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Jfiarßurg, Sonntag, 5. Juni 1881.
xvi. Jahrgang
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Der Geist ist es, welcher lebendig macht. MeS kommt auf den Geist an, welcher die Menschen erfüllt, ihr Denken und Wollen regiert. Alle Erziehung der Jugend und alle Bildung des Volkes zielt darauf ab, einen neuen Geist in den Herzen zu erwecken und zu pflegen. Was helfen dem Menschen alle Schätze, was hilft dem Volke aller Reichtum, alle Macht, alle Gesetze, wenn der Geist, der die Menschen und das Volk erfüllt und beherrscht, ein schlechter ist oder wird ? Der gute Geist ist es, der lebendig macht, aber der böse Geist ist es, der es tötet; er tötet das Glück, die Zufriedenheit, die Tugenden und führt die Menschen und Völker ins Verderben und in den Untergang. Wo Menschen und Völker untergegangen sind, ist es geschehen durch den bösen Geist. So lange ein guter Geist die Menschen und Völker erfüllt, können sie viel äußeres Unglück erleiden und werden sich doch immer wieder daraus erheben; wenn aber die Herzen und der Wille erst durch den bösen Geist geknickt und der Verstand durch denselben auf Irrwege, die Erkenntnis in Irrtümer verstrickt ist — dann brechen Menschen und Völker unter schweren Schicksalen zusammen. Es fehlt dann die Schwungkraft der Erhebung. Das bestätigt die Geschichte, wie die tägliche Erfahrung. Alle Erziehung und alle Politik muß deshalb stets bei allem, was sie thut, die Pflanzung und Pflege des guten Geistes im Auge haben. Aller Zuwachs an Reichtum, Glanz und Macht, der den Geist schädigt, bringt nicht Glück, sondern Verderben.
Die große Frage ist aber die: wo nehmen wir den guten Geist her, womit pflanzen und pflegen wir ihn? Daß dieser Geist nicht durch Rechnen und Schreiben, durch Geographie und Mathematik erzeugt werden kann, liegt auf der Hand. Daß das aber noch weniger durch eine Lehre möglich ist, welche den Geist überhaupt leugnet und behauptet, der Stoff, der Leib mit seinen Neigungen und Begierden sei alles und allein berechtigt, liegt auf der Hand. Dieser Materialismus oder Naturalismus, diese Lehre, welche behauptet: „es ist alles Natur", kann nur die Sinnlichkeit groß ziehen; sie bringt es wohl zu äußerem Reich-
Der Dreibirkeuhof.
Roman von August Butscher (Fortsetzung.)
„So, ich muß?" brauste der Tiroler auf. „Und ich soll schuldig sein? Du mußt anderswo suchen, Dreibirkenbauer; es ist also eine Rechnung dabei, und ich soll sie zahlen?"
Eva war hastig herangetreten und wollte reden. Der Citronensepp aber faßte sie an der Hand und sagte weich:
„Du bist an nichts schuldig, Ev', das weiß ich, so wenig als die gute, brave Marie. Aber — um Gott, was thut der Ring da an Deiner Hand?"
Er schien wirklich vollständig vergcsien zu haben, was er damals an der Thüre des Friedhofs gehört.
„Ich hab ihn geerbt, da kannst Du die Martha ftagen," sagte Eva mit schluchzender Stimme.
„Aber Du mußt vorher anfragen bei wir, ob Du ihn tragen darfst," ries bitter der Citronensepp.
