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Marburg, Sonntag, 28. August 1881

XVI. Jahrgang

Sir. Stil.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, f011)ie d.Ännoncen-Burear- Th- Dietrich u. Co. i «affet und Hannover; T! $ietri4 in Frankfurt a M (iaafenftein u. Vogler i Frankfurt a. M., Berlin Leipzig- Köln rc.; Rudo, Äosse in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Don ® L. Daube u. Co. in Franlfmt a. iUL; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hei mansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.

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Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.

Wochen - Uebersicht.

Es ist erklärlich, daß in allen Teilen des deutschen Reichs die bevorstehenden NeichstagSwahlen das Tagesgespräch bilden und alle anderen Fragen, wenigstens vorläufig tu den Hintergrund drängen. Selbstverständlich fehlt es auch in der liberalen Presse nicht an Versuchen, bereits das Material, mit dem sich der nächste Reichstag zu beschäftigen haben wird, näher zu bezeichnen, doch sind derartige Angaben nur alsFühler" zu betrachten, um an maßgebender Stelle womöglich in Form von Entgegnungen bestimmte Arußcrungen in dieser Beziehung hervorzurufen.

Eine dem königlichen Kommerzkollegium und dem Magi- stratin Altona seitens des Finanzministers in der Zoll­anschlußfrage zugegangene Nachricht wird jetzt von den freihändlerischen Organen gehörig auögebeutet. Auf eine Eingabe, in welcher darum nachgesucht wurde, bei der Einverleibung Altonas in den deutschen Zollverband der Stadt ein Freihafengebiet einzuräumen, hat der Herr Finanz- minister nämlich eine ablehnende Antwort erteilt und da­bei bemerkt, daß mit Rücksicht auf das Uebereinkommen, welches in der Zollanschlußfrage mit dem hamburgischen Staate getroffen sei, nicht daran gedacht werden könne, der Stadt Altona ein Freihafengebiet einzuräumen. Altona müsse bei einer Zolleinverleibung die innerhalb der Stadt zu bewilligenden Freihafendepots bestens auszunutzen suchen. So natürlich dieser Bescheid auch ist er konnte gar nicht anders lauten, so ertönt über denselben voll frei­händlerischer Seite doch ein Klageruf, ohne darauf Rück­sicht zu nehmen, daß in Altona eine ansehnliche und ein­flußreiche Partei für den unbedingten Zollanschluß sich er­klärt hat.

Die in dieser Woche in Berlin stattgehabte evan­gelisch-lutherische Konferenz innerhalb der preußischen Landeskirche bildet selbstverständlich wieder einen Hauptangriffspunkt der liberalen Blätter. Es darf das um so weniger Wunder nehmen, als bekanntlich diese Blätter sich nicht in christlichen Händen befinden, und, wenn sic Angelegenheiten der evangelisch-lutherischen Kirche besprechen, sich auf den Standpunkt des Protcstantenvereins stellen. Die Beschlüsse der evangelisch-lutherischen Konferenz wer­den von allen innerhalb der preußischen Landeskirche stehen­den Staatsbürgern mit wahrer Freude begrüßt werden. Der Geist, welcher die Beratungen der Versammelten durch­wehte, liefert Bürgschaft dafür, daß es den Gegnern nicht so leicht gelingen wird, den Staat zu entchristlichcn.

