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Marburg, Dienstag, 6. September 1881

XVI. Mgang

,,,-eigen nimmt entgegen: Ä Expedition d. Blattes. ' wie d.Annoncen-Bureaux ' Th. Dietrich u. Co. in eaffd und Hannover; Th. strich >n Frankfurt a.M; naasenstein u. Vogler in iranlfurt a. M., Berlin, !i,jpzig, Köln rc.; Rudolf jloffe in Berlin, Frank» surl a. M. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageIllustrirteS Sonntaasblatt" durch die Ervedition lK o L'sche Buchdruckerei) bezogen SV- Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2,Mark 50 Pfg. (excl. 5Jefteff3ebüt,r; ^nferHo^gebü^ für bie gespalten- Kile 10 Pf«

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Discouto-Erhöhuug der Reichsbauk.

Unter dieser Ueberschrift bringt dieD. V. Corresp." au8 der Feder von Otto Arendt folgende Darlegung:

Die deutsche Reichsbank hat den Discont von 4 auf 5 Procent erhöht und dadurch der Industrie und dem Handel schwere Opfer auferlegt. Eine solche Maßregel ist nur gerechtfertigt, wenn sie unumgänglich notwendig ist, und im vorliegenden Falle wird diese Notwendigkeit allseitig zugegeben.

Der starke Goldabfluß aus England, dessen Bank in wenigen Wochen ihren Metallschatz um 3 Millionen Pfund Sterling verringert sah, veranlaßte die Bank von Eng­land, den Discont von 21/» auf 4 Procent zu erhöhen. Die Bank von Frankreich, die belgische Bank folgten dem Beispiel und stiegen gleichfalls auf 4 Procent Discont; die deutsche Reichsbank mußte zur Sicherung des deut­schen Goldbesitzes und der deutschen Valuta ihre Rate wie üblich oberhalb der englischen und französischen Rate halten und deshalb den Discont erhöhen; es wird allgemein an­erkannt, daß eine derartige Defensivmaßregel dringend ge­boten und unumgänglich war.

Als im vorigen Jahre die Reichsbank gleichfalls zum Schutz des von Amerika bedrohten deutschen Goldbesitzes den Discont erhöhte, war die öffentliche Meinung in ihrem Urteil über diesen Schritt weniger einstimmig als heute.

Gerade damals war die bimetallistische Agitation mehr hervorgetreten und hatte schnell Boden gewonnen, das Hauptaxiom der Bimetallisten nun, der Geldvorrat, reiche nicht aus, ein Kampf umö Gold stehe bevor und werde zu einer allgemein schädigenden Geldverteuerung führen, fand die erste praktische Bestätigung durch die vorjährige DiSconto-Erhöhung der Reichsbank.

Allein die Anhänger der Goldwährung wußten geschickt die Dinge auf den Kopf zu stellen, sie sahen in der Dis- conto-Erhöhung nicht eine Folge des Goldmangels, sondern eine Wirkung derunseligen Währungspolitik des Herrn v. Dechend." Wären die Silberverkäufe nicht auf Ver­anlassung des Herrn v. Dechend suspendiert worden, dann wäre die Situation der Reichsbank eine gesicherte, die Ver­teuerung des Goldes ist also nur eine Folge der Suspen­sion; würde die Goldwährung durchgeführt, dann würde in Deutschland das Gold eben so billig sein, als in Frank­reich und England.

Mit dieser, in allen Teilen hinfälligen und falschen Argumentation begann nun eine Hetze gegen die Bimetal­listen, und insbesondere ein beispiellos heftiger Angriff gegen den hochverdienten Leiter der Reichsbank, Herrn v. Dechend. In der That gelang es durch diese falschen Vorspiegelungen, den deutschen Handelsstand gegen den Bimetallismus auf­zuregen, und wesentlich im Hinblick auf die Disconto- Erhöhung beschloß der deutsche Handelstag, die Regierung

aufzufordern, man solle unverzüglich mit den Silberverkäufen vorgehen.

