XVI, Jahrgang
Marburg, Freitag, 26. August 1881.
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galten natürlich jedem als Beweis meiner Schuld, und entrüstet riefen die Herren: „Das ist der Mörder, er hat noch Blut an den Händen I" Das Blut rührte von den scharfen Dornen her, die mich geritzt hatten. Jetzt ging mir erst ein Licht auf, warum man mich so gehetzt hatte, und mit erleichtertem Herzen wollte ich mich erklären, da hielt mir einer meinen blutigen Dolch vor die Augen und fragte: „Ist das Ihr Dolch?" Ich konnte nur bejahen, da faßte mich ein so tiefer Schmerz über das alles, besonders aber über den Verlust meines Freundes, daß ich fast bewußtlos zusammenbrach, so daß man mich in mein eigenes HauS als Gefangenen trug und dort streng bewachte, bis ich ins Gefängnis abgeführt wurde."
Bei dieser Erzählung erwachten die Erinnerungen an diese schreckliche Nacht auf das Lebhafteste in den Frauen und unter heißen Thränen reihten sie dieselben an die eben geschilderten Vorgänge. Endlich fragte Alexander nach dem Verlauf des Prozesses und Platow antwortete:
„Ich konnte ja nicht viel vorbringen, um meine Unschuld zu bezeugen, am wenigsten aber konnte ich natürlich mein Alibi nachweisen, und den einzigen Zeugen, der eS gekonnt hätte, durfte ich um keinen Preis nennen. Schon meine Weigerung über das Verbleiben meines Pferdes, d S wie in den Erdboden verschwunden blieb, zu berichten, erregte den Verdacht der Richter und jeder Versuch, meine Flucht im Walde zu erklären, konnte auf die Spur unserer Verschwörung sührcn. Wurde aber diese entdeckt, so war ich ebenso gewiß, nach Sibirien verbannt zu werden, und außer mir viele der angesehensten Männer im Lande, ja die Folgen wären unabsehbar, und natürlich jede Hoffnung eines Gelingens unmöglich gewesen. Da also an meinem eigenen Schicksal dadurch nichts geändert wurde, nahm ich
sition in der Presse weit lohnender war, als das der Verteidigung erhaltender Prinzipien. Will man aber mit jener Beschuldigung sagen, die konservative und regierungsfreundliche Presse habe keinen Nahrungsboden im Volke und in einer eigenen Partei, sondern werde nur durch Staatsmittel künstlich gefristet, so können wohl die Abonnementslisten der betreffenden Zeitungen authentischen Aufschluß gewähren. Wo aber die Benutzung der künstlichen Reklame unter Anwendung zum Teil sehr unlauterer und verwerflicher Mittel mehr im Gebrauch ist, darüber giebt wohl auch der bloße Augenschein hinlänglichen Aufschluß. Wäre es denkbar, daß einmal die Namen aller Schriftsteller, welche im journalistischen Beruf mehr oder minder regelmäßig thätig sind, mit allen Lebensumständen der betreffenden Personen veröffentlicht würden, so dürfte sich wohl zeigen, was in dieser sogenannten Soldpresse an Unabhängigkeit der äußeren Lebensstellung, des Charakters und der geistigen Bildung vorhanden ist, und wieviel von diesen Dingen in der Presse der professionellen Opposition zu finden ist. Vielleicht nötigt der Fortgang deS Parteikampfes über kurz oder lang einmal dazu, daß solche Ermittelungen in irgend einer Form angestellt werden.
So lange es dahin noch nicht gekommen ist, müffen wir uns an die Frage halten, wofür jene maßlos beschimpfende Behandlung jeder Art regierungsfreundlicher Presse bei uns herkömmlich geworden ist. Preußen ebenso wie daö Deutsche Reich sind nicht zu einer Parteiregierung gelangt, einer Negierungsform, deren Anwendbarkeit, ganz zu gc- schweigcn von der Wohlthätigkeit, auf das deutsche StaatS- lcben bei allen ernsten Geistern fort und fort den gewichtigsten Zweifeln begegnet. Dagegen geht in Preußen und Deutschland durch das Regierungssystem eine unverkennbare Einheit der Tradition trotz der Arnderungen, welche der Umschwung der Zeiten in den letzten vierzig Jahren auch in dem Gang der Regierung hervorgebracht hat. Diese Tradition ist cs, die man angreift, die man beschimpft, denn nur diese Tradition ist es, die von der sogenannten offiziösen Presse verteidigt wird. Weil wir keine in regelmäßigem Wechsel um die Herrschaft sich bewerbenden Parteien haben noch haben können, so bewegt sich der Gegensatz im Staatsleben wesentlich um die Aufrechlhaltung der Tradition, bezüglich um ihre organische Fortbildung einerseits, um die mehr oder minder gewaltsame Unterbrechung derselben andererseits. Nicht von einzelnen RcgierungSmaximen ist dabei die Rede, welche ja auch innerhalb einer traditionellen Festhaltung der historischen Grundlagen des StaatölcbenS wechseln können und gewechselt haben. Mit Vorliebe beruft man sich dabei auf den neuerlichen Wechsel der Wirtschaftspolitik. Aber ein weit mehr durchgreifender Wechsel vollzog sich auf demselben Geltet im Jahre 1808, und doch blieb die historische Grundlage deö Staatslebens unverändert.
