Mr. 19».
Marburg, Sonntag, 21. Anglist 1881
xvi. Jahrgang
«nrciqen nimmt entgegen: nie Expedition d. Blattes, lowie d.Annoncen-Bureaux 1 Th. Dietrich u. Co. in ö'affel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M ; csaafenftein u. Vogler in Lanlfurt a. M., Berlin, Leipzig - Köln Rudolf ditnffe in Berlin, Frank- 3,1 furt a. M. re.
(Olinljcffifdir jtitniiii.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoneen-Bureaux von G 8. Taube u. Co- in Frankfurt a. M ; JLaersche Buchhandlung daselbst; Hei mansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen-
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§§ Die Regelung des Lehrliugsweseus.
ES wird wohl von Jedem, der unsere heutigen gewerblichen Verhältnisse auch nur oberflächlich kennt, zugegeben werden, daß unser gewerbliches Lehrlingswesen sehr im Argen liegt und daß der Verfall desselben von großem Nachtheil für unser gesammtes wirtschaftliches Leben ist. Die' solide Erlernung eines Gewerbes ist durch den schwindelhaften Zug, der unserem modernen Gewerbsleben cigenthümlich ist und sich in gewissen Erscheinungen ausspricht, ganz in den Hintergrund gedrängt worden und es macht sich daher immer mehr das Bedürfniß geltend, die bim Lehrlingswesen eingerissene Zuchtlosigkeit und Lehruntüchtigkeit zu beseitigen.
Es fragt sich nun, von wem diese Reform in erster Linie ausgehen soll und da dürste eS wohl klar sein, daß hier die Innung, und zwar eine im Sinne unserer Zeit organisierte Innung, die Initiative zu ergreifen hat. Zunächst handelt cs sich darum, wer zur Annahme von Lehrlingen berechtigt sein soll. Dies wären vor Allem selbstredend alle JnnungSmeister, wenn nicht die Innung in Folge groben Mißbrauch« einem Mitglied dieses Recht abgesprochen hat, dann diejenigen Meister, welche ordnungsmäßig ausgebildet, aber der Innung nicht beigetreten sind. Was indessen diejenigen Gewerbsmeister anbetrifft, welche weder innungsberechtigt sind, noch ordnungsmäßig gelernt haben, so müßte man hier der Innung ein gewisses Ver- bietungsrecht zugestehen, doch lassen wir die Frage, wie dasselbe auszuüben sei, einstweilen offen. Unstreitig muß aber die Innung das Recht haben, eine fortlaufende Kontrolle darüber auszuüben, ob die Ausbildung der Lehrlinge bei den einzelnen Meistern in der richtigen Weise vor sich geht, denn wer soll außer der Innung das rechte Ver- ständniß für das Lehrlingswesen haben? Die Polizei doch gewiß nicht, und etwaige vom Staate angestellte Gewerbe-Inspektoren auch schwerlich. Die Innung hat daher auch die Befugniß, zu entscheiden, ob das Verhältniß zu lösen sei und ob dem Lehrling gestattet werden soll, in ein anderes Gewerbe überzugehen.
Ferner muß die Innung sowohl dem Lehrling als auch dem Lehrherrn als eine Art Appellationöinstanz gegenüberstehen, vor welcher es beiden ermöglicht wird, Klagen vorzubringen; die gleichen disziplinarischen Befugniffe, welche der letztere hat, stehen auch der Innung zu, welche auch mit Zucht- mittcln dem Lehrherrn gegenüber anftrcten kann. Endlich muß auch der Innung daü ausschließliche Recht zugesprochen werden, den Zeitpunkt zu bestimmen, in welchem der Lehrling in den Stand der Gesellen oder Gehilfen tritt und sie allein darf dem Lehrling das Dokument, welches die Lernzeit desselben als beendet erklärt, den „Lehrbrief", ausstellen. In welcher Weise sich die Innung über die vollendete richtige Ausbildung des Lehrlings zu vergewissern
Heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
(Fortsetzung.)
