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JUarßurg, Donnerstag, 1. September 1881.

xvi. Zhrgang

nzeige» nimmt entgegen: Die Expedition d. Blattes, soivied.^nnoncen-Vureaux v Th. Dietrich u. Co. in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt aM; Saasenstein u. Vogler in Frantfurt a. M., Berlin, Leipzig' Köln rc.; Rudolf Mffe in Berlin, Frank­

furt a. M. rc.

WnWschr jritiiug.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes sowie d.Annoneen-Bureau. von G 8. Daube u. Go. ix Franlfui t a. M; Iügerschn Buchhandlung daselbst e Heirnansche Buchhandlung; daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrirteS Sonntaasblatt" durch die Expedition (R 0 ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/, Stark, urch bu Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exel. SefteHgewf-fyfertionS?* bie gespaltene ZeUe lO Psg. ' Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Koruzölle und Kornpreise. *)

Ein ganz vorzüglicher Beitrag zur Kennzeichnung fort­schrittlich-freihändlerischer Wahl-Umtriebe liegt nnS in einer Broschüre unter obigem Titel vor. Der hochinteressante Stoff ist in fünf Abschnitten behandelt, deren erster sich mit den Getreidezöllen überhaupt beschäftigt und mit der Frage schließt: was der Arbeiter lieber wählen würde: teures Brot und hohen Lohn unter dem System der Schutzzölle, oder billiges Brot und keine Arbeit unter der Herrschaft deö Fortschritts und des Freihandels?

Der Verfasser weist sodann in seinen weiteren Aus­führungen nach, daß die fortschrittlichen Freihändler Unrecht haben und daß ihre Lehre weiter nichts als ein Hirnge- spinnst ist, weil, wenn in Wirklichkeit der Zoll einen Ein­fluß auf die Getreide-Preise ausüben sollte, es doch klar sein würde, daß letztere in demselben Maße unter der Herr­schaft des Freihandels fallen, wie unter der Herrschast des Schutzzolles steigen müßten. Und doch ist das Umgekehrte der Fall gewesen, wie durch näheres Eingehen auf die drei Perioden unserer Zollgesetzgebung nachgewiesen wird.

Indem in eingehender Weise gezeigt ist, wie rasch das fortschrittlich - freihändlerische Lehrgebäude zusammenbricht, sobald man mit Thalsachen und Zahlen rechnet, und daß, wenn innerhalb der deutschen Grenzen überhaupt kein Ge­treide gebaut würde, und wenn der Preis des Getreides auf dem Weltmärkte unabänderlich ein- für allemal fest­stände, wahrscheinlich der Zoll von dem inländischen Kon­sumenten zu tragen sein würde, vielleicht auch wenn Deutsch­land im Monde läge, wird durch eine Reihe von Zahlen dargethan, daß es eine größere Heuchelei nicht geben kann, als gegenüber der durch Ziffern erläuterten Erfahrungen unserer bisherigen Zollgesetzgebungen von einer Verteuerung des Brotes durch die Getreidezölle zu reden.

ES wird ferner ausführlich darauf hingewiesen, daß der Zoll an der Grenze nur als ein Ausgleichungsmittel dienen soll, durch welches der ausländische Getreideproduzent wenig­stens zum Teil zu den Lasten des inländischen herangezogen wird, und bei dieser Gelegenheit hervorgehoben, daß selbst den Herren Richter, Rickert und Bamberger! gelegentlich der Erhöhung der Eingangszölle in Rußland um 10 Prozent ein Licht darüber aufgegangen sei, daß nicht der inländische Konsument, sondern der ausländische Exporteur unter dem Zoll leide.

Sehr richtig heißt es am Schluffe der in Rede stehen­den Druckschrift, daß, neben Mißernten, wucherischen Spe­kulationen, und den willkürlichen hohen Gewinnen des Zwischenhandels, die steuerliche Ueberbürdung des Grund­besitzes die Hauptursache der Verteuerung des Getreides und des Brotes bilde. Die Prägravierung des unbeweglichen

*) Druck und Verlag der Norddeutschen Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin, Wilhelrnstraße 32.

