Marburg, Sonntag, 24. Juli 1881.
für. 171
XVI. Jolrgaig
AklMche jfitimo
M- tc.
Heimatlos.
Erzählung von I. C. Pauli.
(Fortsetzung.)
Napoleon hielt noch an derselben Stelle, als die Schlacht so rasch abgebrochen ward, doch ehe er sich hinweg begab, winkte er den heldenmütigen Tambour zu sich. „Alexander", sagte er, denn sein Adlerblick hatte den Knaben wiedererkannt, „Du hast gekämpft, wie es einem Soldatm „der großen Armee" zukommt, von heute ab bist Du nicht mehr Tambour, sondern trittst in das Regiment, das Du durch Deinen Mut angefeuert hast. Damit Dir es aber nicht an der nötigen Ausrüstung fehlt, hast Du hier ein Schwert, Dein Kaiser reicht es Dir mit eigener Hand; nur der Tod trenne Dich von demselben, mußt Du eS aber vorher in eine andere Hand legen, so befleckst Du nicht nur Deine Ehre, sondern auch die Deines Kaisers." Mit diesen Worten sprengte der Monarch flüchtig salutierend davon, ohne den Dank des jungen Soldaten abzuwarten, dessen Brust die höchsten Gefühle der Freude und des Ehrgeizes schwellten. Ja, ehrgeizig war unser Alexander als ein echtes Kind des Lagers unter den französischen Adlern. Seine Gedanken flogen hoch hinauf über alle Adler hinweg, war doch der Kaiser selbst ein sprechender Beweis von dem, was Ehrgeiz und Ruhmbegierde auS einem Manne machen können, und hatte er ihn nicht oft lAbst sagen hören: „Franzosen, jeder Soldat trägt den Marschallstab in seinem Tornister!"
Ja, Napoleon war ein großer Man«, und Alexander wollte auch ein großer Mann werden! Wir werden 'Ehen, wie viele von feinen Hochfliegendm Pläne das Seien erfüllte I
— -___K K.nnnhM" Th.
Suwaroff, der greise wetterharte Oberfeldherr der Russen, schwenkte mit seiner Armee links von Moskau ab und ließ dm erstaunten Franzosen die Straße nach der heiligen Hauptstadt vollständig frei. „Natürlich fürchtet er sich vor mir" dachte Napoleon.
Am 14. September 1812 stand die große Armee unter den Mauem Moskaus, wo sie halt machte. Napoleon, von seinem Generalstab umgeben, ritt gemessenen Schrittes vor bis auf eine geringe Entfernung von den verschlossenen Thorm. Jeden Augenblick erwartete er, sie würden sich öffnen, und eine Deputation würde erscheinen, um Unterwerfung zu geloben und um Frieden zu bitten, und er überlegte wieder und wieder seine längst ausgedachten Be- dingungm. Aus diesen angenehmen Träumm wurde er aufgerüttelt durch einen seiner Generäle, der heran ritt und in ehrfurchtsvollem Tone sprach: „Majestät, die Thore bleiben verschlossen, wollen Hochdieselben vielleicht weitere Befehle erteilen
„So werden wir sie mit unseren ©arbeit öffnen," rief der Kaiser.
Die Garden rücktm vor, aber siehe da, zum größtm Erstaunen der Armee gaben die Flügel sofort nach, und Moskau lag geöffnet vor ihnen. Selbst auf dem eifernen Antlitze des Meisters in der Selbstbeherrschung, Napoleon, zeigte sich die Verwunderung über tiefen Vorfall, doch bald nahmen seine Mienm einen triumphierenden Ausdruck an, und er sagte zu feinen Feldherren:
»Der Feind muß sich doch recht schwach fühlen, daß er nicht einmal seine Hauptstadt verteidigt."
Das Staunen des Kaisers und feiner Krieger steigerte sich von Augmblick zu Augenblick, als es auf den Straßen totenstill blieb, die Häuser waren »erschlossen, Plätze,
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Die Exped. vberh. Zeitung.
Deutsche Kolouial-Projette.
