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Nr. 200.

Marburg, Sonnabend, 27. August 1881.

xvi. ZahrgW

«nieigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, <omic d.Ännoncen-Bureaux ' Th. Dietrich u. Co. in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M.; üLasenftein u. Vogler in Mnlsurt a- M-, Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf «Hoffe in Berlin, Frank- " furt a. M. rc.

OlitthcUchk Zitiiiig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Co. in granffu- t a. M-; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hei mansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirtes Sonntaasblatt" durch die Ervedition (St o ck'sche Buchdrucker-,) bezogen 2*/, Stark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. »eMÄF-. SionlS^^ gesAtene Ä 10 ®f6

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Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.

Bon welcher Seite ist eine Diktatur iu Sicht I

In ihrer letzten Sonntagsnummer erörterte diePost" diese Frage und beantwortete sie:Von Seiten der Fort­schrittspartei". Der Sieg dieser Partei würde zur not­wendigen Folge haben eine Deposscdirung des Hohen- zollernschen Königtums und eine Diktatur der Führer der Fortschrittspartei.

DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt hierzu:

Wir haben an dieser Diagnose nur das auSzusetzen, daß sie zu cP imistisch ist. Unseres Erachtens gehen die Konsequenzen eines Sieges der Fortschrittspartei noch weiter, als der Verfasser des gedachten Artikels annimmt; sic gehen bis zur Aufhebung aller staatlichen Ordnung. Wir wollen indeß diese Meinungsverschiedenheit für heute auf sich beruhen lassen und nur die erste, mathematisch sichere Folge eines Sieges der Fortschrittspartei näher be­trachten die Depossedierung des Hohenzollern'schen Königtums.

Unsere Nation ist monarchisch gesinnt. Sie weiß, 1 eS das monarchische Prinzip ist, dem sie jeden bedeutenden Fortschritt in ihrer politischen, geistigen und materiellen Entwicklung zu verdanken hat, und damit weiß sie, daß unser Köniathum eine historisch-rechtliche Institution ist. Sie ist sich ferner wohl bewußt, daß diese Institution auch eine ethische ist: denn es entspricht ihrer Auffassung von der sittlichen Ordnung, daß der König die Autorität habe über das Volk. Unsere Nation sieht es folgeweise als eine Lebensfrage an, daß das monarchische Prinzip in unserer Verfassung den ersten Rang einnimmt. Wie kommt es nun, daß die Fortschrittspartei, die mit vollen Segeln auf die Republik zusteuert, in unserem Volke An­hang zu werben vermag?

Wir finden darauf nur eine Antwort und wir behaupten, daß dieselbe auch die einzig mögliche ist:Die Fortschrittspartei betrügt unser Volk mit falschen Vor- piegclungcn." Der Begriff, den unsere Fortschritts­partei von der Ordnung der Gewalten im Staate hat, ührt aus dem Wege dialektischer Entwickelung mit mathe­matischer Sicherheit zur Republik. Gegen diese logische Nötigung giebt es keinen Widerstand, und die Fortschritts­partei muß daher, um in unserem monarchischen Staate ihre Existenz zu behaupten und in unserem monarchisch gesinnten Volke Anhang zu werben, zu den frechsten Lügen ihre Zuflucht nehmen.

Unsere Behauptung geht nicht dahin, daß jedes Mit­glied der Fortschrittspartei sich einer bewußten Unwahrheit schuldig mache. Wir sind überzeugt, daß ein seinem Königshause treues Volk, wie das unsrige, niemals mit Bewußtsein einer Doktrin anhängen wird, die als nächste Konsequenz die thatsächliche Vernichtung deö Königtums in sich birgt', und wir können daher nur annehmen, daß die überwiegende Mehrzahl derjenigen, welche in der Fort­schrittspartei Heeresfolge leisten, sich zu diesem Dienst ohne vorhergegangene reifliche Ueberlegung entschlossen hat. Der Vorwurf, der sie trifft, beschränkt sich darauf, daß sie eben die gewissenhafte Prüfung unterlassen hat, die Jedermann bei der Wahl seiner politischen Stellung obliegt. Wohl aber erheben wir die schwerste Anklage gegen die Führer der Fortschrittspartei, welche agitierend in unserem Lande herumziehen. Ihr logisches Vermögen reicht sicherlich so weit, daß sie die gefährlichen Konsequenzen ihrer Doktrin absehen, ja, daß sie sich über dieselben völlig klar sind. Allein statt sich zu diesen Konsequenzen zu bekennen, ver­heimlichen sie dieselben; anstatt denen, welche sie für ihre Gefolgschaft zu werben suchen, klaren Wein einzuschenken, verfahren sie nach Art der bekannten Auswanderungs- Emissaire, die durch ihr verbrecherisches Treiben Tausende ins Elend stürzen. Unsere Fortschrittsleute scheinen in der Thal von der GeschästspraxiS dieser Emissäre viel gelernt zu haben. Neuerdings beschränken sie sich nicht darauf, den wahren Inhalt ihrer Lehre zu verschweigen, sie ver­fälschen denselben geradezu. Wir beschränken uns zum Beweise dafür auf die LoyalitätSversicherungen, in denen sich die fortschrittlichen Agitatoren in letzter Zeit zu ge­fallen scheinen.

