Marburg, Freitag, 12. August 1881
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direkten Steuern bestanden werden. Das beste Mittel, das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben zu stchern, bleibt die Herbeiführung von Ersparnissen, namentlich in der Militärverwaltung. 3) Da von keiner andern Partei die Verwirklichung der wesentlichen Grundsätze dieses Programms zu erwarten ist, so fordern wir unsere rheinischen Gesinnungsgenossen auf, in allen Wahlkreisen beim ersten Wahlgange die Stimmen geschlossen einem Kandidaten des Zentrums zuzuwenden, bei Stichwahlen aber demjenigen Kandidaten den Vorzug zu geben, welcher in seiner ganzen Vergangenheit oder in ausdrücklichen, klaren und bündigen Erklärungen die weitestgehenden Bürgschaften für ein entschiedenes Einstehen zu gunsten der Freiheit unserer Religionsübung bietet. Einem sog. Kulturkämpfer darf nirgend die Stimme eines Mitgliedes der Zentrumspartei zufallen." ES wurde noch beschlossen, in den Wahlaufmf einen Passus wegen Herabsetzung der hohen Gerichtskosten aufzunehmen, dies aber, wie die definitive Redaktion einem Komitee überlassen.
Duisburg, 8. August. Unsere neuliche Mittheilung über die neue im Stadtrat beschlossene Gehaltsskala für die Volksschullehrer muß dahin berichtigt werden, daß dieselbe nicht 1. Oktober 1883, sondern 1. Oktober 1881 in Kraft treten soll.
Hauuover, 9. August. Angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen macht sich überall in unserer Provinz eine sehr große Rührigkeit bemerklich. Daß der Stern der Nationalliberalen bei uns im Sinken war, zeigte sich schon bei den letzten Reichstagswahlen, bei denen mehrere Sitze, die bisher von den Nationalliberalen eingenommen waren, von den Welfen erobert wurden. Beide genannten Parteien machen nun die lebhaftesten Anstrengungen, die eine, das Verlorene wieder zu erobern, die andere, das Gewonnene zu behaupten und möglichst noch andere Sitze zu gewinnen, and es wird daher alles aufgeboten, um den Parteieifer möglichst anzuschüren. Als dritte Partei aber tritt mit gegründeter Aussicht auf Erfolg diesmal die konservative auf den Plan, welche angesichts der ungünstiöen Verhältnisse damals nur hier in Hannover einen eigenen Kandidaten aufgestellt, auf diesen allerdings schon bei diesem ihrem ersten Hervortrcten die Zahl von war 1000 Stimmen vereinigt hatte. Es liegt auf der Hand, daß sich inzwischen, namentlich auf oem Lande -.und unter dem Handwerkerstande, die konservativen Ideen in immer weiteren Kreisen Bahn gebrochen haben, daß man überall anfängt, einerseits das Haltlose der welfischen Gedanken, andererseits das Verderbliche der nationalliberalen Anschauungen einzusehen und daß daher conservativerseits der Versuch gewagt werden kann, auch in anderen Wahlkreisen den Bann der genannten Gegenparteien zu brechen. Bei dieser Sachlage beabsichtigen die Konservativen überall da eigene Kandidaten aufzustellen, wo nicht von vornherein
Deutsches Reich.
