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Marburg, Sonntag, 10. Juli 1881.
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Olierheßschk Zütm
Anzeigen nimmt' entgegen die Expedition b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaur
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Illustrirtes Sonntagsblatt
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MK“ Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß die Oberhesfische Zeitung das einzige hiesige Blatt ist, welches mit dem Wölfischen telegraphischen Correspondenzbureau in Verbindung steht und daß dieselbe dadurch im Stande ist, alle wichtige» Ereignisse sofort mitteilen zu können.
Die Gxpkd. d. Oberh. Zeitung.
Was bezweckt die Wirtschafts- und Steuer-Reform des Fürsten Bismarcks
IV.
Daß die Steuerreform auf die Wirtschaftsreform eine heilsame Rückwirkung ausübcn muß, ergiebt sich von selbst, unr> ist im Vorhergehenden wiederholt betont worden. Es liegt doch auf der flachen Hand, daß die einheimische Produktion sich besser steht, wenn sie vor übermäßiger Konkurrenz von feiten der fremdländischen geschützt wird. Wir werden für unser Korn, für unser Vieh einen besseren Absatz haben, wenn fremde Länder uns nicht mehr mit billigem Korn und billigem Vieh mafienhaft überschwemmen können. Die nationale Arbeit wird nicht mehr um den Lohn ihres Fleißes betrogm, wenn die fremden Waaren mit Eingangszöllen belegt sind. Wir brauchen hinfort nicht mehr „billig und schlecht" z.l arbeiten, um nur einigermaßen gegen die importierten Fabrikate aufzukommen. Durch den Eingangszoll, den selbstverständlich und gerechterweise das Ausland trägt, wird der einheimische Markt geschützt, den einheimischen Waren ein reicherer Absatz eröffnet. Daö wissen unsere Nachbarn recht gut, darum sind sie Schutzzöllner.
Aber es ist noch Größeres zur Hebung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse geplant und einiges auch schon erreicht.
Um sachverständige, mitten im Leben stehende und praktische Ratgeber zu haben, hat Fürst Bismarck den Bolkswirtschaftsrat gebildet. Demselben sollen Vertreter der Industrie, des Gewerbes und der Landwirtschaft angehören, Handwerker und Bauern sollen darin auch zu Worte
Musikalisch.
Novelle von L u d o v i c a H e s e k i e l.
(Fortsetzung.)
Ich sah mich in den nächstfolgenden Tagen mehrmals nach ihm um, er pflegte den Kranken abwechselnd mit der Mutter; am achten Tage war dieser tot, ich fand Aveyron an seiner Leiche, er legte einen Kranz auf die Brust deS Toten, so leise, so zart und sagte: Eine Leiche ohne Blumen steht so traurig aus. Seit jenem Tage kannte ich Aveyron nnd liebte ihn; hauptsächlich der Gedanke an ihn bewog mich, dem Rufe Folge zu leisten, der hierher an mich erging."
Frau Louise ließ daS Kinderjäckchen fallen, an dem ste nähte; sie nähte eigentlich immer Kinderzeug, denn die Familie des Professors zählte jedes Jahr ein blondes oder braunes Köpfchen mehr, zuweilen auch zwei. Sebaste aber schaute mit großen feuchten Augen in die Weite.
„Nun habe ich berichtet," nahm Ehrenfried nach einer Pause das Wort, „jetzt fordere ich Revanche, meine Gnä- bigste, jetzt erzählen Sie mir von Ihrer Freundschaft mit Aveyron, denn bei seinem verschlossenen Charakter wird es Sie nicht wunder nehmen, daß ich davon nichts weiß."
„Kennen Sie die Geschichte seiner Kindheit und Jugend?" fragte Frau Louise und nähte schon wieder eifrig, während SebasteS schöne, schlanke Hände übereinanderlagen.
„Wenig," entgegnete Bruno, „nur, was ich aus einigen hingeworfenen bitteren Bemerkungen schließen konnte!"
„Sein Vater," erzählte Frau Louise, „mußte früh wegen Schulden und anderer noch weniger ehrenvoller Gründe den Abschied nehmen; er verließ seine Garnison nnd zog abenteuernd umher; bei allem Haß und aller Verachtung des Adels, mit der unsere Zeit sich so ost
kommen und ihre Interessen geltend machen. Die Parlamentarier von Beruf, die gelehrten Herren mit ihrer grauen Theorie, können von all diesen Dingen nicht die nötige Kenntnis besitzen. Denn dergleichen läßt sich nicht aus Büchern lernen und am Schreibtisch auötifteln. Wer vorzugsweise zwischen Büchern, Häusern und Zeitungen seine Tage verbringt, verliert nur allzu leicht den Blick für das wirkliche Leben, namentlich für die Bedürfnisse des platten Landes und die Nöte des mittleren Standes der Bauern und Gewerbtreibenden. Die Parlamentarier sind freilich auf diese Institution schlecht zu sprechen. jSie fürchten sich vor dem Volkswirtschaftsrat, da sie nun in wirtschaftlichen Dingen nicht mehr allein das große Wort führen und so leicht an Einfluß und Macht verlieren können. Ihre Macht steht ihnen immer höher als der Vorteil des Landes. Das bringt ihr Geschäft so mit sich. Kein Wunder, daß die Liberalen die Mittel für Erhaltung der neuen Einrichtung abgelehnt haben. Es wird ihnen nichts helfen.
