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Marburg, Sonntag, 7. August 1881

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Anzeigen nimmt entgegen dtc«xpedttto« b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureauk von <I-L-Daude & So. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst i Hermanu'sche Kuchhaudl. daselbst; ^lalideudaist in Berlin: W- Thiene» ii «derfeld: QL Schlotte in Bremen.

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Jrt*etnt täglich außer an den Werktagen nach Sonn- unt Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wLchentlichen Beilage ,,I»nstrirte» Gouutagöblatt" durch die Expedition (»rochsche 51,68 yuchdruckerei) bezogen 3i Mark, durch die Postämter oeS Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pf». (ercl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Sette 10 Pf».

Für in der Gtpel ition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pf», berechnet.

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Heimatlos.

Erzählung von I. C- Pauli-

zM- Für die Monate August und Septem­ber nehmen alle Postanstalten, auf dem Lande ,u(6 die Landpostboten, Bestellungen auf unser avatt an. Neu zugehende Abonnenten hiesiger Stadt erhalten dasselbe vom Tage der Bestel­lung an. $ie Exped. d. Oberh. Zeitung.

Einfluf; der Innungen ans das Handwerk.

Wenn man den MiNelstanb mit Recht als den Rück- ürat eines gesunden staatlichen und nationalen Lebens be- uichnet, so kann mau mit gleichem Rechte den Stand der Kleingewerbetreibenden, der Handwerker, also denjenigen, welcher hierin am meisten auf sich selbst und auf eigener Tüchtigkeit ruht, wohl als die Wirbelsäule dieses Rückgrates dereichnen. ES ist aber leider nur zu wahr, daß unser Handwerkerstand in seiner heutigen Fassung und Zusammen­setzung, in seinen heutigen Leistungen nicht über diejenigen Qualitäten verfügt, welche ihn befähigen würden um int Bilde zu bleiben gesunde Knochen und gesundes Mark zu dieser Wirbelsäule zu geben. Hier sind es nun die Innungen und zwar die im modernen Geiste refor­mierten Innungen mit ihrer Kräftigung des Selbstgefühls im Einzelnen, mit ihrer Einwirkung auf das Lehrlings- unb Gesellenwesen, mit ihrer Befähigung zum genossen­schaftlichen Vorgehen u. s. w., welche gewiß mächtig dazu bcilragen würden, dem Handwerkerstande die ihm in der bürgerlichen Gesellschaft gebührende Stellung wieder zu ge­winnen. Die Innungen würden vor Allem dem Geiste niedriger Scheelsucht, wie er sich in den Reihen der Klein­gewerbetreibenden und Handwerker zur Zeit vielfach breit macht, kräftig entgegenarbeiten, sie würden den Stolz aus die gewerbliche Leistungsfähigkeit mächtig anspornen, und sie würden Lehrlinge und Gesellen gegen unwürdige Be­handlung seitens ihrer Meister in Schutz nehmen. Dann sind sie jedenfalls auch fehl geeignet, in dem kleinen Mann das Bewußtsein herzustellen, daß auch er zu einem wür­digen, in der bürgerlichen Gesellschaft geachteten Ganzen gehört, in dessen Kreisen auch er seine Meinung, seine Er- sahrungen zur Geltung bringen kann. Endlich ist auch wohl nicht zu bezweifeln, daß durch die Innungen die allgemeine Produktionssähigkeit deö Handwerkerstandes eine bedeutende Steigerung zur Folge haben würde, da durch die ersteren die gewerbliche Ausbildung unstreitig gefördert wird, eine gesteigerte Produktionsfähigkeit müßte aber der wirtschaftlichen Selbstständigkeit des Kleingewerbestandes wiederum zu gute kommen. Die Innungen würden so­nach dem Handwerkerstände als solchen und damit dem ganzen Mittelstände ein Element moralischer und sachlicher Kräftigung zusichern. Weiterhin ist aber nicht zu läug-

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(Fortsetzung.)