Berlin, 10. August. Der Kaiser ist kurz vor 8 Uhr wohlbehalten in Potsdam eingetrcffen und von dem Prinzen und der Prinzessin Wilhelm, dem meiningenschen Erbprinzenpaare, dem Erbgroßherzog von Baden und dem Oberpräsidenten Achenbach am Bahnhöfe empfangen wor- btn. Der Kaiser begab sich sofort nach Babelsberg. — c?n einem Rückblick auf die Kaiserbegegnung in Gastein faßt die „Prov.-Corresp.": „Alle Berichte über die Zusammenkunft der beiden Kaiser stimmen darin überein, daß der Verkehr der beiden Kaiser diesmal einen besonders herzlichen Charakter gezeigt hat. Namentlich wird die unablässige Sorgfalt des Kaisers Franz Josef, seinem greisen kaiserlichen Freunde jede Anstrengung zu ersparen, lebhaft hervorgehoben. So hatte derselbe schon den vom Kaiser Wilhelm beabsichtigten Besuch in Ischl abgelehnt und ebenfalls nach seiner Ankunft in Gastein auf den Gegenbesuch des Deutschen Kaisers verzichtet." — Die „Prov.-Corresp." zitiert hierauf die Auslassungen der „Wiener Abendpost" über die beiden Kaiser und sagt im Anschluß hieran: .Diese von warmer Empfindung eingegebenen Worte finden in den Herzen der Bevölkerung Deutschlands gewiß dm freudigsten Widerhall." — In demselben Blatt wird gesagt: An mehreren Orten der Provinzen Pommern und Westpreußen haben in der letzten und vorletzten Woche bedauerliche, mit der Beschädigung und Zerstörung von Privateigentum verbundene Ruhestörungen stattgefunden. Dem energischen Einschreiten der Ortsbehörden ist eö — zum Teil allerdings erst nach Verstärkung des Exekutiv- Personals und unter Beihülfe eines einsichtsvollen Teils der Einwohnerschaft — überall gelungen, die Exzesie zu unterdrücken und die Exzedenten zur gerichtlichen Untersuchung zu ziehen. Seitens des Ministeriums des Innern sind die Regierungspräsidenten der betreffenden Landesteile beauftragt worden, mit allen Mitteln, welche die Gesetze an die Hand geben, der Wiederkehr derartiger Ruhestörungen vorzubeugen und etwaigen erneuten Versuchen mit voller Energie entgegenzutreten. Insbesondere sind die beteiligten Behörden angewiesen worden, eine Ausbeutung und Steigerung der vorhandenen Aufregung, welche aus einer öffentlichen Erörterung der bezeichneten Ereignisse und ihrer Ursachen in den von bekannten Agitatoren abzuhaltenden Versammlungen zu befürchten sein würde, sofort zu begegnen, soweit dies überhaupt nach den Vorschriften thunlich ist, welche bezüglich der Verhütung eines die gesetzliche Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versammlungsrechts in Geltung stehen. — Der Regierungspräsident v. Schlicckmann in Gumbinnen ist zum Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern ernannt worden. Für das Negierungspräsidium in Stettin ist der RegierungS-Vice- präsident Wegner in Posen, und für das Regierungs-
Präsidium in Trier der Geh. Regierungsrat Raffe in Aussicht genommen. — Der Kaiser hat der Festversammlung auf dem Kyffhäuser für deren Gruß ein DankeS- telegramm zukommen lassen.
Eoblevz, 10. Aug. In dem Befinden der Kaiserin ist in den letzten Tagen eine wahrnehmbare Besserung eingetreten. Die Wiederholung der verschiedenen Zwischenfälle, welche, von der Operation und deren Veranlassung unabhängig, die Entwickelung der Rekonvaleszenz bisher verhinderten, ist voraussichtlich nicht mehr zu befürchten. Obwohl die Kaiserin imstande ist, sich ab und zu in ihren Räumen kurze Zeit zu bewegen, so ist das Maß der Kräfte doch noch derart, daß auch jetzt noch für längere Zeit Schonung geboten ist.