Ein Jahr ist vergangen, der Discont der Reichsbank ist wiederum erhöht, aber von den vorjährigen Schimpfe­reien hört man nichts mehr. Würde heute wieder der deutsche Handelstag seinen vorjährigen Beschluß wieder­holen ? Wir glauben dies nicht, denn wir glauben, daß endlich überall der Staar gestochen sein wird, daß man überall erkennen muß, wie die Organe der Goldwährungs- Partei die öffentliche Meinung irre geführt haben.

Man hat den Goldmangel geläugnet, ist das jetzt noch möglich, wo eine schwere Goldkrisis bereits begonnen hat und niemand absehen kann, wie die Dinge sich noch ge­stalten werden? Der Sachverhalt ist so einfach, daß jeder ihn durchschauen kann. Seit Jahren vermindert sich die Goldproduktion, während der Goldbedarf beständig steigt. Dazu kommt, daß die Gold producierenden Länder nicht mehr wie bisher ihr Gold an Europa liefern, dasselbe vielmehr für sich behalten. Hierher gehören die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, die allein ein Drittel der gesamten Goldproduktion hervorbringen. Nimmt nun der europäische Goldvorrat an sich beständig ab, so sind über­dies wirtschaftliche Vorgänge in die Erscheinung getreten, welche den Kampf ums Gold aktuell machen mußten.

Die Vereinigten Staaten, bisher unsere Hauptversorger mit Gold, fordern alljährlich beträchtliche Quantitäten des immer mehr abnehmenden europäischen Geldvorrates, eine überaus günstige Handelsbilanz befähigt sie hierzu. Zuerst floß der Ueberfluß, der sich im Laufe der Jahre ange­sammelt hatte, aus Europa ab, nunmehr aber muß jede weitere Goldentziehung konvulsivische Erhöhungen des Dis­konts mit sich bringen, denn da Dank der Goldwährung das Silber seine Eigenschaft als internationales Geld ver­loren hat, muß jetzt jedes Land den Goldbesitz wie ein Kleinod wahren, um den Wert seiner Valuta aufrecht zu erhalten. In England, Frankreich, Deutschland, überall ist der Goldvorrat auf ein Niveau gesunken, das jede weitere Abnahme höchst gefährlich erscheinen läßt.

Nun aber wird voraussichtlich trotzdem eine weitere Verminderung des Goldbesitzes der genannten Länder be­vorstehen. Der Goldexport nach Amerika hat erst begonnen, derselbe wird größere Dimensionen annehmen, dann aber bedroht uns der Goldbedarf Italiens, das erst 48 Mill. Franks von den 400 Millionen Gold, die es begehrt, er­halten hat.

Italien hat eine Anleihe ausgenommen, um den Zwangs­kurs abzuschaffen, zu diesem Zweck benötigt es 400 Mill. Franks Gold. Die Bimetallisten weisen auf das Gefährliche einer derartigen Anleihe in jetziger Zeit hin, allein die Anhänger der Goldwährung erklärten, daß man diese Summe mit Leichtigkeit werde auftreiben können. Jetzt freilich, wenige Wochen nach dem Abschluß jener Anleihe,

sieht jedermann, daß die volle Durchführung der italienischen Finanzoperation zu einer beispiellosen Krisis führen müßte.

Da sonach eine weitere Verminderung des europäischen Goldvorrates zweifellos ist, so gehen wir weiteren Dis­kont-Erhöhungen mit Sicherheit entgegen und d:m gegen­über dürfte wohl die Frage aufgeworfen werden, wie soll das enden? Ist die Krisis in diesem Jahre überwunden, dann kehrt im nächsten Herbst der Goldbedarf für Amerika zurück und je geringer der Vorrat, desto intensiver die Wirkungen der Nachfrage.

Dabei aber können die monetären Verhältnisse der Kulturwelt unmöglich so bleiben, wie sie sind, der jetzige Zwitterzustand muß beseitigt werden, entweder Restitution des Silbers oder vollständige Beseitigung!