Nachdem Alexander lange sinnend und brütend im sinstern Zimmer gesessen hatte und erregt auf und ab gegangen war, sank er zuletzt in die Kniee und seine wirren Gedanken sammelten sich endlich zum Gebete, das er bald im Herzen, bald halblaut sprach:

Vater und Mutter haben mich verlassen, mein Gott verlassest Du mich auch: Wie allein irre ich in der Welt herum, unstät und flüchtig wie Kain, denn durch eigene schuld habe ich die Heimat verscherzt. Nirgends Halt, nirgends Licht, kein Mensch auf Erden, dem ich angehöre! ®ie fernen Pflege-Eltern, werde ich sie je Wiedersehen? Haben sie mit mit aller Liebe und Treue je ersetzen können, n>as ich verlor? Und nun raubt man mir mein Letztes! und wer? Die Menschen, die ich liebe und verehre, sie selbst wälzen Stein auf Stein, um eine Mauer _ zwischen «ich und mit zu bauen 1 O, daß ich ein Hetz hätte, das mein wäre, mein fürs Leben! Mein Gott, schenke mir ein Herz, eine warme fühlende Menschenbrust, an die ich sinken ,arf und alles Leides vergessen! Aber wo finde ich sie hier sm Lande der Verbannung, im eisigen Sibirien! Hu, mich schaudert! heute erst fühle ich es, daß ich in Sibirien bin, ^gestoßen von der Menschheit, ein Verworfener, ein Ge­sogener! Heimatloser als je!"

, So seufzte er weiter ohne Ruhe zu finden, die Wogen seiner Seele wollten sich nicht legen, und trostlos stand er ,cn seinen Knieen auf und trat ans Fenster. Aber eben 1° trostlos und grau sah es da draußen aus: bleiern lagerte

Morgennebel auf der Erde und düstere Wolkenmassen

neu, daß die Innungen auch von großem Einfluß auf das feciale und politische Leben innerhalb der Kreise der Kleingewerbetreibenden und Handwerker fein würden. Es ist ja bekannt, daß die Socialdemokratie, abgesehen von den Fabrikarbeitern, vorzugsweise auch in den Reihen der kleinen Handwerker Propaganda für ihre Utopien zu machen versucht und sie lhnt dies leider nur zu häufig mit dem besten Erfolge. Was alle staatsanwaltlichen Bemühungen, alle polizeilichen Vorschriften und Verbote nicht zu stände brachten, nämlich dem von den socialistischen Irrlehren be­geisterten Arbeiter und Handwerker wieder Achtung vor Gesetz und Recht einzuflößen dies würde den Innungen möglich sein, vorausgesetzt, daß sie überall die Instanz eines rasch funktionierenden Gewerbegerichtes hinter sich haben. Die Innung ist eine der hauptsächlichsten Faktoren, die zu einem erfolgreichen Kampfe gegen die Socialdemo­kratie befähigt ist. Die Innung vermag es, ihre eigenen Mitglieder im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft fest­zuhalten und sie kann dadurch die weitere Ausbreitung der Socialdemokratie im Kleinhandwerkerstande hindern, dann aber vermag sie es auch, auf die ihr Angehörigen einen bedeutenden moralischen Einfluß auszuüben, indem sie das Band, das die Gewerbegenossen umschlingt und welches ein kräftiges, gemeinsames Wirken ermöglicht, dem Bande, welches die socialdemokratischen Parteimasseu zusammenhält, entgegensetzt. Mancher Handwerker, der heute in das socialistische Lager übergeht, weil er nirgends mehr einen andern Halt findet, wird lieber den Halt wählen, den ihm seine Gewerbsgenossen bieten, sobald derselbe eben durch die Innungen vorhanden ist. ES ist natürlich, daß der Hand­werkerstand durch die Verdrängung der socialistischen Ele­mente aus seinen Reihen eine außerordentliche Kräftigung erfahren wird und es ist ebenso natürlich, daß im Zu­sammenhänge damit eine gesundere Gestaltung unserer all­gemeinen socialen Lage eintreten wird. Hoffen und wün­schen wir deßhalb, daß das ehrsame deutsche Handwerk welches ja von jeher einen wichtigen Teil des beutschen Staatswesens gebilbet hat bald wieder zu neuer Blüte gelange.

