XVI. Jahrgang
Marburg, Mittwoch, 7. September 1881.
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Frieden auf Erden ohne Gewaltthätigkeit und Bürgerkrieg, lediglich durch den Sieg des Rechts und der Gerechtigkeit verwirklichen kann. Dies ist unsere Religion, meine Freunde, die Religion der Bildung. Das erhabene Wort „Religion" bedeutet in der That nichts anderes, als das Band, welches den Menschen an den Menschen knüpft, so zwar, daß ein
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Go. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst: Jnvalidendank m Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.
Heimatlos.
Erzählung von I. C- Pauli.
(Fortsetzung.)
Lange standen sie so aneinander geschmiegt und blickten in den stillen Abend hinaus; da sagte Alexander:
„Die Welt ist doch schön, und wir wollen dankbar genießen, was uns Gott zugeteilt hat, nicht war?"
„Ja", antwortete sie mit glücklichem Lächeln, „nun bin ich mit allem zufrieden, da ich es mit Dir teilen kann. Aber, glaube mir, Geliebter, mit Dir wäre ich auch in der kleinen Hütte am Hü el glücklich geworden."
„Ich auch", sagte er und zog sie fester an sich.
ES war im Juli 1840, und wieder richteten sich die Augen von ganz Europa mit gespannter Erwartung auf Frankreich, wo eben die Fregatte „La bella Poule" gelandet war, die die Asche deS großen Napoleon auS dem Orte feiner Schmach geholt hatte, und im Triumphe wurden diese letzten Ueberreste des Mannes, der eine Welt erschütt rt hatte, im Dom „des Invalides“ in Paris beigesetzt. Unwillkürlich erwartete jeder, daß der Eroberer noch im Tode die Menschheit aus ihren Fugen heben würde, und wirklich hatte sein Neffe Louis Napoleon versucht, den Glorienschein, der diesen Namen umstrahlte, auf sein Haupt zu ziehen; aber noch war die Zeit nicht gekommen, wo Europa einen zweiten Napoleon im Kaisermantel sehen sollte.
Diese Ereignisse und ihre Tragweite waren überall das Gespräch des Tages, und lebhaft beschäftigten sie eine Tischgesellschaft, die wir auf Schloß Geldern versammelt finden, um den zehnten Hochzeitstag des jetzigen Besitzers,
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Wahrheit zum Siege verhelfen. Darum krönt Ihr Beifall nicht nur seine Vergangenheit, sondern die Huldigung, die Sie ihm darbringen, erleuchtet auch seine Zukunft. (Lebhafter Applaus.) Vervollständigen Sie jetzt Ihr gutes Werk, indem Sie der Volksschule und Volksbibliothek eine kleine Gabe darbringen, ein wenig von dem Gelbe, dessen alle Kulte bedürfen, welches hier aber wenigstens Kindern zu gute kommen wird, aus denen man freie und edelmütige Bürger machen will, wie Sie selbst I (Anhaltender Beifall. Es lebe die Republik! ES lebe Gambetta! ES lebe Paul Bert!)