Vermögens im Vergleich zum beweglichen fei eine so ekla­tante, daß man die Geduld bewundern müsse, mit welcher die deutsche Landwirtschaft den auf ihr ruhenden Druck bisher ertragen hat. Bezüglich des Grundbesitzes könne man von einer dreifachen, vierfachen, ja zehnfachen Besteue­rung reden. Wem es wirklich Ernst sei mit dem Verlangen, dem armen Manne billiges Brot zu verschaffen, der müsse bestrebt sein, auf eine Entlastung des Grundbesitzes vom Steuerdrücke hinzuwirken. Den Fortschrittlern und Frei­händlern sei es aber mit jenem Rufe nach billigem Brot sicherlich nicht Ernst. Der Patriotismus des Fortschritts und des Freihandels sei der, daß um Gotteswillen der Ruin der Landwirtschaft nicht aufgehalten werde und lieber sich das Ausland auf Kosten Deutschlands bereichern möge.

Wir empfehlen jedermann die Lektüre dieser vortreff­lichen kleinen Druckschrift.

Deutsches Reich.

*« Berlin, 30. Aug. Nach einem Bundesratsbeschlusse von 1871 sind jährliche Nachweise über die Aufnahmen von Deutschen in einen anderen deutschen Staatsverband, über die Wiederverleihungen der durch zehnjährigen Aufenthalt im Auslande verlorenen deutschen Staatsangehörigkeit, über die Naturalisation von Ausländern und über die Ent­lassungen aus der deutschen Staatsangehörigkeit von den einzelnen Staaten dem Kaiserlichen Statistischen Amte mit­zuteilen. In den Erläuterungen, welche das Statistische Amt der Veröffentlichung dieser Nachweise bcigiebt, ist schon wiederholt hervorgehoben worden, daß die Nachweise zwar als Beiträge zur Verwaltungsstatistik brauchbar seien, als Ersatz für eine Statistik der Wanderungen aber keineswegs dienen können, weil sie nur einen unbestimmbaren und jeden­falls recht kleinen Teil der wirklichen Zuzüge und Fortzüge umfassen. Ein ziffermäßiger Beweis, daß die beurkundeten Fälle nur einen geringen Teil der Wanderungen überhaupt ausmachen, läßt sich bei den Auswanderungen nach über­seeischen Ländern erbringen. Im Jahre 1872 wanderten nach außereuropäischen Ländern aus 125 650 Personen, entlassen aus der Staatsangehörigkeit wurden nur 39 304 Personen; 1880 wanderten 106190 Personen aus, ent- lasscn aus der Staatsangehörigkeit wurden 22 180 Personen. Die mit Urkunden nach überseeischen Ländern entlassenen Personen haben also 1872 nicht völlig ein Dritteil, 1880 nur etwa ein Fünfteil der überhaupt amtlich registrierten Auswanderer betragen. Für die anderen Kategorien der Wanderungen darf ein für die Staatsangehörigkeits-Statistik noch ungünstigeres Verhältnis mit Sicherheit angenommen werden. Namentlich durch die Urkunden, welche die Ueber- wanderungen aus einem deutschen Staate in den andern betreffen, wird unzweifelhaft nur ein sehr kleiner Teil dieser Bewegung erfaßt. ES wanderten übrigens nach außer­

europäischen Ländern in den letzten neun Jahren aus: 1872 125 650, 1873 103 638, 1874 45 112, 1875 30 773, 1876 28 368, 1877 21964, 1878 24 217, 1879 33 327 und 1880 106 190 Personen. Im Jahre 1880 wurden an Urkunden erteilt über Aufnahmen von Deutschen in einen anderen Staatöverband 4048, über Wiederverleihungen der Staatsangehörigkeit 114, über Na­turalisation von Ausländern 1969 und über Entlassungen aus der Staatsangehörigkeit 15 330. Im Monat Juli d. I. war von den Rübenzucker-Fabriken Deutschlands nur eine, und zwar in Baden im Betriebe; eine Versteuerung von Rüben fand nicht statt. An Zucker wurde vom Zoll- auslande eingeführt 229 199 Kg. raffinierter Zucker, 36 340 Kg. Rohzucker und 366 948 Kg. Melasse. Die Ausfuhr nach dem Zollauslande betrug 2159 317 Kg. raffinierter Zucker, 5 480 390 Kilogramm Rohzucker und 1 353 527 Kg. Melasse.

