XVI, Jahrgang
Marburg, Freitag, 30. September 1881.
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OdcheWe Mutig.
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Die „Ob er hessische Zeitung" zählt zuverlässig angestellten Ermittelungen zufolge zu den Verbreitesten Blättern in Hessen und wird auch für die Folge durch Gediegenheit und Reichhaltigkeit ihres Inhaltes den errungenen Standpunkt zu behaupten jederzeit bemüht sein.
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Im Feuilleton des nächsten Quartals kommt zum Abdruck:
Wiedergesunde«. Novelle von Julius Gündel.
Historische Episode aus dem Leben der Heiligen Elisabeth. Bon W. Bücking.
Drei Glockenschläge oder das Geheimnis von Cozy Dell. Bon Alfreo Mürenberg.
V Arbeitsbücher.
Bor kurzem ist bereits darauf hingcwiesen worden, daß die Fortschrittspartei in ihren Flugblättern alles daran setzt, die Arbeiter dadurch für fortschrittliche Wahlen zu gewinnen, daß denselben das Gespenst der Arbeitsbücher an die Wand gemalt wird, und zwar unter der gleichzeitigen Behauptung, daß die konservative Partei bemüht sei, durch die Einführung obligatorischer Arbeitsbücher eine Bevormundung der Arbeiter zu erzielen, letztere dem Gesinde gleichzustcllcn u. s. w.
Was die fortschrittlichen Flugblätter in dieser Beziehung erdichtet, wird jetzt von dem fortschrittlichen „Berliner Tage
blatt" weiter ausgeführt und zwar auf Grund der Anträge, welche der Lübecker Senator Dr. Brehmer auf der Ge- werbekammer-Konfercnz zu Stuttgart gestellt hatte. Diese Anträge lauteten:
„1) für alle gewerblichen Arbeiter ohne Unterschied des Alters Arbeitsbücher durch Reichsgesetz einzuführen, 2) die Behörden schon jetzt zur Verabfolgung von Arbeitsbüchern an volljährige Arbeiter auf deren Ansuchen und zur Beglaubigung von Eintragungen in dieselben anzuweisen, 3) inzwischen es aber als Aufgabe der größeren gewerblichen Verbände zu erklären, Anordnungen zu treffen, daß die Gehilfen und Arbeiter der Verbandsmitglieder mit einem Arbeitsbuche versehen und die Mitglieder verpflichtet werden, nur Gehilfen und Arbeiter mit einem solchen Arbeitsbuch zu beschäftigen."
Es darf allerdings nicht wunder nehmen, daß die fortschrittliche Presse die wohlmeinende Tendenz dieser Anträge in ihrer Art zu entstellen sucht, denn für sie handelt es sich ja nur darum, die wahren Thatsachen zu verdrehen, um die Arbeiter über den wirklichen Zweck dieser Arbeitsbücher zu täufchen und auf diese Weise dieselben dazu zu verleiten, bei der bevorstehenden Wahl für die Kandidaten der Fortschrittspartei zu stimmen.
Deshalb wird denn auch in dem Artikel des fortschrittlichen „Berliner Tageblatt" mit aller Wucht gegen dieKon- fervativen Front gemacht und ihnen die unlauterste Absicht gegen die arbeitenden Klassen unterschoben. Man bezeichnet die „Arbeiterfreundlichkeit" der Konservativen gewissermaßen als Deckmantel für Wahlzwecke und wagt es, zu behaupten, daß es sich hier nur um eine zu erreichende absolute Herr- fchaft der „Land- und Schlotjunker" über die arbeitenden Klassen handle; ja, man ist dreist genug, die erbärmliche Insinuation auszusprechen: „die Konservativen würden sicher Koalitionen bilden und selbst bei dem gesetzlich beschränkten Inhalt der Arbeitsbücher durch geheim verabredete Zeichen in der Wortstellung und Wortfassung die obligatorischen Arbeitsbücher als Konduitenlisten für die Arbeiter benutzen."
Wenn die „Nordd. Allg. Ztg." angesichts dieser bodenlos dreisten Insinuation zu dem Ausspruche gelangt:
Wenn irgendwo, so ist hier daö Sprüchwort berechtigt, daß hinter dem Busche nur der jemanden fucht, der selbst dahinter gesessen hat, eine Geschichte des fortschrittlichen Berliner BczirksvereinS-Terroris- mus wird das dereinst in drastischer Weise enthüllen, — so kann man demselben nur völlig zustimmen, denn in der That hat sich dieser fortschrittliche Terrorismus seit Jahren in einer Weise zu erkennen gegeben, die noch nie bei einer anderen politischen Partei wahrgenvmmen worden ist.