„Und haben Sie keine Hoffnung, daß er, einmal daS furchtbare Schweigen bricht? Dann gäbe es vieH icht doch ein Mcktel, die Wahrheit ans Licht zu bringen."
Olga schüttelte traurig den Kopf und antwortete: „Wir haben längst diese Hoffnung aufgegeben, denn einmal, als meine Mutter eine solche Andeutung; wagte, wurde er so heftig und zornig, wie ich ihn uns gegenüber noch nie im Leben gesehen habe, und sagte: Es zwingt Euch ja niemand, mit mir nach Sibirien zu ge en! Seitdem vermeiden wir alle«, was auf diese Sache Bezug hat.,,
Sie hatte sich während dieser Worte ntedergesetzt und mit trostloser Miene den Kopf in die Hand gestützt; einen Augenblick schwiegen beide, dann fuhr Olga fort: „Ich selbst w r noch zu jung, als wir die Heimat verließ n, und habe mich so an dies einsame, arbeitsvoüe Leben gewöhnt, daß ich mich ruhig darein finden würde, wenn ich hier bis an mein Ende bleiben müßte, wenn ich nur meine Eltern glücklich sähe! Aber dieser Schatten über meinem Vater, dieser Raub an seiner ManneSehre, das frißt am Herzen, und in welchen Sorgen schweben wir immer um ihn, wenn wir ihn mit seiner schwankenden Gesundheit Sturm und Schnee preisgegeben sehen, und ihn doch die harten Forderungen seiner Vorgesetzten immer wieder hinauS- trciben, ob feine Kräfte auöreichen, oder nicht!"
Während die Tochter so Uut das Schicksal bcS Vaters klagte und trauerte, hatte Alexander einen harten Kampf zu bestehen: unwiderstehlich zog cs ihn immer wieder vor ihr auf die Knice nieder, um sie an sein Herz zu ziehen
hätte, ob durch eine anzustellende Prüfung, ob durch Zeugnis eines oder mehrerer JnnungSmeister, dürfte lediglich in daS Belieben der Innung gestellt werden.
Dies wären die Hauptpunkte, welche bei einer Reform des LehrlingSwcsens zu berücksichtigen sind; manche derselben, wie daS Recht der Innungen, nicht ordnungsmäßig gelernten und der Innung nicht angehörigen Meistern die Annahme von Lehrlingen zu verbieten, erscheinen vielleicht auf den ersten Blick als im Widerspruch mit den Forderungen der modernen Zeit stehend, als eine Beschränkung der wirtschaftlichen Freiheit des Einzelnen, indessen fällt das Halten von Lehrlingen nicht unter den Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Interessen des Einzelnen, sondern dasselbe ist von allgemein sozialpolitischem Interesse, daher kann man niemand das Recht zusprechen, sich über Beschränkungen in seinem Geschäftsbetriebe zu beschweren, wenn die Lehrverhältnisse derjenigen Kontrolle unterworfen sind, welche zu ihrer richtigen Handhabung notwendig ist.________________
Wochen - Ueoerftcht.
Die Unterredung Sr. Majestät des Kaisers mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck, welche am 17. Aug. im Reichskanzlerpalais stattfand und fünfviertel Stunden währte, giebt der liberalen Presse zu den verschiedensten Kommentaren Anlaß. Während die einen der Vermutung Raum geben, daß es sich bei dieser Unterredung hauptsächlich um die Erledigung einer Anzahl persönlicher Fragen gehandelt habe, wollen die anderen wissen, daß es bei derselben zu bedeutungsvollen Beschlüssen bezüglich des kirchlichen Ausgleichs gekommen sei. Bekanntlich sind die liberalen Blätter stets bemüht, sich in den Augen ihrer Leser den Anschein zu geben, als seien sie über die Vorgänge in den höchsten Kreisen ans's genaueste unterrichtet, doch muß in dem vorliegenden Falle darauf hingewiesen werden, daß übet die Unterredung Sr. Majestät mit dem ersten Ratgeber der Krone niemand und am allerwenigsten die liberale Presse irgend etwas erfahren hat noch überhaupt erfahren haben kann. Die Mitteilungen der liberalen Presse über den angeblichen Zweck und die Resultate dieser Unterredung sind also in das Gebiet willkürlicher Kombination zu verweisen.
