Rr. 189.
Marburg, Freitag, 17. Juni 1881.
XVI. Ja|rgaig
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Ferner wird in der Denkschrift der besieren und schnelleren Verbindung der deutschen Häfen mit Australieu das Wort geredet und die Furcht ausgesprochen, wenn dieselbe nicht bald hergestellt werde, daß die durch die AuS- stellungc i in Sidney und Melbourne erwachsenen Vortelle für den deutschen Handel und die deutsche Industrie bald wieder verloren gehen werden, indem manche in den direkten Verkehr übergegangenen Waren schon wieder über London versandt werden und b-im Mangel einer schnelleren Kommunikation der australische Exporthandel bald ganz über England geführt werden wird. Dies gilt besonders von dem australischen Wollhandel. Auch die Errichtung einer direkten Dampferverbindung zwischen Deutschland und den Südseeinseln, mit regelmäßigem Anlaufen der australifchen Häfen, wird empfohlen, um die Rückschritte zu hemmen, welche Deutschland daselbst gegen Frankreich und England gemacht hat, seitdem sein Ansehen auf den Inseln dadurch einen schweren Stoß erlitten, daß der Reichstag der bekannten Regierungsvorlage betreffs Unterstützung der deutschen Handelsgesellschaft für die Südsee- insetn nicht zustimmte.
„Wenn wir uns nicht," heißt es in der Denkschrift, „nach dem Vorgänge anderer Staaten zu einem Landerwerb in der Südsee entschließen wollen, so bleibt nur eine möglichst kräftige Unterstützung unserer Handelsinteressen übrig, deren Gewicht einen allzu raschen Gang der fremden Annexionspolitik vielleicht noch aufzuhalten vermag. — Durch die Einrichtung einer deutschen Dampserlinie nach den Südseeinseln resp. die Ausdehnung der Fahrten der australischen Linie dorthin würde Deutschland zeigen, daß es noch nicht gewillt ist, die Stellung aufzugeben, welche der deutsche Handel dort seit vielen Jahren mit Ehren behauptet hat, daß es englische und französische Konkurrenz nicht fürchtet, vielmehr entschlossen ist, mit gleichen Mitteln, wie die anderen Nationen seine kaufmännischen Etablissements in der Südsee zu unterstützen. DaS Erscheinen
Der Dreibirkenhof.
Roman von August Butscher » (Fortsetzung.)
Der Birkenhofer hieß Eva auf die Bank sitzen und seine Stimme war unsicher, als er zu ihr zu reden begann.
„Ev'," sagte er, „ich will's kurz machen, was ich sagen will, obwohl eö ernst, bitter ernst ist. Deine Augen sind zwar nimmer offen wie früher und sind oft dunkel vom Weinen. Ich will nichts weiter darüber sagen. Aber sehen mußt Du's doch, oder spüren wenigstens seit langer, langer Zeit, daß alles verdreht und verkehrt ist auf meinem Hof, und daß Du die unschuldige Ursach' bist, das mußt Du wissen und merken."
Eva neigte das Haupt auf die Brust.
„Dem muß ein Ende werden", fuhr der Schultheiß energischer fort, „und das kann bloß sein — ich will nicht lange um den Brei gehen — wenn Du zu etwas Ja sagst, was ich Dich fragen will."
Eva schlug die braunen Augen erwartungsvoll auf und versuchte, in den Zügen des Vetters zu lesen.
„Willst Du meinen Friedel heiraten und Birkenhofbäuerin werden?"
Eva schaute erschrockm auf und sagte dann mit zitternder Stimme: „Ihr fragt kurz, Vetter, und meine Antwort soll ebenso kurz sein. Nein! Ich kann nicht seine Frau werden, ich kann es nicht."
„Ich hab's gewußt", murmelte der Schullheiß und fubr dann laut fort: „Noch eine Frage, Ev'. Willst Du meinem Johannes Dein Jawort geben? Du weißt er ist bis zum «äterben in Dich vernarrt. Ich gebe ihm sein Vermögen und Dir eine gute Aussteuer, und Ihr könnt
regelmäßig eintreffender deutscher Dampfer in Tonga und Apia würde außerdem dazu beitragen, das Ansehen deS Reiches gegenüber den dortigen Herrschern zu triftigen; letztere wissen wohl, daß Deutschland ihr bester Schutz ist und sie würden in der Errichtung einer solchen Dampferlinie einen neuen Beweis für das fortdauernde Interesse des Reiches an den dortigen deutschen Handelsbeziehungen erblicken. Der Eindruck, welchen die Ausdehnung der englischen Dampferlinie von Fidschi nach Tonga auf die ton- ganische Regierung gemacht hat, zeigt deutlich, daß man die politische Tragweite der neuen Verbindung sehr wohl verstanden hat."
