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Marburg, Donnerstag, 11. August 1881.
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** Die Liberalen und die Handwerker.
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Was zunächst über die Ausbildung der Lehrlinge gesagt j» ist keinen Schuß Pulver wertl Die Lehrlingsvorbildung ist es weniger, auf die es ankommt, obwohl eine Hebung des Volksunterrichts stets nur von Nutzen sein kann. Aber die Ausbildung im Handwerk selbst, da liegt
Hase im Pfeffer 1 Was nutzt es, wenn ein Lehrling den Kopf voll hat von Arithmetik und Algebra und kann keine Hose zuschneiden, kein Schwein schlachten I Die Ausbildung im Handwerk selbst kann nur durch tüchtige Meister, die ihr Fach verstehen, geschehen, und daß eö nur solche Meister sind, die Lehrlinge bekommen, nur Jnnungs- mcister, die bewiesen haben, daß sie ihr Fach verstehen, dafür hätte jene Bestimmung des Paragraphen lOOe gesorgt, welche die Liberalen zu Fall gebracht haben I
Nun zu den Gesellen. Unterstützungskassen sind recht lobenswert, aber wenn die Regierung sie in Vorschlag bringt, werden es dann die Liberalen nicht gerade so machen, wie bei dem Unfallverstcherungsgesetz, an dem sie so lange herumgenörgelt haben, bis nichts übrig blieb als ein Rumpf ohne Hände und Füße? Wir wollen sehen I Jetzt kommt das Steckenpferd des Herrn Richter: Abkürzung der Mili- tärdienstzeit I Die MUitärdienstzeit hat noch keinem Gesellen etwas geschadet, im Gegenteil, mancher Geselle hat als Soldat erst Ordnung, Zucht und Sitte gelernt, ist erst durch die Militärzeit ein tüchtiger, brauchbarer Mensch geworden. Reform der Militärwerkstatten! Das muß He^r Richter ja verstehen, der so lang und breit über Militär- Verhältnisse schwatzt. Einführung gewerblicher Schiedsgerichte! Das ist vernünftig und brauchbar, nur haben die Haudwerkerverbände, beispielsweise der westfälische Hand- werkcrverband zu Münster, das schon lange vor den Herren Liberalen als Forderung aufgestellt. Gesetzliche Anerkennung der Gewerkvereine l Die Gewerkvereine haben früher viel Gutes gestiftet, seit sie aber Schleppenträger der Fortschrittspartei geworden sind, schneidet sich der Handwerker, der ihnen anhängt und die Fortschrittler unterstützt, die jede Maßregel zu seinem Besten bekämpfen, in das eigene Fleisch. Aufhebung der Zölle auf notwendige Lebensmittel! Unter diesen Zöllen leiten die Gesellen wohl am wenigsten. Wenn diese Zölle wirklich schädlich wären, wie der Fortschritt sie unter Zuhülfenahme von allerhand falschen Behauptungen darstellt, dann träfe das doch wohl am meisten die Familienväter, die Meister, aber nicht die Gesellen.
Und was wollen die Liberalen den Meistern bringen? Beförderung der Barzahlung! Ganz recht, nur ist das leicht gesagt und schwer ausgeführt. Mögen die Herren Fortschrittler damit den Anfang machen, daß sie selbst ihre Handwerker immer bar bezahlen, das wäre schon viel. Ein-
Heimatlos.
f) .<■ ... Erzählung von I. C. Pauli.
(Fortsetzung.)
Alexander fühlte bei diesen Worten einen Kummer, den fr sich selbst kaum zu deuten wagte, denn nun war ihm 1» jede Aussicht geraubt, das holde Mädchen wiederzusehen; um seine Gefühle nicht zu verraten, half er eifrig, dem Knechte, den Karren in Gang zu bringen, noch ein kurzer Abschied und man trennte sich — auf Wiedersehen oder nicht?!
