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Marburg, Sonnabend, 17. September 1881.
xvi. Mrga«s
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Die „Siuursiiuderung" des Kanzlers.
I.
Unter dieser Ueberschrift bringt die „Prov.-Korresp." zunächst folgenden Artikel:
Die Richtung, welche die innere Politik deö Fürsten Bismarck eingeschlagen, hat in den Reihen derjenigen, welche sich früher um diese Politik scharte«, mehr und mehr eine beklagenswerte Abneigung und Gegnerschaft und ein unberechtigtes Mißtrauen hervorgerufen, welches zugleich von einem auffallenden Mangel an Verständnis für die wahren Bedürfnisse des Volkes zeugt.
In den Kreisen der fortschrittlich-liberalen Partei macht man es dem Fürsten Bismarck förmlich zum Vorwurf, daß er in der inneren Politik andere Bahnen eingeschlagen habe, als bis vor wenigen Jahren, und gerade in dieser seiner „Sinnesänderung" glaubt man einen hinreichenden Grund dafür zu finden, daß man sich von ihm und der Unterstützung seiner Politik abgewendet und den Mann auf das Leidenschaftlichste bekämpft, welcher nach dem allseitigen Ai - erkenntnis Deutschlands Ruhm, Macht und Größe begründet hat. Es wird dem Volke vvrgerevet, Fürst Bismarck habe „reaktionäre" Anwandlungen, er habe seine früheren Grundsätze verleugnet, er strebe nach „Alleinherrschaft", er wolle die Freiheit deö Volkes vernichten und sogar sein eigenes Werk, das er mühsam aufgcbaut, daö Deutsche Reich, zugrunde richten.
Und doch hat derselbe, wie keiner, Anspruch darauf, daß jeder Deutsche, dem sein Vaterland lieb ist und welcher die Verdienste des Reichskanzlers um dasselbe anerkennt, seine Beweggründe unbefangen und unparteiisch prüft.
Die Wendung in der inneren Politik des Kanzlers war aber eine Notwendigkeit und das Ergebnis der Entwickelung der inneren Verhältnisse Deutschlands, welche sich naturgemäß vollzog.
Fürst Bismarcks politische Thätigkeit hat sich von Anbeginn seiner Ministerpräsidentschaft auf die auswärtige Politik und vornehmlich auf die deutsche Frage richten müssen, deren Lösung und Neuregelung seit den vierziger Jahren alle Gemüter beschäftigt hatte. Der Widerstand, welchen er hierbei seitens der liberalen Partei fand, hat ihn von seinen einmal für richtig befundenen Entschlüssen nicht abzubringen vermocht, und er hat damit unwiderleglich bewiesen, daß es von einem seines Zieles bewußten Staatömanne unklug wäre, sich nach den Ratschlägen zu richten, die von der Taktik der Parteien eingegeben werden.
Als der norddeutsche Bund und vollends das deutsche Reich — wie man weiß mit viel Mühe und Not — gegründet war, lag dem Fürsten Bismarck in erster Linie der äußere und innere Ausbau des Reiches in seinen notwendigen Einrichtungen ob. Erst nachdem das Notwendigste geschehen, drängte sich dem Reichskanzler mehr und mehr
Haus von Dörnberg,
Hofmeister zu Marburg und Pfandherr zu Neustadt.
(Fortsetzung.)
Er erinnere sich, der alte Hofmeister Riedesel, der früher Junge bei Hans von Dörnberg gewesen, habe ihm vor Zeiten erzählt: wie ein Alchemist dem Dörnberg Gold bereitet und viele Schlösser gebauet habe; zuletzt sei ihm gelohnt, wie der Gans, welche alle Tage ein goldenes Ei legte.
In wie weit alle diese schweren Vorwürfe, welche man gegen Hans von Dörnberg erhoben hat, begründet sind, läßt sich noch nicht feststellen, da bis jetzt der historischen Forschung archivalisches Material nicht in hinreichendem Maße zu Gebote gestanden hat. Namentlich wäre es notwendig, wenn Licht in die Sache kommen soll, daß die Herren von Dörnberg ihr sehr reichhaltiges Familienarchiv. durch einen tüchtigen Fachmann ordnen und der unparteiischen Wissenschaft öffnen ließen. Was bis jetzt in dieser Sache geschrieben worden ist, stützt sich größtenteils auf die Mitteilungen der Chronisten und anderer Schriftsteller, welche nach dem Hörensagen berichteten und daher vielfach unzuverlässig find.
