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Marburg, Donnerstag, 8. September 1881.

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Vor drei Jahren noch wäre es undenkbar gewesen, daß eine conservative Wählerversammlung zahlreich besucht worden wäre; jetzt finden täglich solche Versammlungen statt und werden von Tausenden besucht, während die Fort» schrittspartei nur selten Versammlungen abhält, in denen nur zuverlässige Anhänger zugelassen werden. Das Ana­thema der Fortschrittspartei gegen das Sedanfcst hat nicht die geringste Wirksamkeit geübt, im Gegenteil hat in Ber­lin das Fest niemals eine so rege Beteiligung gefunden; die von dem conservativen Ccntralcomitö veranstalteten Fest­lichkeiten sind von circa 150000 Menschen besucht worden, wodurch thatsächlich bewiesen ist, daß die conservative Partei in Berlin sehr bedeutend an Boden gewonnen hat. Diese Thatsache kann weder durch die Verschweigung der Feste seitens der liberalen Presse noch durch deren Verhöhnung beseitigt werden.

Der Umschwung in der öffentlichen Meinung in Berlin ist nicht mehr zu verdecken. Die Kreise der Arbeiter und Handwerker wollen nichts mehr mit der Fortschrittspartei zu thun haben, sie hat ihren Anhang nur noch in den Kreisen der Händler. Diese bilden eigentlich das Gros derselben. Die Stellung, welche die Fortschrittspartei zu der wirtschaftlichen Reform einnimmt, ist nicht dazu an- gethan, bei den arbeitenden Kreisen Sympathieen zu er­wecken, während sich gerade in ihnen die Ueberzeugung Bahn bricht, daß die konservative Partei mehr für sie sor­gen will, wie es die liberalen Parteien bisher gethan haben. Selbst in liberalen Kreisen wird jetzt stellenweise anerkannt, daß ihre Stellung zu der wirtschaftlichen und sozialen Re­form ihr verhängnisvoll werden wird und ihnen Sitze, die sie bisher inne hatte, entziehen wird.

Daß die diesmalige Wahl von großer Bedeutung ist, wird nicht bloß im Jnlande, sondern auch im Auslande erkannt. Französische Blätter verfolgen mit großer Auf­merksamkeit die Vorgänge in Deutschland, die Sympathie derselben steht auf Seite der Fortschrittspartei. Die Pariser „Estafette" erklärt sogar, daß der Sieg des Liberalismus notwendig sei, um das deutsche Reich in seiner jetzigen Ver­fassung zugrunde zu richten. Das sei der Grund, wes­wegen dieses Blatt auf Seite der Fortschrittspartei stehe, weil es von dem Siege derselben die Vernichtung der gegen­wärtigen Verfassung, d. h. des deutschen Kaisertums hoffe. Also die französischen Blätter begrüßen in der Fortschritts- Partei ihre Gesinnungsgenossen, d. h. Feinde der Monarchie und der Anhänger der Republik. Es ist dies sehr bezeich­nend und von hoher Wichtigkeit, und wird unzweifelhaft bei der nächsten Wahl von großer Bedeutung sein. Ein Zweifel über die antiuationale Haltung der Fortschritts­partei kann jetzt nicht mehr, trotz aller Proteste ihrer Füh­rer, gehegt werden. Von der Austreibung des preußischen Großmachtkitzels durch Schultze-Delitzsch bis zu der Ver­höhnung der gefallenen Helden und des Nationalfestes ist

es ein hübsches Konto, welches der Fortschrittspartei dies­mal bei der Wahl gutgeschrieben werden wird.

So wird sich denn diesmal die Wahl zu einer Ent­scheidung zwischen nationalen und antinationalen Parteien zuspitzen. Der große Fehler, welchen die Fortschrittspartei durch ihre antinationale Politik begangen, wird sich unzwei­felhaft bitter rächen, wenn sich auch die Führer noch so viele Mühe geben werden, denselben zu reparieren.

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Die Parteien vor der Wahl.

