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Marburg, Sonnabend, 6. August 1881.
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9 Die «xped. d. vberh. Zeitung.
Wie die Fortschrittspartei die deutsche Sache gefördert hat.
Die „Prov.-Korresp." schreibt unter dieser Ueberschrift: Als endlich die große Entscheidung zwischen Oesterreich und Preußen und über ihren Einfluß in Deutschland heran- krm, stand die gesamte Fortschrittspartei in schreiendem Widerspruch mit ihren eigenen Grundsätzen zu Oesterreich und den Mittclstaaten gegen Preußen. Herr v. Bismarck halte allerdings das preußische Abgeordnetenhaus mit seiner fortschrittlichen Mehrheit bei Zeiten unschädlich gemacht, sobald die Schwierigkeiten mit Oesterreich einen drohenden Charakter annahmen. Er hatte den Landtag schon im Januar 1866 nach Hause geschickt, weil er keine Unterstützung von ihm erwarten konnte. Die Fortschrittspartei aber hielt si y in Vereinen, Stadtverordneten- und anderen Versammlungen schadlos, die sie zum schroffsten Auftreten gegen die preußische Regierung bewog, selbst noch als diese eine Bundesreform auf so freisinnigen Grundlagen, wie sie der Nativnalverein selbst in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet hatte, beantragte. Versammlungen von fortfchritt- lichen Wahlmännern und Urwählern protestierten gegen den Krieg; sie erklärten, daß „die verabscheuungswürdige Politik der preußischen Regierung Deutschland unrettbar dem tiefsten Verfall preisgeben müsse". Fast alle Stadtverordneten- Kollegien, mit rühmlicher Ausnahme desjenigen von Breslau, fast alle Kaufmannschaften und Handelskammern, alle Wahlbezirke Berlins, fortschrittliche Versammlungen u. s. w. sprachen sich gegen den Krieg aus und verlangten einen Regierungswechsel in Preußen; der Abgeordnetentag in Frankfurt verdammte den drohenden Krieg „als einen der Dynastie dienenden KabinettSlrieg".
Während Preußens Feinde schon drohend an den Grenzen standen und jeder Augenblick die wichtigsten Entscheidungen im Rate des Königs oder auf dem Schlachtfelde bringen konnte, sah die Fortschrittspartei in der Gefahr des Vaterlandes nichts Anderes, als eine günstige Gelegenheit, um die Biömarcksche Regierung endlich zu stürzen I
Wenn sich daher die Forschrittsleute rühmen, daß schon auf ihrer Fahne Preußens und Deutschlands Größe gestanden habe, ehe Herr von Bismarck die Leitung der Re- gierung übernommen, und daß dieser nur auögeführt habe, was sie längst angestrebt, so ist gerade das Gegenteil wahr.
Schöne Worte enthielt wohl ihr Programm, aber so oft eS auf die That ankam, haben sie ihre eigene Fahne verleugnet. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, so hätten wir noch die elenden politischen Zustände wie vor 1866, so stände Preußen noch unter dem Bundestag und die Feinde Preußens hätten ihren Willen durchgesetzt.
Nach der Auseinandersetzung mit Oesterreich sagten sich alle praktischen Politiker von der unfruchtbaren FortschrtttS- partei los. „Nicht durch rechthaberisch verneinende Haltung", erklärten sie, „sondern durch einen wirklichen Anteil und ein Verdienst um die Wendung der deutschen Geschicke unter den Hohenzollern wird die liberale Partei ihre Stellung neu befestigen und, indem sie sich der Krone notwendig macht, die Rechte des Volkes stärken können. Bismarck hat die deutsche Einheit unaufhaltsam gemacht, wenn das Volk auf seine Seite tritt".
Die Fortschrittspartei aber, wie sie bisher keinen Teil an den Thaten Preußens gehabt hatte, hat auch weiterhin das Werden und Wachsen der einheitlichen Macht Deutschlands niemals unterstützt, vielmehr jeder Zeit zu hindern gesucht. Mit vollem Recht sagte Fürst Bismarck von ihr: „Alle Unruhe im Reiche und alle Schwierigkeiten, zu gedeihlichen, ruhigen Zuständen zu kommen, kommen von der Fortschrittspartei und denen, die mit ihr sympathisieren in den anderen Fraktionen".
Es würde zu weit führen, alle Großthaten der Fortschrittspartei seit Errichtung des Norodeutschen Bundes bis in die neueste Zeit hinein ins Einzelne zu verfolgen. Es ist eben eine ununterbrochene endlose Kette, in der jedes Glied dem anderen völlig gleich ist. So hat sie schon sofort die Verfaffung des Norddeutschen Bundes bekämpft, unter dem Vorgeben, daß sie die in der preußischen Verfassung vorhandenen freiheitlichen Grundrechte nicht enthalte und daß alle (angeblichen) Opfer an Volksrcchten die Einigung Deutschlands eher hindern als fördern würden. Bekanntlich ist aber dieselbe Verfaffung, welche die Einheit Deutschlands hindern sollte, schon nach vier Jahren die Grundlage der Einigung von ganz Deutschland als Reichsverfassung geworden.