Sehr günstig für HanS v. Dörnberg spricht das große Vertrauen und die herzliche Zuneigung, welche nicht nur die L mdgrafen Heinrich III. und Wilhelm III. sondern auch der edelgesinnte Erzbischof Hermann von Köln, dem die Geschichte das Zeugnis giebt, daß er einer der tüchtigsten und beruftreuesten Kirchenfürstcn gewesen sei, jederzeit hm gdschenkt haben. Wie sehr Lanograf Heinrich seinen Hofmeister schätzte, sehen wir besonders auch daran, daß er 5 Tage vor seinem Tode als er seinen letzten Willen kund gab,
die Aufgabe auf, daö Reich auch in finanzieller Beziehung selbständig und unabhängig zu machen und deshalb sich nach solchen wirtschaftlichen Hülfsquellen umzuschen, welche die Erreichung dieses großen nationalen Zieles möglich machen könnten. Die Kräftigung und Erstarkung deS Reiches in finanzieller Beziehung allein durch besondere Heranziehung der indirekten Abgaben wäre aber nur eine halbe, ungenügende und unwirksame Maßregel gewesen. Die Erhaltung, Förderung und Vermehrung der produktiven Kräfte des Landes, welche vornehmlich in der Landwirtschaft und Industrie zu suchen, wurde das weitere Ziel, um dauernd eine Hebung der gesamten wirtschaftlichen Kräfte und so eine innere Gesundung des Reichs für die Zukunft vorzubereiten.
Die Wege, welche der Kanzler zu diesem Ziele einschlug, waren freilich von denen verschieden, welche die wirtschaftlich maßgebenden Persönlichkeiten und Parteien im Reich bisher empfohlen hatten. Für die Lebensbedin- gungen und Aufgaben, welche das neue große geeinigte Staatswesen zu erfüllen hatte, erwiesen sich die bisher leitenden Grundsätze eben als unzulänglich. Fürst Bismarck wollte seine Schöpfung auch gesund und stark erhalten und mußte sich, nachdem die ersten Einrichtungen des neuen Gemeinwesens nach allen Seiten hergestellt waren, nunmehr mit einer vorurteilsfreien Prüfung derjenigen Grundsätze beschäftigen, welche für die volköwirt- schaflliche Entwickelung und Geschichte aller Völker von besonderem Einfluß gewesen sind. Die auswärtige Politik und ihre harten Bedrängnisse hatten ihm (wie er mehrfach angedeutct) früher hierzu keine Zeit gelassen, das sachverständige Urteil seiner selbstgewählten Gehülfen wollte er nicht anfechten und die Sorge für eine kräftige nationalwirtschaftliche und finanzielle Entwickelung des Reichs konnte naturgemäß erst dann an ihn herantreten, nachdem dasselbe einige Jahre hindurch sich äußerlich und innerlich eingerichtet hatte.
Die Geschichte der anderen Völker und namentlich einiger großer Völker (Frankreich, England, Nordamerika), die in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung von aller Welt beneidet dastehen, lehrte den Kanzler, daß das junge Reich sich nicht länger l en Gefahren einer Wirtschaftspolitik aussetzen könne, welche lange von politischen Wortführern als der Inbegriff aller Weisheit, Freiheit und Glückseligkeit ausgegeben war, welche aber doch in Wahrheit und in der Wirklichkeit bisher nur ein solcher Staat zu seinem eigenen Nutzen verwerten konnte, den eine mehr als hundertjährige, auf die Hebung der eigenen Volkskraft gerichtete Wirtschaftspolitik zu einer auch wirtschaftspolitischen Großmacht ersten Ranges und zur Beherrscherin des allgemeinen industriellen Marktes gemacht hatte. Die freihändlerischen Lehrsätze der englischen Volkswirte waren eben für das stark gewordene England berechnet und fanden überdies
unter den Vormündern und Beschützern seines einzigen minderjährigen Sohnes an erster Stelle nächst dem Erzbischof von Köln Hans von Dörnberg nannte und erklärte, daß er zu diesen Vormündern „sonderlich hohen Glauben „und Vertrauen trage und auch an ihnen befunden habe", und sich der zuverlässigen Hoffnung hingebe, daß sie „also „namentlich mit einander dem gnedig,n jungen Herrn, „sinen Land und Luden, bis zue der siner selbst Regierunge „bruederlich, getruelich, frömelich und zu maßen als sie eS „gegen Got dem Herren an sinem letzten strengen Gerichte „verantwortenn wullen, und getruen Vormündern von Gode „und Recht gedorrt," zur Seite stehen würden. Da Hans gerade abwesend war, so begehrte der dem Tode nahe Landgraf dreimal, wenn er vor der Rückkehr des Hofmeisters sterben sollte, diesen an seine Pflicht, seinen Eid und seine Treue, sowie besonders an das Vertrauens- unv Freundschaftsbündnis zu erinnern, das zwischen ihnen beiden seither bestanden habe, daß er solches ansehen und dem jungen Herrn getreulich vorstehen und zu seinem Besten handeln möge. Nun denke man sich: ein sterbender Fürst vertraut im Anblicke des ToveS und jüngsten Gerichtes, auf das er selbst mit ernsten, eindrin lichen Worten hinweist, seinen einzigen Sohn einem Menschen an und nennt diesen seinen bewährten Freund, den er als einen Verbrecher, einen Meuchelmörder, oder doch wenigstens als einen verdächtigen Menschen kennen mußte. Das reimt sich schwerlich zusammen. Ein sehr schönes Zeichen an HanS ist eS auch, daß er mit seinen Kollegen am Marburger Hofe, namentlich mit dem Marschall Johann Schenk in der treuesten und intimsten Freundschaft lebte. Wenn man nun an dem Grundsätze festhält, daß schlechte Menschen einer wahren Freundschaft nicht fähig sind, so muß man sich gewiß in
niemals eine allgemeine Anwendung in bezug auf Jn- dustrieen, in welchen England anderen Völkern noch nachstand; sie wurden aber von den deutschen Freihändlern als die einzig und ewig wahren Grundsätze für das Gedeihen eines Volkes überhaupt auSgegeben, obwohl in der Geschichte auch nicht ein einziges Beispiel von der Zuträglichkeit derselben für einen volkswirtschaftlich noch schwachen und zurückstehenden Staat vorhanden ist.