Den nachstehenden Artikel entnehmen wir dem in Ber­lin erscheinenden „Kleinen Journal", bekanntlich kein „kon­servatives" Blatt:

Der Wahltermin ist jetzt bekannt gemacht, so daß also nun endlich jeder Zweifel in dieser Beziehung beseitigt ist. ES ist noch ein ziemlich langer Zeitraum, noch 8 Wochen bis zum 27. Oktober, so daß die verschiedenen Parteien noch Zeit genug haben, sich für die Wahlkampagne zu rüsten. Unzweifelhaft wird jetzt erst die Wahlagitation in erhöhter Weise vor sich gehen und diejenigen Parteien, welche bisher sich noch ruhig verhielten, werden jetzt ihr Programm veröffentlichen und in die Wahlarena herabsteigen.

Bisher haben ausschließlich die Fortschrittspartei und die konservative Partei eine größere Thätigkeit entwickelt. Die erstere sendet ihre Agitatoren vorzugsweise in die Pro­vinz und sucht dort den Nationalliberalen ihre Sitze ab­zusangen. Die Art und Weise, wie die Fortschrittspartei dabei vorgeht, ist sehr bezeichnend. Die Führer schrecken nicht davor zurück, mit den Welfen und Partikularisten gemeinsame Sache zu machen, obwohl fie sonst den deutsch­nationalen Standpunkt stets hervorhoben. Aber neuerdings scheint es, als ob sie denselben vollständig aufgeben wollen und unter diesem Banner nicht den Sieg zu erringen hoffen. Sonst würde es unmöglich sein, daß die fortschrittliche Presse sich dem Sedanfeste so feindlich gegenüber stellen konnte. Die „Frankfurter Zeitung", das hervorragendste Fortschrittsblatt in Süddeutschland, hat seine antinationale Gesinnung unmittelbar vor dem Sedanfeste dadurch demon­strativ bewiesen, daß es nicht nur über „St. Sedan" die Lauge seines Spottes ausgoß, sondern sogar das deutsche Volk verhöhnte, weil es den gefallenen Kriegern Denkmäler setze. Nach der Meinung dieses säubern Fortschrittsblattes ist die Dankbarkeit des deutschen Volkes zu einer „Epidemie" ausgeartet und hat das Mißfallen des Gambettistischen Moniteur in Frankfurt am Main erregt.- Ganz in dem­selben Ton schreiben von den Berliner Fortschrittsblättern der „Börsencourier", das „Berliner Tageblatt" und die „Berliner Zeitung". Diese Blätter bezeugen bei jeder Ge­legenheit ihre feindselige Richtung gegen die nationale Strömung im deutschen Volke.

Unter solchen Umständen darf man sich nicht wundern, daß trotz aller Agitation die Fortschrittspartei nicht recht an Anhang gewinnen kann; vielmehr ist eö eine unver­kennbare Thatsache, daß die Fortschrittspartei die Herrschaft über die Massen verloren hat, und schwerlich dürfte sie mit dieser Taktik dieselbe wieder gewinnen. Die liberalen Blätter scheinen sich trotzdem der Hoffnung hinzugeben, daß sie den Sieg davon tragen werden. Bisher ist aber kein Anzeichen dafür vorhanden. In Berlin hat die Fort­schrittspartei unzweifelhaft bedeutend an Terrain verloren.

Heimatlos.

Erzählung von I. C. Pauli.

(Schluß.)

Bei seiner Rückkehr hatte sich Geldern alle Mühe ge­geben, ihn von seiner Vergebung zu überzeugen und ich hatte ihn wiederholt in sein Haus eingeladen, wo er bald so heimisch wurde, daß die Kinder immer den guten Onkel Oberst mit lautem Jubel begrüßten. Der Geist der Liebe und des Friedens, der in diesem Hause waltete, hatte end­lich so wohlthuend auf den alten Mann gewirkt, daß immer mehr die Rinde um das Herz schmolz und sogar sein einst so finsteres, abstoßendes Aeußere milder und liebenswürdiger erschien. — Nur ein Paar vermissen wir in diesem Kreise, die Pflegeeltern Alexanders: .sie ruhten schon seit einigm Jahren in der Familiengruft, wohin ihre trauernden Kinder sie kurz nach einander eingesenkt hatten, ihr Adoptivsohn aber war der gesetzliche Erbe des schönen Besitzes, und nach dem Tode seiner Schwiegereltern, den er und Olga noch recht weit hinaus gerückt wünschten, fielen seiner G tttin als einziger Tochter auch noch die gesamten Platowschen Güter zu. So viel hatte also daö Leben von dm hochfliegenden Träumm des Knaben erfüllt: er konnte dankbar sein, und er war eS auch.