Die Tumulte in Stettin haben sich leidet an mehreren Abenden wiederholt und ist eS daher zu zahlreichen Verhaftungen gekommen. Ein Teil der Inhaftierten ist allerdings wieder auf freien Fuß gefitzt worden, doch wurde ein anderer Teil, größtenteils Gesellen, Lehrlinge, Strolche, arbeitslose Kellner u. s. w , in Haft behalten. Es steht zu hoffen, daß die umfangreichen Vorkehrungen der Behörden weitere Ausschreitungen verhindern werden.
Der „Franks. Pt." zufolge ist die definitive Lösung der Freiburger Erzbischofsfrage seitens der badischen Regierung in Rom angeregt worden, indem sie mit- und sie zu bitten, da allen Kummer, alle Sorgen auszuweinen und zu vergessen, um ihr seine Liebe zu bieten als Ersatz für alles, was sie verloren hatte. Aber so schwer es ihm auch wurde, er blieb an seinem Platze und wagte kaum, das schöne Mädchen anzusehen, damit er nicht in dem Entschlüsse w nkend werde, den gerade die vorhin gemachten Mitteilungen in ihm bestärkt hatten. Er sagte sich, daß täglich eine Wendung eintreten könnte, die die Unschuld Platows ans Licht brächte und die Familie wieder in den alten Glanz und die alte Würde zurückführte. Wie kon te er das Weib, das er liebte, an sein Schicksal teilen, er, der verurteilt war, noch zehn Jahre lang in dieser Einnöce zu bleiben! Welche Wahl hätte er ihr vielleicht gestellt zwischen dem reichen Grafenschlosse und seiner armen Hütte, welchen Kampf in ihr heraufbeschworen zwischen der ehe- li t en Treue und der Liebe zu den Eltern! Hatte sie nicht eben selbst von den Konflikten edler Seelen gesprochen, und war sie nicht eine solche edle Seele, für die ein solcher Kampf unvermeidlich werden mußte? So schwieg er und verlor einen Augenblick, der niemals wiederkehren sollte; aber so weh ihm das Herz dabei that, so sagte ihm doch sein Gewissen, daß er recht gehandelt habe.
Einige Zeit nach diesem Gespräche saßen eine« Abends die Bewohner der Hütte, wie gewöhnlich, um den Tisch am Ofen, die Frauen mit einer Handarbeit, die drei Männer, denn Iwan nahm stets am Familienleben Teil, mit verschiedenen kleinen Arbeiten für das Haus oder ihren Jägerberuf beschäftigt. In dem kleinen Kreise finden wir noch einen alten Bekannten, den treuen Rino, der seinem Herrn auch hierher gefolgt war und, während die Männer mit den Jagd- und Zughunden draußen waren, das Haus und die Frauen bewachte; dabei hatte er sich so an Olga ge
teilte, sie würde etwaige Vorschläge für die Nachfolge deö verstorbenen Erzbischofs Kübler ungesäumt und wohlwollend prüfen. Nach dem genannten Blatte sind der jetzige Bistumsverweser Orbin und Professor Kraus in Freiburg in Aussicht genommen.
Heber eine aus Oesterreich-Ungarn gemeldete, von rumänischer Seite begangene Grenzverletzung wird jetzt aus Wien berichtet: „An maßgebender Stelle wird versichert, daß die von dem „Pester Lloyd" in heftigen Ausdrücken besprochene Grenzverletzung von rumänischer Seite im Haromszeker Komitate sowie die Agitation rumänischer Emissäre unter der rumänischen Bevölkerung Siebenbürgens nicht einen derartig ernsten Charakter hatte, daß sich die österreichisch - ungarische Negierung veranlaßt sehen könnte, daraus eine Staatsaktion gegenüber der rumänischen Regierung zu machen, die Angelegenheit würde vielmehr int Wege der Aufklärung eine gütliche Beilegung finden."
