Worte „ Steuerausgleichungszölle". Landwirtschaft, Handwerk und Industrie machen mit deu von ihnen beschäftigten Arbeitern, deren Existenz mit der unserigen eng verknüpft ist, 4/ö des deutschen Volkes auö; wenn es uns wohl ergeht, dann befindet das ganze Volk sich wohl, wenn wir darben, darbt das ganze Volk mit unS, wie die Geschichte aller Länder und Völker und der augenblicklich herrschende Notstand unwiderleglich beweist.....
Was nützt es dem Arbeiter, wenn das Brot noch so wenig kostet, er aber nicht so viel verdient, um selbst das billige Brot zu kaufen? Nicht billiges Brot und Hungerlöhne der Arbeiter, sondern hohe Löhne für jegliche Arbeit und teure Preise der landwirtschaftlichen Produkte sind daS Zeichen fortgeschrittener Kultur und des Wohlstandes der Völker. Jetzt oder nie müssen wir mit unseren Wünschen hervortreten, die Nation seufzt und windet sich unter der Geißel des Notstandes, sie sehnt sich nach grundlegenden Umgestaltungen des seitherigen falschen, wirtschaftlichen Systems; der gewaltige Lenker unseres Staatsschiffes, unser großer Kanzler, ist der Landwirtschaft freundlich gesinnt, er hat es zu wiederholten Malen öffentlich ausgesprochen. Er hat durch seine ganze Vergangenheit und die glänzenden Thaten seiner Politik bewiesen, daß das Wohl des Ganzen ihm am Herzen liegt, daß alle Erwerbsklassen gleich vor ihm gelten; darum kann und soll ihm jeder vertrauen, daß er nicht einen Stand vor den anderen begünstigen will, sondern das große Ganze im Auge hat. Aber er muß sich auf die Wünsche der Landwirte stützen können, er muß die Gewißheit haben, daß die ganze deutsche Landwirtschaft hinter ihm steht in dem Kainpfe gegen die Angriffe des Auslandes, des Großhändler- und Spekulantentums und seiner Vertreter im Parlamente....."
Beherzigenswerte Worte fürwahr, welche besser als jede ausführliche Beschreibung die traurige Lage der deutschen Landwirtschaft schildern und klar und bündig die notwendigsten Mittel zur Abhülfe angcben.
Wie verhielten sich nun die Gegner der Zollreform den billigen und gerechten Forderungen der Landwirte gegenüber?
Gegen die 1879 im Reichstag vorgebrachten Beweise, daß der amerikanische Weizen und russische Roggen billiger nach Deutschland gebracht als dort erzeugt wurde, daß die deutschen Märkte mit fremdem Getreide überfüllt würden, so daß die deutschen Bauern ihr Getreide nicht mehr lohnend verkaufen könnten, konnten die Freihändler nichts That- sächliches erwidern. Sie geben als Mittel, um der Not der Landwirtschaft abzuhelfen, an: Der Wert des Gmnd und Bodens müßte viel billiger werden in Deutschland, so billig, daß mit Amerika und Rußland zu concurrieren möglich sei, und die Arbeitslöhne müßte man erniedrigen. Die Ausführung dieser freihändlerischen Ratschläge würden freilich alle Bauern und Grundbesitzer an den Bettelstab bringen und den größten Teil unseres Nationalreichtums