Das Ereigniß der Woche bilden die französischen Wahlen, und wenn man angenommen hatte, daß in beiden Wahlbezirken von Belleville die Wahl Gambettas annullirt werden würde, so hat man sich insofern getäuscht, als dies nur für den zweiten Bezirk stattgefunden hat, während im ersten die Wahl Gambettas für gültig erklärt wurde. Letzterer hat noch vor der Entscheidung der Prüfungs- Kommission auf die Annahme des Mandats im zweiten Belleviller Wahlbezirk verzichtet und ein solches für den ersten angenommen. Man ist in Frankreich allgemein der Ansicht, daß die Ucbernahme der Regierung seitens Gam­bettas nur noch eine Frage der Zeit sein kann, da er zweifellos der Führer der neuen Kammermajorität werden wird. Ganz ohne Ruhestörungen sind die Wahlen übrigens nicht verlaufen, indem es in Tourcoing zu Erceffen, die dem wiedergewählten konservativen Kandidaten galten, kam. Die Bonapartistcn haben im Wahlkampfe drei ihrer be­deutendsten Häupter verloren, Haentjens, Abbatucci und Sarlande. Paul von Caffagnac, der in Mirande den republikanischen Candidateu Herrn von Montebello mit ziemlicher Majorität besiegte, ist jetzt als ihr geistiges Haupt zu betrachten. Von den Legitimisten, die unterlegen sind, sind bekanntere Personen: Keller, Anison-Duperron und Blachöre. Die Bezirke, in welchen die Republikaner vorzugsweise neue Sitze im Kampfe gegen die Monarchisten gewonnen haben, sind Dordogne, die Ober-Garonne, Cal­vados, PaS de Calais und Avcyron.

In S p a n i e n hat die Negierung bei den Wahlen einen entschiedenen Sieg erfochten, indem etwa 300 mi­nisterielle Candidaten gewählt wurden. In Madrid brach­ten es die progressistischen Demokraten nur auf 1200 bis 1300 Stimmen. Die Beteiligung an der Wahl war, wohl wegen der herrschenden Hitze, eine äußerst schwache; kaum mehr als ein Drittel der Stimmberechtigten übte . as Wahlrecht aus.

Nach einer Correspondenz derTrib." auS Peters­burg sind in Peterhof neue warnende Nachrichten einge­laufen, die fast übereinstimmend aus London und Paris melden, daß daselbst, ähnlich wie zur Zeit des Attentates auf den Zaren, eine lebhafte Bewegung unter den Anar­chisten herrsche, gleich als ob irgend ein besonderes Ereignis erwartet werde. Aus einzelnen Reden glaubten die russischen Agenten entnehmen zu dürfen, es handle sich um den Zaren oder die Kaiserlichen Kinder; man bringt die bez. War­nungen in Verbindung mit dem bekannten Genfer Briefe imVoltaire." Dem Zaren ist die größte Vorsicht an­geraten worden, namentlich während der Dauer der An­wesenheit der dänischen Königsfamilie, mit Rücksicht dar­auf, daß sein öfteres öffentliches Erscheinen mit den hohen Verwandten leicht gefährlich werden könnte. ES scheint, wenn sich eine in Hofkreisen gerüchtweise auftretende Nach­richt bewahrheitet, auch wirklich, als ob auch die Kinder

deS Zaren ein Objekt nihilistischer Anschläge seien, denn in dieser Richtung soll sich ein vor kurzem in Moskau Verhafteter geäußert haben, indem er andeutete, daß der Nihilismus unter dem Adel ausgedehntere Verbindungen, auch bis in die Umgebung des Zaren, besitze, als die Re­gierung wohl vermute. Daß derartige Nachrichten bei Hofe große Aufregung hervorgerufen, erscheint begreiflich, um so mehr als auch andere Anzeichen darauf hindeuten, daß die Umsturzpartei noch nach wie vor eine verabscheuungöwür- dige Thätigkeit entfaltet. So wurden in Moskau an einem Tage vier Polizeibeamte ermordet, und man darf sich daher nicht wundern, wenn die Behörden ohne Nachsicht volle Strenge walten lassen.

Ans Tunis wird gemeldet, daß die Insurrektion, seit­dem Frankreich in alle festen Plätze Garnisonen gelegt hat, keine Aussicht mehr auf Erfolg habe. Wenn die letzten Bewegungen der OccupaticnS - Truppen aber auch aus­reichend für die Sicherheit des Landes sorgten so wird hinzugefügt so sei cS dennoch eine schwer zu lösende Frage, wie lange es noch nötig sein werde, diese kostspielige Entwickelung von Streitkräften aufrecht zu erhalten, und durch welche Mittel es Frankreich gelingen werde, in der Regentschaft einen friedlichen und normalen Zustand der Dinge herzustellen.

