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Marburg, Freilag, 19. August 1881
xvi. Jahrgang
«nieigen nimmt entgegen: 2, Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureau.- ' LH. Dietrich u. Co. ii Mel und Hannover; Th Ulrich in Frankfurt °.M. staas-nstcin u. Vogler n ironffurt °- M., Berlin Leipzig. Köln k.; Rudol «Hoffe m Berlin, Frank- furt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G- 8. Daube u. Co- in Frankfurt a. M-; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C- Schlotte in
Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrirtes Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/- Mark, durch d,e Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. sexcl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg.f)berechnet.
Wählt keinen Freihändler in den Reichstag!
II.
Es mögen hier noch'einigesWorte über den Einfluß des Zolltarifs von 1879 auf die Industrie folgen. Wir müssen Ahlen- und Eisenindustrie voranstellen, weil über diese Mm vollständige statistische Nachrichten vorliegen, was bei den übrigen Industriezweigen nicht der Fall ist. Während in der Freihandelszeit 1874 bis 1879 fast alle Kohlen- unb Eisenwerke mit Verlust arbeiteten, der weit über 100 Millionen Mark betrug, wobei an Verzinsung und Amortisation gar nicht gedacht werden konnte, haben in 1880 die meisten Werke mit Gewinn abgeschlossen, welcher sie in den Stand setzte, den Arbeitern höhere Löhne zu geben, mehr Arbeiter zu beschäftigen und mäßige Zinsen zu bezahlen. Das Kaiserlich statistische Amt veröffentlicht in seinem Februarhest 1881 du vorläufigen Erhebungen für 1880, wonach in 1880 bei Steinkohlen um 11,8 und bei Roheisen 23,2 pCt. an Menge mehr gefördert und verkauft wurden als 1879. Dem Geldwerthe nach sind 1880 mehr produciert worden bei Stein- und Braunkohlen 42 Millionen, bei Eisenerzen 8, bei Roheisen 46, bei verarbeitetem Roheisen 59 Millionen Mark mehr, als 1879. Für das riesige in Kohlen- und Eisenwerken angelegte Kapital von über zwei Milliarden Mark läßt sich wohl eine mäßige Verzinsung von 2 bis 3 Prozent für 1880 annehmen, also,- eine an die Eigenthümer zu vertheilende Ausbeute von 40 bis 60 Millionen Mark.
Der Verein Deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller hat über die Lohnverhältnisse und über die finanziellen Resultate der Aktiengesellschaften vor und nach der Wiedereinführung der Eisenzölle eine Enquete veranstaltet. Bis Mitte März waren die Antworten von 305 Eisenhüttenwerken , Gießereien und Maschinenbauanstalten (darunter 80 Aktiengesellschaften) aus allen Theilen des Reiches ein« gegangen. Im Januar 1879 beschäftigten diese 305 Werke 134 652 Arbeiter mit 8 237 049 M. Monatslohn, im Januar 1881 dagegen 155 816 Arbeiter mit 10 199 930 M. Monatslohn. Demnach war die Zahl der Arbeiter um 21164 (15,7 pCt.), der Arbeitsverdienst pro Monat um 1962 881 M. (28,8 pCt.) gestiegen. Im Januar 1879 verdiente durchschnittlich (also mit Einschluß der jüngeren und geringer bezahlten Arbeitskräfte) ein Arbeiter monatlich 61,16 M., im Januar 1881 dagegen 65,46 M. Für die 12 Monate des Jahres berechnet, würde sich ein Mehrverdienst des Arbeiters von 51,60 M., und für die 305 Werke, die nur erst einen, wenn auch sehr ansehnlichen Theil der deutschen Eisenindustrie repräsentieren, eine Erhöhung der Löhne um die bedeutende Summe von 23 554 572 M. anuehmen lassen. Die oben genannten 80 Aktiengesellschaften erzielten mit 317 776 548 Mark Aktienkapital laut ihrer veröffentlichten Bilanzen (und zwar
nach erfolgten Abschreibungen) im vorletzten Geschäftsjahre 1879 bezw. 1878/09 einen Gesammt - Ueberschuß von. 4 953 162 Mark — 1,5 pCt., im letzten Geschäftsjähre 1879/80 dagegen 11235 877 Mark = 3,5 pCt, demnach einen Mehrertrag von 2,0 pCt. ihrer Aktienkapitalien. — Auch die Kohlen-Jndustrie hat seit Einführung des Zolltarifs durch das Aufblühen der übrigen Jndustrieen einen Aufschwung gewonnen, so daß sowohl die Zahl der Arbeiter als der Arbeitslohn in 1880 höher war, als in 1879, ebenso der Absatz und der Wert der Kohlen gestiegen ist.
