres Kaisers war ein doppelter. Würtemberg und sein Regentenhaus feierten am 27. September den hundertsten Geburtstag König Wilhelms, der 46 Jahre lang als Vorgänger und Vater des jetzigen Königs Karl über Würtemberg geherrscht hat. Diesen Tag im Kreise der königlichen Familie zu Stuttgart zu verleben, war der Wunsch unseres Kaisers. Der zweite Zweck war, der würtembcrgischen Landes-Gewerbc-Ausstellnng einen Besuch abznstatten.
Die Skandalsucht eines gewissen Teils der Pariser Presse treibt Blüten über Blüten, und täglich richten sich neue Anklagen gegen Gambetta. Dem radikalen „Jntran- sigeant" folgt jetzt der „Figaro" in dieser Beziehung. Dieses Blatt veröffentlicht den Brief einer leiblichen Tante Gambettas, der in Verazze lebenden greisen Witwe eines armen Fischers, welche sich durch Bettelei ernährt. Diese Frau wendet sich an den „Figaro" um.Hülfe, nachdem alle Schritte bei ihrem Resten, der Millionär sei, vergebens gewesen. Das an den „Figaro" gerichtete Schreiben lautet: „Nach mehreren an meinen Bruder, den Vater Leon Gambettas, gerichteten Briefen erhielt ich endlich im April 1880 einen Brief mit 100 Franken, welche sein Sohn Leon ihm für mich geschickt hatte. Er empfahl mir, nicht mehr zu betteln, weil dies der Familie Schande mache, und versprach mir, bei seinem Sohne auszuwirken, daß er mir diese Hülfe fortwährend zuwende. Ich war sehr glücklich und dankte meinem Neffen sofort in Ausdrücken der tiefsten Dankbarkeit brieflich. Drei Monate später erhielt ich wieder hundert Franks, dann einen Monat später fünfzig Franks mit immer neuen V-'sprechungen. Ich starb vor Freude. Seither verging ein Jahr. Ich erhielt nichts mehr. Seitdem muß ich bei mitleidigen Personen betteln, die meine Lage kennen und meine enge Verwandtschaft zu Leon Gambetta. Besonders viel unterstützen mich die Dominikaner. Im letzten Jahre schrieb ich noch mehrmals an meinen Bruder, die letzte Antwort war
dann, daß er meine Briefe nicht mehr annehmcn würde. Nun schrieb ich direkt an meinen Neffen demütig, um sein Mitleid für eine blutarme Siebzigerin anzuflehen. Ich schrieb, ich hätte nur noch einige Jahre zu leben, er wolle mir das Glück gönnen, daß ich ihn sterbend segnen könne. Er hat mir nicht geantwortet." So der Brief der alten Frau, deren Klage gewiß manche empfindsame Seele dem Gambetta - Kultus abwendig machen wird." Es ist selbstverständlich, daß dieser Brief viel von sich reden macht.
Das schwedische Kronprinzenpaar ist auf seiner Reise überall glänzend empfangen worden und namentlich war die Begrüßung in Gothenburg eine besonders herzliche. Glänzende Illumination und ein großer Fackelzug bildeten den Beschluß dcö Begrüßungsfestes.
Nachträglich erfährt man über die Bestattung Präsidenten Garfield noch folgende Einzelheiten aris Clevcland: Als der Leichenzug den Friedhof erreichte, wurde die irdische Hülle des Präsidenten auf Frau Garfield Wunsch in dem Grabgewölbe beigesetzt. Die Stufen, welche zu demselben führen, waren buchstäblich mit Blumen übersät, während auch der Eingang zum Grabgewölbe reich mit Blumen geschmückt war. Der Thorweg des Friedhofes war schwarz drapiert und trug der Gelegenheit angemessene Inschriften. Eine Abteilung der Nationalgarde von Ohio wird die Leiche, während sie in dem Gewölbe ruht, bewachen. Die Estrade, auf welcher der Sarg steht, ist mit schwarzem Sammet auSgeschlagen. Auf Anregung von Frau Garfield ist der Sarg in eine eiserne Umhüllung gelegt worden, welch letztere wiederum von einer Cementhülle umgeben ist, die stark genug ist, um irgend einem Versuch, dieselbe zu entfernen, zu widerstehen. (Diese Vorsicht wird in Erinnerung an den von gewinnsüchtigen Frevlern begangenen Raub der Leiche Stewart's in Ncwyork angewendct). Die Versenkung in daö Grab, welches vollständig ausgemauert wird, erfolgt nach einigen Tagen, aber auf Wunsch der Frau Garfield ohne jede offizielle Feier. Depeschen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten, sowie aus vielen Städten in Canada und Britisch Columbia berichten, daß am Beerdigungstage die Geschäfte gänzlich ruhten. Traucrgottesdienste wurden abgehalten und die Kirchenglocken läuteten. In gemestenen Pausen wurden auch Kanonenschüsse abgefeuert und es gab sich eine allgemeine Trauer kund. Alle VcgnügungS- lokale waren geschloffen. — Der Fonds für Frau Garfield beläuft sich jetzt auf 313 000 Doll. — Der Mörder des Präsidenten, Guiteau, wird am 3. Oktober vor die große Jury gebracht werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Sept. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt einen Artikel zu gunsten deS Tabaksmonopols, in dem-
Wiedergefnudeu.
Novelle von Julius Gündel.
(Fortsetzung.)
Diesen Augenblick benutzt Gottfried, um sie leise ermunternd zu bitten; „Rös l, kcbr um, ich hab' nimmer weit auf die Bahn, und ich schreib' Dir, sobald ich kann; 's wiro nicht so schlimm werden, — vielleicht bin ich schon in ein paar Wochen wieder bei Dir."