Deutschem Äkich.

** Berlin, 5. August. Zum Kapitel der treuen Waffenbrüderschaft im Lager dergroßen liberalen Partei" können wir heute noch einen Nachtrag bringen. Wir be­richteten gestern, daß die sezesfionistischeTribüne" die Hoffnung ausgesprochen,die entschieden liberale Partei werde in Schleswig-Holstein die Sitze der Nationalliberalen erobern." Das scheint daö Ceterum censco des genannten Blattes zu sein, denn auch hinsichtlich des Lünebürger Wahl­kreises sagt dieTribüne", wie dieNational-Liberale Korrespondenz" konstatiert, wörtlich dasselbe. Wie diese Liebenswürdigkeit von den Nationalliberalen aufgenommen hingen am Himmel, dem die erste Dämmerung jene fahle, farblose Beleuchtung verlieh, die dem Morgen vorangeht. Am Horizont stand der Morgenstern, aber er schimmerte trübe durch den Nebel, sein Glanz erlosch immermehr und nun verhüllte ihn eine dunkle Wolke.

So ist auch der Stern erloschen, der mich bis jetzt durchs Leben leitete l War es vielleicht kein Siern, sondern ein Irrlicht? Und welchem neuen Leitstern soll ich mich nun anvertrauen? Wird mir diese erste Täuschung meines Lebens das Herz kalt machen, daß es kein warmes Ver­trauen, keine Liebe mehr zu einem Menschen empfinden kann? O, nur bas nicht, nur das nicht I Ah!"

Dieser Ausruf galt dem Schauspiel, das ihn aus seinen traurigen Gedanken weckte: Am Horizont hatten sich die Wolken golden und purpurn gefärbt, und ein wunderbarer farbenreicher Glanz breitete sich Überben Himmel; die Nebel ballten sich, stiegen empor, und ihre phantastischen Gebilde schwammen in dem Lichtmeere, das immer stärker im Osten heraufflutete; und jetzt erschien siegreich die Königin des Tages, ein roter Glutball, der mit seinen Strahlen den staunenden Jüngling blendete. Er hob den leuchtenden Blick zum Himmel und rief tief bewegt!Nein, nein mein Gott, Du kannst es nicht wollen! Du selbst hast diese heiligsten Gefühle so tief in unsere Brust gepflanzt, Du wirst sie mit den Strahlen Deiner Gnade von neuem be­leben! Nun will ich nicht mehr verzagen! Herr ich danke Dir!"

Und nun warf er sich endlich aufs Lager, Ruhe und Frieden waren in seine Brust gezogen und lagen noch auf feinem jugendlichen Antlitz, als ihn der Schlummer Überwältigte.

wird, ersehen wir aus dem offiziellen Organe derselben, welches dazu bemerkt:Der sezesfionistische Jubel möchte nun freilich sehr verfrüht sein, aber es ist doch gut, daß hier einm al wieder die heuchlerische Maske fällt und das wahre Gesicht der sezessio- nistischen Führung sich zeigt." Von feiten des entschiedenen Fortschritts werden die Nationalliberalen nicht um einen Grad besser behandelt. Das Hauptorgan der Fortschrittspartei, dieVolks-Zeitung", schreibt über die Freunde":Linksum marsch, aber immer Augen rechts, schreitet die nationalliberale Partei mit ausgerecktem Hals vor der Saniere des neuen Paradieses dahin. Sie glaubt wie eine alte Kokette noch immer an ihre ehemalige Schön­heit und Hoheit, in welcher sie am Arm der Regierung dahin stolzierte."