blind dagegen, daß auch in dieser Beziehung innerhalb und außerhalb der Mauern von Ilion viel gesündigt wird; aber wir fürchten nicht — so fährt die „Nationalzeitung" fort — gegen die Wahrheit zu verstoßen durch die Behauptung , daß die Schuld an dem überaus beschämenden Schauspiel der jetzigen Wahlbewegung wesentlich und in erster Reihe die Negierung trifft." Diese Behauptung wird dann damit zu begründen gesucht, daß die Negierung den Wahlkampf ohne sachliches Programm führe, welcher Mangel die Folge deö persönlichen Regiments sei; daß der Wahlkampf daher ohne bestimmte politische Ziele ein persönlicher werde.
Die Beschuldigung, daß die Regierung keine sachlichen, sondern persönliche Ziele verfolge, während bei der Opposition daö Vcrhältniß umgekehrt sei, ist durch die Umkehrung des offen daliegenden Sachverhältnisses kraß und ungeheuerlich. Wir verweilen indeß heute nicht bei dieser Unwahrheit. Wir kehren zurück zu der Behauptung, daß die Regierung die Verwilderung der publizistischen Sitten verschulde.
Jene Behandlung der regierungsfreundlichen Presse, an die wir oben erinnert, stammt nicht etwa aus der neuesten Zeit oder gar erst aus dem jetzigen Wahlkampf. Die Schimpfworte, die wir oben angeführt, sind geprägt worden und in den stehenden Gebrauch der Tagespresse übergegangen etwa unter dem ersten Ministerium der Regentschaft zur Zeit der sog. liberalen Aera, unter einem Ministerium, von dem mit einem gewissen Recht gesagt worden ist, daß cs von der Presse herunter geschrieen worden sei.
Beobachten wir die regelmäßige Beschimpfung der sogenannten offiziösen Presse, so fallen, ganz abgesehen, ob überhaupt ein thatsächlicher Grund vorhanden, die klaffenden Widersprüche der stehenden Beschuldigungen ins Auge. Diese Presse soll völlig abhängig sein, und dabei wird sie täglich des gröbsten Ungeschicks, der unglaublichsten Fehler in der Wiedergabe und Beurteilung der Regierungsabsichten angeklagt. Wie kann dies einer Presse begegnen, die am Schnürchen gezogen wird, die nur thut, waö ihr befohlen wird? An diesem Widerspruch sieht man. deutlich, daß die Beschuldigung des Ungeschicks meistens heuchlerisch ist. Weil eS öfters nicht ratsam erscheint, die Negierung unmittelbar zu schmähen, schmäht man die Presse, welche mit der Regierung gleicher Ansicht ist. Ist aber der Vorwurf, daß diese Presse erkauft sei, etwa weniger heuchlerisch? Sind etwa die Herren der liberalen Presse sämtlich Rittergutsbesitzer oder Kouponfchnetder, die dem journalistischen Beruf nur zum Vergnügen oder aus Aufopferung für das öffentliche Wohl obliegen? Wenn der journalistische Beruf, wie alle anderen, seinen Mann ernährt und ernähren muß, so sind die Zeiten wohl noch nicht lange vorbei, wenn sie überhaupt schon vorbei sind, wo daö Geschäft der Oppo-
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lieber die furchtbare Anklage des Mordes auf mich, als noch so viele Menschen mit zu Grunde zu richten. WaS mich aber diese Wahl gekostet hat, sehen Sie an mir, den Sie gewiß für einen Greis halten, und doch bin ich nur ein Fünfziger I"
„Isis möglich I" rief Alexander überrascht, und mit inniger Teilnahme betrachtete er die zusammengefallene gramgcbeugte Gestalt und die schneeweißen Haare deö einst so kräftigen und blühenden Mannes, und sein Gefühl von Hochachtung und Verehrung für den edlen Unglücklichen steigerte sich. Dieser aber fuhr fort:
„Was später aus der Verschwörung gewordm ist, habe ich nie erfahren, denn Briefe und Zeitungen drangen nicht bis in diesen abgelegenen Erdenwinkel. Nur den Tod des Kaisers Alexander erfuhr ich, und von der Zeit wagte ich cö, unter der Hand von Tobolsk aus Nachforschungen nach Eisenschwert anzustellen, doch hütete ich mich, seinen Namen zu nennen, da jede geschriebene Zeile durch die Hände deS Gouverneurs geht."
„Und doch", sagte Geldern, „wäre dieö Ihre Rettung gewesen, denn Herr von Pelikoff ist ein guter Freund deS Generals, der mich an ihn empfohlen hatte."