Bou Metz bis Sedau.

Elf Jahre sind nun hinabgerollt seit der Zeit, wo jene für Deutschland ewig denkwürdigen Ereignisse stattfanden, welche dem Auslande die unüberwindliche Kraft der ver­einigten deutschen Stämme gelten und dem Vaterlande die politische Einigkeit als Frucht der heißen Kämpfe mit ge­bieterischer Notwendigkeit in den Schoß legten. Manches berühmte Stadium enthält die Kriegsgeschichte des Jahres 1870/71. Das höchste Interesse und die allge­meine Sensation erweckten aber die Kriegsereignisse von Metz bis Sedan. Wohl hatte das deutsche Schwert dem übermütigen Gegner bereits bei Weißenburg, Wörth und Spichern wuchtige Schläge beigebrachl und die Siegeshoff­nungen befestigten sich in Deutschland, aber die Epoche der Kämpfe von Metz bis Sedan zerbrachen das französische Kaiserreich deö dritten Napoleon und legten das Fundament für den neuen deutschen Kaiserthron. Noch stand am 14. August 1870 die Hauptmacht deS französischen Heeres unter dem Marschall Bazaine unbesiegt vor Metz, und eS galt die beispiellose Aufopferung der Truppen der 1. und 2. deutschen Armee unter den Generälen v. Steinmetz und Prinz Friedrich Karl, um diese in günstigster Position befindliche französische Heeressäule zu bezwingen. Obwohl Bazaine und seine Generäle der deutschen Heeresleitung nicht gewachsen war, so war Bazaine doch der zäheste Gegner der deutschen Truppen. Festiingsartige Stellungen hatte

Heimatlos.

Erzählung von I. C. Pauli.

(Fortsetzung.)

Fern von der Welt aufgewachsen, unbekannt mit ihren Anforderungen und Künsten und ohne die Bildungsinitiel, die sic bietet, hatte sie nur das gelernt, was ihre Eltern und die kleine gerettete Bibliothek hatten bieten können, und wenn sic bei ihrem frischen Geiste und regen Interesse auch im Grunde nicht weniger Kenntnisse besaß, als ihre neuen Bekannten, so fehlte ihr doch cn den Fertigkeiten, die in diesen Kreisen geübt wurden, und vor allem an der sichern, unbefangenen Haltung, die der V.rkchr mit der großen Welt selbst einem unbedeutenden Menschen gicbt.

Wie ost flogen ihre Gedanken nach der kleinen Hütte am Waldesrande, und so häufig sie nur konnte, entschlüpfte sie der lustigen Gesellschaft, deren Vergnügen sie nicht be­griff und nicht teilen konnte, und floh auf ihr stilles Zimmer oder an ein einsames Plätzchen im Parke oder im nahen Walde, wo sie sich fast ständig mit dem Gedanken beschäftigte, was wohl in diesem Augenblicke Alexander mache und wo er sei. Sie verfolgte ihn den ganzen Tag im Geiste bei allen Geschäften, deren Gang sie ja so genau kannte, und oft ertappte sie sich darauf, daß sie sich darüber beunruhigte, wie ihm sein müßte, wenn er nun von der Jagd müde und hungrig nach Hause kam und in der Hütte niemand sand als feinen treuen Rino, kein Feuer auf dem Herd, das Zimmer kalt und dunkel, und keine Hand, die ihm den Tisch deckte und ihn mit einer warmen Schüssel erquickte. Dann malte ihre Phantasie weiter, und sie ver­setzte sich so lebhaft in die alten bekannten Räume und Gegenden, daß sie zuwellen ganz verwundert um sich blickte,