Seitdem die beiden Werke: „Bedarf Dmtschland der Kolonieen? von Dr. Fabri" und „Überseeische Politik, von Dr. Hübbe-Schleiden" kurz nach einander erschienen, sind, hat die Literatur über deutsche Kolonialpolitik sich rasch vermehrt. Das darf als ein Zeichen dafür gelten, wie sehr in unserem Volke das Bewußtsein erwacht ist, daß das aus seiner politischen Ohnmacht erwachte deutsche Reich nicht länger Wege wandeln darf, auf welchen feine Glieder bei der ehemaligen Kraftzerplitterung zu verharren genötigt waren. Die Ausführungen Fabri's dringen auf die Ergreifung einer würdigen, in ihren Zielen sicheren, in den deutschen Zuständen begründeten Stellungnahme in den Fragen überseeischer Ansiedlung, bevor es damit — verhängnisvoll für das Vaterland — zu spät ist. Auch Hübbe-Schleiden steht eine Gefahr in den jetzigen Zuständen, wo alle großen Nationen sich bedentende Kolonieen erworben haben und das volkreiche Deutschland noch mit leeren Händen dasteht. Ihm geht aber allerdings die Kultivierung fremder Menschenracen und Länder noch über die Kolonisationsfrage an sich. Beide Autoren stellen aber die ideale Auffassung in den Vordergrund, sind sich bewußt, daß jeder Einfluß hinsichtlich der Auswanderung und überseeischen Politik den Kulturzwecken, nicht der politischen Machtfrage zu dienen berufen ist. Mit den Kulturaufgaben verbinden sich ganz naturgemäß die wirtschaftlichen Interessen. Und wenn dies durch Fabri und Hübbe- Schleiden noch nicht genug aufgeklärt sein sollte, so geben dafür die neuerdings von Rümelin beigebrachten Nachweise gewiß den Ausschlag. Rümelin hat sogar schlagend nachgewiesen, daß Deutschland schon auS Rücksicht auf seine große Bevölkerungszunahme veranlaßt werden müsse, die Frage der Errichtung von Kolonieen nicht auS den Augen zu lasten. Ganz entschieden zeigt uns aber auch der Gang unserer Industrie und unseres Handels, die ewige Nachfrage nach billigen Rohprodukten und neuen Absatzgebieten, auf das Ausland, auf die Errichtung von Kolonieen. Daß also der Besitz derselben von höchstem Werte für das lebenskräftige deutsche Volk wäre, ist von idealem, kulturhistorischem und wirtschaftlichem Standpunkte aus erwiesen, und eS handelt sich ostenbar in der deutschen Kolonialfrage nur noch darum, die Zweifel und Bedenken
nicht das erste Mal sein, wenn die „Germania" sowohl als auch die Fortschrittspresse in nächster Zeit durch positive Nachrichten in dieser Richtung überrascht werden sollten.
DaS Großherzvglich hessische „Regierungsblatt" veröffentlicht unterm 19. Juli eine Verordnung, durch welche „zu beirätlicher Mitwirkung in Eisenbahn-VerkehrSfragen" aus Vertretern deö Handels, der Gewerbe und der Landwirtschaft ein Eisenbahn-Beirat gebildet wird. Dieser besteht unter dem Vorsitze eines von dem Ministerium der Finanzen zu bezeichnenden Beamten aus 12 Mitgliedern, von welchen die Provinzial-Ausschüste der drei Provinzen, die sechs Handelskammern des Landes und die landwirtschaftlichen Provinzial - Vereine für die drei Provinzen je einen Vertreter nebst einem Ersatzmann auf die Dauer von drei Jahren wählen, ohne bei der Wahl auf ihre eigenen Mitglieder beschränkt zu sein. Die Mitgliedschaft ist ein Ehrenamt, indessen können Reisekosten und Diäten den Mitgliedern aus den Kassen der sie wählenden Korporationen gewährt werden. Zu den Verhandlungen können Mitglieder von Verwaltungen der im Graßherzogtum betriebenen Eisenbahnen, Vertreter anderer Staatsbehörden und sonstige Staatsbehörden zugezogen werden. Der Beirat wird nach Bedürfnis, in der Regel zweimal im Jahre, je vor Beschlußnahme über die Fahrpläne, fodann solche Fragen der Bahntarife und des Betriebes, insbesondere auch der Bahnbetriebs- und Polizeireglements zu erörtern, welche von der Regierung vorgelegt oder von einem Mitgliede in Anregung gebracht werden.
In Italien giebt sich jetzt eine weit freundlichere Stimmung gegen Oesterreich kund. Die „Jtalie" weist in einem Telegramm aus Wien auf die „sehr freundschaftliche Haltung der österreichischen Presse gegen Italien" als auf eine allgemein „bemerkte Wendung" hin und auch der „Diritto", dessen Verbindungen mit der Regierung bekannt sind, betont besonders die „Friedensmission" Italiens, worunter aber eine festere Anlehnung an Oesterreich und Deutschland verstanden wird.
DaS Verhältnis zwischen der Pf o rte und F r ank- r e i ch wird zusehends schlechter. Das Verbot französischer Blätter für das Gebiet der Türkei ist in Frankreich sehr übel vermerkt worden und das Organ Gambettas bedroht die Türkei mit Gewaltmaßregeln, indem es in der „Re- publiqe fran^aise" heißt, „daß man den Sultan zur Raison zu bringen wissen werde".
Aus Durban ^pird dem „Standard" vom 18. ds. gemeldet: „Telegrammen aus Pretoria zufolge gewähren die Bedingungen der Konvention, wie solche von der nieder- gesetzten königlichen Kommission vereinbart worden, den B o e r e n das Recht, einen Volksrat und einen Präsidenten ju wählen. Der Vertrag behält dem Suzerän das Recht der Kriegserklärung vor. DaS ganze Transvaal wird den Boeren zurückgegeben, die Bedingung hinsichtlich einer neu- Straßen und Gasten wie ausgestorben. Napoleon und der Stab begaben sich in den Kreml, den fie ebmfalls verlassen fanden; und sie richteten sich in dieser prächtigen Burg der Zaren, die einen Stadtteil für sich bildet, häuslich ein.