Besonders war alsdann der Fortschrittspartei der Ausgleich über die Militärverfassung, den selbst die freisinnigsten Abgeordneten der anderen liberalen Parteien lebhaft betrieben, fehr zuwider; sie erklärte, Deutschlands militärische Macht nach außen hin sei schon durch die Militärkonventionen mit den kleinen Staaten gesichert. Was wäre aus dem nächsten Kriege, aus dem Schutze des Rheinlandes, Badens und ganz Deutschlands geworden, was für unsägliches Unheil wäre für unser Vaterland entstanden, wenn wir eine Militärverfassung nach dem Sinne der Fortschrittspartei gehabt hätten, statt nach dem Sinne unseres Königs, Bismarcks und MoltkeS!
Dieselben Leute, welche heute wieder mit der Fortschritts
partei Arm in Arm gehen, weil sie angeblich dieselben Ziele verfolgen, schrieben damals u. a. gegen die fortschritttichen Wahlen in Berlin: „Die Hauptstadt des Deutschen Reichs darf nicht ausschließlich von Männern vertreten sein, die der ganzen Entwickelung unseres deutschen Staatswesens feindlich gegenüberstehen."
Daß dieses Urteil begründet war, zeigt die ganze Geschichte des Norddeutschen Bundes. Unser König durfte auf die reichhaltigen Ergebniffe der gemeinsamen Thätigkeit mit dem Reichstag mit gerechter Befriedigung Hinweisen, welche im ganzen deutschen Lande und außerhalb der Grenzen desselben geteilt wurde. Die erreichten Erfolge gaben dem deutschen Volke zugleich die Bürgschaft der Erfüllung der Hoffnungen, welche, entgegen den Warnungen der Fortschrittspartei, an die Schöpfung des Bundes geknüpft waren. Aber an jener ganzen Entwickelung hatte die Fortschrittspartei nicht den geringsten Teil gehabt: sie hatte fast alles, was dazu führte, bekämpft und verworfen.
Ebenso hat die „deutsche" Fortschrittspartei, nachdem der Norddeutsche Bund sich zum Deutschen Reiche erweitert hatte, jede Entwickelung desselben zu hemmen gesucht. Sie rechnet es sich hoch an, daß sie doch im einzelnen viel im liberalen Sinne „verbessern" geholfen habe. Sie hat allerdings jeder Zeit für die liberalsten Abänderungen der Vorlagen gestimmt und dadurch der Regierung die schließliche Annahme der veränderten Gesetzentwürfe ost recht schwer gemacht; aber hinterher hat sie fast alle Gesetze, nachdem sie ihre Abänderungsvorschläge durchgesetzt, im ganzen doch verworfen. Weil aber diese Gesetze durch ihren Einfluß vielfach den ursprünglichen Absichten der Regierung nicht entsprechen, deßhalb bedürfen so viele von ihnen schon jetzt einer Revision.
Wenn die Fortschrittspartei dem letzten Kriege keine Hindernisse wie den früheren bereitet hat, so ließ der völlig unvorhergesehene jähe Ausbruch desselben und die allgemeine Begeisterung, die sich sofort kundgab, keinen Raum für irgend welche Demonstrationen. Aber die Partei rühmt sich noch heute, der Ausdehnung der Verfassung des Norddeutschen Bundes, der „Bundesverfassung mit partikula- ristischen (sonderstaatlichen) Verschlechterungen" auf ganz Deutschland entgegen gewesen zu sein, und sie verhöhnt die Nationalliberalen, daß sie auch damals das „Erreichbare dem Wünschenswerten" nicht opfern wollten.
Das ganze frühere unpatriotische Gebahren hat die Fortschrittspartei unverändert auch seit dem Bestehen deS Deutschen Reiches fortgesetzt. Sie hat im einzelnen wie im ganzen die Entwickelung der einheitlichen Rechtsverhältnisse bekämpft, sie hat allen nationalen Bestrebungen, soviel in ihrer Kraft stand, Hindernisse bereitet. Eine geradezu töt- liche Feindschaft aber hat sie von vornherein bis in die neueste Zeit Dem Träger des nationalen Gedankens, dem Leiter der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck bewahrt.
Heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
(Fottsetzung.)