wenn sie sich auf einmal in einer so ganz anderen Um­gebung sah. Immer klarer wurde cS ihr an dieser Sehnsucht, wie um ihr Herz stand, und mitten unter all den glänzenden Cavalieren, die fast täglich kamen und der schönen Grafentochter ihre ,v ulbigungen darbrachlen, gestand sie sich ec ein, daß sie nie einen andern lieben könne als den armen Pclzjägcr auf der sibirischen Steppe. Und wenn sic zehn Jahre warten müßte, bis er wieder kam, so wollte sie ihm die Treue halten, und nie sollte Herz uuv Hand einem anderen angehörcn. Ihre Elter» sahen wohl die Kämpfe und den Kummer ihres Kindes, und die bleichen Wangen, die all ihre Frische im Lande der Verbannung gelassen hatten, erfüllten sie oft mit Besorgnis. Tie kind­liche Fröhlichkeit, die sie in schweren Tag n so ost erheitert und erfrischt hatten, machte immer mehr einem gedrückten und stillen Wesen Platz. Da sic aber ihre Tochter so gut kannten, um zu wissen, wie fest sic an ihrer Liebe halten würde, und da sie selbst den jungen Mann so lieb gewonnen hatten, so versuchten sie nicht, ihr irgendwie Zwang aufzu­erlegen, sondern Platow that im Stillen alle Schritte, die in seiner Macht standen, um die Befreiung des Gefangenen auszuwirken.

Und wie erging es Alexander in der Einsamkeit? Ver­setzen wir uns aus dem russischen Grafenschlosse in das wohlbekannte Häuschen, aber heute ist es nicht eingeschneit, sondern die wohlgepflegtcn Blumen und Beeren in Olgas Garten geben dem Platze ein freundliches Aussehen, und Wald und Steppe tragen ihr schönstes Kleid, als wüßten sie, daß vielleicht in wenigen Tagen schon der erste Reif diese Schönheit abstreifen würde; neigt sich doch der kurze, nordische Sommer schon seinem Ende zu. Warm scheint die Sonne vom blauen Himmel nieder und da Feuer in

der Hütte hat der einsame Jäger heute nicht gegen die Kälte angezündet, sondern um fein einfaches Mittagsmahl, das er nur mit seinen Hunden teilt, zu bereiten. Traurig und niedergeschlagen sitzt Alexander vor dem Herde und blickt in die Flammen, ohne zu sehen, wie sie ihr buntes Farbenspiel treiben, denn seine Gedanken sind fern von hier, und je länger er sich die Bilder auSmalt, in denen Olgas Gestalt in beständigem Wechsel vor ihm schwebt, um so weher und hoffnungsloser wird es ihm ums Herz. Zehn Jahre! Wie kurz waren sie ihm erschienen, als er einst, dem Gefängnisse entgangen, auf Flügeln der Liebe hierher eilte voll süßer Ahnungen und Hoffnungen I Und nun, wie endlos dehnten sie sich vor seinem Blick, wie trostlos schaute er in die Zukunft, die kein Lichtpunkt erhellte; denn all­mählich hatte er auch die Hoffnung aufgegeben, durch die Bemühungen feiner Freunde eher befreit zu werden: ver­ging doch ein Monat nach tim andern ohne die geringste Kunde davon. Nur einmal hatte er einen Brief von Platow erhalten mit einem genauen Bericht über die Reise, den Prozeß in Petersburg und den Wiedereintritt in die alte Heimat. Das Zeugnis des Generals v. Eisenschwert und deö Knechtes Iwan hatten den Angeklagten entlastet, und bei Wiederaufnahme des Prozesses verfolgte man nun Spuren, die man früher fallen gelassen, weil man glaubte, den Thäter in Händen zu haben, und diese Spuren führten auf den Reitknecht, der aber dem Arm der Gerechtigkeit ent­ging. Das Bewußtsein seines Verbrechens hatte den Mann vor der Zeit alt gemacht, und der Schreck, daß alles an den Tag^kam hatte seinem Leben rasch ein Ende gemacht, doch nicht, bevor Platows dem Sterbenden ihre Verzeihung noch aussprechen konnten. (Forts, folgt.)