Wie im Traume ging unser junger Freund seinen Ge- schäften nach; ihm war so wunderbar wohl und wehe um b»S Herz; er sehnte sich unaufhörlich nach dem lieblichm ^esen, das er nur so wenige Augenblicke gesehen hatte, und dennoch war es ihm, als wäre jetzt die Lücke in seinem Innern, die der Fall seines alten Idols gelasien, nicht nur ausgefüllt, sondern als wärt ein ganzes, neues Leben w ihm aufgegangen, ein Leben voll Glück und Frieden, bas keinen Tod kennt, eine Freude, die niemand rauben kann. Diese Gedanken beschäftigten ihn so vollständig, daß n kaum auf das Benehmen des Ober - Inspektors achtete, b« ihn lauernd beobachtete, bald unruhig, bald höhnisch.
hätte gern erraten, ob Alexander dem Gouverneur daS ^vrgefallme mitgeteilt hatte oder nicht, und jener war Erdings oft mit sich zu rate gegangen über dieselbe Frage. Aber er war überzeugt, daß so empörend auch die Handlung deS Ober - Inspektors dem Gouverneur von Moralischer Seite erscheinen würde, so könnte sie doch nicht Mägen, um darauf hin dm gewissmlosm Beamten abzu- setzen, zumal, wenn eine Untersuchung ergeben sollte, daß Mes. versiegelte Papier in Ordnung gewesen war; wenn
schränkung jeglicher Art von Staatswerkstätten! Auch nicht übel! Beispielsweise die Gefangenenarbeit schädigt den Handwerkerstand sicherlich. Aber sollen die Gefangenen etwa müßig gehen und dem Staate noch mehr kosten, als dies . ohnedem der Fall ist? Mögen die Herren Liberalen uns zunächst diese Frage beantworten. Reform des öffentlichen SubmisstonswesenS! Ja, wenn der Staat 1OO Blecheimer braucht, soll er etwa jeden einzeln bestellen? Wie würden da die Liberalen über unpraktische Verwaltung und Vergeudung der Staatsmittel schreien! Aufhebung der Zölle auf notwendige Materialien und Halbfabrikate! Das ist eö nicht, worauf es ankommt! Was der Handwerker da teurer bezahlen muß, fchlägt er am Preise zu. Was der eine teurer bezahlt, muß auch der andere teurer bezahlen! Bildung von Gewerbe- und Handwerker-Vereinen! Wohl unter fortschrittlicher Leitung? Denn diejenigen Vereine, die nicht unter solcher Leitung stehen, bekämpft ja die Fortschrittspartei auf das bitterste! Bildung von Vorschußvereinen, von Magazin- und Rohstoff - Genossenschaften! Diese würden sehr segensreich wirken. Aber der Handwerkerstand ist unter der liberalen Herrschaft so heruntergekommen, daß er kein Geld zu solchen Sachen hat! Wollen die Liberalen es ihm vorstrecken? Es wäre nicht mehr wie billig, daß, nachdem sie den Handwerkerstand ruiniert haben, sie ihm auch wiever aufhelfen! Erweiterung des Wahlrechts zu den Handels- und Gewerbekammern l Endlich einmal ein vernünftiger Gedanke! Aber wäre eö nicht praktischer, wenn die Handwerker ihre eigenen Gewerbekammern bekämen? Die Mischung mit den Kaufleuten taugt nichts, der Handwerker allein weiß am besten, wo ihn der Schuh i drückt!