Indessen hatten die Soldaten die Häuser aufgebrochen und nach Lebensmitteln durchsucht. Bemard hatte seine Frau und seinen Sohn zu sich genommen und betrat mit ihnen ein hübsches, kleines Haus, das an einem der größten Plühe lag. Sie fanden eine bequeme, gemütliche Einrichtung und überließen sich einige Augenblicke lang dem Bedürfnisse der Ruhe auf den einladenden Polstern.
„Nein, eS ist kalt hier, Kinder," sagte Bemard aufstehend und schüttelte sich, „wozu ist der große Ofen bort in ber Ecke, wollen doch gleich einmal sehen, wie es darin ausschaut."
„Und ich habe tüchtigm Hunger," rief Alexander „Mutter, koche unS doch Deine guten bairischen Knödel, ich will sehen, ob ich nicht Mehl und Eier und Speck stnde, nicht war, Mütterchen, Du machst Knödel," schmeichelte der neugebackene Soldat mit dem Schwerte des Kaisers.
„Geh nur," lachte die Mutter, „ich habe schon die Küche e »deckt und will mir ein paar Schüsseln holen."
Bei diesen Motten verließen Mutter und Sohn in verschiedenen Richtungen das Zimmer, und der Vater machte die große Ofenthür auf. „Die Herren Rusten haben eS ihren welschen Gästen ja recht bequem gemacht," sagte er lachend zu sich selber, als er im Feuerloch alles zurecht gemacht fand. Bemard schlug Feuer mit Stabl und Stein und steckte das Reisig in Brand, bann ging er hinaus, um noch mehr Holz zu suchen.
S-ttsetzung folgt.)
S zerstreuen, welche man hinsichtlich bet Kraft unb Ge- icklichkeit des deutschen Volkes in bezug auf die Ausführung der Kolonialprojekte noch hegt. Richtig ist eS ja, baß nicht jebeS Volk die Kraft, Ausdauer unb Fähigkeit besitzt, Kolonieen mit Erfolg anzulegen und daß die allgemeine Tüchtigkeit der deutschen Nation nicht unbedingt die Existenz eines bedeutenden Kolonisationstalentes verbürgt. Aber sind wir denn in bezug auf die Kolonialwirtschaft wirklich so ganz ohne Erfahrung und Praxis? Haben wir nicht in unserem Volke einige hunderttausend Angehörige, welche bereits mit Erfolg Kolonialwirtschaft getrieben haben? Wir meinen damit nicht etwa deutsch: Auswanderer, nein, Glieder unserer Natton im Vaterlande selbst. Es sind dies die Hanseaten, bie bereits im Mittelalter bedeutende deutsche Kolonieen im Auslande errichteten, und die noch heute durch die Existenz der mächtigen Seehandelsplätze Hamburg unb Bremen ihre Lebenskraft beweisen. Tausende und aber Tausende deutscher Pioniere haben von den Hansestädten aus feit Jahrhunderten die überseeischen Länder durchstreift, dort Ländereien erworben, Kulturen angelegt und Handelsverbindungen angeknüpft, und man kann wohl sagen, daß unsere gegenwärtigen hanseatischen Pioniere ebenso gut wie die Engländer, Holländer, Spanier und Portugiesen wissen, was zu einer erfolgreichen Kolonialwirtschaft gehören muß und was in dieser Beziehung gerade den deutschen Kolonisten am meisten frommte. Jedenfalls ist es an der Zett, daß die deutsche Nation Verständnis und That- krast für eine gesunde Kolonialpolitik in der Jetztzeit an ben Tag legt unb bann wird wohl auch die Reichsregierung ihren mächtigen Arm zur Stütze bieten.
Wochen s Übersicht.
Aus Gastein liegen über den Gesundheitszustand Sr. Majestät des Kaisers sehr günstige Nachrichten vor. Allerhöchst derselbe badet täglich unb erfreut sich — gestärkt durch diese Bäder unb burch längere Spaziergänge — beö besten Wohlseins..
Auch das Allgemeinbefinden I. Maj. der Kaiserin läßt, Mitteilungen auS Koblenz zufolge, nichts zu wünschen übrig, wenn auch bie vollständige Wiederherstellung noch immer einige Wochen in Anspruch nehmen dürfte.
Fürst Bismarck erledigt in Kissingen bie laufenden Geschäfte in altgewohnter rastloser Weise und soll von seinem neuralgischen Leiden in letzter Zeit so ziemlich verschont geblieben sein. Wenn bie liberale Presse bezüglich ber Nachricht über neue Verhandlungen mit Rom ganz aus dem Häuschen geraten ist und neuerdings in der „Germania" eine Bundesgenossin gefunden hat, so kann dieser Thatsache gegenüber nur darauf hingewiesen werden, daß die Zeit ja lehren wird, wie es in dieser Beziehung zwischen Deutschland und Rom steht. Es würde übrigens