Nr 2üo
31lat6urfl, Sonnabend, 1. Oktober IM.
XVI.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Tb- Dietrich u. Co- in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfm t a M.; Saasenslein u. Vogler in Frankfurt a. 31t., Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc-
GchesMe jcitmig.
Anzeigen nimmt entgegen t die Expedition b. DlatteS, sowie d.Annoncen-Dureaux v»n (3- 8. Daube u. E». in Frankfmt a. M-; Jägersche Buchhondluna daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanl tn Berlin; W. ThieneS >» Elberfeld: E. Schlotte i» Bremen.
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Oberhessische Zeitung
mit deren Gralisbeilage
Illustriertes Sonnlagsblatt
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Im Feuilleton des vierten Quartals kommt zum Abdruck:
Wiedergefundeu. Novelle von Julius Gündel.
Historische Episode aus dem Leben der Heiligen Elisabeth. Von W. Bücking.
Drei Glockeuschläge oder das Geheimnis von Cozy- Dell. Von Alfreo Mürenberg.
Bedenkliche Gesellschaft.
Es thät mir in der Seele weh,
Wenn ich dich in d e r Gesellschaft säh, möchte man (mit geringer Aenderung der Worte des Dichters) den Nationalliberalen im Reichstage auf Anlaß ihres Wahlaufrufs, durch welchen sie, trotz alles Pochens aus ihre Selbständigkeit, doch sachlich mit der sogenannten „großen liberalen Partei", und so mit der Fortschrittspartei gemeinsame Sache machen, noch einmal warnend zurufen, schreibt die „Prov.-Corresp.".
In der Parteibewegung in bezug auf die Wahlen spielt die sogenannte „große liberale Partei", d. h. die Gemeinschaft aller liberalen Fraktionen, gegen Fürst Bismarck eine eigentümliche, sehr wechselnde Rolle.
Die erste Verkündigung dieser Gemeinschaft Hirte man vor Jahr und Tag in den Aeußerungen der sogenannten Sezeffionistcn, jener neuen „Gruppe" der Liberalen, welche bis dahin den (lange geleugneten) linken Flügel der nationalliberalen Partei gebildet hatten, jetzt aber gänzlich auö derselben ausschieden, vorzugsweise, weil ste Fürst BiSmarck in seiner neuen Wirtschaftspolitik noch entschiedener, alö bisher, bekämpfen wollten.
Es wurde der neuen Gruppe alsbald vorauSgesagt, daß ste in kurzem der Fortschrittspartei verfallen würde, deren Schlagworte sie sich schnell aneignete. Wenn eS freilich seitens fortschrittlicher Redner und Blätter bis vor kurzem hieß: „Fort mit Bismarck", so behauptete man auf jener Seite blos, „die Abwendung der Nation" von dem Fürsten sei eine Thatsache, und cs wurde offen verkündet, daß die Ausgeschiedenen sich in die Zustände zurückversetzten, welche der vor vierzehn Jahren erfolgten Neubildung (der nationalliberalen Partei) vorangegangen waren, also in jene Zustände, in welchen sie mit der ganzen Fortschrittspartei ge- schricen hatten: „Weg mit Bismarck", und zwar damals, weil er unsere prächtige Militärvcrfassung, das Werkzeug unsers Ruhmes, . gegen all ihr Toben ausrecht erhielt und weil er Schleswig-Holstein nicht lediglich sür einen fremden Fürsten erworben haben wollte.
Was Fürst BiSmarck seitdem für Preußen und Deutschland gethan: die Errichtung des Norddeutschen Bundes, die Pflege guter Beziehungen zu den süddeutschen Fürsten und Völkerschaften, dann die Zeit herrlicher Erfüllung deS Jahrhunderte alten Traumes eines einigen und mächtigen deutschen Reichs und der einheitlichen Gestaltung auf fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens, endlich die allgemein geachtete und erfolgreiche deutsche Friedenspolitik, — das alles sollte vergessen und sür nichts geachtet sein, das deutsche Volk sollte eben zu den Zuständen und Stimmungen, die vorangegangen waren, zurückkehren I
Und warum dieser Unmuth, diese Verzweiflung? — Es wurde offen gesagt: weil Fürst Bismarck in der wirtschaftlichen Politik angeblich keine „idealen Ziele" mehr verfolgte. Von dem Tage an, wo er seine neue Wirtschaftspolitik verkündete, ist in der That jene Feindschaft offen hervorgetreten. Allerdings wollte er nicht länger blos ideale, d. h. angeblich dem Gedanken nach s i öne, edle Politik, sondern vielmehr reale, d. h. dem wirklichen Volkswohl entsprechende Politik treiben, er war entschlossen, den Bann der herrschenden Lehrmeinungen, die vorzugsweise dem großen Kapitalisten zu statten kommen, zu gunsten der Gesamtheit des Volkes zu durchbrech n, und die wiedergewonnene Selbständigkeit deS Vaterlandes für alle Klassen zu verwerten. Er war dabei gewiß, auf den Widerstand der bisherigen hauptsächlichen Vertreter der alten Wütschastslehren zu stoßen. Worauf er aber schwerlich gefaßt war, da* ist die Verleugnung des
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(Nachdruck verboten )
Wiedergefuude«.