Evas Wange wurde gluttot. Sie streifte den Ring vom Finger, legte ihn auf die Ofenkante und sagte aufwallend :
»Ich sehe deullich, daß Du mich nicht hören willst und daß heut der Gram aus Dtt redet, und der ist bitter wie das Thränenwaffcr. Du mußt aber auch wisim, daß ich nicht bettle, weder um Geld noch um sonst etwas. Da nimm den Ring — und das sage ich Dir, Cittonmsepp: erst wenn Du eines Tags wieder kommst und mich bittest, daß ich den Ring ttagen soll, dann reden wir wieder ein Wort mit einander, vorher nicht." Und in heftiges Schluchzen ausbrechend, schlug sie die Schürze vorS Gesicht
tum, zu eleganter genußreicher Ausstattung des Lebens; aber im Innern herrscht der Tod, und der äußere Glanz bricht zusammen. Die materialistische Kultur baut nur übertünchte Gräber, deren Modergeruch durch all die Blumen dringt, mit denen sie wohl äußerlich geschmückt werden. Das Bild einer solchen Kultur bietet das alte Rom und Griechenland dar: äußerer Glanz, große Reichtümer einer kleinen Anzahl Reicher in kunstgeschmückten Palästen — aber dazwischen die große Masse des Volkes, welches in der gräßlichsten Armut oder in der abscheulichsten Sklaverei lebte. Aber dieser Zustand de« Volkes machte allein den wenigen Reichen das üppige Genußleben möglich. Diese Kultur des heidnischen Altertums beruht auf der naturalistischen Anschauung vom Menschen, wonach derselbe nur eine besondere Tiergattung ist, von welcher ein Teil zur Herrschaft und ein anderer zur Sklaverei oder Dienstbarkeit als eine Art Lasttier bestimmt ist. Ueber diese Anschauung hat sich das Heidentum selbst in seinen edelsten Vertretern wie Plato nicht erheben können; vielmehr sehen wir überall ein immer tieferes Versinken in Greuel und Verderben. Wir erinnern an die Sklavenjagden in Sparta, an den Mißbrauch des Weibes in Athen, an die blutigen Amphitheater in Rom — wir verweisen auf die ganze jetzige heidnische Welt. Aus sich selbst hat es die Welt nirgends zu einem Leben des Geistes und einer geistigen Kultur gebracht, wie wir sie in der christlichen Welt erblicken. DaS Christentum und der christliche Geist kann die Welt nicht auS sich selbst erzeugen und wo oas Christentum entfernt wird, da muß natürlich auch dieser gute Geist schwinden, wo aber das Christentum schwindet, da zieht der Naturalismus rin. Woher der Geist des Christentums kommt, das lehtt uns das Pfingstfest, die Apostel haben ihn nicht aus sich herauserzeugt, er ist kein Produkt ihrer Phantasie, ihre« Verstandes; er ist von Gott, in dem Symbol der Feuerflammen kommt er brausend von oben, erschüttert daö HauS, wo sie versammelt waren und setzte sich auf jeden von ihnen. Sie wurden alle erfüllt von diesem Geiste, der sie nun in alle Wahrheit leitete und nun gingen sie auS und predigten, nachdem ihnen dieser Geist Gottes gab, auszusprechen. Dieser Geist Gottes ist eS, der das Wesen des Christentums ausmacht, dieser ist eS, der die Menschen und die Völker erneuert, der die christliche Kultur, die christliche Humanität und Sitttichkeit, die christliche Welt- und Lebens- anschauung geschaffen hat. Ohne diesen Geist giebts das alles nicht und ohne ihn muß auch das alles sterben, wie der Mensch sterben muß, wenn der Geist aus ihm entweicht.
ES ist die Aufgabe der christlichen Kirche, diesen Geist auf Erden zu pflanzen und zu pflegen. Deshalb kann die christliche Kultur ohne die Kirche nicht bestehen; thatsächlch ist es immer die Kirche gewesen, welche die christliche Kultur verbreitet hat und ist cs noch jetzt, darin liegt auch die große kulturhistorische Bedeutung der Heidenmission! Soll n 1 I ■ .in, I I n I n
und eilte rasch in die Oberstube, indem sie die Thüre hinter sich verriegelte.
„Ich bitt Dich, Ev', viel tausendmal," rief Sepp, der auf einmal sein rasches Wort bereute; aber die Thüre blieb verschloffen.
Brinkmann und der Dreibirkenbauer standen stumm und erstaunt. Sie sahen kaum, daß der Cittonensepp seinen Hut mit der Goldtroddel, an dem eine verwelkte Aster hing, aufstülpte und hinausstürmte, an den drei Birken vorbei und hinein in den schneeschweren, kahlen Wald. Der Ring war fort.
Der Lehrer reichte dem Schultheißen still die Hand und ging. Er grübelte über die Tiefen des Menschen- Herzens und heute fand er keinen Schluß zu seinen Folgerungen.
7. In der Stad t.
Schon schaute der Frühling schüchtern aus Wald und Flur.
Auf dem Grabe der Birkemnarie blühte der bescheidene Crocus unter dem stolzen Marmorkreuz.
Im Dreibirkenhose war es geblieben wie vordem: und doch war für den aufmerksamen Beobachter die Lage etwas verändert. Eva war noch dort in der Löwengrube, aus der es scheinbar kein Entrinnen gab. Sie halte gleich fortgewollt, nachdem der Citronensepp so sonderbar sich geberdet, so stürmisch hinweggeeilt war und den Ring mitgenommen hatte. Fort wat sie anfänglich, weit fort mit ihrem gekränkten Herzen, mit ihrer stillen, heißen Liebe. Aber wo sollte sie hin? Wohl hatte ihr Brinkmann ein Asyl in seinem Hause geboten, aber da waren die bösen Zungen des Dorfes, die bereit waren, mit der Gier des
die Kirche aber die Trägerin Gottes sein, so darf sie natürlich nicht das Wort Gottes, den Glauben an dasselbe verwerfen oder leugnen, wie der kirchliche Liberalismus thut, — eine solche Kirche ist keine Kirche mehr — sondern sie muß, wie die Apostel, fest und treu in dem christlichen Glauben stehen, dem allein Der Geist verheißen ist und durch welche allein der Geist Gottes kommt. So möge daö Pfingstfest dem Deutschen Volke sagen, wo der gute Geist herkommt, der da lebendig macht und lebendig erhält, und es ermahnen, seiner Kirche, als der Pflanz- und Pflegestätte dieses Geistes, treu zu bleiben. Verliert ein Volk die Kirche, als die Grundfeste der christlichen Wahrheit, so verliett es auch die Quelle des guten Geistes und seiner wahren Kultur. Alle Wissenschaft, Kunst, Schule, so edel und hoch zu halten sie auch sind — vermögen die Kirche mit ihrem Geiste nicht zu ersetzen I
Deutsche« Reich.