Von außerordentlichem Segen wird das Unfall-Versicherungsgesetz werden, das leider die Liberalen zu Falle gebracht haben. Der Arbeiter in den Fabriken muß meist von der Hand in den Mund leben. Wenn er arbeitsunfähig geworben ist — unb wie bald nutzen in den weitaus meisten Fabriken seine Kräfte sich ab! — so steht ihm ein sorgen- und kummervolles Alter bevor. Vor allem aber, er ist durch die Maschinen den größten Unfällen an Leib und Leben ausgesetzt, gegen welche ihn das bisherige Haftpflichtgesetz nur sehr ungenügend schützte. Auch die Landwirtschaft wird vielfach schon mit Maschinen betrieben; darum ist es in der Ordnung, daß auch die ländlichen Arbeiter tu das Versicherungsgesetz gegen Unfälle mit einbegriffen werden. Diese Versicherung den Privatgesellschaften zu überlassen, empfiehlt sich durchaus nicht. Denn das kostet dem Arbeiter zu viel und die Unternehmer wollen und müssen verdienen. Darum tritt besser der Staat ein, der nicht verdienen will und nicht zu verdienen braucht, sondern vielmehr noch einen erheblichen Zuschuß leisten will. Solche große HülfSkassen als Reichsanstalt zu gründen, dahin geht das Bestreben des Reichskanzlers. Sollte man es für möglich halten, daß der Fortschritt, Secessio- nisten und Nationalliberale einer solchen nationalenWohl- thätigkeits-Austalt entgegen sind? Dennoch widersprechen ste dem guten Plan nach Kräften. Warum? Weil ste sagen: wenn der Staat die Sache in die Hand nimmt, so betritt er das Gebiet deS Socialismus. DaS ist einfach lächerlich, ebenso lächerlich, als wenn Die Socialdemokraten sagen: nun hat Bismarck nicht uns, sondern wir haben Bismarck. Wie in jedem kräftigen Irrtum, so steckt auch in den Forderungen der Sozialisten ein Körnchen Wahrheit, nämlich die Wahrheit, daß die Schwachen und Geringen Anspruch haben auf die Fürsorge der Starken und der Neichen. Der Staat soll nicht bloß alles gehen unb geschehen lassen, er
brüstet, ist ein vornehmer Name dennoch für ste etwas Ungeheures, der spanische Grafentitel AveyronS — die Familie war übrigens seit einem Jahrhundert in Deutschland naturalisiert — hat ihn ernährt und nicht einmal schlecht, ob immer auf die edelste Weise, ist eine andere Sache."
„Aber um Himmelswillen," unterbrach Ehrenfricd die Sprecherin, „wie ist daö möglich."
„Man setzte ihn an die Spitze von Aktien-Unternehmen," erklärte der Professor, der in Welthändeln gar nicht so unerfahren war, wie es manchmal den Anschein hatte, „daö heißt, man gab ihm eine Summe und setzte seinen Namen in die Prospekte. Oder er unterschrieb die Empfehlung eines neuen Geheimmittels; was dem Herrn Grasen Aveyron geholfen hatte, das mußte man doch versuchen; wieder erhielt er für den edeln Namen seiner Väter eine hübsche Summe."
„Aber das ist infam," rief Ehrenfried, „Schacher treiben mit seinem Namen."
„Wissen Sie denn nicht, lieber Kollege", erwiderte der Professor, während ein trübes Lächeln seine geistvollen Züge überflog, „daß Weiber und Aristokraten, wenn sie einmal anfangen zu sinken, auch ganz versinken."
„Schließlich gelang es dem Herrn Grafen," erzählte Frau Louise weiter, „eine hübsche frische Dirne zu heiraten. Sic war eine Bauerntochter, Bildung besaß sie nicht, aber sie wollte gern Frau Gräfin werden, Eltern hatte sie nicht, schweren Herzens gab der Vormund den schönen Hof heraus, den ste sogleich verkauften. Können Sie sich nicht denken, wie's kam? nach ein paar Jahren waren ste fertig, er obendrein ein siecher Mann und das Kind hatten ste dazu. Er war veUvren leiblich und moralisch, an ihr war
soll nicht bloß die wohlhabenden großen Leute beschirmen, sondern er soll seine schirmende Hand besonders über dem armen und kleinen Mann halten: das ist ein ernstes Gebot praktischer Staatsweisheit und werkthätigen Christentums. Schutz der Gesellschaft und des sogenannten vierten Standes der Handarbeiter verlangt nicht den Umsturz aller Ordnung, keine Revolution, keine Abschaffung des Eigentums-und wie die hirnverbrannten Forderungen der Socialdemokraten alle heißen; Schutz der Arbeiter ist sogar am leichtesten unb allein möglich innerhalb fester staatlicher und gesellschaftlicher Ordnungen, die der Liberalismus nicht hätte zerschlagen sollen, seiner Theorie vom Gehen- und Geschehenlassen zu Liebe. Wir zweifeln nicht daran, daß der Staat gerade durch das UnfallverstcherungSgesetz der Socialdemokratie erheblich Abbruch thun wird. Die Social- Demokraten haben gezeigt, daß sie von all ihren glänzenden Versprechungen keine einzige erfüllen können; die Arbeiter müßten geradezu mit Blindheit geschlagen fein, wenn sie sich dem Manne nicht zuwenden wollten, der ihre berechtigten Wünsche erfüllen kann und will. Sie werden über kurz oder lang schon einsehen, wo ste ihre besten Freunde zu suchen haben und wo nicht.