So zeigt also die Kohlen- und Eisen-Industrie ein viel freundlicheres Bild in 1880 seit Einführung des Zolltarifes, als während der Freihandels - Aera 1874—1879, wo es auch den übrigen Jndustrieen, Textil - Industrie rc. sehr schlecht erging. Die preußischen Handelskammerberichte konstatieren ein gänzliches Darniederliegen von Handel und Industrie am Ende der 70er Jahre und geben ein überaus trauriges Bild unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens.
Statistische Nachweisungen über Produktion, Absatz rc. haben wir für die übrigen Jndustrieen nicht. Indirekte Schlüsse können wir aus der Ein- und Ausfuhr, dem Gütertransport der Eisenbahnen und dann noch aus dem Verbrauch von Kohlen und Eisen ziehen. Die Kohle ist die hauptsächlichste Triebkraft für alle Industriezweige, Eisen wird sowohl in der Landwirtschaft, als bei allen Gewerben, bei Werkzeugen und Maschinen massenhaft verbraucht. Der Verbrauch der Kohle in Deutschland war 1879: 52,3 Mill., 1880 aber 57 Millionen Tonnen, also in 1880 mehr 4,7 Millionen Tonnen oder 94 Millionen Zentner. Der Mehrverbrauch in Roheisen betrug 1880: 0,45 Mill. Tonnen oder 9 Mill. Zentner mehr als 1879, etwa 23 Prozent mehr, wesentlich durch den stärkeren Verbrauch der Industrie herbeigeführt. Dieser ganz bedeutende Mehrkonsum in Kohlen und Eisen, die Abnahme der Einfuhr und kolossale Zunahme der Ausfuhr, der bedeutend stärkere Eisenbahnverkehr in 1880 gegen das Vorjahr sind Faktoren, welche allein schon mit Sicherheit die größere Blüte der deutschen Industrie in 1880 beweisen. Die offiziösen Berichte zeigen uuö ebenfalls, daß unsere vaterländische Industrie in 1880 einen bedeutenden Aufschwung genommen hat; und diese Berichte, von amtlicher Stelle herrührend, verdienen Glauben. Die Urteile der amerikanischen Konsuln in Deutschland über die Wirkung des neuen, deutschen Zolltarifs sind demselben ebenfalls sehr günstig.
Weitere Beläge für den Aufschwung der Industrie feit der Zollerhöhung find noch: Die Bergwerke, Hütten und Salinen des preußischen Staates haben im Belriebsjahre 1879/80 weit bessere Resultate aufzuweisen, als 1878 79, so daß bei der eingetretenen größeren Regsamkeit dieser Etat für 1880/81 wieder 4 323 604 Mark übersteigt.
Die deutschen Eisenbahnen (mit Ausnahme der bäu
rischen) hatten gegen das Vorjahr in 1877 eine Mindereinnahme von 13 Millionen, in 1878 ein Minus von 9 Mill, in 1879 ein Minus von 3 Millionen Mark; in 1880 aber eine Mehreiunahme von 31 Millionen Mark, ein Plus von 4 Prozent gegenüber einem Plus der Bahnlänge von nur l1/* Prozent. Ein unwiderleglicher Beweis für das Wachsen von Industrie und Handel seit Einführung des Zolltarifs. In 1880 waren in den Berliner Fabriken nach offiziellen Ermittelungen 5000 Arbeiter mehr beschäftigt, als in 1879.