Wir sehen, wenn wir aus dem Handwerker-Programm der Liberalen das Brauchbare heraussuchen, so ist es verzweifelt wenig. Man denkt unwillkürlich an das Sprichwort: Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht naß ! Damit aber ist dem Handwerker nicht gedient. Ihm mit solchen Vorschlägen kommen, heißt, dem Hungernden Steine statt Brot bieten. Damit zeigen die Liberalen auf das klarste, daß sie dem Handwerkerstände nicht helfen wollen. Für die Handwerker aber heißt eö, sich endlich einmal aufraffen und selbst für sich sorgen, bei den Wahlen entweder eigene Kandidaten aufstellen oder für diejenigen stimmen, die unwiderleglich gezeigt haben, daß sie die Freunde der Handwerker sind, für die Konservativen. Thun die Handwerker daS nicht, lassen sie sich wiederum von schönen Redensarten bethören, so haben sie eS sich selbst zuzuschreiben, wenn sie zu gründe gehen. Ermannen sie sich aber, treten sie für sich selbst kräftig ein, so wird auch der so schwer geschädigte Handwerkerstand nach langem Elend wieder kräftig emporblühen und das alte Sprichwort wird wieder zur Wahrheit werden:
Handwerk hat einen goldenen Boden!
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aber dieser Mensch in seinem Amte blieb, so hatte er Gelegenheit genug, sich an den Platows zu rächen, und das war eö, was Alexander fürchtete, während ihm nie einfiel, welcher Gefahr er selbst sich auSsetzte, indem er die Feindschaft eines solchen ManneS erregte. Also schwieg er über jene Vorfälle gegen jedermann, ja es wäre ihm wie eine Entweihung vorgekommen, wenn er Olgas Namen in Verbindung mit dem des Ober-Inspektors hätte nennen müssen; hätte er sich doch kaum entschließen können, ihn vor seinem verttautesten Freunde auszusprechen.
3. Kapitel.
i Gewitter.
DaS Geheimniß JgnatieffS war allerdings geeignet, unfern armen Alexander aus allen seinen Himmeln zu reißen, in denen er seit seiier Bekanntschaft mit Olga Platow schwebte, und ihn recht unsanft daran zu erinnern, wo und i was er war: eS war die Abberufung deS Gouverneurs auf einen hohen und ehrenvollen Posten in Südrußland, und diese wurde wenige Wochm nach den e6en erzählten Vorfällen auch den Deportirten bekannt.
Ein allgemeiner Ruf des Bedauerns, gemischt mit Befürchtungen für Die Zukunft, ging durch das Land, denn der eben so milde als gerechte Statthalter war bei Jedermann beliebt bis auf die Wenigen, die sein klarblickendes i Auge zu scheuen hatten. Am schwersten traf es aber Gel« ; dern, der von Neuem eine ihm lieb gewordene Heimatstätte verlor, ohne zu wiffen, ob ihm dafür ein Ersatz werden würde.
Zwar suchte ihn Herr v. Pelikoff in seinem Kummer aufzurichten, indem er ihm seine «ärmste, persönliche Ver-
Dentsche» «eich.
- Berlin, 8. August. Kultusminister v. Goßler, der unmittelbar nach seinem Amtsantritte einen mehrwöchentlichen Urlaub antreten mußte, sieht sich durch die Anstrengungen, denen er sich in jüngster Zeit unterzogen, veranlaßt, einen Nachurlaub anzutteten. Er wird den, selben, und zwar während deS Monats September, auf der Besitzung seines Schwiegervaters, des Herrn bett Simpson-Georgenburg in Ostpreußen verleben. Nach einer Zirkularverfügung vom 4. Mai 1876 sind die könig- lichenIProvinzial-Schulkollegien ermächttgt, zu der Seminar- Aufnahme-Prüfung unter bestimmten Bedingungen auch solche Präparanden zuzulaffen, welche erst innerhalb der nächsten sechs Monate nach dem Termine zur Aufnahme in das Seminar das siebenzehnte Lebensjahr vollenden. In einem Spezialfalle war, nach dem „Hannov. Cour.", nun in Frage gekommen, ob für solche vorzeittg zugelassenen PrHraranden die Bestimmung