„Wer das hätte ahnen können!" rief Platow. „Aber es hat wohl alles so kommen sollen. Ebensowenig wußte ich ja, daß seit Ihrem Eintritt in unser HauS die Lösung für mich so nahe lag. Ich wundere mich nur, daß Sie den Namen jenes Mannes nicht eher genannt haben und daß er erst bei dieser geringfügigen Veranlassung zur Sprache kommen mußte." „Ich habe ihn wohl erwähnt, als ich von dem Tode meiner Eltern sprach, a' er damals waren Sie nicht zugegen." — (Forts, folgt.)
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Die Sitte« uuferer Publizistik.
In allen Ländern mit öffentlichem Staatöleben kommt ,8 vor, daß die gegnerischen Parteien sich beschuldigen, Mißbrauch mit der Freiheit der Presse zu treiben und insbesondere die Pflicht der Achtung Anderer aus den Augen -u setzen. Das deutsche Parteileben zeigt indeß auch hier eine Eigenschaft, durch die eS sich nicht zu seinem Vortheil auSzeichnet. Unter verschiedenen Bezeichnungen sucht man auf die Preßorgane und Personen derjenigen Publizistik, welche sich dauernd oder vorübergehend auf die Seite der Regierung stellt, alle nur denkbare Schande und Verdächtigung zu häufen. Eö ist nicht nöthig, die Verdächtigungen und Schmähungen zu wiederholen, mit welchen die „Ofst- riLfen" in unserer oppositionellen Tagespreffe überhäuft werden. Daß ihre Federn käuflich sind, ist die geringste, in Beiworten wie „Soldschreiber", „Soldjungen", „bezahlte Monte" it. s. w. wiederholte Beschimpfung. Als ein bekannter, in seiner Entstehung noch sehr unklarer Artikel das Wort „Stallknechte" für Männer, welche sich publi- zistisch auf die Seite der Regierung stellen, in Gebrauch ualm, wurde die Bezeichnung alsbald mit lebhaftem Applaus von einem Teil der liberalen Presse aufgenommen. Was die Karrikaturenblälter leisten, von denen eines kürzlich eine Zahl konservativer Organe, darunter die „Prov.^Corr.", als Schmeißfliegen abbildete, bedarf nicht der Erwähnung.
Diese Erscheinung, welche einem fremden gebildeten Beobachter schon unerklärlich vorkommen müßte, wird ganz unbegreiflich, wen» man wahrnimmt, daß für die Verwilderung der publizistischen Sitten fort und fort die Regierung und die ihr ergebene Presse verantwortlich gemacht werden. Diese letztere Beschuldigung wird namentlich von der „Nationalzeitung" systematisch erhoben. So schrieb das Blatt am 3. August: „Dieses öde inhaltlose Schimpfen, dieses Hcrunterreißen aller gegnerischen Persönlichkeiten, dieses Jurückführen aller gegnerischen Bestrebungen auf die niedrigsten Motive, diese Verfeindung der Berufsklassen, diese systematische Entstellung der Wahrheit wäre zu beschämend, wenn man jcnseit unserer Grenzen volles Ver- ftändniß für das gewönne, was gegenwärtig bei uns im Namen der Negierung oder zu ihrer Unterstützung geschrieben wird." Im Eingänge desselben Artikels, der die angefühlten Worte enthält, bat daö Blatt nicht umhin gekannt, folgendes Zugeständniß zu machen: „Wir sind nicht
heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
lFortsetzung.)
Sie verstanden deutlich, was ich in der Entfernung nicht hören konnte, daß der Sterbende meinen Namen rief, und als sie mitgenommene Fackeln anbrannten und bei der llutenbeit Leiche ankamen, fanden sie meinen Dolch neben derselben, sonst keine Spur des Mörders. Da ich Hülfe in der Nähe wußte, hielt ich es für geratener, den geradesten Weg nach Hause einzuschlagen, ich gab Eisenschwert mein Pferd und eilte durch dick und dünn meinem Schlosse zu. Da hörte ich plötzlich die Reiter zu meinem Schrecken auf dem Wege, auf den ich zustrebte, und nun suchte ich, durch Bäume und Büsche dringend, ihnen zuvorzukommen und eine Hinterpforte zu erreichen, zu der ich stets den Schlüssel bei mir trug. Natürlich kam mir dabet keinen Augenblick der Gedanke, daß man mich als Mörder verfolgen könnte, ich fürchtete nur, man könnte unsere Zusammenkunft bemerkt haben und nun suchen meiner habhaft zu werden, um meine Gcheimniffe zu entdecken, das war os, was ich vermeiden wollte. Schon sah ich die rettetiben Diancrn von Platow vor mir, nur ein kleiner offener Raum war zu passieren, dann deckte mich bis an jene Thür dichtes Gebüsch, aber gerade als ich mit raschem Entschlüsse in jene offene Stelle sprang, fiel ein Heller Nichts Hein von einer Fackel darauf, denn meine Verfolger Karen ganz nah; man fah mich, drang mir nach in das Gebüsch, und ehe ich die Pforte erreichen konnte, sah ich wich von bett schnell abgesessenen Reitern umringt, unter denen ich mit Schrecken nur wenige meiner eigenen Partei- Senvsscn sah. Meine Bestürzung wie diese ganze Flucht,
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G. 8. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
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Die «xped. d. Oberh. Zeitung.