Marburg, Mittwoch, 3. August 1881.
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Die Exped. st. vberh. Zeitung.
Der Liberalismus iu Frankreich.
(Corresp. aus Paris.)
In den deutschen liberalen Blättern wird vielfach hervorgehoben, daß der wirtschaftliche Aufschwung in Frank- reich seine Blüte dem liberalen Regiment verdankt. ES wird auf die stets wachsende Ziffer der Handelsbilanz und des inneren Verkehrs hingewiesen, ja auch auf die Millionen, welche von der Negierung alljährlich zur Hebung des Wohlstandes, namentlich für das Verkehrswesen, ausge- gebcn werden. Daß nun die Möglichkeit zu solchen Ausgaben nur durch das vollständig durchgeführte indirekte Steuersystem geschaffen ist, wird meistenteils verschwiegen; denn dadurch würden die deutschen Liberalen ja der vom Fürsten Bismarck geplanten Steuerreform eine glänzende Anerkennung geben. In Frankreich wie in Nordamerika hat das- Schutzzoll- und indirekte Steuersystem ungeheuere Erfolge aufzuweisen, um so mehr, als man sich in beiden Ländern nach schweren Krisen in einem Uebcrgangsstadium befand. Keine noch so entgegengesetzte politische Partei kann wohl bestreiten, daß das Shstem seine praktische Probe bestanden hat, indem eö die Folgen der Krisis beseitigt und den Aufschwung befördert hat.
Die keuschen Liberalen haben insofern recht, daß dieses System ursprünglich nicht den Fundamentalsätzen der liberalen Theorie entspricht. Die liberalen Gewalthaber in Frankreich und Nordamerika haben nur aus der Not eine Tugend gemacht, indem sie es acceptierten. Sie haben aber nicht vermieden, es nach Kräften zu korrumpieren und zum eigenen Nutzen und zum Schaden des Gemein- »vhls auszubeuten. ES ist daher eine Unwahrheit, wenn man sagt, Frankreich verdanke sein Aufblühen dem liberalen System. Man sollte richtiger sagen, es verdankt sein wirtschaftliches Wohlbefinden dem antiliberalen Schutzzoll- und indirekten Steuersystem, trotz der liberalen Machthaber in der Regierung und im Parlament.
Jede privatkapitalistische Zeitströmung schafft in erster Linie politische Gewalthaber, welche die Theorie ihres Systems auf ihre Privatverhältniffe in Anwendung zu bringen suchen. Adam Smith's berühmter Satz: „Jeder Staatsbürger sorgt für den Gesamtreichtum seiner Nation am besten, wenn er für seinen eigenen sorgt", wurde von seinen fanatischen Nachbetern in den Satz verdreht: „Jeder sorgt am besten für das Gemeinwohl, wenn er seine eigene Lasche
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Heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
(Fottfetzung.) II. Teil.
1. Ein Stern im Erlöschen.
Jedermann, der in der Schule Geographie gehabt hat, weiß, daß Sibirien für Rußland dasselbe ist, waö bei uns die Straf- und Correctionsanstalten sind, so wie die Festungen für militärische und politische Verbrecher. Ja bei dem bloßen Worte Sibirien treten uns gewiß stets zwei Begriffe sofort entgegen: der von einer Kälte, von der wir uns gar keine Vorstellung machen können — und der von unglücklichen russischen Verbannten, die sich unsere Phantasie gewöhnlich in rauhe Pelze gehüllt, mit der Büchse in der Hand hinter einem weißen Hermelin mit schwarzer Schwanzspitze herjagend, malt. So wahr dies Bild stellenweise ist, so paßt es doch nicht auf alle Gegenden Sibiriens, das im Süden sogar auf blumenreichen Steppen das Kameel aufweist, während wir biö zu einem ziemlich nördlichen Punkte noch Getreidefelder wogen sehen und in dichten Fichtenwäldern wandeln können, wie bei uns daheim, wenn auch die Bäume und die Pflanzen darunter nicht alle ein bekanntes Gesicht haben.
Aehnlich verhält es sich mit der Bevölkerung, zu der ja eine Menge eingeborener Stämme zählen, über das ganze Land zerstreut. Die russischen Einwohner gehören weist dem Beamten und Schutzpersonal an, zum größeren Telle aber sind es jene Verbannten und ihre Nachkommen, °ft von vielen Generationen her, die das Land urbar wachen und bebauen, und diese Kolonisten sind die leichtesten Verbrecher. Einen Grad schwerer ist die Strafe der
füllt." Daher hat jede liberale Aera einen Ueberfluß an politischen Gründern, welche diesen Satz in der Praxis auszuführen bemüht sind. Einflußreiche Politiker werden binnen kurzer Zeit Millionäre. Wie wäre das anders möglich, wenn sie sich nicht entweder direkt an dein Staatseigentum vergriffen, oder aber ihre Kenntnis und ihren Einfluß in der Tagespolitik benutzten, um durch geschickte Kombinationen ihren uneingeweihten Mitbürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen? Der Fluch dieser unsittlichen Gesinnung äußert sich überall, wo die Berechtigung zu solcher Ausbeutung von Gesetz und Regierung seine autoritative Anerkennung findet, also überall wo liberale und sogenannte manchesterliche Prinzipien die Herrschaft führen. Dafür bietet jetzt Frankreich wieder einen glänzenden Belag.