Mit wahrem Ekel wendet man sich von diesem widerwärtigen Schauspiel ab, in welchem zwei Komödianten die Volksmaffe haranguieren, indem sie, den Mund voll sinnloser Phrasen, sich gegenseitig in einer an Wahnsinn grenzenden Weise öffentlich loben. ES erinnert dies Treiben sehr lebhaft an den Vernunft- und Tugendkultus Rodes« pierres und seiner Freunde. Möchten die Folgen für Frankreich nicht ebenso blutige sein, wie sie eS damals waren, wo der Göttin der Vernunft tausende von Menschenopfern auf ihrem Altar der Gouillotine dargebracht wurden, wenn der moderne Robeöpierre-Gambetta und sein zukünftiger Oberpriester Bert den Kultus der Vernunft aus's neue etablieren. „Die Gesellschaft rückt dem sittlichen Fortschritt in demselben Maße näher, als sie sich von der Religion entfernt", ruft Bert aus und die Menge — vielleicht war es dieselbe, welche Gambetta neulich als „Brüllaffen" titulierte — brüllt Bravo zu diesem Satz, der die Wahrheit, aller Erfahrung zum Trotz, auf den Kopf stellt. Mit anderen Worten heißt das: je gottloser die Menschen werden, desto sittlicher werden sie; Gott wird also hier als der Urgrund der Unsttllichkeit hingestellt, auS dessen Gemeinschaft man fo weit wie möglich hinweg rücken müsse, um sittlich zu werden! Schöne Aussichten für Frankreich, wenn Gambetta demnächst dieses Land regiert und Bert sein Kultusminister wird. Die Herren vergessen nur eines, was auch ihre früheren Kollegen immer vergessen haben, daß der allmächtige Gott davon nicht stirbt, wenn hier oder da ein paar arme Erdenwürmer ihn absetzen, und — daß er sich nicht spotten läßt, sondern eine sittliche Weltordnung aufrecht erhält gegenüber aller Tollheit der Menschen. Gerade wenn sie es am tollsten treiben, dann ist die Hand schon ausgereckt, welche ihnen das Mene-Tekel an die Wand schreibt. Diese Stunde wird auch für die modernen Himmelsstürmer
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Deutsches Reich.
*» Berlin, 5. September. Nach der vorläufigen Feststellung der Zölle und Verbrauchssteuern, welche bie zum Zollgebiet des deutschen Reichs gehörigen Staaten füt __:___ ~ — - "T-----” ein Major mit ernsteren Lebensanschauungen geworden, denn sein heiteres Gemüt kann Ulmann jetzt auch noch nicht verleugnen. Er behauptet sogar kühn gegen jeden, der es hören will: ein Mensch, den sein Christentum nicht fröhlich mache, könne noch gar nicht de» rechten Glauben haben, und da im Himmel so viel gesungen und mustciert werde, müssen wir hier schon unser Herz in die rechte Stimmung dazu bringen und uns immer im voraus auf das große Konzert da oben einüben, sonst lasse uns am Ende der Petrus gar nicht zur Himmelsthür hinein; das Kopfhängen fei eine Erfindung, die sich nur die Menschen ausgedacht hätten, und die dem lieben Gott unmöglich gefallen könnte. Niemand stimmte ihm darin eifriger bei, als Olga, während ihr Gatte nur lächelnd zuhörte, wenn die beiden ihr Lieblingsthema abhandelten. Zwischen diesen beiden Paaren saßen einige ältere: Graf und Gräfin Platow, die das Glück ihrer Kinder jünger statt älter gemacht, Herr und Frau v. Pelikoff, noch frisch und rüstig, General von Eisenschwert und seine Gattin, sonst Fräulein Elise. Aber neben der Frau vom Hause erblicken wir ein Gesicht, das uns wohl schon vorgekommen ist, aber welches sich so verändert hat, das wir es kaum für dasselbe halten können: der alte Surowsko, Oberst a. D., derselbe, dem Alexander einst die Ohrfeige gab, die Un nach Sibirien führte. Der Oberst hatte sich durch jene Geschichte so mißliebig gemacht, daß er bald selbst seinen Abschied gefordert hatte, als aber zwei Jahre später Graf Platow sich bemühte, dem Bekannten die Heimkehe zu ermöglichen, hatte ihm dabei niemand eifriger zugestanden, als der Mann, der an dem Unglück Schuld war.