Berlin, 3. Juni. Dem Vernehmen nach wird dem Bundesrate demnächst eine Vorlage wegen Einziehung der Fünfmarkscheine und der Zwanzigmarkscheine zugehen. — Nach längerem Leiden ist der StaatSminister Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg gestern Mittag zu Schöneberg verstorben. Die Leichenfeier findet Sonnabend den 4. Juni Nachmittags 5 Uhr, in der Matthäikirche statt. An dem- selben Tage Abends wird die Leiche nach Liebenberg in die Familiengruft übergeführt. Am 29. Juni 1815 als Sohn des im Jahre 1845 verstorbenen Rittmeisters Grafen Friedrich Leopold zu Eulenburg geboren, begann der Verewigte nach gründlicher Vorbildung im Justiz- und Verwaltungsdienst seine Laufbahn in der Verwaltung als Re- gierungsaffessor zu Merseburg, wurde 1849 in daö Ministerium des Innern berufen, trat aber 1851 in den diplomatischen Dienst über und wurde zunächst zum Generalkonsul in Antwerpen ernannt Im August 1859 wurde er als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister bei den Höfen in China, Japan und Siam an die Spitze der nach den afiattschen Gewässern bestimmten preußischen Expeditton gestellt, um Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsverträge mit Japan und China abzuschließen, wie sie dort mit den Vereinigten Staaten von Amerika, sowie mit Frankreich, England und Rußland abgeschlossen worden waren, eine Aufgabe, die mit großen Schwierigkeiten verbunden war, weil man in den beiden Ländern jeder Eingehung neuer Verträge widerstrebte. Nichtsdestoweniger kam, Dank dem Geschick und der Energie des Unterhändlers, der Vertrag mit Japan bereits am 24. Januar 1861 und der mit China am 2. Dezember desselben Jahres zu stände. Nach Europa zurückgekehrt, trat Graf Eulenburg am 9. Dezember 1862 an Stelle v. Jagow'ö als Minister des Innern in das Ministerium Bismarck-Roon ein. Sein sechzehnjähriges Wickn in dieser Stellung bis zum Jahr« Raubvogels über ihren guten Ruf herzufallen, denn Brinkmann lebte als Junggeselle.
Der Lehrer schlug Eva vor, sie wieder zu Frau von Bern nach der Stadt zu bringen — und bald, bald hätte sie ja gesagt. Aber da kam wieder der Verstand und sagte nein, da kam auch das jungftäuliche Zartgefühl und sagte abermals nein. Mußte sie nicht annehmen, daß der Cittonensepp dort weilte? Und dann der kranke Friedel hätte sie nicht um dm Preis einer Welt fortgelassen. Er bedurfte ihrer Gegenwart, und nur unter ihrer Wartung genas er allrnälig. Eva fühlte seinen Zustand als eine Art Schuld auf sich lasten, btnn hatte ihn nicht der Cittonensepp herbeizeführt? Gleicherzeit war sie die Stütze des großen Haushaltes, was der Dreibirkenbauer wohl zu schätzen verstand, obwohl er sah, daß es so nicht bester werdm konnte; aber was wollte er thnn?
Und Johannes? — Er wäre ihr nachgezogen, so wett ihr Fuß gewandert wäre. Was hätte ihn gehalten? Nichts, Denn der Hof wurde doch nie sein, und den Anttag der Höhlmgundel hatte er mit dem Feuer seiner unge- zügeltm Leidenschaft für Eva verbrannt Wohl war es immer trübe ans dem Dreibirkenhof, denn Vater und Söhne vermochten sich nimmer zu finden, weil keiner den andern suchte. Die Brüder bewachten sich und Eva mit den Augm der Effersucht, und es war ihr Wünschen und Hasten jetzt noch inniger, denn sie hatten den Cittonmsepp, wie ste meinten weniger zu fürchten seit dem letzten Weihnachtstage, wo er fortgestürzt war ohne Gruß und Abschied. Die alte Martha, geschwätzig wie das Alter ist, hatte einige Andeutungm fallen lasten, und die Brüder hattm diese auf die ihnen günstigste Weise auSgelegt.
(Fortsetzung folgt.)