Köl«, 9. August. Heute Nachmittag fand im großen Saale des „Fränkischen Hofes" unter dem Vorsitze des Herrn Rechtsanwalts Biesenbach von Düffeldorf eine Versammlung von Vertrauensmännern der Zentrumspartei der Rheinprovinz statt und zwar hauptsächlich zur Feststellung des zu erlassenden Wahlaufrufes. Fast aus allen Wahlkreisen waren Delegierte erschienen, auch viele Abgeordnete. Es wurde der Entwurf eines Wahlaufrufes mit dem Bemerken verlesen, daß es sich nur um einen vorläufigen Aufruf handeln könne, da der Wahlaufruf der Zentrumsfraktion, an den der rheinische sich anschließen müsse, noch nicht erschienen sei. Nach langer Diskussion wurde der Entwurf im großen und ganzen angenommen. Die Hauptpunkte desselben sind folgende: „1) Die Wähler müssen vor allem aufs neue laut und einmütig von der Regierung die endliche und vollständige Beseitigung des kirchenpolitischen Konfliktes fordern, welcher Kirche und Staat in gleicher Weise schädigt und die Wiederherstellung des innern Friedens verhindert. Wer nicht von dem festen Willen beseelt ist, den Krebsschaden des Kulturkampfes zu heilen und die der freien Wirksamkeit der Kirche und der Schule entgegenstehenden Hindernisse wegzuräumm, verdient nicht, in einer deutschen Volksvertretung, es sei Landtag oder Reichstag, zu sitzen. 2) Nicht weniger erfordert die wirtschaftliche Lage ernste Beachtung. Soweit die Politik der Reichsregierung darauf gerichtet ist, die Schäden einer verfehlten Gesetzgebung zu verbessern, kann dieselbe auf unsere nachdrückliche Unter- stütznng rechnen. Staatssozialistischen Bestrebungen, welche nur geeignet sind, alle selbständigen gesellschaftlichen Kräfte in Familie, Gemeinde und Kirche zu lähmen und der Verwirklichung grundstürzender Lehren vaS Feld zu bereiten, werden wir entschiedenen Widerstand entgegensetzen. Zu einer Bewilligung neuer Steuern sind unsere Erwerbs-Verhältnisse in keiner Weise angethan, zunächst bleibt das volle Erträgnis der im Jahre 1879 bewilligten Schutz- und Finanzzölle abzuwarten. Sollte später eine weitere Ausbildung des indirekten Steuersystems sich empfehlen, so muß durchaus auf einer entsprechenden, gleichzeitigen Entlastung von
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Heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
(Fortsetzung.)
Wohl fühlte er bald heraus, daß die Stimmung für den letzteren war und daß man sich nach dem alten Regiment zurücksehnte, aber anstatt zu sterben, sich beliebter zu machen, suchte er jede Anstrengung zu Gunsten PelikoffS zu unterdrücken und womöglich als Insubordination zu bestrafen. So lag eö in der Natur der Sache, daß diejenigen, welche besondere Lieblinge und Günstlinge seines Vorgängers gewesen waren, am meisten von ihm zu leiden hatten, was auch Alexander empfand, der feiner Person am meisten nahe kam; dagegen wurde eS solchen, die früher zurückgesetzt worden waren — nicht aus Parteilichkeit, sondern weil sie eS verdienten — jetzt leicht, sich bei dem Gouverneur in Gunst zu setzen, und darin brachte eS bald niemand weiter, als Jgnatieff.
Dieser fand jetzt reichlich Gelegmheit, den Sekretär seinen ganzen Haß fühlen zu lassen; denn schon lange war ihm der junge Mann ein Dorn im Auge, weil er diesen geraden, ehrlichen Charakter fürchtete, der keine Rücksicht kannte, wo eS sich um Recht und Unrecht handelte, und dessen scharfes Auge ihm ein großes Hindernis war. Alexander wurde bald mit Arbeiten überhäuft, die sonst die Schreiber besorgten, und dafür nahm man ihm Gefchäfte ab, durch die ihm Pelikoff sein besonderes Vertrauen bewiesen, und die jetzt meist in die Hände des Oberinspektor« übergingen. Mit geisttötenden Schreibereien und Rechne» ^eien von früh bis Abend beschäftigt, von hundert kleinert Nörgeleien gequält, mit Mißtrauen überall überwacht, wurde 'hm das Leben jeden Tag unerträglicher. Die Stunden, bie er sonst in der Nähe seines hohen Gönner« hatte ar-
„Platow?" sagte gleichgültig der Gouverneur, „was will der Mensch? Ich liebe die Zudringlichkeit dieser Leute gar nicht."
