Str. 112
Marburg, Dienstag, 21. Juni 1881.
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anjeigen nimmt entgegen: He Expedition d.vlattes, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & So. in jkaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Logier in ^au!>urt o. M., Berlin, Zeip-iz, CLln Rudolf Lisffe in Berlin, Frank» fnrt a. M. rc.
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Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.
Kürst Bismarck und die Parteien.
Unter dieser Ueberschrift bringt der „Schwab. Merkur" nachfolgenden beachtenswerten Artikel:
Der Zersetzungsprozeß innerhalb unserer Parteien ist noch lange nicht beenvet; jede neue Abstimmung im Reichstag beweist im Gegenteil, daß wir uns noch inmitten der Gährung befinden. Fast keine Partei ist von diesem unruhigen Prozeß ausgenommen; am sichersten stehen die extremen Flügel, am schwankendsten die nach der Mitte hinneigenden Gruppen. Die Ursache dieser unerquicklichen Lage liegt wesentlich an der Veränderung, die sich vollzieht in den staatsmännischen Aufgaben dec Zeit überhaupt. Diesem Zug muß Regierung wie Volksvertretung folgen; es scheint aber, als sei sich Fürst Bismarck desselben viel mehr bewußt, als die meisten politischen Köpfe. Diese hervorgehobene Veränderung der staatsmännischen Aufgaben der Zeit ist nichts anderes als die Verschiebung des Schwerpunkts alles polittschen Sinnens und Denkens auf die soziale und wirtschaflliche Reformarbeit. Bislang hat der Schwerpunkt, man kann sagen von 1848 bis in die Mitte der 1870 er Jahre hinein, in Deutschland vollständig auf den staatsrechtlichen, juristischen und historisch-politischen Fragen beruht. Mehr oder weniger war dieses auch bei den anderen Rationen der Fall. Seit 1870 ist aber eine in Europa früher nicht vorhandene Konsolidation und Abrundung der Nationen cingetreten und damit das Programm vieler Parteien, deren eigentlicher Lebenszweck eine solche nationale Befestigung war, erschöpft worden. Diese Erschöpfung des Programms hat man ja auch an unserer großen liberalen Partei erlebt; man braucht nur die letzte Erklärung des heutigen Rumpfes der nationalliberalen Partei auf ihren programmmäßigen Inhalt zu prüfen, um sich davon zu überzeugen. Es fehlt darin zu sehr der große Gesichtspunkt, der Blick auf die Ziele der Zukunft; das Gefühl für die immer stärker das Volk ergreifenden realen Dinge und Bedürfnisse. Man vergegenwärttge stch, daß unsere staatliche Gesetzgebung, unsere ganze Zivilisation erst noch einen großen Teil der Konsequenzen auf den sozialen und wirtschaftlichen Gebieten zu ziehen hat, wenn sie stch ins Gleich-
Der Dreibirkeuhof.
Roman von August Butscher (Fortsetzung.)
Hastig ergriff Friedel den Bruder beim Arme und riß ihn hinter einen Hollunderbusch am Straßengraben.
„ES ist der Citronensepp", raunte Friedel dem Bruder m's Ohr. Ein hämisches Lächeln verzog dabei seinen Mund. Wirklich ging der Genannte auf die Kapelle zu, auf nichts um sich achtend. Seine Kleider waren bestäubt, und Schweiß- ttopfen standen auf seiner Stirne. Auf einmal hörten die Brüder einen Schrei — sie eilten rasch links um die Kapelle und wurden Augen- und Ohrenzeugen eines schmerzlich- fteudigen Wiedersehens. Eva lehnte erschrocken an der Bank, und vor ihr stand der Citronensepp, die Blätter der Trauer» esche in heftiger Unruhe zerknitternd.
„O, Ev'", begann er, „so hab' ich Dich denn gefunden da außen, wo die liebe Seelige einst ihr Leiden geholt hat und ihren Tod. Vor drei Stunden erst sind wir wieder in di^ Stadt gekommen und gleich bin ich heraus durch den grünen, Wald: und es ist auch in mir aufgegangen wie grüne Hoffnung und hat mir geträumt von einem neuen Blühen. An der Kapelle wollt' ich zuerst noch an die denken, die Dich mir vermacht hat für Lebenszeit. Sieh', Ev', da draußen in der Welt bei den stolzen und vornehmen Leuten ist mir'S nimmer wohl worden; Alles lst mir so hohl und so falsch vorgekommen, und da drinnen hat immer eine Stimme gesagt: Du hast ein großes Unrecht gethan an der Eva und bist von ihr gegangen ohne Abschied, Du mußt abbitten bei ihr und aus ihren lieben Augen Verzeihung holen.