Aus allen diesen Faktoren läßt sich mit Sicherheit eine Besserung in der Lage der deutschen Industrie konstatieren, welche allerdings nicht so durchgreifend sind, als zu wünschen wäre. Bedenkt man aber den bedeutenden Kapitalverlust durch das vorhergehende Freihandelssystem, ebenso den Verlust durch den Produktionsausfall der schlechten Ernten von 1879 und 1880 und die dadurch verminderte Kaufkraft nuferer Landwirte, so kann man mit den ersten Erfolgen des Schutzzolles schon zufrieden fein. ”,
Trotz aller Thatsachen, welche für die günstige Wirkung des Zolltarifs sprechen, wollen mit rechthaberischer Verbissenheit die Freihändler doch alle Schutzzölle abschaffen, erkennen aber wohl, daß sie dieses Ziel nicht auf einmal erreichen können. Deshalb geben sie jetzt nur die Absicht kund, die Zölle auf die notwendigsten Lebensmittel, also Getreide und Vieh, aufzuheben, wohl wissend, daß nach deren Aushebung die landwirtschaftliche Bevölkerung auch für ;die.Abschaffung aller industriellen Zölle stimmen würde, Welche Folgen würde nun die Aufhebung aller Schutzzölle haben? Wir würden- unser Getreide und Vieh in Amerika und Rußland kaufen, nicht mehr bei dem deutschen Landwirte, rpelchev zu Grunde gehen müßte. Eisen, Gespinnste, Gtwebe ausMolle, Baumwolle und Seinen, Maschinen und,andere Fabrikate würden wir in England kaufen, Seiden-, Mode- und Luxuswaren ans Frankreich beziehen, fast die ganze deutsche Industrie müßte aufhören zu arbeiten, die Eisenbahner^ hätten weder Güter, noch Personen genug zu befördern, Handwerker und Geschäftsleute fänden weder Arbeit noch Verdienst. Not und Elend würde das traurige Los der ganzen deutschen Bevölkerung in Stadt und Land sein, ynd der größte Teil der deutschen Nation müßte in fremde Länder auSwandern, um dem sicheren Hungertode zu entgehen. Deshalb muß der Wahlspruch aller Deutschen sein: .,, . -
Wählet keinen Freihändler in den Reichstag! ,
Deutsches Reich.
Berlin, 17. August. Fürst Bismarck hat sich heute nach seinem Familiengute Schönhausen begeben. Die „Magdeburger Zeitung" enthält Folgendes, für- dessen Richtigkeit dem genannten Blatte alle Verantwortung überlasten bleiben muß: „Wie wir aus sicherster Quelle rnil-
Heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
(Fortsetzung.)
Alexander wollte sich erst seine neue Lebensweise einrichten und sie genau kennen lernen und hoffte, daß es ihm dann gelingen würde, die Wendung seines Schicksals weniger trübselig darzustellen, als es ihm jetzt möglich gewesen wäre. Er hatte sich einen Plan entworfen, wie er sein Leben zu gestalten dachte und teilte diesen am Schluffe seiner Erzählung beut alten Platow mit
„Ich bitte," sagte er," daß sie mir gestatten, für einige Tage einen Winkel Ihres Hauses zu bewohnen; ein Soldatenkind wie ich ist nicht wählerisch und schläft auf dem härtesten Steine wie im Daunenbett. Ich möchte mir nämlich in Ihrer Nähe eine Hütte bauen und würde Ihre Gastfreundschaft dadurch vergelten, daß ich Ihnen helfe, die verlangten Zobel zusammen zu bringen, den» ich hoffe, daß mein früheres Jagdglück mich hier nicht im Stiche lasten wird."
Gerührt und hocherfreut streckte ihm der Kranke die Hand entgegen und rief: „Seien Sie uns von Herzen willkommen als unser Gast und Hausgenosse, so lange es Ihnen bei uns behagt; wir wollen Ihnen schon ein Plätzchen einräumen, so gut wie wir es schaffen können. An vauen ist so nicht zu denken, so lange der Schnee so hoch «egt, das Einzige wäre, daß Sie mit Iwan einstweilen Bäume im Walde fällen und behauen, und vielleicht können wir Ihnen dann zuerst oben auf dem Boden noch ein Kämmerchen zimmern; wenn Iwan kommt, ,soll er es sich »leich ansehen."