Im folgenden wird der Import und Export der Süd- see-Jnseln näher besprochen und statistisch dessen reicher Umsatz und Ertrag nachgewiesen, immer mit dem Hinblick auf die Nützlichkeit und Ersprießlichkeit einer direkten und schnellen deutschen Dampferverbindung. Znm Schlüsse wird die Notwendigkeit einer Staatssubvention für die vorgeschlagenen Dampferlinien so dckrgethan, daß auf das Beispiel vieler anderer Nationen in dieser Beziehung hingewiesen und daran erinnert wird, wie bei allen Kulttir- nationen, die sich gegenwärtig eines blühenden Handelsverkehrs erfreuen, anfänglich die Regierungen die Begründung und Festigung des auswärtigen Handels geleitet und pekuniär unterstützt haben. England, Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland geben ihren Dampferlinien für längere Fahrt Unterstützungen.
„Bei dieser Praxis aller anderen Staaten sollte sich, wie in den amtlichen Berichten aus China bemerkt wird" — so steht sonderbarerweise in der Denkschrift, als ob sich der Reichskanzler nicht getraue, feine eigene Ansicht zu fagen — „auch derjenige, der aus theoretischen Gründen gegen jede Staatssubvention Einsprache zu erheben geneigt ist, der Erkenntnis nicht verschließen, daß, um die deutsche Dampfschifffahrt konkurrenzfähig zu machen, ihr die gleichen Mittel geboten werden müssen, welche die Dampfschifffahrt anderer Nationen genießt."
Der Schluß der Denkschrift mahnt nun, Zeit und Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen, um durch Herstellung von direkten Verkehrslinien zwischen Deutschland und den überseeischen Ländern die deutschen Interessen zu stärken, ehe diese Linien von anderen Nationen weggenommm sind. Leider giebt die Denkschrift keinen Weg an, wie dies gemacht werden soll; sie gibt selber zu, daß von Privaten allein nichts Ersprießliches geleistet werden kann, und weist auf die Notwendigkeit von Staatsunterstützungen hin, getraut sich aber nicht, diese zu beantragen, roeil sie bei der Samoafrage so trübe Erfahrungen mit der jetzigen Parlamentsmajorität gemacht hat, und wagt ihre Meinung nur schüchtern in der Form einer Mitteilung eines Konsularbeamten in die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie vertraut aber wahrscheinlich, daß diese Oeffentlichkeit, sich des Gegen- dann mit einander sottziehen, »eit hinaus in die Welt übers große Wasser sogar, daß Euch der Friedel nicht folgen kann und sich fügen muß. Ueberleg' Dir's!"
Das ist schon überlegt und abgemacht seit lange," er- wiederte Eva leise. „Er weiß von mir selber, daß aus uns nichts werden kann. Da drinnen ist alles geftorben, und ich kann nichts empfinden als Mitleid mit seiner und seines Bruders Krankheit, denn eine Krankheit ist's. Ich will gehen und gleich meinen Bündel schnüren, gehen so weit mich meine Füße tragen. Es wird wohl einen Platz geben auf der großen Welt, wo ich mich verstecken kann, dann ist vielleicht geholfen. Mir freilich wird nimmer geholfen," setzte sie mit wehmütigem Tone bei, indem sie ausstand um in den Hof zurückzukehren.
Der Schultheiß aber faßte sie entschlossm bei der Hand, zog sie noch einmal nieder auf die Bank und setzte sich an ihre Seite. Seine Gestalt schnellte sich hoch auf und nachdrücklich sagte er:
„So, jetzt kommt das Letzte und wmn vas bricht, bin ich auch gebrochen. Es', es muß anders werden bei uns. Um Dich dreht sich unser Schicksal, ob Du jetzt da seiest oder ins Weite gehest. Nur eines kann helfen. Nur wenn Du verheiratet bist, kann der Sturm sich legen, in dem alle um Dich kämpfen. Schau, Ev', ich weiß Deine Gedanken, ich kenne Dein junges, braves Herz, dem man das Bitterste angethan hat, was man einem jungen Leben anthun kann. Ich habe Deine Thränen gesehen, Dein Verzagm, Deine Liebe, Deinen Trotz und Dein Verzweifeln. Du mußt Dir aufhelfen, sonst gehst Du unter. Wen hast Du in der Welt — ?"
„Unfern Herrgott," schaltete Eva ein.