V Berlin, 30. August Gestern war es den Pas­santen Unter den Linden seit längerer Zeit wieder vergönnt, das geliebte Antlitz unserers Kaisers an dem historischen Eckfenster des Kaiserlichen Palais zu erblicken. Kein Wun­der war es, daß sich daselbst, als die 2. Kompagnie des 1. Garde-Regiments zu Fuß unter Befehl Sr. König!. Hoheit des Prinzen Wilhelm vor dem Palais zum Ab­bringen der Fahneit des Regiments aufmarschierte, eine große Volksmenge ansammelte, um Zeuge dieses mili­tärischen Schauspiels zu sein, dem Se. Majestät aus dem bekannten Parterre-Eckfenster zuschaute. Die Aufmerksam­keit des Publikums wurde durch die Anwesenheit der Prin­zessin Wilhelm, welche morgens von Potsdam nach Berlin gekommen war, erhöht, Höchstweiche zuerst an einem Fenster der ersten Etage des Königl. Palais, bald darauf aber an der Seite deö Kaisers erschien. Es war ein rührendes Bild, unseren greisen Monarchen neben der hohen Gemahlin des ältesten Enkelsohnes Sr. Majestät dem militärischen Ab­bringen der Fahnen des Regiments durch diesen Enkelsohn am historischen Eckfenster beiwohnen zu sehen. Die liberale Presse weiß schon wieder vonFriktionen" zu be­richten, die angeblich vorliegcn und eine Reihe von That- sachen beglaubigt sein sollen. Man braucht nur einige dieser Thatsachen anzuführen, um sofort zu erkennen, daß es sich hier lediglich nm eine abermalige Erfindung des Liberalismus handelt. So werden u. a. die Reaktivierung des Grafen Botho zu Eulenburg, die Unklarheit in der augenblicklichen Stellung des Grafen Hatzfeldt, der Besuch des Kaisers bei dem Fürsten Bismarck und diein uner­warteter Weise beschleunigte" Abreise des Fürsten Bismarck nach Varziu als solche Thatsachen von liberaler Seite an­geführt, während sich jedermann doch sagen kann, daß Graf Botho zu Eulenburg überhaupt nicht ohne Zustimmung des Fürsten Bismarckreaktiviert" werden konnte, daß die Stellung dcs Grafen Hatzfeldt augenblicklich gar nicht

Heimatlos.

Erzählung von I. G. Pauli.

(Fortsetzung.)

Dann griff er nach dem kleinen neuen Testament in deutscher Sprache, das einzige Erbstück von seiner Mutter, das er auf der Flucht in seiner Uniform getragen und so gerettet und das ihn als Tröster und Freund überall hin begleitet hatte; er schlug das Capitel in der Apostelgeschichte auf, wo Petrus von dem Engel aus dem Gefängnis ge­führt wird, und merkwürdig, er konnte sich diesen Engel gar nicht anders vorstellen, als mit der Gestalt und den Zügen UlmannS, der ja für ihn der rettende Engel ge­worden war.

Da ertönte dessen frische Stimme:Nun Alex, hast Du Dich marschfertig gemacht?"

Noch nicht, ich habe mir erst die Marschordre bei dem General der himmlischen Heerscharen geholt", antwortete Alexander auf seine Bibel zeigend.

Und wie lautet die Parole?" fragte der Lieutenant lächelnd aber ohne Spott.

Daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen!" sagte der andere ernst.