Novelle von Julius Gündel.
ES war am 21. Juli 1870, ein warmer herrlicher Morgen schien einem heißen Tage Bahn brechen zu wollen, so voll und allzu freigebig sendete die Sonne ihre Strahlen zur Erde. Auch der letzte Thautropfen war bereits vollständig aufgezehrt und trauernd ließen die Blumen im Garten ihre Köpfchen sinken, den lieben Herrgott gleichsun um Erquickung bitt.nb. Ein unmittelbar am Garten gelegenes schmuckes Woonhaus, das vom Boden aus bis hinauf an das erste Stock mit Jelängerjelieber berankt, der die herrlichen Düfte seiner zahlreichen Blüten rings umher verblutete, saubere an die Rückseite des Wohnhauses angrenzende Wirtschafts- und Stallungsgebäude ließen das Ganze als ein wohlgeordnetes bäuerliches Anwesen erscheinen, in dem nur eine tüchtige Hausfrau und ein thätiger Landwirt friedlich mit einander uud neben einander leben konnten.
Um die neunte Morgenstunde mochte es sein, als der treue Wächter des Hofes, der schwarzzottige Donau, durch lautes Anschlägen das Nahen einer Person anzeigt e. Sein baldiges Schwkigm ließ indeß auf nichts gar Freu »bärtiges schließen. Der Landbricfträger aus dem eine halbe Stunde entfernten Städtchen L. war es, welcher der jung;en rotwangigen Hausfrau, welcke soeben unter das Hof thor getreten, heute außer dem B'schen Wochenblatte, das er allwöchentlich dreimal zu bestellen hatte, auch noch? einen kleinen, einfach zusammengefalteten Brief einhändigt e. Auf der Adreßseite desselben war gedruckt „Ordre" un o dann geschrieben „an den Reservisten Gottftied Sch . . - i m
F. bei L., Amtöhauptmannschaft B., Militaria." Das Allerneueste ist, sagte der gesprächige Briefträger, daß der Kaiser Napoleon dem König von Preußen den Krieg erklärt hat.
Diese Nachricht traf das Herz des den Gatten über Alles liebenden Weibes wie ein Dolchstich! Schnell holte es sich ein Tuch aus der Stube, band das in natürlichen Locken herniedcrwallende Haar darein, nahm den Brief vom Tisch und eilte damit hinaus aus dem Hause, unter der Thür der verwundert zuschauenden Hausmagd noch zu- rufcnd: „Bleib in der Stube, bis ich zurückkommeI" Der gleichsam wie teilnehmend laut bellende Donau sprang hinter seiner Herrin her, mit hinaus auf das Feld. Fünf Minuten vielleicht mochte die geängstigte Frau so dahingeeilt sein, als sic ihren Gottfried, eine hohe, kräftige Gestalt, die in allen ihren Bewegungen militärischen Anstand verriet, daherschrciten sah, wie er eben einen, zwei üppig stehende Kornfelder von einander trennenden Feldrain ver- lassen hatte. Jetzt sah auch er sein Liebstes sich ihm beflügelten Schrittes eiligst nähern. Donau, das treue Tier, sprang wedelnd an seinem Herrn hinauf, ihm schmeichelnd die von der Sonne gebräunten Hände beleckend.
„Was giebts, was ist vorgefallen, Rösel?" fragte Gottfried. Als Antwort entnahm die Gefragte dem Brusttuche, welches den auf- und niederwogenden Dusen schützte, das zusammengefaltete Papier und reichte es dem hastigen Frager.
Nur einen Blick auf das darauf groß gedruckte Wort „Ordre" und wie angewurzelt stand er da, der vorher noch so glückselig ruhige, besonnene Mann, welcher im Augenblicke noch so überaus glücklich in seinem Heimwesen sich gefühlt, der soeben noch — wenn der liebe Gott die Fluren mit einem Unwetter nicht heimsuchte — den mig-
ganzen Wesens und Wirkens der nationsllibrralm Partei seit ihrer Entstehung.
Damals, nach dem kläglichen AuSgang der Fortschritts- Politik im Jahre 1866, sagten sich alle halbwegS verständigen liberalen Politiker von ihr los, indem sie einsahen, daß ste nur im Anschlusie an Graf BiSmarck sich fortan wirkliche Verdienste um daS preußische und deutsche Volk erwerben konnten: ste erkannten klar, daß alle die großen Worte der Fortschrittspartei von Freiheit, Dolksrechten und so weiter völlig wertlos und ohne jede Bedeutung feien; wenn man sich nicht über daS praktisch Mögliche und Erreichbare mit der Negierung verständige.