„Nein, nein, Gottfried," erwidert darauf RSsel, „mir ist so eigentümlich zu Mut, als müßte ein Unglück geschehen."
„Denk' nicht gar so schlimm und steh' nicht schwarz, Röscl," entgegnete hierauf Gottfried, „außer mir müssen noch viele Tausende fort, denen es zum Teil ebenso geht wie mir, und Alle werden die gleiche Hoffnung auf baldige Rückkehr haben; es wird wahrscheinlich wieder nicht länger dauern, als wie 1866 in Böhmen, und vielleicht kommt es gar nicht einmal zum Kampf. Zur Ernte hoffe ich doch wieder da zu sein und wär's nicht, so kannst Du Dich ja auf unfern Knecht und den Nachbar Heinrich verlassen, und statt meiner greift die Christel e Biffel mehr zu, und ich freue mich um so mehr, wenn ich wiederkomme und finde Alles hübsch in Ordnung."
Unter so Mut zusprcchenden Worten, die bei Rösel den gewünschten Eindruck nicht ganz verfehlten, hatten sie bald die Eisenbahnstation erreicht.
Daselbst war ein reges Leben und Treiben, von allen Seiten waren die einberufenen Soldaten und Reservisten herbeigeeilt, beseelt »on Kampfeslust gegen den übermütigen Franzmann. Wohl stahl sich hier und da noch eine Thräne aus dem Auge einer liebenden Mutter, die ihren einzigen
Sohn auf ein unsicheres Ziel losstcuern sah, aus dem eines bejahrten Vaters, welcher der Stütze seines Alters nichts weiter als den Segen für den großen Kampf mit dem Erbfeinde mitzugebcn vermochte, ferner aus den verweinten Augen von Frauen und Bräuten, die nur Trost fanden in der Hoffnung auf baldiges Wiedersehen.
Heran brauste der Eisenbahnzug und mit ihm ist für viele, die sich so nahe sichen, die sich so unendlich lieb haben, der unaufschiebbare Moment der Trennung ge- kommen, ob für kurze, für lange Zeit oder für — immer, das weiß Gott allein.
Da reicht eine Mutter dem hinausziehenden Gatten noch einmal den klemm dickwangigen Jungen, der seine niedlichen Händchen in des Vaters Bart vergräbt. Hier umfaßt eine in Thränen gebadete Mutter noch einmal ihren geliebten Sohn, den sie mit unaussprechlichen Mühen groß gezogen und nun einem unsicheren Schicksale preisge- geben steht, immer und immer sprechm so Viele: „Lebe wohl l" und „gesundes Wiedersehen I"
Die Eisenbahnconducteure drängen zum Einsteigen, auch der Held unserer Erzählung, der Röselhofsbauer Gottfried, zieht sein teures Weibchen noch einmal an sich heran und küßt sie noch einmal recht innig, zitternd wie Espenlaub hält Rösel ihn umklammert, sie schluchzt laut und gewaltsam muß er sich von ihr loSreißen, um als Letzter im Wagen noch Platz zu nehmen, denn seine Kameraden waren bereits alle eingestiegen. Da ertönt der schrillende To» der Signalpfeife, der Zug setzt sich langsam in Bewegung — plötzlich ein gellender Aufschrei — und Röscl sinkt wie ohnmächtig zu Boden; noch sieht Gottfried im Abfahlen, wie befreundete Personen seine Röscl wieder ausrichten und in das benachbarte Haus halb führen, halb tragen.
Glücklicherweise hatte sich Rösel beim Fallen keinen sichtbaren Schaden zugefügt und konnte, nachdem sie sich ein wenig erholt hatte, in Begleitung einiger Personen, welche ihr Trost zusprachen, nach F. in den Rösclshof zurückkehren.
Wie leicht denkbar, war mit Gottfrieds Weggang im Röselshofe eine außergewöhnliche Ruhe eingekehrt. Traurig schlich die tiefbetrübte Röscl in den ersten Tagen ihres Alleinseins herum und erst nach Verlauf von mehreren Wochen konnte sic durch die angestrengteste Thätigkcit in der Besorgung des HanSwesenS ihren tiefen Kummer bekämpfen.
Endlich, nachdem gegen vier Wochen ins Land gezogen, kam ein Feldpostbrief von ihrem Gatten, worin er ihr sein anhaltendes Wohlbefinden bis zum Beginn deS ersten Zusammenstoßes mit dem Feinde kundgab, ferner auch sagte, daß er bei St. Privat einen leichten Streifschuß erhalten, der jedoch nur am linken Arm ein wenig Haut abgeschurft habe, so daß er nicht eine Stunde außer Activität oder auch nur in Verpflegung gekommen sei. Sein Brief atmete ausschließlich Lust und Liebe zur guten Sache für'S große Vaterland, pries die vorzügliche Stimmung in der Armee, den ächt kameradschaftlichen Ton und schloß mit den Worten: „Gieb mir auch bald Nachricht unter meiner genauen Adresse, die ich unten beifüge, ob unser recht trau, tiger Abschied keine üblen Folgen für Dich zurückgelaffen hat, ob Du wohl auf und munter bist? Schreib mir ferner auch mit, wie es mit der Ernte auösieht, ob Dir der Nachbar Heinrich, den Du recht schön von mir grüßen magst, mit Rat und That beisteht, ob der August und die Christel Deinen Anordnungen pünktlich und gewissenhaft nachkommen, ob sie recht fleißig sind, wie ferner unfer Vieh-