Ein solches Verfahren enthält alle die zum Thatbestand deS Betruges erforderlichen Momente: Erregung eines Irrtums, sowie gewinnsüchtige Absicht und darauf kann unser Volk nicht oft und nicht eindringlich genug aufmerksam gemacht werden. Denn der Betrug, um den es sich handelt, ist der denkbar verwerflichste und gefährlichste; er trifft in seinen Wirkungen nicht nur die Betrogenen, sondern unser ganzes Volk.

Wir sind bereit, den Beweis für unsere Anklage zu er­bringen. Derselbe wird sich auf zwei Punkte richten müssen; wir werden nämlich darzuthun haben, daß die Doktrin der Fortschrittspartei die Republik als ein Postulat in sich birgt, und es wird uns ferner obliegen, Argumente dafür beizudringen, daß die Führer der Partei sich dieses latenten Inhal s sehr wohl bewußt sind.

Was den ersteren Punkt anbetrifft, so werden unsere Gegner uns nicht bestreiten können, daß ihre Doktrin die sogenannte parlamentarische ist. In einer konstitutionellen Monarchie, wie die unserigelehrt die Fortschrittspartei ist die Krone gebunden, ihre Räte aus der Majorität der Volksvertretung zu wählen.

Wir behaupten, daß diese Lehre dem Wesen der kon­stitutionellen Monarchie geradezu widerspricht, daß eine Ver­fassung , in welche dieselbe Aufnahme fände, mit absoluter Notwendigkeit zu einer republikanischen werden würde.

In der Bestimmung des Begriffs der konstitutionellen Monarchie stehen sich heute zwei Richtungen gegenüber. Nach der einen istauch in der konstitutionellen Monarchie bet König der Träger der Einen unteilbaren Staatsgewalt, die sich jedoch von diesem Mittelpunkt aus in ihre Zweige entfaltet und in dieser Entfaltung noch andere Träger er­hält." Die liberale Richtung dagegen glaubt das Wesen der konstitutionellen Monarchie in einer Teilung der souve­ränen Staatsgewalt zwischen dem Könige und dem Volke sehen zu sollen. Unsere Beweisführung wird sich nun dar­auf richten, daß der Parlamentarismus selbst mit dieser zweiten, liberalen Doktrin im krassesten Widerspruch steht.

Nach der liberalen Schule, welche noch heute die von Montesquieu in demGeiste der Gesetze" entwickelte Theorie als ein Evangelium ansieht, ist für die Ordnung der Ge­walten in der konstitutionellen Monarchie der Grundsatz maßgebend:Damit die Gewalt nicht gemißbraucht werde, ist erforderlich, daß durch die Anordnung der Dinge die eine Gewalt die andere aufhalte il faut, que par la disposition des choses, le pouvoir artete le pouvoir. Die in der Souveränität enthaltenen Machtbefugnisse müssen also verschiedenen Individuen, beziehungsweise Körperschaften anvertraut und dadurch eine Balanzierung dieser Befugnisse ermöglicht werden. Der Krone gebührt die ausschließliche Ausübung der Exekutive, sowie die Teilnahme an der ge­setzgebenden Gewaltund zwar ist diese Bestimmung von fundamentalster Bedeutung, weil durch sie das Prinzip der Balanzierung gewahrt werden soll. Die Exekutivgewalt, sagt Montesquieu, muß an der Gesetzgebung teilnehmen; anders würde sie binnen kurzem ihrer Prärogative beraubt fein. Wenn aber die gesetzgebende Gewalt au der Exekutive teilnimmt, so ist die ausführende Gewalt notwendig ver­loren."

Der Parlamentarismus führt nun aber mit absolut zwingender Notwendigkeit dazu, daß die Volksvertretung das Königtum von der Teilnahme an der Gesetzgebung ver­drängt und die Exekutivgewalt an sich reißt.

Der König ist bei Ausübung der Regieruugsgewalt an die Mitwirkung der Minister gebunden; jeder seiner Akte muß die Gegenzeichnung eines Ministers tragen. Wenn nun der König gezwungen wird, seine Räte aus der Ma­jorität der Volksvertretung zu wählen, so wird er eine Kon- trasignatnr nur dann erlangen und also nur dann seine Rechte ausüben können, wenn diese Ausübung im Sinne jener Majorität erfolgt. Seine Rechte werden damit illu- forisch; in Wahrheit gehen dieselben auf die Volksvertre­tung, auf die Wähler über. Das Volk wird souverän; denn es hat den ausschließlichen Besitz der gesetzgebenden

I* * Um noch einmal auf die Verschwörung zurückzukommen. Ff» erinnere ich mich nie, etwas davon gehört zu haben, also wird sie wohl unbekannt geblieben sein. Aber wenn

Heimatlos.

Erzählung von I. C. Pauli.

tFortseöilng.)