„Und eine andere Stimme hat wieder gesagt: Du hast
gewicht setzen will — und das muß sie im Interesse ihrer Erhaltung — mit den seit fünfzig Jahren vor sich gegangenen großartigen Umwälzungen im Verkehrs-, Lebens- mittelversorgungs- und Jndustriewesen, deren intensive Wirkungen noch lange nicht abgeschloffen sind. Diese Wirkungen sind von den drohendsten Gefahren für Staat und Gesellschaft begleitet, eS wird der ganzen Kraft weitschauender Staatsmänner, nicht minder aber des vollen VerständniffeS dieser Sachlage und der Opferwilligkeit unter allen, namentlich den durch Bildung und Besitz moralisch verantwortlichsten Klassen bedürfen, wenn Katastrophen in der Zukunft vermieden werden sollen. Kein anderer europäischer Staatsmann besitzt so wie Bismarck das Bewußtsein von diesen gefahrdrohenden Verhältnissen. Wie die Arbeit des alternden genialen Faust darauf gerichtet ist, den wütenden Meeresfluten das Land abzugewinnen, so setzt Bismarck seine volle übrige Lebenskraft an die Erhaltung von Staat und Gesellschaft gegen die finsteren Mächte der sozialen Revolution. Fürst Bismarck hat seine Stellung genommen zu den entscheidenden Aufgaben seiner Zeit, und er ist darin den anderen europäischen Staatsmännern vor- ausgeellt. Es kommt nun alles darauf an, daß die deutsche Nation ihn versteht und ihm folgt. Daß diese Bereitwilligkeit des Verständnisses bei dem gegenwärtigen Reichstag in seiner Mehrheit nicht vorhanden ist, haben die letzten Kundgebungen desselben leider recht deullich bewiesen. Bald wird die ganze Nation die Entscheidung in der Hand haben, ob unsere innere deutsche Politik wieder einer Konfliktsperiode entgegentreibt, wie sie die preußische Geschichte vor 1866 erlebt hat, oder ob ihr ein solcher Konflikt erspart wird, der notwendig eine ganz andere erschütternde Bedeutung gewänne, da es sich heute um die inneren Lebensfragen des nationalen und sozialen Bestehens handelt. Damals, 1866, mußten erst die Thatsachen gesprochen haben, bis sich die Nation dem Fürsten Bismarck zuwendete; wenn man es heule darauf ankommen läßt, bis wiederum die Thatsachen der Geschichte sprechen, dann wird eS zu spät sein, um zur Erkenntnis zu g-langen. Unter dem Ruf: Für oder gegen Bismarck! werden die nächsten Wahlen geführt werden. Möchte die neulich durch Herrn v. Bennigsen veranlaßte Entscheidung gegen den Volkswirtschaftsrat nicht die Parole gewesen sein, nach welcher der Rest der liberalen Partei definitiv nach links, zu den Sezessionisten und zu der Fortschrittspartei abschwenkt, um „gegen Bismarck" in den Wahlkampf zu ziehen. Die Neigung dazu ist bereits vorhanden; sie tritt unverhüllt in der „Nat.-Ztg." zu Tage, welche bemüht ist, die bedauerliche Abstimmung gegen den Volköwirtschaftsrat in ihrem Sinne auözubeuten; sie schreibt bezeichnend: „Die Geldforderung für den deutschen Volks- wittschaftsrat war die Forderung eines Votums allgemeiner Zustimmung zu der gegenwärtigen inneren Politik des Kanzlers, und dieses Votum ist verweigert worden." Mit
dich selber angelogen, Du hast sie gern, viel gern, und dem Wort der Toten mußt Du folgen. Da bin ich nun und sieh da den Ring, der Dein gehört, den ich Dir brina' zum Bund für'S Leben!"
Eva athmete schwer, und eS war ihr, als lege sich über ihre Augen ein Schleier; in ihrem Herzen aber stritten Freude und Entsetzen miteinander, und sie sagte mühsam:
„Aber, Joseph, ich bin ja —"
Rasch unterbrach er sie und rief jubelnd:
„Du bist ja nicht bös, willst Du sagen, o, ich weiß eS gut. Mein Herz hat mich zu Dir, zu Dir allein geführt, und der Lehrer, hat ihm den Weg gewiesen. Und willst Du jetzt mein sein, Ev'?"
Er faßte ihre Hände, und Thränen der Freude standen in seinen Augen.
„O, Joseph", keuchte Eva, ihm sanft ihre Hände entziehend, „Joseph, sei ein Mann und trage, was ich sagen muß, wie ich es tragen muß. Sieh hier den Ring, er ist ein Ehering, heute hab' ich meine Hand und mein Leben am Altar einem Mann gegeben für Lebenszeit; ich bin verheiratet, und der Kranz da ist mein Brautkranz."
Sie schluchzte laut und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
„Herr des Himmels!" rief der Citronensepp, „das wär' wahr?"
„Wahr ist'S, und kein Mensch kann's ändern", schluchzte Eva.
„Und wen, wen? Friedek oder Johannes?" stöhnte er.
„Keinen von Beiden", sagte sie leise. „Der alte Birkenhofer ist mein Mann!" Und indem er sie wie geistes- zerüttet anstarrte, fuhr sie fort: „Ja, zur Rettung vordem Elend in feinem Hause und vor dem Elend in meinem
der Aufforderung an die Liberalen, sich zu einer „festen konstitutionellen Oppositionspartei" zusammenzuschließen, schließt das Blatt; ein Rat, gleich verhängnisvoll für die Partei, wie für die Nation; ein Rat, den aber das Hauptblatt der Volkspartei zu der Zustimmung begeistert: „Bravo! Bravissimo, die „Natt-Ztg." spricht uns hier aus der Seele!"