„Er verlangt durchaus Excellenz persönlich zu sprechen, seine Angelegenheil wäre wichtig und dringend."
„Nun, so mag er kommen, aber er soll sich möglichst kurz fassen!"
Wenige Augenblicke später trat ein alter Mann mit kummergebeugter Gestalt und schneeweißen Haarm ein; doch so gebrochen und müde auch diese Erscheinung war, so lag doch etwas ehrfurchtgebietendes in ihr, sodaß selbst der Gouverneur in weniger herrischem Tone nach seinem Begehr fragte. Der Greis zog ein Papier hervor und sagte mit matter Stimme:
„Ich möchte mir die bescheidene Anfrage erlauben, ob vielleicht bei meinem letzten Lieferungsscheine ein Versehen, etwa ein Schreibfehler vorgefallen ist; denn ich habe bisher nie mehr als 10 Stück Zobelfelle in einem halben Jahre zu liefern gehabt, und hier stehen auf einmal 40 Stück."
„Vierzig Stück!" sagte der Gouverneur überrascht, „das ist allerdings sehr viel. Aber warum kommt Ihr erst jetzt damit? Ihr konntet Euch doch gleich nach Empfang des Scheines melden, als Herr v. Pelikoff noch hier war."
„Ich konnte dies Frühjahr nicht selbst kommen, well ich krank lag, darum schickte ich meine Tochter Olga her, und sie brachte diesen Schein versiegelt zurück. Ich habe mir alle Mühe gegeßen, die 40 Zobel zusammenzubringen; für unsere letzten Ersparnisse habe ich den Eingeborenen Felle abgekauft, aber Herr, es ist unmöglich, wir sind der Jäger zu viele, und so konnte ich nur 25 Stück schaffen."
(Fortsetzung folgt.)
Erscheint täglich außer an den SBedtogen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wdchentlichen Beilage „JlUstrtrteS SonntagSblOtt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 3fr Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Wart 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in dn Expedition zu erthrilende Auskunft und Annahme von Adressen werde» 35 Pfg. berechnet.
beiten dürfen, waren ihm ein Genuß gewesen, jetzt atmete er erleichtirt aus, wenn er sich einen Augenblick allein sah. Wie eng wurde es ihm um die Brust, wenn er in seinen jetzt sehr gekürzten Mußestunden einmal aus seinem Fenster die frische Luft genoß, denn auch seine Ausgänge hatte man beschränkt. Wie zog eS ihn mit tausend Armen hinaus inS Weite.
„O, wie viel lieber", rief er, „schweifte ich mit der Büchse in der Hand durch Feld und Wald, als dies elende Dasein hinzuschleppen! WaS kümmern mich die Strapazen des Jägerlebens, mag es ein noch so hartes Los sein, so hätte ich doch die frische, freie GotteSluft um mich, und seinen Himmel über mir, und nicht diese Decken und Wände, die mich erdrücken!"
Aber des Menschen Wünsche kommen oft als ein Kreuz über ihn, so sagt ein englisches Sprichwort, und das sollte auch Alexander erfahren.
Der Herbst war gekommen, und mit ihm wieder die Zeit der Pelz-Lieferungen. Eines TageS saßen der Gouverneur, der Oberinspektor und der ©etretar in dem Arbeitszimmer des ersteren bei den Geschäften deS TageS, da meldete der Ordonnanz-Offizier:
„Der Sträfing Platow bittet Excellenz um einen Augenblick Gehör, er will sich durchaus nicht abweisen lassen." Dieses Zusatzes hätte es sonst nicht bedurft.
„Platow!" jubelte es in Alexanders Brust auf, eine tiefe Röte überflog sein Gesicht und eifrig beugte er sich über seine Arbeit, um seine Erregung nicht merkm zu lassen.
„Platow!" murmelte Jgnatieff zwischen dm Zähnen und wechselte die Farbe, doch auch er suchte den Eindruck dieses Namens durch größerm Eifer zu verbergen.
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