In Prag ist es am-Mittwoch Abend wieder zu einer tschechischen Demonstration gekommen. Ungefähr 500 Lärm- macher rückten vor das deutsche Kasino daselbst und setzten durch Pfeifen und Johlen einen katzenmustkähnlichen Skandal in Szene. Letzterem wurde von der Polizei ein Ende gemacht, der eö gelang, die Skandalmacher zu vertreiben.
G a m b e 11 a s Fiasko in Belleville macht noch immer viel von sich reden, doch hält man seine Wiederwahl dennoch für gesichert. Uebrigens ist es einem Freunde Gam- bettas, Floqnet, nicht besser als Garnbetta selbst ergangen. Als er eine Versammlung im Winter - Zirkus zu Paris abhielt, stürmten die zahlreichen Zuhörer die Estrade und inszenierten eine Schlägerei, bei welcher es recht heiß herging. Für den Fall, daß Garnbetta in Belleville bei der - I Wahl unterliegen sollte, hat das Pariser Komitee für die Wahl Gambettas überhaupt dadurch Vorsorge getroffen, daß er in der Provinz mehrfach als Kandidat ausgestellt wird. — Die internationale Friedens- und Freiheitsliga hat von Genf aus wieder einmal einen Aufruf erlassen. Diesmal ist derselbe an die französischen Wähler gerichtet, die in der Hauptsache aufgefordert werden, keinen Krieg anzufangen, aber Elsaß und Lothringen, deren „Befreiung" durch den Frieden erfolgen werde, nicht aufzugeben. Eine nähere Beleuchtung dieses Schriftstücks ist wohl überflüssig.
Die italienischen Zeitungen besprechen fortvanernd die Annäherung Italiens an Deutschland und Oesterreich- Ungarn. Obgleich aber noch vor wenigen Tagen ein Besuch deö Königs Humbert beim Kaiser Franz Josef als sehr wahrscheinlich hingestellt werden konnte, scheint es nach den neuesten Nachrichten doch festzustehen, daß eine Zusammenkunft der beiden Monarchen nicht erfolgen wird.
Der König von Dänemarck ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, über Königsberg kommend, in Pillau eingetroffen, hat dort sofort seine bereit liegende wöhnt, daß er sie fast auf Schritt und Tritt begleitete, oder wie eben jetzt zu ihren Füßen log. DaS Mädchen streichelte ihn liebkosend und sagte dabei zu Alexander:
„Ich wundere mich eigentlich, daß man Ihnen erlaubt hat, das schöne Tier mit nach Sibirien zu nehmen, daS muß eine besondere Vergünstigung gewesen fein."
„DaS war es auch," antwortete dieser, „und ich verdanke sie einem Manne, von dem ich bisher nur Gutes empfangen habe, demselben, der mich zu meinen Pflegeeltern brachte. Ich fand ihn zu meiner nicht geringen Ueber- raschung unter den Herren wieder, die das Kriegsgericht über mich hielten, und kaum hätte ich den Lieutenant, der mich von der Leiche meines Vaters riß, in dem hochgestellten und mit Orden geschmückten General v. Eisenschwert wiedererkannt." „ ,
„Eisenschwert!" rief plötzlich Platow aufspringend in höchster Erregung, „Udo von Eisenschwert aus Riga?"
„Ja, derselbe," sagte Geldern ebenso erstaunt, wie die übrigen, aber ihr Staunen wuchs, als sie den Eindruck dieser Worte auf den Greis sahen; dieser hob Augen und Hände gen Himmel mit einem wahrhaft verklärten Ausdruck und rief in einem Jubeltone, wie er wohl selten aus der menschlichen Brust bringt, nur das eine Wort: Ge- r e 11 e 11"
Da flogen Frau und Tochter in seine Arme und die drei glücklichen Menschen hielten sich innig umschlungen, während ihre Thronen ineinander flosfin. Der alte Iwan lachte und weinte vor Freuden durcheinander; aber Alexander drückte sein Gesicht an den Kopf seine« Hundes, und was in seinem Herzen vorging ist leicht zu erraten. (8°^. folgt.)