Wenn es keinem Zweifel unterliegt, daß daS Arbeitsbuch für den braven und redlichen Arbeiter nur eine erwünschte Legitimation sein wird, auf Grund welcher er die verlangte
Arbeit leichter zu erhalten vermag, so steht eS aber auch ebenfo fest, daß dem bisher unzuverlässigen Arbeiter durch Einführung der Arbeitsbücher daS beste Mittel an die Hand gegeben würde, wieder von den Irrwegen, auf die er geraten, umzukehren und für die Zukunft ein tüchtiger Arbeiter zu werden.
Ebensowenig wie der Paß etwas Beschämendes ist, und das frühere Wanderbuch der Handwerksburschen eine Schande war, wird auch daS Arbeitsbuch für den Arbeiter etw'as Erniedrigendes bilden, im Gegenteil wird der Arbeitsuchende, dem ja stets als erste Frage jene nach den Legitimations- Papieren entgegentritt, durch daS Arbeitsbuch sich im Besitze einer vollgültigen besten Legitimation befinden und durch dieselbe bester als bisher vor Arbeitslosigkeit geschützt sein.
Oder will die fortschrittliche Preste etwa behaupten, daß ihre politischen Gesinnungsgenosten blindlings ihre Arbeiter anstellen und auf eine genügende Ausweisung über ihre bisherige Beschäftigung u. s. w. aus reiner „Arbeiterfreundlichkeit" verzichten? Nun. dann könnte man allerdings diesen fortschrittlichen Scribenten mit Beispielen dienen, welche den Beweis liefern, daß das Examen, welchem der fortschrittliche Arbeitgeber die anzunehmenden Arbeiter unterwirft, sich noch auf ganz andere, mit der zu leistenden Arbeit in gar keiner Verbindung stehende Dinge erstreckt, und daß, wenn der Arbeitnehmer z. B. sich nicht zu der politischen Parteifarbe des Arbeitgebers bekennt, von vornherein eine Beschäftigung bei dem letzteren ausgeschlossen ist.
Geradezu lächerlich erscheint daher der fortschritllichr Notschrei, daß die Einführung der obligatorischen Arbeitsbücher für die Arbeiter gleichbedeutend sei mit der „Vernichtung der politischen Selbstständigkeit der Arbeiter", mit einer „rücksichtslosen Geldherrschaft über die wirtschaftlich Schwächeren." Hat denn der Arbeiter, besten Arbeitgeber der Fortschrittspartei angehört, überhaupt bisher eine „politische Selbstständigkeit" besesten? Ist eö bisher nicht stets ein besonderes Kennzeichen des Fortschrittsringes gewesen, daß er eine „rücksichtslose Geldherrschaft über dir wirtschaftlich Schwächeren" auSübte?!
Angesichts dieser unleugbaren Wahrheit, können derartige hochtrabende Redewendungen, wie sie das „Berliner Tageblatt" angeblich im Jntereste der Arbeiter zum Besten giebt, wenig verfangen und jedermann wird den Zweck, welcher mit denselben verbunden wird, nur allzu leicht erkennen. Die Fortschrittspartei wird auch ferner die arbeitenden Klassen für ihre politischen Zwecke ausnutzen und mißbrauchen, deshalb wird ihnen daS obligatorische Arbeitsbuch gewissermaßen als Zwangspaß dargestellt.
Aber wie die konservative Partei seit Jahren bemüht gewesen ist, das Loos des Arbeiters bester zu gestalten, wie sie durch ihr Verhalten bei Beratung des Unfallverstche-
Die Hochzeitsfeste i« Bade«.
(Schluß.)
Die Stadt Karlsruhe hatte eine große, kunstvoll gearbeitete Standuhr geschenkt mit der Inschrift, daß sie nur glückliche Stunden schlagen möge, die Stadt Baden ein großes Oelbild mit der Ansicht des alten Schlosses, die Stadt Freiburg desgleichen ein ähnliches Bild, ebenso die Städte Heidelberg und Konstanz Bilder deö alten Schlosses und der Mainau.