Berlin, 5. Aug. Diejenige Presse, welche unter dem Namennationalliberal" nur verkappte fortschrittliche Agitation betreibt, hat, wie zu erwarten war, den Versuch gemacht, dem Brief des Reichskanzlers au Herrn Vopel eine gefälschte Bedeutung beizulegen. Der Brief des Reichskanzlers gibt der zweifellosen Wahrheit Ausdruck, daß die Fortschrittler und die Sezessiouisten aus ihrer politischen Stellung ein sachliches Motiv zur Bekämpfung des Reichskanzlers nicht entnehmen können und daß die heuchlerischen Befürchtungen vor politischer Reaction es nicht sind, welche diese Leute veranlassen, den Kanzler persönlich in tendenziöser Weise zu bekämpfen. Die Mo­tive des feindlichen Verhaltens der Fortschrittspartei mit und ohne Maske sind überhaupt nicht sachlicher Natur: sie liegen in dem Ehrgeiz, der Rechthaberei und in dem Haß, den ein zwanzigjähriger Kampf gegen das Mini­sterium Bismarck bei den Gegnern des Letzteren angehäuft hat. Die Führer der Fortschrittspartei, welche von ihrer Beredtsamkeit, ihrem Talente zur Agitation und ihrer Ge­wandtheit im Zeitungsschreiben, existieren, sind durch die Befürchtung beunruhigt, daß sie verloren sind, wenn der Wähler zur Erkenntnis der Hohlheit der ganzen rhetori­schen Klopfflechterei gelangt, welche die Fractionen der Regierung gegenüber in Szene setzen. Nicht die Regierung hat es herbeigesührt oder auch nur gewünscht, daß die Bevölkerung gegen parlamentarische Vorgänge gleichgültig werde, sondern die Unfruchtbarkeit und Hohlheit der nutz­losen politischen Nedeturniere und der Mangel an Ver­ständnis der materiellen Interessen des Volkes seitens der fortschrittlichen Liberalen haben diese Gleichgültigkeit ver­anlaßt. Wenn die liberale Partei darunter leibet, so hat sie sich es selbst zuzuschreiben. Der Widerstand gegen die Samoa-Vorlage gegen den Schutz der nationalen Arbeit und Produktion, gegen das Unfallsversicherungsgeseh, die Parteinahme für die ungerechte Mietssteuer und in der schlagendsten Weise die Ablehnung der geringen Kosten für den Reichswirtschaftsrat können keinen Wähler in

2. Kapitel.

Ein neuer Stern geht auf.

Unter den im letzten Kapitel beschriebenen Vorgängen und Kämpfen waren fast drei Vierteljahre seit Alexanders Ankunft in Tobolsk vergangen und das indessen ange­brochene Frühjahr brachte bald so viele Arbeiten und Ge­schäfte für ihn, daß er wenig Zeit und Sammlung hatte, seinen Gedanken nachzuhängen.

Zweimal im Jahre, nämlich im Frühjahr und Herbst, fand in Tobolsk die große Ablieferung der Pelzwaren statt, die die Verbannten und die tributpflichtigen Eingeborenen West-Sibiriens an die Krone zu entrichten hatten. Als der Gouverneur v. Pelikoff sein Amt antrat, hatte er gerade bei diesen Lieferungen eine grenzenlose Unordnung vorge­funden: Unterschleife, Betrügereien, Bestechungen und Dieb­stähle bei Beamten und Lieferanten, so daß bedeutende Verluste für den Staat entstanden waren. Um diesen Dingen möglichst vorzubeugen, hatte er einige neue Ein­richtungen getroffen, durch die es ihm leichter wurde, selbst eine Kontrolle zu üben, und wirklich war seitdem mehr Ordnung in das Ganze gekommen, und es war schwerer, ihn zu hintergehen, was aber gar manchem nicht besagte, so daß er manche stille und offene Feindschaft hervorgerufen hatte.

Damit die Lieferanten genau wußten, tote viele Pelze sie zn bringen hatten und der Willkür der Beamten nicht zum Opfer fallen konnten, stellte der Gouverneur eigen­händig sogenannte Lieferungsscheine aus, ein gedrucktes Schema, in dem er die Zahlen von jeder einzelnen zu liefern­den Pelzsorte selbst schrieb oder seinem Sekretär diktierte, woraus er jeden Schein mit seinem Namen unterschrieb, und dann hatte ihn der Sekretär in ein Hauptbuch einzutragen.

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