vernichten (in Amerika kostet 1 Acre Congreßland ---- </io Hektare 1 Dollar — 4V< Mark), unsere deutschen Arbeiter müßten am Hungertuche nagen. Zum Trost der deutschen Landwirte wurde ferner die Behauptung aufgestellt, die große amerikanische Getreideproduktion sei nur durch einen den Boden erschöpfendm Raubbau möglich, und müßte in wenigen Jahren aufhören; das Falsche dieser Behauptung ist jedem klar, der Amerika nur einigermaßen kennt, da dort noch Flächen des fruchtbarsten Bodens gar nicht bebaut sind, welche weit größer sind als ganz Deutschland, also in Menschenaltern noch keine Verminderung der amerikanischen Getreideproduktion zu erwartm ist. Der freihändlerische Vorfechter Rickert sagte ferner den 9. Mai 1879: „Nordamerika habe sich freilich mit Zollmauern umbaut, über wisse man denn nichts von dem großen Krach der dortigen Industrie durch die Zollschranken? Er teile die Furcht vor dem amerikanischen Getreide nicht. Heute schon denke man in Amerika daran, statt des jetzt schwungvoll betriebenen Getreide-Exports sich auf die Rübenindustrie zu legen, denn der Export von Getreide sei nicht mehr lohnend I" Gerade das Gegenteil von diesen Prophezeiungen ist eingetroffen in Amerika. Die amerikaniiche Industrie hat sich seitdem glänzend entwickelt, der Anbau und der Export von amerikanischem Getreide gewaltig zugenommen. Derselbe betrug 1877: 693 Millionen, 1880: 1120 Millionen Mark an Wert; entgegen Rickerts Voraussage hat sich diese Ausfuhr ganz enorm vermehrt und steigt noch immer. Kein besserer Beweis für die Notwendigkeit der landwirtschaftlichen Zölle konnte erbracht werden, als daß so gescheide Leute dagegen keinen einzigen stichhaltigen Grund vorführen konnten, und mit stumpfen Waffen sie bekämpfen mußten»
Wenn seit Einführung der landwirtschaftlichen Zölle durch den schlechten Ausfall der Ernte von 1779 und 188Ö ein Aufblühen der Verhältnisse unserer Landwirte auch verhindert wurde, so haben doch die Schutzzölle die Überschwemmung der deutschen Märtte mit ausländischem Getreide verhindert, und dadurch es unseren Bauern ermöglicht, Absatz für ihre Produkte zu finden.
Der Einwand, daß durch die landwirffchaftlichen Zölle eine fühlbare Verteuerung der Lebensmittel bewirkt würde, ist durch die Erfahrung vollständig widerlegt. Von den Hauptnahrungsmitteln: Brot und Fleisch ist nur das Roggenbrot teurer geworden, durch die zwei vollständigen Mißernten des Roggens in 1879 und 1880, Gemischtbrot, Weizenbrot, Semmel u. s. w. haben denselben Preis behalten wie vor dem Zoll, Fleisch aber ist billiger geworden, so daß bei den zugleich wohlfeileren Kartoffeln im Durchschnitt in Deutschland der Mann jetzt billiger lebt als vor ber Zolleinführung. Auch alle übrigen Lebensmittel sind billiger geworden, wie die Zusammenstellung aller Preise von 1876, 1877, 1878, 1879, 1880 und 1881 durch
kleine Raum war ein Bild ihres jungftäulichen Gemütes. Im Wohnzimmer erinnerten einige kleine Gegenstände und Bücher, das einzige, was man der Familie bei Konfiszierung ihres Eigentums gelaffen hatte, an bessere Tage, und man sah überall das stille Walten der weiblichen Hand, die den einfachsten Raum mit den geringsten Mitteln durch Geschmack und Schönheitssinn zu zieren weiß.