Anwendung findet, welche für die zur Abgangsprüfung Zuzulasfenden vorschreibt, daß sie das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben müssen. Nach der Entscheidung des Unterrichtsministerö können die vorzeitig in das Seminar eingetretenen Zöglinge nach Beendigung des dreijährigen Kursus von der Abgangsprüfung nicht deshalb, weil sie zur Zeit derselben das 20. Lebenstahr noch nicht zurückgelegt haben, ausgeschloffen werden, wenn sie den sonstigen Anforderungen zu genügen vermögen. Der Minister bemertt ferner, daß auch kein Bedenken entgegenstehe, die nicht in einem staatlichen Schullehrer-Seminar vorgeblldeten Lehramtskandidaten bezüglich ihres Lebensalters bei Zulaffung zu der Lehrerprüfung nach demselben Grundsätze zu behandeln. Die Provinzial-Schulkollegien sind angewiesen, in diesem Sinne vorkommenden Falls über die Zulassung zur Ab- gangsprüfung zu entscheiden. — DaS hiesige Landgericht wies in der Exekutionssache Kaufmann wider die Rumänische Eisenbahngesellschast sämmtliche Anträge des Klägers, der Rumänischen Eisenbahngesellschaft, sowie der Diskonto- gesellschaft und der Firma S. Bleichröder, welche den beabsichtigten Umtausch der sechsprocentigen Schuldverschreibungen gegen rumänische Staatsobligationen und die Verlegung des Geschäftssitzes nach Bukarest verbieten, ab und erklärte die Verlegung des Sitzes für zulässig, wenn zur Sicherung der klägerffchen Ansprüche eine Kaution von 500000 Mark hinterlegt werde. Die ausführliche Konvention seitens der rumänischen Regiemng ist ausdrücklich als rechtsbeständig anerkannt. Der Vertreter der rumänischen Eisenbahngesellschast wohnte der Verhandlung bei; die Kaution wird sofort bestellt werden. — Das große Los der preußischen Klaffenlotterie fiel auf Nummer 62 747.
V Berlin, 9. August. Man wird nicht fehlgehen, wenn man die Berufung des EisenbahndirettionS-Präsidenten
Wendung versprach, um ihm bald seine Freiheit wieder zu verschaffen, aber selbst diese Aussicht erleichterte ihm nur wenig den Trennungsschmerz von der verehtten Familie, in der er sich so wohl gefühlt hatte. Auch dieser wurde der Abschied von dem jungen Manne, der so lange ihr Hausgenosst gewesen war, schwer, und besonders die Kinder hingen laut weinend an seinem Halse und hätten ihn gar zu gern mitgenommen.
Herr v. Pelikoff blieb nur wenig Zeit, seinem Nachfolger die Geschäfte zu übergeben, und nur mit kurzen Worten konnte er ihm seinen Sekretär als einen treuen und zuverlässigen Arbeiter empfehlen und die Bitte anfflgen, chn in seiner Stellung zn belassen, was denn auch geschah. Bald darauf rollte der Reisewagen von bannen, welcher die Familie der neuen Heimat zuführte, und Alexander stand wieder einmal allein, ganz allein und einsam in der Welt. Wie ein süßer Trost stahl sich da der Gedanke an Olga in fein Herz, und wenn auch viele Mellen sie von ihm trennten, so war es ihm doch, als wäre er nicht ganz verlassen, so lange er sie in demselben Lande wußte. Je weniger wohl er sich in der neuen Umgebung und bei der neuen Ordnung im Hause fühlte und je mehr er auf seine eigenen Räume und seine eigene Gesellschaft beschränkt blieb, um so lieber hing er seinen stillen Träumen nach.
Der neue Gouverneur war ein Mann, der entweder wenig Herz hatte oder durch wiederwärttge Erfahrungen so erbittert war, daß er weicheren Gefühlen unzugänglicher wurde; er hatte keine Familie und lebte sehr zurückgezogen, ja fast abgeschlossen. Er herrschte nur durch Strenge und Furcht, und es war schwer, sich Gehör bei ihm zu verschaffen, während bei seinem Vorgänger auch der Geringste allezett Zutritt sand. (Forts, folgt.)