Nicht mincer reich waren die Geschenke, welche daö großherzogliche Paar zur Feier seiner silbernen Hochzeit vom Lande, Korporationen, wie Privatpersonen erhalten hat. Der Kaiser schenkte ein Sternen-Diadem von Opalen, Rubinen und Brillanten, dazu ein Stern als Medaillon, auf dessen Rückseite sich die Miniaturbildnisse des Kaisers und der Kaiferin befinden. Das Geschenk der Kaiserin war eine große Bibel mit silbernen und vergoldeten gothiscken Arabesken, die wieder mit, Bergkrystall und Arnethisten ausgelegt waren; in der Mitte des Einbandes liegt ein silbernes Kreuz, mit dem Monogramme Christi in blauer Emaille; dazu gehört ein hohes Kreuz von vergoldetem Silber, auf einem reich verzierten Sockel, der an der vordem Seite die Allianzwappen des Großherzoglichen Paares trägt. Die reiche gothischen Vorbildern nachgeahmte Omamentarbeit ist mit ähnlichen Steinen, wie die Bibel auSgelcgt; in der Mitte des Kreuzes ist wie auf dieser das Monogramm Christi in blauer Emaille angebracht. Auf das erste Blatt der Bibel ist von der Kaiserin eigener Hand eine Widmung an das Großherzogliche Paar geschrieben. — Von den schwedischm Majestäten erhielt die Frau Großherzogin ein Halsband mit daran hängendem Medaillon und dem Namenszuge Sophie und Oscar, eine
wahre Filigranarbeit von Brillanten, Rubinen und Smaragden, die zu den schönsten Arbeiten der modernen Goldschmiedekunst gehören. Die Kronprinzlichen Herrschaften v. Preußen und Deutschland, die mit derartigen Geschenken immer einen künstlerischen Zweck zu verbinden wissen, ließen einen großen Paravent in drei Teilen anfertigen. In kunstvoll geschnitztem, vergoldetem Rokokkorahmen sind Panneaux von japanischem Leder mit diskreter goldener Damascierung eingelassen. Auf diesen ranken sich in Del« Malerei Rosengewinde empor. Inmitten derselben trägt das erste der Panneaux die Wappenschilde des Großherzoglichen Paares mit der Krone darüber und den Daten der ersten und der silbernen Hochzeit in kunstvoller Nachahmung durch die Zeit nachgedunkelter Farben. Auch die beiden anderen Felder enthalten die Initialen des großherzoglichen Paares auf blauen Schilden, inmitten sich rankender Rosen. Die Rückseite der Felder ist mit reicher Blumenornamentik bedeckt, in der glühendsten Farbengebung. Diese Malerei ist eine Arbeit einer talentvollen Künstlerin, Fräul. Cunow; die Vorderfeite hat ein talentvoller Künstler, Koch, gemalt. Von den großhcrzoglichcn Herrschaften waren diejenigen Personen des Hofstaates des damaligen Prinzen und der Prinzessin von Preußen, welche vor 25 Fahren der Hochzeit beigewohnt hatten, auch zur silbernen geladen worden: General von Boyen, Graf v. d. Goltz, Gräfin Hacke und Gräfin Oriolla, Graf Pückler, Generale v. Steinäcker und von Strübberg. Diese Namen, denen sich auch derjenige der Frau von Doyen beigesellte, zieren in erhabener Schrift den Rand am Deckel einer großen, kostbar geschnitzten, mit Gold, Sammt und vergoldeten Beschlägen versehenen altdeutschen Truhe, welche sie als Geschenk der Frau Großherzogin verehrten.
Die festliche Bewegung stieg mit jedem Tage, namentlich gegen den Donnerstag hin. Die großen Hoffestlichkeiten gingen im Innern des großherzoglichen Schlosses vor, von diesen konnte das Publikum wenig zu sehen bekommen, eS mußte sich begnügen mit den Festlichkeiten, die in der Stadt stattfanden, mit den Musik-Aufführungen an jedem Nachmittage, mit Tanzbelustigung auf dem Festplatze, mit der überaus großartigen Beleuchtung, welche an jedem Abend während der ganzen Woche am Marktplatze strahlte, einer Beleuchtung, die an eine italienische Nacht erinnerte; eS mußte sich genügen lasten am Festbankette, welches die Angehörigen des Militärvereinverbandes gaben und an dem, was es von der Auffahrt deS Hofes zu sehen bekam, wie beim Besuche der Kunst- und Kunstgewerbe« Ausstellung, welche der Hof mit feinen Gästen besuchte. An einem Nachmittage sah man vielfache Gruppm von Männern aus allen Lebensstellungen nach dem Schlöffe sich Bewegen. Herren in Uniformen, in Fräcken mit den Gemeindeketten, und bäuerlichen Kostümen, Damen in großer Gesellschaftstoilette, Bäuerinnen in ihrem Sonntagsstaat — es waren die Deputationen deö ganzes Landes, welche von dem Großherzoge und der Großherzogin im Marmorsaale empfangen wurden und ihre Glückwünsche dem Monarchenpaar zu dem Doppelfeste darbrachten. Die Frauen ge« hörten dem Frauenverein des Landes an, besten Patronin die Frau Großherzogin nicht nur mH Namen, sondern durch die volle That ist. Gegen Mittwoch Abend füllte sich die Stadt Karlsruhe mit jeder Stunde, von allen Seiten kamen Extrazüge an und Extrazüge brachten auch alle die Landbewohner, welche in ihren Volkstrachten an dem großen Maffenzuge des nächsten Tages teünehmm sollten.