„Ja den — und mich, aber das sind die 2 Einzigen.
standes so bemächtigen werde, daß, wenn ein neues Parlament mit einem voraussichtlich anderen Gesichte da sein wird, ihre Anträge, von einer durch die klärende Zeit gebesserten Einsicht getragen, nicht mehr solchem Widerspruche begegnen werden. Verloren wird jedenfalls das in der Denkschrift niedergelegte Material nicht mehr werden, wenn sich auch der Reichstag damit diesmal nicht beschäftigt — er hat ja auch keine Aufforderung dazu; immerhin aber könnte doch durch den Aufschub ein Schaden geschehen; beim wenn auch für das lange Leben einer Nation ein Jährchen nur eine verschwindende Spanne Zeit ist, so ist sie doch auch für das Leben eines Volkes oft sogar von entscheidender Wichtigkeit, und wo eine ganze Reihe von kulturrrifeu Nattonen sich auf die Rennbahn bezieht, um einen Preis zu gewinnen, da darf keine lange zögern und sich besinnen. In diesem Sinne ist die Denkschrift ein Mahn- und Weckruf an die deutsche Nation, für welchen dem Kanzler der Dank aller derer gebührt, die dem Vaterlande Glück und Gedeihen wünschen.
Deutscher «eich.
•• »erlitt, 15. Juni. Heute Vormittag 9 Uhr fand eine Sitzung des Bundesrats statt, deren einziger Beratungs- Gegenstand die Beschlüsse des Reichstags in zweiter Lesung zu dem Entwurf über die Unfallversicherung war. Es handelte sich darum, Vorschläge zu einem Kompromiß entgegenzunehmen und sich darüber schlüssig zu machen. — „Gazeta TorunSke" und andere politische Tagesblätter be» «fern sich von Zeit zu Zeit, die statistischen Nachrichten Über die Schulbildung der Rekruten der preußischen Armee mitzuteilen und daran Betrachtungen über Die „furchtbare Vernachlässigung des Schulunterrichts in den polnischen Provinzen" zu knüpfen. Gewiß ist es richtig, daß diese Zusammenstellungen die Schwierigkeiten lebendig vor die Augen stellen, welche die preußische UnterichtSverwaltung in denjenigen Provinzen zu überwinden hat, in welchen ein erheblicher Teil der Bevölkerung der deutschen Sprache noch nicht mächtig ist (polnische Provinzen hat der preußische Staat nicht) und in welchen das Widerstreben gewisser bekannter Kreise gegen jeden Fortschritt des Schulwesens, diesen aufhält. Wer sich indeß die Mühe geben will, die neuesten Mittellungen mit den älteren zu vergleichen, wird sich überzeugen, daß trotz aller Erschwerungen die Schul- blldung in den erwähnten Provinzen in den letzten fünfzehn Jahren wesentlich besser geworden ist. Die Zahlen mögen reden. Der Procentsatz der ohne Schulbildung befundenen Mannschaften im Ersatzheere (Landheer und Marine) betrug im Regierungsbezirk Königsberg 1866/67 10,00 Procent, 1879/80 4,62 Procent; Regierungsbezirk Gumbinnen je 9,97 und 6,80; Regierungsbezirk Danzig je 15,76 und 6,85; Regierungsbezirk Marienwerder je 15,08 und 9,26; Regierungsbezirk Posen je 13,50 und
— Der — der Citronensepp ist ein Herrischer geworden, auf ihn kannst Du nimmer hoffen —"
„Ich will nichts von ihm, er mag glücklich sein!" rief Eva und ihre Lippen gitterten wie die Blätter über ihr.
„Es giebt Leute," fuhr der Schultheiß fort, „denen all ihrer Lebtag das Liebste versagt bleibt; Du gehörst offenbar auch dazu."
„Aber Du kannst durch eine Gutlhat andern helfen, und das wird einem droben hoch angerechnet, wie eS in der Bibel steht."
„Du weift den Spruch von der Selbstverleugnung und vorn Kreuztragen."
„Ich hab einmal in meinem Zorn gesagt, Du solltest nie und nimmer Birkenhofbäuerin werden, und ich bin schon gestraft dafür."
„Für meinen Hoferben habe ich um Dich angehalten und — sieh, Ev', wie demütig der alte Birkenhofer schon geworden ist, jetzt hält er für sich selber an — Ev' willst Du mein Weib werden?"
Wie gebannt sah Eva in des alten Bauern Auge, daS bittend auf ihr ruhte.
Sie schauerte zusammen aber kein Wort ging über ihre Sippen.
„Sieh," drängte der Schultheiß weiter, „Dem Sieben ist zerfallen, verdorben, geftorben; von den Söhnen kannst Du keinen zum Manne nehmen, well sie Dir zu wild sind, well nichts, gar nichts für sie in Deinem jungen Herzen spricht. Sie mich an, ich könnte fast Dein Großvater sein. Denke, ich sei's, und häng' Dein junges Lebm an die paar Jahre meines alten, und Du rettest eine Familie und ein Hofgut zu dem Du mit so manchem Band gehörst."
(Fortsetzung folgt.)