Kann man aber noch ernsthaft daran denken, durch weitere Silberdemonetisationen die Nachfrage nach Gold ins Unermeßliche zu steigern?

Nach einer Handelskrisis, die schwerer als jemals eine gewesen, beginnen jetzt die ersten erfreulichen Wahrzeichen einer Besserung des wirtschaftlichen Verkehrs sich bemerkbar zu machen und wir sollen nun zusehen, wie eine neue schwere Krisis diese Keime vernichtet und eine neue Periode des wirtschaftlichen Niedergangs beginnt. Die Goldwährung wird nur noch von einer Richtung verteidigt, welche wissen­schaftlich überwunden ist, die ersten Männer der Wissen­schaft haben sich gegen dieselbe erklärt, möge nun auch angesichts der drohenden Gefahren die öffentliche Meinung sich nicht länger von den Schlagworten der Manchesterpresse leiten lassen!

Der Kampf ums Geld, der Diskontkrieg hat begonnen, eine schwere Zeit neuer Prüfungen steht bevor. Wollen wir Abhilfe schaffen, so beseitigen wir > ie Wurzel des Uebels. Das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage muß beim Golde wiederhergestellt werden, oieS geschieht durch Restitution des Silbers. Es liegt nicht in unserer Macht, die Goldproduktion zu vermehren; vermindern wir demnach die Nachfrage nach Gold, indem wir das Silber in seine alten Rechte wieder einfetzen.

Nur eine energische, bimetallistische Politik kann helfen!

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Sept. DerReichsanzeiqer" publiziert die Anberaumung des Wahltermins für den Reichstag auf den 27. Oktober. Der Minister für die öffentlichen Arbeiten hat hinsichtlich der Zugverspätungen und des Nachbringens verspäteter Anschlüsse eine sehr energische Weisung an die königlichen Eisenbahndirektionen gerichtet. Mehrfach ange­stellte Erhebungen hätten erkennen lassen,daß ein großer Teil dieser Verspätungen hätte vermieden werden können, wenn die Manipulationen zur Fertigstellung der Züge auf den Anfangs- und Zwischenstationen nach Möglichkeit be-

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Heimatlos.

Erzählung von I. C. Pauli.

(Fortsetzung.)

Und ebenso ergeht es mir, wenn SieHerr v. Gel­dern" sagen", antwortete er lächelnd,also geloben wir uns gegenseitige Besserung! Und nun, Fräulein Olga, er- lau'.n Sie mir, Ihnen ein kleines Andenken zu übergeben, das ich Ihnen aus Sibirien mitgebracht habe", dabei legte er daS vertrocknete Sträußchen vor sie auf die weiße Marmorbrüstung. Sie ergriff es rasch und rief erfreut:

Ach, Blumen aus meinem Gärtchen 1 Wie danke ich Ihnen, das war sehr freundlich von Ihnen!"

Es waren die letzten des Jahres, am andern Morgen war scholl alles erfroren, und wie grünt und blüht hier noch die Natur I Welch ein Unterschied!"

Ja", sagte sinnend das junge Mädchen,es ist ja hier alles, alles anders, und doch, können Sie es sich denken, daß ich oft Stunden habe, wo ich mich recht sehr in unsere Einsamkeit zurücksehne- Es war doch schön in dem dichten Walde und auf der weiten Steppe I"

Das begreife ich vollko amen und auch ich kenne solch Stunden."

Ach, lassen Sie mich Ihnen einmal mein Herz aus­schütten," sagte Olga,eS ist so voll und schwer, und ich habe niemanden, gegen den ich mich aussprechen kann. Meine neuen Bekannten würden vielleicht an meiner Zu­rechnungsfähigkeit zweifeln, wenn ich fhnen von Sibirien vvrschwärmen wollte; meinen Eltern gegenüber vermeide ich lieber, von dieser Zeit zu sprechen, die für sie so traurige Reminiscenzen hat; der einzige, mit dem ich mich allenfalls einmal in unsere Erinnerungen vertiefen kann, ist der alte

Iwan, der auch gern an jene Tage zurückdenkt, weil er ja damals so ganz an unserm Familienleben teilnahm. Aber der gute Mann kann nicht begreifen, daß ich mich in unser» jetzigen Verhältnissen nicht tausendmal glücklicher fühle, und er hat vielleicht Recht. Ich komme mir oft so undankbar vor und strafe mich selbst für meine Unzufriedenheit, und doch komme ich nicht darüber hinaus."