In welchem Grade der Bitterkeit eS damals zwischen den "Nationalliberalen und ihren bisherigen Genossen von der Fortschrittspartei kam, davon liegen merkwürdige Belege vor. Einer der angesehensten Nationalliberalen schalt die Fortschrittsleute „Stümper der Politik, — unfruchtbare Geister der Verneinung, die daS Rauschen der neuen Zeit nicht verstehen, die für alle Größe der nationalen Entwickelung keinen Sinn, kein Herz, keinen Verstand haben."
Dieses und ähnliche Urteile der Nationalliberalen sind um so mehr in's Gedächtnis zu rufen, je mehr die Fortschrittsleute heute wieder so sprechen, als sei die nationale Wiedergeburt, die gegen ihren fortdauernden Widerspruch durchgeführt wurde, ihr Werk gewesen.
Als nun die „neue Gruppe", die Sezesstonisten, sich von den alten Nationalliberalen trennten, sprach der einflußreichste Führer »der letzteren dagegen ausdrücklich au«» daß das VerfaffungSlcben noch heute auf den Weg der Verständigung mit der Regierung Hinweise.
Die „neue Gruppe' gab jedoch keineswegs die Hoffnung auf, die Nationalliberalen wenigstens bei den Wahlen mit den weiter links stchenbeu OpposittonSparteien, besonders der Fortschrittspartei, zu vereinigen und da« Bindeglied zu denselben zu bilden. Sie selbst war, wie mau ihr vorauSgesagt, bald wehrlos der Fortschrittspartei ver» fallen und hatte allen eigenen Halt verloren; um so mehr trachtete sie unausgesetzt danach, die gesamten National- liberalen nach sich zu ziehen.
Damit dies gelinge, mußte die Fortschrittspartei bett demokratischen Pferdefuß verstecken und, namentlich in bezug auf die Monarchie die loyale spielen, — ja seitens der sogenannten Gemäßigten der Fortschrittspartei wurde den Nationalliberalcn sogar in Aussicht gestellt, daß sie die ganze große Partei führen sollten, wogegen sich aber dir Entschiedeneren der Fortschrittspartei alsbald verwahrten. Sie hätten das freilich gar nicht nötig gehabt; denn eS ist eine bekannte Erfahrung, daß in jeder Gemeinschaft die Entschiedeneren und Leidenschaftlicheren den Ausschlag geben, und auch in der „großen liberalen Partei" würden bald die leidenschaftlichsten Fortschrittsleute die Herrschaft au sich reißen.
lich reichen Ernteertrag überrechnet hatte; da stand er, bald das kleine und so gewichtige Briefchen betrachtend, bald seiner Rösel einen wehmütigen Blick zuwerfend. Noch hatte er den Brief nicht geöffnet, als ob er sich scheute, dies in Gegenwart seines Herzblättchens zu thun. Wußte er doch bereits, was darinnen stand, hatte ihm doch die Bemerkung seiner Rösel, der Briefträger habe gesagt, e« werde Krieg zwischen Frankreich und Deutschland, Alle- erklärt. — Ja, eS hieß auch im Schreiben wörtlich: „Der Reservist Sch. hat sofort beim Regimentskommando in L. einzutreffen."
Wieder hatte die Sonne ihren Lauf begonnen, noch war's zu früher Morgenstunde, al« den Sch'schm Bauernhof, dm sogmannten „RöselShof" ein junge« Paar verließ, er zwar festen Schritte«, aber mit dem Stempel tiefster Bettübnis auf der Stirn, sie mit gebleichten Wangen und rotgeweintm Augen; ste sind es, der Gottfried mit seiner Rösel. — Was habm die letzten 24 Stund« bte junge lebenslustige Hausfrau des Röselhofes so auffallend zu verändem vermocht!
Noch einmal schaut er sich um; der Gottfried sieht sich noch einmal seine Besitzung an, sich hn Stillen fragend: Werde ich dich Wiedersehen oder nicht?" — Von Neu«, brechen bei der armen Rösel die Thein« unaufhaltsam hervor, Gottfried sucht sein liebe« Weib zu beruhigen, * will ihm jedoch nicht gelingen, er selbst ist auf« Tiefste he- trübt. Wie fest hält sie seine markige Rechte umschlungm!
So gehen sie langsam auf dem Fußpfade dyn nahe gelegenen Stäbchen zu.
KeinS von Selben mehr wagt zu sprechen, eine feierliche Stille ist mblich an Stelle der heftigen SchmerzmS- ausbrüche RöselS getreten. (Iortsehungst-lsty