Tiefer Schnee lag auf Wald und Steppe und keine Bahn führte zu dem Hause der verbannten Familie, die im Wohnzimmer versammelt war. In einem Bette lag Platow in starker Fieberhitze, denn seit seiner Rückkehr aus Tobolsk war er wieder schwer erkrankt, und hätten damals die treuen, klugen Hunde nicht den Heimweg allein gefunden und ihren meist bewußtlosen Herm sicher geführt, so hätte er wohl nie die Seinen wiedergesehen. An seinem Lager saß Frau Platow und kühlte ihm die heiße Stirne mit Umschlägen, während Olga am Fenster fleißig nähte. Das Gespräch der Drei drehte sich, wie schon so oft, um die Vorgänge im Gouvernementspalast und die Sorge, woher die vielen Zobelfelle kommen sollten. Da nahmen plötzlich die Gedanken des Kranken eine andere Wendung:
„Wenn, ich nur wüßte," sagte er, „was aus dem armen Sekretär geworden ist. Ich habe es auch immer nicht sagen wollen, aber heute läßt es mir keine Ruhe; ich hörte noch in der Stadt, daß er in Ungnade gefallen wäre — warum, können wir wohl erraten — und es war eine Stimme darüber, daß er nach Nertschinsk in die Blei- gruben geschickt werden würde"--
„Großer Gott", seufzte Olga tief auf, indem sie-dm Arm auf den Tisch legte und ihr Gesicht darauf drückte, „und das ist alles, alles meine Schuld 1" Ein Seelenschmerz, wie sie ihn noch nie im Leben empfunden, o Schweres sie
auch schon durchgemacht, bewegte sie und sie machte sich fast Vorwürfe darüber, daß das Schicksal des unbekannte" Mannes ihr mehr zu Herzen ging, als das ihres Unglück' lichen Vaters; aber doch war es so und sie konnte eö nicht überwinden. Da fühlte sie den Arm der Mutter um ihren Nacken und hörte ihre sanfte Stimme:
„Armes Kind, und doch hast Du das Rechte gethan l Vertraue auf Gott, der die Unschuld beschützt und das Verborgene ans Licht bringt zu seiner Zeit! Bete für den armen Gefangenen, daß daS schlimmste von ihm abgewendet werde, so wirst Du Ruhe finden; denn wenn unS Hände und Füße gebunden sind und wir können so gar nichts für einen anderen thun, so bleibt uns als letzte und beste Zuflucht die Fürbitte, und das ist eine starke, starke Waffel«
„Ja, Mutter, wir wollen für ihn beten, und Gott wird unS erhören; ich fühle es, eine Stimme in meinem Herzen sagt es mir so laut, daß ich gar nicht mehr zweifeln kann", und ein tiefer, stiller Friede,leine frmdige Ergebung lag auf bett Zügen des schönen Mädchens. .
„Da klingelt ein Schlitten," sagte Platow, sich in der Erregung des Fiebers rasch aufrichtend. „Iwan kann doch unmöglich schon aus der Tundra zurück fein; oder sollte ihm etwas--"
„Nein, nein", rief Olga lebhaft, deren scharfes Auge die ungewohnte Erscheinung draußen verfolgte, „das ist Iwan nicht, es sind sechs Hunde und wir haben ja nur vier, auch unser Schlitten ist es nicht, und — jetzt sehe ich eS auch, da er näher kommt, es sitzt ein fremder Mann darin, aber ertennen kann man ihn nicht, er ist ganz in Pelze gehüllt."
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Marburg, Mittwoch, 17. August 1881.
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Wählt leinen Freihändler in den Reichstag! I.
bSchou früher ist der Darlegungen des Rentiers Prieger in Wiesbaden bezüglich der Zoll- und Steuer-Reform des Fürsten Bismarck an dieser Stelle gedacht worden, und es ist nicht uninteressant, denselben weiter zu folgen.