Beginnen wir mit dem Träger der populären Ideen, mit dem Vertreter der herrschenden Richtung, mit Leon Gambetta. Der richtige Pariser Bourgeois ist in der Regel Proprieiaire und hat 1871 auf seilen der Versailler gestanden. Er ist radikal und schwärmt für Victor Hugo, was ihn nicht abhält, in gerechte Entrüstung auszubrechen, wenn das Gespräch auf den Tod des jungen Prinzen Na poleon kommt, der vor zwei Jahren ein Opfer seiner Unvorsichtigkeit wurde. Dabei schwört er auf Thiers seligen Andenkens und vor allen Dingen auf Gambetta, und wenn man ihm dann im Laufe des politischen Diskurses die Frage stellt, wie es denn gekommen sei, daß dieser große Patriot ohne irgend ein Handelsgeschäft betrieben zu haben und ohne eine staatliche Dotation empfangen zu haben, sn viele Millionen zusammengehäuft habe, dann antwortet er achselzuckend: „II a aussi vole un peu, *) mais cela ne fait rien.“ Da sieht man, wie die liberalen Grundsätze in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen sind!
Werden in Deutschland nicht auch unzählige liberale Wahlstimmen notorischen politischen Gründern gegeben werden und wird man dies dort nicht ebenso motivieren müssen, wie es hier der Pariser Bourgeois thut? Die weiteren Konsequenzen dieser laxen Moral werden in nicht gar zu weiter Zeit von den vorgeschrittenen Liberalen, den Kommunisten, gezogen werden. — Indessen auch hier empört sich das Rechtsgefühl im Volke hier und da gegen die „liberale Moral" und führt zu Kundgebungen, welche in- tereffante Thatsachen bekannt machen und von einem anderen Gesichtspunkte beleuchten. Das häufige Hervortreten der Volks-Vertreter als Verwaltungsräte von Gründungen aller Art hat renn auch hier schließlich böses Blut gemacht. Besonders viel wird von folgendem Vorfall gesprochen: Bei der Verteilung der kürzlich zu Verkehrszwecken als Staatsschuld aufgenommenen Milliaree drang eine gewisse parlamentarische Clique darauf, auch der französischen Handelsschifffahrt eine wirksame Staatshilfe zu verleihen, weil sonst
*) Zuerst bei der Morgan'schen Anleihe.
mühsamen Pelzjagd, die den Verbannten mehr in die nördlichen Regionen treibt; die furchtbarste Strafe aber soll die Arbeit in den Bergwerken sein, die einen Hauptreichtum Sibiriens Silben.
So weiß die russische Regierung zu gleicher Zeit die reichen Quellen dieses scheinbar so wenig ergiebigen Gebiets auszubeuten mit möglichst wenig Opfern ihrerseits, — und sich aller Elemente zu entledigen, die in einem Staate — gerieten. Da nur in neuerer Zeit jecer öffentliche Thunichtgut außerdem noch nach Sibirien wandern muß, so sollte man meinen, eö blieben in Rußland selbst nur lauter halbe oder ganze Engel übrig, doch wollen „Wohlunterrichtete" wissen, daß dieser Schluß nicht ganz zutrifft; nun, wir haben cs nur vom Hörensagen. Und nun zu unserer Geschichte.
Tobolsk, das ziemlich in der Mitte zwischen dem nördlichen Eismeer und der Südgrcnze Sibiriens am Tobol liegt, in einer reizlosen flachen Gegend, ist die Hauptstadt des Landes und Sitz des Gouverneurs und der Provinzialoder wohl eher Colonialregierung.
In einem reich ausgestatteten Zimmer dcö Gouver- uementSpalasteS, das indessen seiner Einrichtung nach ein Arbeitszimmer war, standen zwei Offiziere in russischer Uniform einander gegenüber. In dem einen mit einer hohen imponierenden Gestalt, aber offenen, freundlichen Zügen, erkannte man sofort den Gouverneur; der andere, der einen niedrigeren Rang bekleidete, verriet in feinet streng militärischen Haltung und dem dienstlichen Tone, womit er einen Bericht abstattete, keinen einzigen individuellen Zug, aus dem man auf seinen Charakter hätte schließen können, er war eben in diesem Augenblicke nur der Soldat nach kaiserlich russischem Reglement. Am Schluß seiner Rede
die Schiffsrheder zu Grunde gehen müßten. Sie setzte e» durch, daß die Kammern auf die Dauer von sechs Jahrm sechs Millionen zu Prämien für bie Ausrüstung von Handelsschiffen aussetzten. Jetzt veröffentlicht die „Societe de Banque de credit“ eine Einladung zur Zeichnung von 20,000 neuen Aktien der französischen Dampfschiff- Transport-Gesellschaft und fetzt dabei auseinander, daß bie obenerwähnte Staatshilfe einem Mindestgewinn von 9 bis 10 pCt. sichere. Die Gesellschaft brauche künftig nur ihre Kosten decken und könne trotzdem, dank der Staatshilfe, noch mindestens die genannte Dividende erzielen. Der Vorsitzende dieser Gesellschaft ist der Senator Cherpin, der Hauptfaiseur Der betreffenden Vorlage im Senat . . .