Wohl verfehlten solche wohlgemeinte Reden ihre Wirkungen auf den jungen Verbannten nicht, aber so ist der Mensch: gerade weil er fühlte, daß daS Heiligtum seines ganzen bisherigen Lebens ins Schwanken geriet, so klammerte er sich um so fester daran mit aller Liebe und Treue seines warmen Herzens, wie ein Ertrinkender an die letzte Planke seines Schiffe». Wohl verfolgten ihn die angeregten Gedanken und Urteile auch in die Einsamkeit, die er jetzt gern suchte, und immer mehr fühlte er den Stachel des Zweifels sich in seine Seele graben, aber um so eifriger fuchte er alle freundlichen und großen Er« lnnemngen aus seiner Soldatenlaufbahn hervor, um das 8ilb seines Helden mit lichten Farben zu schmücken. Aber da er nicht mehr den Mut hatte, mit diesen Gefühlen bei den Erwachsenen hervorzutreten, so wandte er sich an die Kinder und diese horchten mit atemloser Spannung und lebhafter Teilnahme seinen Erzählungen und Schllderungen. Und doch sollte gerade von dieser Seite ganz unerwartet der Schlag kommen, der seinen Götzm völlig zertrümmerte, Um ihn nie wieder auf seinen Thron gelangen zu lassen.
Eines Tages in der Däunnerstunde hatten ihn die Kinder wie gewöhnlich in ihr Zimmer gezogen und sich um M geschart, da begann die kleine Kathinka:
„Alexander, heute will ich Dir eine Geschichte erzählen, die uns Mama heute Morgen erzählte, vom König David. Der wollte etwas sehr BöseS thun, etwas, was der liebe Gott gar nicht leiden kann —"
„So böse," unterbrach Iwan rasch, „daß sogar der
alte grimmige Joab nicht mitmachen wollte, aber er mußte es doch thun, weil der König es haben wollte."
„Darüber," fuhr Kathinka fort, „war nun der liebe Gott so böse, daß er dem David eine große, große Strafe schickte; aber weil er früher immer gut gefolgt hatte, erlaubte ihm Gott, eine von drei Strafen zu wählen; was war es doch?"
„Drei Jahre Teurung, drei Monate Flucht vor feinen Feinden oder drei Jahre Pestilenz", half Alexander ein; aber er sagte:
„Ich will in die Hand des Herrn faßen, und wählte die Pestilenz", erzählte Lystnka, die älteste; „aber Du kennst ja die Geschichte."
„Das schadet nichts, erzählt nur!"
„Da schickte der liebe Gott einen großen Würgengel" berichtete Kathinka weiter, „mit einem ganz bösen Gesicht und einem giftigen Schwert in der Hand, der flog über Jerusalem und das ganze Land, und wen er mit seinem Schwerte stach, der mußte sterben. Und alle Leute weinten und jammerten, aber David am meisten, aber der fiel auch auf seine Kniee und betete, daß doch der böse Engel wieder weggeschickt würde. Da sagte der liebe Gott zu dem Würgengel: „Es ist genug, stecke Dein giftiges Schwert in die Scheide und komme wieder in den Himmel!"
„Ich glaube," fiel Iwan ein, „das war dem bösen Engel gar nicht recht, der hätte gewiß lieber noch recht viele tot gemacht und freute sich, daß die Leute sich vor ihm fürchteren; Mama sagte —"
„DaS hat Mama gar nicht gesagt," meinte Lystnka, das denkst Du Dir bloß selber auS, well Mama sagte, solche Würgengel kämen jetzt auch noch in die Welt, wenn
die Menschen einmal recht böse sind, „aber sie dürfen doch nicht mehr thun als Gott haben will."
„Ja", sagte Kathinka, „und so ein Würgengel war auch der Napoleon, den Du so lieb hast, aber zur Strafe mußte er mitten im Meere auf einem großen Steine sitzen, bis er starb."
Alexander fühlte einen Stich im Herzen, und es war ihm einen Augenblick, als stände er vor einem dunkeln schwindelnden Abgrund, und rings um ihn bebte die Erde. Diese Worte auS dem Kindermunde: „So ein Würgengel war der Napoleon, den Du so lieb hast", brausten ihm in den Ohren, daß er nicht mehr hörte, was die Kinder durcheinander redeten, er hielt es nicht länger aus, er eilte hinaus in den Garten u ,d kühlte seine fiebernden Pulse in der Abendluft eines sibirischen Frühlings.
Doch er hatte nicht lange Zeit, sich seiner Aufregung zu überlassen, denn er war diesen Abend, wie das öfters geschah, zu einer Gesellschaft bei dem Gouverneur eingeladen, der ihn wie ein Glied seiner Familie behandelte. Wie gern war er sonst dazu bereit gewesen, wie lebhaft hatte er sich mtt den Gästen unterhalten, die ihm alle freundlich entgegen kamen, — aber heute waren ihm diese geselligen Pflichten eine Last und eine Qual, verstimmt und einfilbig zog er sich in die stillsten Ecken zurück, und doch kam er hier zu keinem ruhigen Nachdenkm.
Spät in der Nacht erst betrat er fein Zimmer, aber er. fühlte kein Bedürfnis zum Schlafe, tausend Gedankm und Vorstellungen stürmten auf ihn ein.
Sein ganzes Leben zog wie ein Traumbild an ihm vorüber — dunkel war es um ihn herum und dunkel in ihm.
SortfePm, folgt.)