Da begehen Sie gar kein Unrecht", sagte Alexander ernst,es ist im Gegenteil ein Beweis, daß Sie höhere Güter schätzen gelernt haben, als Reichtum und Wohlleben. Glauben Sie mir, es gicbt ein Glück, das man nur unter dem Kreuze kennen lernt, und von dem diejenigen keinen Begriff haben, deren Leben leicht und glatt dahinfließt. Wenn aber alle äußere Stütze hinfällt, die unferm Herzen wieder Ruhe und Erquickung geben kann, so gewinnt man einen Frieden und eine Zuversicht, die mm nicht für alle Erdenfreuden und Erdengüter hingeben möchte. Daß es Ihnen schwerer wird, diesen inneren Frieden im Strudel der Geselligkeit zu bewahren, als in der Stille, die uns in der Steppe umgab, kann ich Ihnen vollkommen nach­fühlen, denn mir gehts jetzt auch zuweilen so, wenn es ja auch auf Schloß Geldern ruhiger zugeht wie hier".

Und doch sind Sie als Ma;n immer noch besser daran als ich. Sie haben einen Pflichtenkreis, und da Sie Ihren Vater noch von seiner Krankheit her geschwächt fanden, muß es Ihnen doch ei e große Befriedigung ge­währen, daß Sie ihm so ganz die Last der Verwaltung und so vieles Andere noch abnehmen können. Bei mir ist das anders. In Sibirien hatte ich von früh bis Abend tüchtig zu schaffen und zu arbeiten, und wie gern that ich es! Es war mir ja die größte Freude, meiner guten Mutter so viel wie möglich jede Anstrengung zu ersparen

und meinem Vater alles so zu bereiten, wie er es gern hatte. Ich bin jung und kräftig und an Thätigkeit ge­wöhnt, die mir nie schwer wurde, sondern ein Vergnügen war, und Sie wissen, daß ich mich nie unglücklicher fühlte, als wenn ich an den Druck dachte, der auf meinen Eltern lag. Und jetzt! Welch ein nutzloses Geschöpf bin ich, wie zwecklos ist mein Dasein! Alles was ich sonst mit eigenen Händen verrichtete, muß ich jetzt Dienstboten überlassen; das liebe Geschäft, meinen Eltern die nötigen Hand­reichungen zu thun, verwehren mir jetzt die Einrichtungen des Hauses, und so habe ich nichts zu thun, als unnützen Tand zu fertigen, meine Zeit zu verträumen oder diesen Besuchen zu opfern, die keinen anderen Zeitvertreib kennen, als Tanzen und Spielen!"

Sie hatte sich so in Eifer gesprochen, daß ihr Gesicht glühte und Alexander lauschte ihren erregten Worten mit hochklopfendem Herzen.

Ja, ja, Olga", antwortete er,ich glaube, wir passen beide nicht mehr, oder vielleicht noch nicht so recht in die Welt, in die wir wieder versetzt worden sind. Aber", fuhr er fort, indem er ihre Hand ergriff,ich laube, desto bester p ff en wir für einander; denken Sie das auch ?"

Hocherrötend mit niedergesenkten Augen sagte sie leise: Ich glaube auch, und willig duldete sie eS, daß er sie in seine Arme zog; sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter, und er fragte, sich zu ihr niederbeugend:

Olga, willst Du mein sein?"

Ich bin es ja schon läng >", flüsterte sie, und der erste Kuß besiegelte ihren Bund, dem der Segen ihrer Eltern gewiß war. , .

(Fortsetzung folgt.)