Die Bahn einer ersprießlichen Gewerbegesetzgebung ist durch die Jnnungsvorlage betreten. Die Deutschen Konservativen Dürfen, ohne anmaßend zu erscheinen, sich das Verdienst beimessen, die Jnnungsfrage zuerst angeregt und in Fluß gebracht zu haben. Ihnen hat Die Auflösung Der gesellschaftlichen uuD gewerblichen Ordnungen stets mißfallen, weil dadurch Die menschliche Gesellschaft selbst zersetzt unb Der Zuchtlosigkeit Thür und Thor geöffnet wirD. Um auf Den Ruinen, Die von tret Zerstörungskunst Des Liberalismus zeugen, eine neue und dauerhafte Ordnung aufzubauen, ergriffen die Konservativen schon vor Jcchren die Jnnungsfrage. Sie glaubten Dadurch dem Handwerkerstände zur Wiedergewinnung feines goldenen Bodens behülflich zu sein oder ihm wenigstens wieder auf Die Beine zu helfen. Soll Das HanDwerk blühen, so Darf nicht jeder Pfuscher kraft Der Gewerbefreihcit das Ansehen des Standes und Die KunDfchaft verDerbe«. JeDer muß sein Geschäft grünDlich erlernen unD es muß eine Instanz geben, Die Dieses Erlernen zu prüfen unD zu Überwachen hat. Leider haben die Liberalen Den Paragraphen von Der obligatorischen Lehrlingsprüfung wieDer ans Dem Gesetze herausgestimmt. Auch obligatorische Innungen haben wir noch nicht erlangen können; wir müssen uns einstweilen mit fakultativen begnügen. An eine Wiederbelebung alter abgestorbener Formen wird dabei nicht gedacht, die Zeit der Zünfte ist vorüber. Aber es sollen sich Vereinigungen und Genossenschaften bilden, die mit gewissen Befugnissen und Rechten ausgestattet sind um ihre Mitglieder zu schützen und sich gegenseitig zu unterstützen und in ihren Interessen zu fördern. Die Handwerker-Vereine, in Denen ab und zu ein Vortrag
noch ein gesunDer Zug unD sie war Mutter. Von den Resten ihres Gelees erstanD sie einen Wagen unD ein Pferd; jeder Morgen sah sie zum Thor hereinsahren mit ihren Milchkannen, jeder Abend hinaus zum Dors, wo sie in einem kleinen Hause wohnten, das uns Stadtkindern eine lebendig gewordene Idylle schien. Weißt Du noch, wenn wir sie draußen besuchten, Baste?"
Das junge Mädchen nickte, aber wie ein leiser Schauer schien es durch ihre Glieder zu rinnen.
„Franz mußte ste zur Stadt begleiten, wenn es irgend anging," fuhr Frau Louise fort, „so kam er auch in unser Haus, ein düsterer menschenscheuer Knabe, der in ohnmächtiger Wut Die Fäuste ballte, wenn sie seine Mutter spottenb Die Milchgräfiu nannten. Seltsam", unterbrach sich Die Erzählerin, „er zürnte so bitter über diesen Spott, er verdankt seiner Mutter so viel, sie hat ihn unb seinen Vater mit Fleiß unb Treue ernährt, unb doch, ich bin überzeugt, im Grunde seines Herzens hat er nicht sie, sondern den Vater geliebt."
„Wie ist das möglich?" fragte Ehrenfried; jetzt aber nahm Sebaste das Wort. „Ich begreife es; der alte Graf o verkommen und moralisch verbammlich er auch gewesen ein mag, war ein hinreißend liebenswürdiger Mensch, mmer sanft unb gut gegen Weib unb Kind; wie oft sah ch ihn Die rauhe Hand seines Weibes küssenb mit Der Galanterie eines altfranzösischen Hofmanns; ich war ein zehnjähriges Kind damals, aber ich weiß es wie heute. Ich war ja auch mehr Draußen, einmal einen ganzen Sommer, gleich nach Deiner Verheiratung, unb ich habe es gut bei ihnen gehabt, Franz war damals schon fort, aber mir wurde es damals klar, warum er den Vater mehr liebte als die Mutter. Der Vater hatte sein Talmi ent.