_ Deutsches «eich.
»erlitt, 18. Juni. Se. Majestät der Kaiser haben geruht: den bisherigen CultuSminister v. Puttkamer zum Minister deS Innern und den Präsidenten des Reichstages UnterstaatSsekretär v. Goßler, zum CultuSminister zu er- nennen. Zu gleicher Zeit haben Se. Majestät dem Reichskanzler einen zur Herstellung seiner Gesundheit erforderlichen Urlaub erteilt und ccn Staatsminister v. Bötticher mit der generellen Vertretung des Reichskanzlers, soweit dieselbe nicht durch die Chefs der Spezialrefforts gedeckt ist, beauftragt. — Der Reichskanzler verlangt sehr nach Kissing« ins Bad zu reisen, leidet aber augenblicklich dermaßen an hä- morrhoidalischen Beschwerden, daß er seine Abreise noch auf 8—14 Tage verschieben muß. — Jetzt, nach Schluß der Session, schreiben liberale Correspoudenten, erfordert es die Billigkeit, anzuerkennen, daß der Reichstag kaum je einen technisch gleich befähigten, in strenger Objektivität und angenehmen Formen seines schwierigen AmteS^walten- den Präsidenten gehabt hat, als Herr v. Goßler es war. Besonders ein Vergleich mit seinem Vorgänger, dem Grafen Arnim-Boitzenburg, muß durchaus zu gunsten des ersteren ausfallen. Wenn in jüngster Zeit oft recht kleinliche Urber- wachungs- und Kontrolmaßregeln gegen das Publikum der Tribünen und namentlich die Besucher der Journalistentribüne Platzgriffen, so war, wie man mittellt, der intellek- tuelle Urheber nicht Herr v. Goßler, der hierbei vielmehr einer ihm gewordenen Anregung folgte. — Die „Krzztg " plaidiert dafür, daß der BundeSrat daS UnfallverstcherungS- gesctz in seiner jetzigen Gestalt annehme. Eine künftige Reichstagsmehrheit wird gewiß bereit sein, den Mangel, welcher in der Belastung der Arbeiter liegt, zu beseitigen. Der Streit um das Prinzip würde bei einer derartigen VerbesierungSvorlage gegenstandslos sein. Es könnte stch nur noch darum handeln, ob der Staat oder der Unternehmer denjenigen Beitrag, welchen dec Gesetzentwurf vom Arbeiter verlangt, auf stch nehmen soll. — Die „Germania" schreibt: „Der Beschluß des CentrumS, den Kompromiß- Borschlag vollständig abzulehnen, bedeutet die feierliche Er- klämng, daß wir nicht mit uns feilschen lassen und den Versuch, in der Hast der dritten Beratung zu übereilten Konzessionen zu verlocken, ein für allemal zurückweisen. — Der Botschafter Fürst Hohenlohe hat Berlin heute Mittag verlassen und trifft morgen früh in Paris ein. — Nach dem „Berl. Tgebl." hat im konservativen Halle'scheu Thorbe- Herzen hab' ich ihm die Hand gegeben. Von Dir glaubte ich mich verschmäht, verlassen — und so ist'S denn ge- worden, wie eS ist!" 0
Wie ein Blitz der Freude zuckte eS über Sepp's Gesicht.
„So hast Du mich denn doch gern, Du arme Verkaufte!" [a0te ” und setzte bann heftig hinzu: „Nur ich, ich bin schuldig! Und was soll ich denn anfangen in meinem Elend?"
»Was Du anfangen sollst?" sagte Eva treuherzig. „Du braver Mensch, Du mußt eS eben tragen lernen, wie ich es muß. Und meiden mußt Du mich und jetzt scheiden. Behüt' Dich Gott, auf immerdar!"
Noch ein lautes Schluchzen, dann ritte sie, wie um sich selbst zu entfliehen, dem Dorfe zu.
Mit schwankendem Gange, wie ein Träumender, verlor sich der Citronensepp in den Büschen.
Die beiden Horcher schrittm nun schweigend wieder dem Lerchenflügel zu, aber in ihrem Herzen tobte mitte Leidenschaft.
Späte Nacht warS, als die Birkenhofer unter Fackel- beleuchtung heimkehrten. Stumm schritt Eva an der Seite ihres grauhaarigen Gatten dahin, der finster in die dunkle Nacht hinausstarrte. Vor seinen Augm mochtm keine freundlichen Bilder auftauchen, und wie bedauernd sah er von Zeit zu Zeit auf das bleiche junge Wesen, das zitternd der neuen Zukunft entgegenging. Still und trotzig folgten Friedel und Johannes. 8
In dieser Nacht schrie der Totenkauz feinen unholden Ruf von dm drei Birken hinüber zum Bauernhof, der schwarz wie ein Riesensarg aus der Nacht auftauchte.
(Fortsetzung folgt.)