(Schluß folgt.)
jeder, seinem Nächsten gleich, in der Würde dieses seine eigene Würde begrüßt und das Recht auf die Achtung der gegenseitigen Freiheit. (Beifall.) Der religiöse Unterricht sei die Schule der Dummheit, deS Fanatismus, des Anti- patriotismuö und der Sittenlosigkeit. Während der Laien- Unterricht sich bemühe, einen aufgeklärten, fleißigen, toleranten Bürger zu bilden, strebe der religiöse Unterricht nur danach, einen trägen, unwissenden und fanatischen Mönch hervorzubringm; man habe wohl daran gethan, diesen Unterricht auö der Schule zu vertreiben. Es gebe für die Demokratie nur eine Religion, die Verstandesbildung. Zu einem Akte dieser Religion sind wir hier im Geiste der Brüderlichkeit versammelt. Wir bringen, Sie Ihren Obolus, wir unsere Rede zu dieser festlichen Vereinigung, welche man die republikanischen Ostern der Demokratie nennen kann. (Beifall.) Doch es drängt mich, meinem ausgezeichneten Freunde das Wort zu geben, dem wackeren und starken Manne, der einen Augenblick die mühseligen Forschungen der Wiffenschaft verlassen hat, um die Schätze seines Geistes dem Volke zu weihen, und der, seitdem er die öffentliche Laufbahn betreten, aus der Verbreitung der Aufklärung in allen Kreisen des Volkes daö Problem seines Lebens gemacht hat. Dieser Mann heißt Paul Bert. (Stürmischer Beifall.) Sie werden ihn anhören, wie man in der einer Demokratie würdigen Versammlung anzuhören versteht, und werden dann mit mir sagen, daß man Versammlungen , wie diese, als ein besserer Mensch verläßt. (Beifall.)
Paul Bert gab nun auch seinerseits der Versammlung zu einer Ovation für Gambetta Gelegenheit, indem er sie aufforderte, „diesen großen Bürger für die Unbillen und Angriffe zu rächen, die sich nur aus niedriger Eifersucht oder dem schwärzesten Undank erklären ließen und einen Widerhall nur an den Ufern der Tiber oder jenseits des Rheins gefunden haben können." (Bravo.) Dann hielt er eine große Rede gegen den klerikalen Unterricht und für die unabhängige Moral, die mit stetigem Beifall bedeckt wurde. Bert schloß mit der Bemerkung: „Die Gesellschaft rückt dem sittlichen Fortschritt in demselben Maße näher, als sie sich von der Religion entfernt." Nach diesem Schluß wollte der Beifall fast kein Ende nehmen. Nun nahm Gambetta nochmals das Wort, um Professor Bert eine große Zukunft zu prophezeien oder, wie die Blätter sagen, um ihn als feinen künftigen Unterrichtsminister zu bezeichnen. Er sagte nämlich:
Meine Damen und Herren! Hatte ich nicht recht, als ich Ihnen ankündigte, daß wir uns, wenn wir den Redner gehört, als etwas bessere Menschen fühlen werden? (Stufe: Ja wohlI) Ja, der Mann, der Ihnen eben so aufrichtigen Beifall entlockt, kann mit dem unbestreitbaren Talent, welches er der Vernunft und Wiffenschaft zur Verfügung stellt, nicht bloß hier, sondern aller Orten der
unseres Freundes Alexander, zu feiern. Ehe wir wer den GespräebtzN der Tafelrunde lauschen, sehen wir uns ein wenig unser derselben um, denn wir begegnen hier lauter bekannten Gesichtern, wenn sich auch manches recht verändert hat.