Während Alexander seinen Dank abstattete, trat Olga
zur Mutter und beriet mit ihr flüsternd etwas, w..ö die Männer nicht verstanden; nach einigem Hin- und Herreden nickte Frau Platow zustimmend und ihre Tochter verließ mit heiterer Miene das Zimmer. Sie eilte hinauf in ihr Stübchen, um dies für den Gast zuzubereiten; denn sie selbst wollte sich mit einem Eckchen in der engen Kammer unten begnügen. Wer da weiß, was für ein Schatz und Glück für ein junges Mädchen ein eigenes Zimmer ist, wo sie ihre kleine Welt für sich bauen, wo sie ihren stillen Träumen nachhängen und unbeobachtet all den wechselnden Stimmungen des jungen Herzens nachgeben darf, der allein kann beurteilen, wie groß d s Opfer war, was Olga in diesem Augenblicke brachte. Und doch erfüllte es sie mit einem stillen, fügen Glück, daß sie ein Opfer bringen konnte für den Mann, der um ihretwillen so viel gelitten hatte, dem sie so vielen Dank schuldete. Ein Kenner des menschlichen Herzens hat einmal gesagt: „Wenn Ihr von ter Frau etwas erlangen wollt, so stellt eö ihr nur so dar, als brächte sie Euch ein Opfer damit, und Ihr könnt von ihr fordern, was Ihr wollt." Und er hat Recht mit feinem — allerdings wohlgemeinten — Spott; doch laßt Euch nur dadurch nicht irre machen, Ihr Frauen, folgt nut dem Triebe Eures Herzens, es ist ein edler, heiliger Trieb, nur vergeßt dabei nicht, daß es Einen giebt, der vor allen andern dies Opfer von Euch fordert, ein ganzes, volles rückhaltloses Opfer! Und ihr Herren der Schöpfung seht wohl zu, daß ihr diesen schönen Zug der weiblichen Natur nicht mißbraucht, das Weib kann Euch alles opfern: Leben, Freiheit, Ehre, ja der Seelen Stetigkeit, aber von wem wird es einst geforber werden? I
Alexander mußte trotz seines Sträubens das für ihn bestimmte Zimmer beziehen, und als er cs um Abend be
trat, war es ihm, als wehe ihn aus diesem kleinen Heisig- tum ein Hauch der Reinheit und des Friedens an; als er sich, ermüdet von dem weiten, beschwerlichen Wege, den er gemacht, zur Ruhe begab, dünkte es ihm, als sängen ihm die Engel Schlummerlieder — so glücklich war er in Sibirien noch nie eingeschlafen.
Am ächsten Morgen, sobald berfcag anbrach, spannte et wieset seine Hunde vor den Schlitten und fuhr nach der nächsten, freilich meilenweit entfernten Stadt, wo er für den kranken Greis Medizin und Stärkungsmittel holte. Sein Pflegevater hatte ihn immer reichlich mit Geld versehen, und so sah er sich jetzt, trotzdem er sich für seinen Jägerberuf sehr vollständig ausgerüstet hatte, zu seiner Freude in der Lage, den Menschen, die er so rasch liehge- wonnen hatte, dienen und helfen zu können. Wirklich schlugen die Mittel auch bei dem Kranken wunderbar rasch an, wozu wohl nicht wenig der frische, fröhliche Geist beitrug, der mit Alexander in die Blockhütte am Hügel eingezogen war und der alle unbewußt mit neuer Hoffnung und neuem Mute beseelte. Die erste Sorge der beiden gesunden Männer war, im Walde Stämme zu fällen, zu behauen und zu zersägen, um auf dem Boden des Hauses noch einen Raum für den neuen Hausgenossen herzustellen; sobald aber dies Werk vollendet war, wurde die Jagd mit doppeltem Eifer wieder aufgenommen, und sogar Platow konnte sie bald dabei begleiten. Alexander war ein ebenso geschickter Schütze, als er darin bewandert war, das Wild in Fallen, Gruben rc. zu fangen, und die kostbare Berste entging ebensowenig fei, em scharfen Blicke und seiner sicheren Hand, als den Schlingen, die er stellte.
iFortsetzuna folat.)