Am andern Morgen, sobald es dämmerte, versammelten sich vier berittene Kosaken, zwei ledige Pferde zwischen sich haltend, vor der Hanöthür, ans der alsbald die beiden Freunde traten, Alexander im vollen Jagdanzuge, mit seinen Waffen angethan und von Rlno gefolgt, während die übrigen Hunde ihm fröhlich bellmd entgegensprangen. Er verschloß das Haus und sagte dabei gedankenvoll:Welche Hand wird diese Thür einst wieder öffnen?"

Nun jedenfallslachte Ulmann,wird dasjenige Menschenkind sehr erfreut sein, eine so elegante Wohnung und so große Schätze vorzufinden."

Aber was thue ich mit den Hunden", fragte der Jäger, ob ich ihnen die Freiheit lasse?"

Das wäre doch eine Thorheit I Nimm sie mit nach Tobolsk und verkaufe sie, und wenn Tu auch nur soviel dafür bekommst, daß Du Dir einen lustigen Tag dafür machen kannst."

Oder einem Unglücklichen eine Helle Stunde", sagte Alexander, pfiff den Hunden und schwang sich gewandt in den Sattel, glücklich, nach so langer Zeit wieder einmal ein Pferd unter sich zu fühlen. Nun setzte sich der Zug in Bewegung; aber Geldern ritt nicht in der Mitte wie ein Gefangener, sondern an der Spitze neben dem An­führer. Noch einmal wandte er sich zurück und warf einen langen Abschiedsblick auf das Fleckchen Erde, wo er so glücklich und so unglücklich gewesen war. Eben brachen die ersten Strahlen der Morgensonne hervor, und wie lauter Diamanten blitzte es aus den Gräsern und Blumen, auf den Bäumen und Büschen, denn über Nacht war der erste Reif gefallen.

Es scheint, ich bin zur rechten Stunde getommen, denn in wenig Tagen wärest Du hier eingeschneit", sagte Ulmann,hier eben im Norden kommt der Winter doch noch viel eher als bei uns in Tobolsk, wir sind ja erst im August.

So habe ick mich also umsonst vor dem schrecklichen, einsamen Winter gefürchtet", sagte der Verbannte.Es ist wahr, man sollte sich wirklich nicht so viele Sorgen machen, denn es kommt gewöhnlich so ganz anders als wir denken, und am seltesten geschieht gerade das, was wir am

meisten fürchten. Lebe wohl du kalter Norden, auf Nimmer­wiedersehen!"

Es ist ein eigen Ding um das Abschiednehmen, selbst von Orten, von denen wir nus oft hinweg gesehnt haben, ein alter Baum, ein Blümchen schlicht es schmerzt, wenn wir meiden." Die Gewohnheit spinnt selbst da, wo wir nicht gern weilten, tausend feine unsichtbare Fäden, die unser Herz mit unserer Umgebung verknüpfen, und wir ahnen ihr Dasein oft nicht, bis sie beim Abschied zerreißen. Ist es vielleicht die Empfindung dieses Abreißens, was uns in solchen Augenblicken mit Wehmut erfüllt ober ist es noch ein anderes? Die dunklen, bitteren Stunden der Vergangenheit treten in den Hintergrund, die wenigen Licht­punkte in derselben herrschen in unserer Erinnerung vor und erscheinen da auf einmal so viel heller, während die Zukunft in Dunkel gehüllt vor uns liegt, daß es uns vor­kommt, alö wären wir hier glücklicher gewesen, als es der Fall war. Vielleicht auch beides, wer kanns sagen? Trauerte doch der Gefangene von Chillon um seine Kerkermauern und seine Äetten und starb am Lichte der Freiheit.

Von dem allen ging etwas vor in dem Herzen des jungen Mannes, der dem Orte seiner Verbannung den Rücken wandte und fast unwillkürlich griff er an seine Brust, wo ein Schatz ruhte, ben er hier mit fortnahm: ein Blumensträußchen aus Olgas Garten, welches Ale­xander derselben zur Erinnerung mitbringen wollte, und das er glücklich noch am Abend vor dem Reif gerettet hatte, denn heute hingen die Blumen alle schwarz und müde die Köpfchen, als trauerten sie um den Weggang ihres Freundes. (Forts, folgt.)