Den Ehrenplatz in der Mitte der Tafel nimmt das Ehepaar ein, dem die heutige Feier gilt. Der Hausherr, jetzt ein Vierziger, hat zwar die erste frische Jugendblüte abgestreift, aber er hat den Höhepunkt deS Lebens erreicht, ein gereift r Mann, dessen einst so feuriges Blut ruhiger fließt, der fest auf feinem Posten steht und kräftig die Zügel führt, die ihm das Schicksal in die Hand g.legt Hai: Wohl blitzen die großen, blauen Augen nicht mehr vor Uebermut oder im Aufruhr der Gefühle, aber sie strahlen von Herzensgüte und Herzensreinheit. Ja, aus dem begabten vielversprechenden Jüngling ist „ein ganzer Mann" geworden, der die Achtung und das Vertrauen derer genießt, die über ihm stehen, und die unbegrenzte Liebe und Anhänglichkeit derer, die unter ihm sie. en. Denn er hat unter dem Kreuze nicht nur gelernt, zu dienen und sich zu fügen, sondern er weiß auch aus eigener Erfahrung, was es heißt, mit dem Unglück und der Not des Lebens zu ringen, und so geht keiner ungetröstet von feiner Thür. Darin steht ihm treulich feine Gattin zur Seite, bereit jugendlicher Erscheinung man kaum ansieht, daß sie die Mutter der fröhlichen Kinderschar ist, die man im Nebenzimmer jubeln hört. Ihnen gegenüber sitzen zwei/ denen man es gleich an den Augen ansieht, daß es ein glückliches Brautpaar ist: die Braut ist Lysinka von Pelikoff, die wir zuletzt in der Kinderstube zu Tobolsk sahen, und dem freundlichen jovialen Gesicht des Bräutigams find wir auch schon begegnet — zwar ist au’ dem leichtlebigen Lieutenant
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Gambetta hat im Winterzirkus am Sonntag voriger »Mche eine Rede gehalten, in der er feine Meinung über die Religion aussprach und feinen Gesinnungsgenossen Paul Bert gewissermaßen als zukünftigen Unterrichtsminister bezeichnete. Gambetta bezeichnete die Entwickelung der Vernunft Ks neue und einzige Religion, d. h. er erklärte die vollständige Beseitigung aller und jeder Religion als die Aufgabe seiner demokratischen Republik. Der Pariser „Times "- Korrespondent bemerkt zu der Versammlung: „Diese Versammlung ist in mehr als einer Hinsicht bezeichnend. Es ist gewiß das erste Mal, daß katholische Litteratur und Lehre von einem künftigen Unterrichtsminister (Bert) in Inwesenheit und mit dem Beifall eines künftigen Premierministers und Präsidenten verhöhnt und geschmäht worben ist. Man muß annehmen, baß Gambetta unb Bert ben Mut ihrer Meinungen haben, unb sie stehen an ber Schwelle
jo, »cs Amtes. Sie müssen sich also gefragt haben, unb außen- stehende werben gewiß fragen, ob sie einen Krieg bis aufs mMeffer mit bem Katholizismus ins Auge faffen." — «bGambetta eröffnete bie Sitzung mit folgenber Ansprache: fi Werte Mitbürger und Damen! Lassen Sie mich Ihnen kbzunächst für ben Eifer bauten, mit welchem Sie unserer . t ^ Einladung zum besten bes höchsten Zweckes, ben wir kennen, ['; kr näinlich bie Förderung des Unterrichts aller Grade, gefolgt i sind. Welches auch die unvermeidlichen Schwierigkeiten und stAergerniffe des öffentlichen Lebens sein mögen, so steht doch in, über allen Händeln eine Sache, der Sie stets treu geblieben «' find, und der auch ich, wie ich mit einigem Stolz sagen jiii tarnt, unwandelbar ergeben blieb. Es ist dies die Sache 1- des demokratischen Fortschritts, nicht jenes chimärischen Fortschritts, bett man in zwei Worten formuliert, als ob nicht die ganze Welt ein Beweis dafür wäre, daß man nur mit unablässiger Anstrengung, wenn man der Zustimmung seiner Mitbürger gewiß ist unb sich fest vorsetzt, roeber vor einem Hindernis zurückweichen, noch sich durch die Gunst des Glücks berauschen zu lassen, etwas Dauerndes schaffen kann. Von allen Bemühungen der Denker, der Tribunen, der Staatsmänner, ist aber in Wahrheit nur eine wirksam und sruchtbar, das ist die Entfaltung des Grundkapitals, welches wir von der Natur empfangen haben, und das da bie Vernunft heißt. (Beifall.) Ja wohl, unsere erhabenste Aufgabe besteht darin, bei jedem Menschenkinde bie Intelligenz zu entfalten, jedes Kapital, mit deffen Hilfe man alle anderen erwerben und mithin bett gesellschaftlichen