Nachdem die Gesellschaft eifrig die neuen Begeben­heiten in Frankreich besprochm hatte, sagte Herr von Pelikoff: n ,

„Man kann doch nicht wissen, waö noch in LouiS Napoleon steckt l Ehrgeiz scheint er zu besitzen, wer weiß, ob nicht noch die Zeit kommt, wo die Völker auch vor ihm zittern.

„Das glaube ich nimmermehr", sagte Alexander fest und bestimmt.

rrg, 44.

«„.eigen nimmt entgegen: kie Expedition d. Blattes, ?'wie d.Annoncen-Bureaux ' Th. Dietrich u. Co. in »affe( und Hannover; Th. Mrich m Frankfurt a M; ftaafenftein u. Vogler m Frankfurt a. M., Berlin, N,ig. Köln Rudolf «loffe in Berlin, Frank- furt a. Ri. rc.

„Du h st ihn ja gesehen", warf seine Frau ein, da entstand eine große Aufregung und alle riefen und fragten durcheinander: „Sie haben ihn gesehen?" „Wo?" „Wann?" „Warum haben Sie uns das nie gesagt?" Olga sah einen Schatten über die Stirn ihres Gatten gleiten, sie bereute diesen Punkt berührt zu haben und sagte ablenkend: „Mein Mann spricht nicht gern davon, er hat damals keinen angenehmen Eindruck erhalten."

„Allerdings nicht", nahm nun Geldern das Wort.

„Ich besuchte ihn auf meiner Schweizer - Reise auf feinem Schlosse Arenenberg, aber ich war sehr ent­täuscht, ich halte wohl auch meine Erwartungen zu hoch gespannt."

„So gleicht er also nicht seinem Onkel?" fragte Platow.

„Wie der Geier dem Adler!" antwortete sein Schwie­gersohn sarkastisch, „nein, da war doch unser „petit Cor­pora!“ doch ein anderer Mann l"

„Ei, ei, Herr von Geloern," rief Frau von Pelikoff mit dem Finger drohend, „haben Sie denn Ihre alte Be­geisterung für Napoleon nicht in Sibirien gelassen?" Alexander lächelte, erhob sich und sagte: „Erlauben Sie mir, diese Frage etwas näher zu beleuchten, und Sie werden mir vielleicht Recht geben, wenn Ihnen klar wird, welche Rolle dieser Mann in meinem Leben spielt." Dabei griff er an sein Weinglas, aber Frau v. Eisenschwert rief lebhaft:

„Aber auf Ihren Kaiser stoße ich nicht mit an, wenn Sie ihm etwa ein Hoch ausbringen wollen l"

„Ich bente", erwiederte schelmisch ber Hausherr, „Sie alle werden von ganzem Herzen in das Lebehoch mit ein­stimmen, das ich auszubringen gedenke." Und unbeirrt

Anzeigen nimmt entgegen : die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jtigersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

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Deutsches Reich.