Hatten wir einmal Umschau in unserem Vaterlande unb sehen wir, tote sich die praktischen Männer der Landwirtschaft und Industrie zu der Zollreform stellten, so ruft bet genannte Herr aus. Für die landwirtschaftlichen Zölle auf Getreide, Vieh-u. s. w. sprechen sich fast alle landwirtschaftlichen Vereine, amtlichen Stellen und Behörden, kurz alle Stimmen aus landwirtschaftlichen Kreisen aus; gegen diese Zölle war auch nicht ein einziger landwirtschaftlicher Verein. Die Wünsche der Landwirte sind enthalten in dem Zirkular, welches der Kongreß deutscher Landwirte im März 1879 an die Landwirte und landwirtschaftlichen Vereine Deutschlands gerichtet; im wesentlichen lautet es: „In den nächsten Tagen werden die Geschicke der deutschen Landwirtschaft im Bundesrat entschieden. Es handelt sich hierbei um die wichtigsten Fragen unserer Existenz und unserer Zukunft. Bleibt die Landwirtschaft auch ferner das Stiefkind in der Ordnung der wirtschaftlichen Fragen, fährt man fort, die landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Auslandes steuer- und zollfrei, außerdem mittelst Differentialtarifen und Refaktien zu uns hereinströmen zu lassen, so gehen wir der völligen Verarmung unausbleiblich entgegen. Das Ausland ist uns vielfach überlegen in bezug auf Bodengüte und Kapitalkraft, Klima u. s. to-, wir können die Konkurrenz mit ihm nicht aushalten und müssen im „Kampf ums Dasein" zu Grunde gehen, wenn unsere Produktion nicht eine gerechte Ausgleichung erfährt. Wir verlangen nichts Ungerechtes, wir wollen leben lassen, aber auch selbst leben, wir wollen für uns, unsere Familien und Arbeiter ein auskömmliches, menschenwürdiges Dasein, wir wollen für uns und nicht für das Ausland arbeiten. Wir verlangen keine Bevorzugung irgend welcher Art, wir wollen aber auch nicht, daß das Ausland und das internationale Großhänd- lettum aus unserer Haut Riemen schneiden. Wir wollen, daß die gesamte vaterländische Arbeit in der Landwirtschaft, dem Handwei k und der Industrie gleichmäßig geschützt werde, damit die ehrliche Arbeit, der redliche Erwerb wieder allenthalben seinen gedeihlichen Nahrungsraum findet.
Wir wollen ferner, daß die in den ausländischen Produkten enthaltene Arbeit auf unserem Markte nicht günstiger gestellt werde, wie die eigene, wir wollen, daß das Ausland für die Erlaubnis, die von unserem Gelbe geschaffenen, mit unserem Gclde geschützten und erhaltenen Märkte aufsuchen zu dürfen, das Gleiche an Steuern entrichten soll, was wir lelbst für die Erhaltung unseres Staates an Abgaben zu entrichten haben; wir wollen nach dieser Richtung mit einem -------
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uun -LvoyiuiMNl uno -oeyaguiyreil guoen. 805t die Hausthür trat man in einen Vorraum, der zu- 102 Küche und Nachts für Iwan und die Hunde 247J Schlafraum diente; von hier aus gelangte man in daS Jw Zimmer, die Wohnung der Familie, in einer Kammer "eben schliefen Platow und seine Frau, oben im Giebel k/t' der nach dem Walde schaute, hatte der treue Iwan noch ein Stübchen gezimmert, und der saubere,
Unabsehbar dehnte sich nach Norden die Ebene aus bis an die schreckliche Tundra, die fast das ganze Jahr hindurch mit Eis und Schnee bedeckt war und sich in der heißesten Zeit nur in einen bodenlosen Morast verwandelte, und doch war dies hauptsächlich der Tummelplatz der Übirischen Jäger, da hier das kostbarste Wildpret hauste. Nach Süden war der Blick abgeschlossen durch die ungeheuren, dichten pfadlosen Wälder, in denen man zwischen .«er Rothtanue, der sibirischen Geber, ber Zirbelkiefer mit M Jwn eßbaren Zapfen unb anberen Nadelbäumen bie letzten - Borpvstcn ber Laubwälder sah: Birken und Eschen. An "nem der Hügel, der sie vor den eisigen Nordwindm putzte, lag die rohe Blockhütte, aus den Stämmen des 1011' »albe8 gezimmert, und davor ein kleiner, eingezäunter n' bn dem Olga in den wenigen Sommermonaten mumen der Steppe und Beeren des Waldes pflegte; doch kurz war diese Freude, dann welkten und ftarben die 106 M^eizen wieder, wenn bas Mädchen sie nicht in die warme gg|l ^ube rettete, wo sie die kleinen Fenster schmückten unb W ben schneeweißen Vorhängen dem unscheinbaren Hause Nrn Anstrich von Wohnlichkeit unb Behaglichkeit gaben.