Sie sich entschließen wollten, mir die Namen der Günst­linge zu nennen, so könnte ich Ihnen vielleicht etwas über ihr Schicksal mitteilen."

Platow nannte drei Männer, von denen Geldern we­nigstens so viel wußte, daß sie nicht mehr am Ruder standen, einer war gestorben, und die anderen hatten sich

ie6, h 1118 Privatleben zurückgezogen.

>e, bitlJedenfalls", sagte der Hausherr,ist der Umstand, etttüt# daß Eisenschwert jetzt eine so hohe Stellung einnimmt, ein Beweis, daß unsere Sache günstig steht, und es handelt reizcnl sich jetzt darum, wie wir es am besten anfangen, ihnen Nachricht zukommcn zu lassen."

, TestWäre ich doch frei," seufzte ter junge Verbannte, »tote gern ginge ich diesen Weg für Sie."

_Der einzige freie Mann unter uns ist Iwan", ant­wortete Platow,und es wird das Richtigste sein, ich lt-t» ffcke Dich mit den Briefen direkt nach Petersburg, wo Du zugleich als Zeuge vor Gericht nötig sein wirst." .

i«U Des treuen Dieners Augen glänzten vor Freude, doch nmlr dußte et selbst nicht recht, ob diese der Rückkehr in die * Heimat galt, oder dem Glück, seinem geliebten Herrn diesen

Dienst leisten zu können. Alexander erbot sich, ihm seinen Schlitten und seine Hunde mitzugeben, so weit er diese Zauchen könnte, und alles übrige baare Gele, über welches

__0 noch zu verfügen hatte, für die Reise herzuleihen, was

die Familie mit herzlichem Dank annahm. Olga warnte noch schelmisch den Knecht, sich nicht durch Gespenster oder Nnnhfläser irre führen zu lassen, und dieser beteuerte hoch und heilig, es könne gar niemand seine Sache so gut machen wie er.

Es war indessen spät geworden und Frau Platow griff zu dem kleinen Evangelien- und Psalmenbuche, das auf Kaiser Alexanders Verordnung in viel tausend Exemplaren, russisch gedruckt, jetzt in aller Hände war und ihnen manchen Trost in ihrer traurigen Lage gespendet hatte. Sie las den 103. Psalm:Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat re.", und dann knieten alle, der Eingebung ihrer bewegten Herzen folgend, nieder und der Familienvater sprach in einem aus tiefsten Herzen quellenden Gebete Lob und Dank für die Errettung aus. Auch in Alexanders Gemüt zog unter diesen Worten Ruhe und Ergebung ein und die leise Hoff­nung, daß auch seine Erlösung aus den Entwirrungen der Dinge hervorgehen könnte.

5. Kapitel.

Der Vogel hat ein HauS gesunden und die Schwalbe ihr Nest.

Ein Fichtenbaum steht einsam Im Norden auf kahler Höh'. Ihn schläfert, weiß umhüllen Ihn Decken von Eis und Schnee.

Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgenland Einsam und schweigend trauert An brennender Felsenwand.

Wenn diese schönen Heineschen Verse den Trennungs­schmerz zweier Liebenden ausdrücken sollen, so paßten sie wohl auf niemanden besser als auf Alexander und Olga denn wenige Monate nach der Entdeckung des Rettungs­weges hatte die Scheidestunde für die jungen Leute ge­schlagen, ohne daß sie ihr übervolles Herz einander zu öffnen gewagt hatten. Beim Abschied hatten sie sich lange und innig die Hand gedrückt, dann hatte sie das thränen« volle Auge zu ihm aufgehoben, und indem es wie Hoff­nung darin geleuchtet, hatte sie gesagt:Auf Wiedersehn!" Daraus war sie rasch in den Schlitten gestiegen, der wieder einmal dem armen Verbannten all sein Erdenglück mit fort­genommen hatte.

Nun sah sich Olga plötzlich aus der sibirischen Block­hütte in die ihr völlig ungewohnten Umgebungen ihres schönen väterlichen Schlosses versetzt, wo alles im ersten frischen Grün prangte, während sie aus Eis und Schnee kamen. Fast war ihr zu Mute wie der einsame Baum an brennender Felsenwand, denn all der Sonnenschein und Glanz der jetzigen Verhältnisse, die sie als zwölfjähriges Kind verlassen und nun als achtzehnjährige junge Dame wieder fand, blendete und beunruhigte sie mehr, als daß sie es beglückte. Bald stellten sich alte Freunde und Nachbarn wieder ein, die das dazwischenliegende vergessend, die früheren Verbindungen wieder anknüpften; und nach Art der russischen Gastfreundfchaft war Schloß Platow oft mit Besuchern jung und alt angefüllt, die hier auf ihre gewohnte Weise sich belustigten und unterhielten, während die arme Olga wie ein fcheueö Reh unter ihres Vaters Gästen stand und nichts zu erroiebern wußte, wenn die jungen Herren mit geläufiger Zunge ihre Schönheit priesen.

(Fortsetzung folgt)