** Berlin, 6. Sept. Das gestern infolge einer Mel- bung der „Danziger Zeitung" hier verbreitete Gerücht von einer am nächsten Freitag beabsichtigten Zusammenkunft der Kaiser von Deutschland und Rußland in Danzig wurde noch an demselben Tage von den der Regierung befreun­deten Abendblättern dementiert. Das Dementi besagte, daß die Zusammenkunft noch nicht sestgestellt sei und daß sie keinenfalls in Danzig stattfinden werde. Der letztere Satz veranlaßt heute Morgen die „Nat.-Ztg." zu der Konjektur, daß die Zusammenkunft in Neufahrwasser —■ einer kleinen Strecke von Danzig — stattfinden werde, wie der „Nat.- Ztg." bereits gestern Abend telegraphiert worden. Es bleibt indes dabei, daß durch das Dementi auch das Telegramm, welches die „Nat.-Ztg." aus Hannover empfing, hinfällig geworden. Die Wahrheit ist, daß die Zusammenkunft auch jetzt noch keineswegs feststeht und nur so viel gewiß ist, daß sie, wenn überhaupt, nicht in Danzig noch in deffen Umgebung vor sich gehen wird. — In der „Elberfelder Ztg." besprach ein Berliner Korrespondent am 31. August die landesherrliche Anerkennung des Dr. Korum als Bischof von Trier. Der Korrespondent erblickt in diesem Vorgänge „einen Rückzug mit fliegenden Fahnen hinter eine bereits vor Erlaß der Maigesetze durch den Kultusminister Falk angenommene und von dem gesamten Staatsministerium gebilligte Position". Dieser Rückzug wird in dem Erlaß der Eidesleistung gefunden. Nun ist aber die jetzige Form des bischöflichen Eides, wie derselbe Korrespondent in einem weiteren Briefe selbst konstatieren muß, durch eine königliche Verordnung vom 6. Dezember 1873 festgestellt worden. Die ersten und bleibend wichtigsten Maigesetze wurden aber im Mai desselben Jahres erlassen. Mit welchem Recht kann nun der Korrespondent sagen, es handle sich um einen Rückzug hinter eine bereits vor Erlaß der Maigesetze an­genommene Position? Die königliche Verordnung vom 6. Dezember 1873 hat den älteren Bischofseid durch den Zusatz, daß der Schwörende die Gesetze des Staates ge­wissenhaft beobachten wolle, und ferner durch den Wegfall einer Bezugnahme auf den dem Papste geleisteten Eid, ge­ändert. Es wäre doch eigentümlich streng gewesen, diesen Eid einem Bischof abzuverlangen, nachdem er soeben zwei Bistumsverwesern erlassen worden, in einem Augenblick

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durch die zweifelhaften Mienen seiner Gäste, von bene" sogar manche eifrig ben Kopf schüttelten, fuhr er fort' „Wohl hat sich jene Jugeubschwärmerei längst gelegt, unb bie Flecken, die der Knabe nicht an seinem Ideal entdecken konnte, sehen die Augen des Mannes nur zu scharf. Aber nicht das ist es, wovon ich in diesem Augenblicke sprechen wollte: Napoleon steht und fällt seinem Herrn, und je mehr sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Spuren ver­wischen werden, die er gelassen, um so gerechter wird man ihn vielleicht richten, weil um so unparteiischer. Ich denke jetzt nur an die Bedeutung, die dieser Held für mich ge­habt hat, denn alles, was ich bin und habe, danke ich nächst Gott niemand anders als Napoleon dem Großen. Ja, Napoleon", wiederholte er mit Nachdruck, als er die verwunderten Mienen der Gesellschaft sah. „Alle mögen wissen, und ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich nur ein armes Kind des Lagers bin, der Sohn eines einfachen französischen Soldaten, der nie über den Rang eines Unteroffiziers hinausgekommen ist, und einer deutschen Bürgertochter. Daß ich jetzt im Besitz eines ehrenvollen altadligen Namens und schöner Güter, sowie der Schwieger­sohn eines Grafen bin, kann ich auf meinen großen Kaiser zurückführen. Seine Fahnen waren eS, denen ich hierher nach Rußland folgte, sein Sturz von der Höhe war eö, der mich nach Schloß Geldern, meiner nachmaligen teuren Heimat führte. Und wieder um seinetwillen zog ich in die Verbannung, doch", fuhr er rasch fort, indem er dem Oberst freundlich zunickte, „so wenig eö damals auch schien, als sei der Stern, der mich dorthin leitete, ein glücklicher, so möchte ich um keinen Preis der Welt die zwei ^ahre in Sibirien aus meinem Leben misse . Denn dort ging mir ja ein Stern auf, der so hell und lieblich funkelte, daß ich

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Röbtt, >ausci! für i i erst«

Erscheint täglich außer an ben Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS SotMtagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 21/, Mark durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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