Das ist nur ein Fall von unzähligen. Er besonders hat den Senator Salncuve bewogen, im Senat den Antrag zu stellen, daß jedem Senator untersagt wird, das Amt von Verwaltungsräten finanzieller Unternehmungen zu bekleiden. In der Deputiertenkammer ist B. Raspail noch weiter gegangen, indem er den Antrag gestellt, daß ein Abgeordneter, dessen Name in einem Finanzunternehmen figuriert, seine Entlassung aus der Kammer nehmen muß. Vorläufig werden ja diese Anträge noch ohne praktischen Erfolg bleiben. Auch habm viele Abgeordnete und Senatoren, welche sich besonders getroffen fühlen, Redakteure wegen Verleumdung verklagt oder gefordert. Es scheint, als ob auch hier nach Berliner Muster eine Verleumdungsära auf die Gründerära folgen solle. Schreiber dieses, fühlte sich wenigstens heimatlich angehaucht und 8 Jahre zurückversetzt, als er heute folgende Zeilen im „Rappel" las: „Wir sehen hier einen Senator, der auf Straßenplakaten den Aktionären mitteilt, daß er ein sicheres Mittel gefunden habe, den Staat zu betrügen (auf legalem Wege). — Wir haben eine t GründerprospektuS gesehen, auf dem ein Name folgenden Beisatz trägt: „Berichterstatter für das Gesetz über die Handelsmarine." — Wir sehen einen Deputierten, der nicht Ingenieur ist und überhaupt mit dem Straßenbau gar nichts zu thun hat, dennoch in den Blättern anzeigen läßt, er reise nach der Schweiz ab, um einen neuen Alpendurchstich zu studieren. Wir sehen endlich eine Menge Volksvertreter, welche ihren Namen als Lockspeise für unsaubere Unternehmungen hergeben. Wenn dieser Unfug immer fortgeht, so möchten die Wähler glauben, man bewerbe sich um das Depntiertenmandat, um Geschäfte zu machen und trete in die Kammer wie in bett Börsen- tempel."
Ich ließ das Blatt fallen und mußte mir die Augen reiben um meine Bestttnung wieder wach zu rufen. Es war mir nämlich gerade so, als ob ich in Berlin in den Februartagen des Jahres 1873 wäre und hätte eben Laskers berühmte Rede gegen die Gründer gelesen. Ja, alles wiederholt sich nun im Leben und schwer ist es satiram non scribere! (R.-B.)
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überreichte er dem Gouverneur zwei Schreiben, ein großes, amtlich aussehendes, das dieser gleich öffnete und rasch überflog, und ein kleineres, das ein Privatbrief zu fein schien. Dies las er mit großer Aufmerksamkeit, wobei seine Züge einen wechselnden Ausdruck von Teilnahme, Bedauern und halb unterdrückter Entrüstung annahmen.
„Mein Freund, der General v. Eisenschwert" sagte er, „legt mir den Gefangenen recht warm ans Herz, und ich muß gestehen, daß ich nach allem, waS ich bis jetzt von feinem Prozeß weiß, meines Freundes Ansicht teile, daß sein Vergehen weder criminell noch politisch ein Verbrechen ist, ja kaum ein Disciplinarverbrechen genannt werden kann; denn wenn man jeden Offizier, der einen Bauern ohrfeigt; nach Sibirien schicken wollte, würde die Armee bald dezimiert fein; und nur so kann ich Gelderns Handlung ansehen."
Der Offizier antwortete in einem wärmeren Ton alS bisher: „Die Herren vom Kriegsrat befanden sich in einem sehr schwierigen Fall, da der Lieutenant von Geldern für einen der tüchtigsten und achtbarsten Offiziere gilt, während der Oberst bei Hoch und Niedrig verhaßt ist, und doch durfte man seine Anklage nicht zurückweisen um der Disziplin willen."
„Ich verstehe, für den Augenblick mußte dem Oberst Geuugthuung geschehen, und während er in einem anderen Laude vielleicht mit einigen Monatm Festung weggekommen wäre, reißt man hier den jungen Mann aus seinen Verhältnissen, aus seiner Saniere und läßt ihn seine frische Jugend in diesen Einöden vertrauern. Aber", fuhr er fort, indem der düstere Schatten, der sich auf seine Stirn gelagert, wich, „man hat mir zum Glück das Spiel in die Hand gelegt, denn die Länge feiner Haft soll von meinen