Den Glauben an die Unfehlbarkeit jener an sich so bestrickenden und einfachen Lehre des Freihandels und des Gehenlassens, deren dauernde praktische Anwendung Deutschland den großen Nachbarvölkern gegenüber wirtschaftlich in ein abhängiges, fast tributpflichtiges Verhältnis gebracht hätte, hat Fürst Bismarck, Gott sei Dankl überwunden und hiermit den Grund gelegt zu einer wirklich nationalen Finanz- und Wirtschaftspolitik, welche sich nicht von fremden Grundsätzen, sondern von den ureigenen Bedürfnissen des Landes leiten läßt.
Eine neue Reihe von Thatsachcn kam hinzu, um die Erwägungen des Kanzlers zugleich nach einer noch andern Richtung zu lenken und denselben eine erhöhte Wichtigkeit zu geben.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Sept. Der dringende Appell der „National- Zeitung" an Herrn v. Bennigsen, sich an einem gemeinsamen liberalen Wahlaufruf zu beteiligen, erfährt im „Hannov. Courier" folgende derbe Abfertigung: „Mit einer Hartnäckigkeit, die in keiner Weise begreiflich ist, klammern sich noch zur Stunde gewisse liberale Organe linker Richtung an den Gedanken einer „großen liberalen Partei". Wenn man sich erinnert, wie die Möglichkeit eines so weit aussehenden Projekts gleich im Beginn der sezessionistischen Bewegung in einem Athem als trennendes und als vereinigendes Moment dargestellt ward, so wird man diesem Streben Konsequenz und Methode nicht absprechen wollen. Nichtsdestoweniger bleibt es Thorheit, nichtsdestoweniger spiegelt sich in ihm nur jene Unklarheit der Selbsttäuschung wieder, die von Anfang an das Kennzeichen der neuen Parteibildung war, der Zug nach der fortschrittlichen Ferne und die Sehnsucht nach der nationalliberalen Heimat, die Doppelseele, die, ach, in der Brust der Abgefallenen wohnt. Was in aller Welt ist denn geschehen, das die Hoffnung auf eine Vereinigung der beiden Parteien, des Nationalliberalismus und des Fortschritts rechtfertigen könnte, in welcher der SezesstoniSmuS der Dritte fein will? Haben die beiden Parteien ihre Gegensätze, die unversöhnlich sind, etwa aufgegeben? Haben sie auch nur Miene gemacht, es zu thun? Ist es nicht vielmehr die späte Erkenntniß, daß mau sich zwischen zwei Stühle gesetzt hat, welche den L>ezessionisten ihren Not-
dem ungünstigen Urteil über Hans einige Zurückhaltung auferlegen.
DaS übele Zeugnis, welches man Hans v. Dörnberg ausstellt reimt sich auch schlecht mit der Entschiedenheit, mit welcher derselbe einst bei dem Erzbischof Bertold von Mainz seine Ehrenhaftigkeit und Unbescholtenheit in die Wagschale warf. In einem Jnjurienstreit mit dem Kommenthur Johann von Hohenfels schreibt er nämlich an den genannten Prälaten:
„Wie wol er, von Adel geboren, sich von sinen Kind- „ tagen bis anher, Eren, Glimpffs und Glaubens gebraucht, „geflißen und dermaßen gehalten, das er siner Eren, oder „Glimpffs mit Schelten oder Smehenworten von ymants „beleidigt zu werden, keine Zuversicht gehapt ..., so habe „doch der obgemelt Comthur in sinem Abwesen in Rück „siner Ehren und Glimpffs schwerlich angetast, dargeben „und gesagt, daß er derCläger dem Landgrafen und sinem „Fürstentum abzubrechen und dem Churfürsten und Stift „zu Meinz zuzuwenden und erstanden. Solch Wort er, „sobald die an ine gelangt, zu Herzen und Gemüt ge- „nommen, in Betrachtung, daß eine die Ere und Glimpff „bruhrt, die smehe derhalb zugemeffen um zehentußen „Gulden, die er lieber von dem sinen mangeln, dan daö „er solche Smehe leiten wollte etc." (Entdeckter Ungrund etc. Beil XIII.)
Mit einer solchen Entschiedenheit hätte HanS sicher nicht auf seinen guten Namen pochen dürfen, wenn begründeter Verdacht vorlag, daß er sich verbrecherische Handlungen habe zu schuldm kommen lassen.
(Fortsetzung folgt.)