Marburg, Sonnabend, 4. Juni 1881.
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schützt, wer ihn vor Ausbeutung und AuSbeutelung nach Möglichkeit bewahrt und ihm den Lohn seiner ehrlichen Arbeit gewährleistet: der beschützt ihn in seiner Freiheit, und gerade das hat die Fortschrittspartei nicht geleistet. Deren Freiheiten haben zu einem Kriege aller gegen alle geführt, in dem der Schwächere unterliegt und ein Sklave dessen wird, dessen Geld ihn beherrscht.
Ein anderer Köder, bett die Fortschrittler geschickt auS- werfm, ist das Versprechen der Steuererleichterung. Steuern bezahlt kein Mensch mit Vergnügen; er leiht daher jedem, der ihm davon zu helfen verspricht, bereitwillig sein Ohr. Was hat nun die Fortschrittspartei von diesen Versprechungen erfüllt? Nichts. Sie hat zwar oft und laut genug räson- niert und den Glauben zu erwecken gesucht, als brauche die Regierung das viele Geld nicht, namentlich hat sie das Militärbudget angegriffen; aber weder hat sie einen Weg gezeigt, wie der Staat mit geringeren Mitteln seine immer größeren Aufgaben erfüllen könne — sie selbst ist in Geldsorderungen und Geldbewilligungen für ihre Zwecke (Moa- bittsche Altertümer, Nordpolfahrten, Münzreform u. s. w.) gar nicht blöde — noch hat sie Mittel gefunden, die Steuerlast gleichmäßiger zu verteilen und erträglicher zu machen. Wenn es gilt, positive Vorschläge zu machen, PosittveS zu leisten, dann ist die ganze Partei nicht zu Hause. Sie ist ganz erstaunlich arm an Ideen, daher ist auch ihr Wirken mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Diese Erkenntnis dämmert jetzt endlich in vielen Köpfen auf; es wird Licht.
fortschrittliche Presse anzuschlagen! desto bester. Was sie an Verdäch- und Verläumdungen leistet, über- Wir werden fortfahren, Proben
wohl nicht schicken für einen BegräbniStag, aber meine selige Tochter hat es so wollen, und den Willen der Toten soll man thun zu jeder Zeit."
Seine Stimme versagte ihm fast, und er fuhr mit seiner braunen schwieligen Hand über die Augen. Eva stützte sich auf den eisernen Ofenrand, sie wußte, daß sie vor einer großen Entscheidung stand, und ihre Kniee zitterten. Brinkmann schaute ernst auf den Tiroler, der aufmerksamer auf d.S Schultheißm Worte lauschte. Dieser fuhr gefaßter fort:
Je dreister und frecher, tigungen, Verdrehungen steigt oft alle Grenzen, davon zu liefern und
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Keine Partei hat hier mehr Unterlassungssünden begangen, als die konservative, deren Anhänger auch jetzt noch lange nicht rührig genug sind und sich, vielfach aus einer gewissen Vornehmheit, vor einer Agitation scheuen. Wie ganz anders die Fortschrittspartei, deren Resteprediger das ganze Lano die Kreuz und Quer durchziehen, deren Wortführer geschickt redigierte Blätter ins Voll hineinwerfen, die den alten Wahn kennzeichnen, eö müsse jeder „freisinnig" sein, d. h. Nein sagen zu dem, was die Regierung will. Darin, meinen sie, besiehe die Politik; wozu brauche man sich sonst am öffentlichen Leben zu beteiligen? Und nun, welchen Ton weiß bie
an ihr gehandelt wie eine Schwester, Du bist so brav, daß ich keine Bravere finden möchl' so weit die Sonne scheint."
„Was, mir auch?" stammelte Eva, ganz erschrocken über 'ote große Summe. Sie hatte in ihrem tiefen Schmerz jenes Versprechen auf dem Dorfkirchhvfe und die An- spielungen der Verblichenen auf dem Sterbebett für dm Augeinblick vergessen.
„Dir auch," bestätigte Brinkmann. „Ihr werdet mit der ßeit wohlhabend und glücklich sein, so weit es auf Erden möglich ist."
„Wir Beide?" fragte der Cittonmsepp, und seine Augen forschten in den Zügen, der beidm Männer.
„Ihr Beide, ja," gab der Schultheiß schnell zurück. Meine Marie hat gesehen — o die Kranken sehen scharf! — daß eö gut wäre, wenn Ihr Zwei mit der Zeit ein Pa ar würdet, — übers Jahr — steht im Testament, und darin wäre daS Geld Euer, sonst aber" — er erhob die Stimme — „fiele eS an die Schule in Blumenrain!" Er meinte etwas ungemein Zwingendes beigefügt zu haben.
Eva sah flehend auf den Hofbauem, wie um ihn zu bi tten, daß er aufhöre, noch mehr zu jagen.
Der Citronensepp war schneebleich geworden. Zweifelnd st arrte er auf Brinkmann, der zustimmend nickte. Endlich sc igte er langsam:
„Heut, heut, wo man sie eingegrabm hat? Hmt? Und das hat sie wollen, das wL sie? Ich kann eS völlig nicht f astm."
„Sie hat es gut gemeint," schaltete Brinkmann ein, ,,und wenn ichö mit dem Kopfe oder mit dem Herzm be- 1 wachte, so möchte ich einen Segen sprechen über den erhabenen Wunsch, dm sie schon halb auS dem JmseitS für Euch Beide vererbt hat."
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Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Fragend blickte der Cittonensepp auf.
„Du brauchst nicht zu zweifel'," sagte zufrieden Dreibirkenbauer, der die Macht des Geldes kannte glaubte, sie mache sich hier siegend geltmd. „Meine Marie — Gott hab' sie selig! — hat Dir sechstausend Guldm vermacht das Testament ist zwar noch uneröffnet, aber ich kenne seinen Jnhatt und der Lehrer auch."
Brinkmann nickte bejah nd. Des Citronmsepps Augen waren groß geworden, und es leuchtete darin eine dankbare und doch wehmütige Freude.
„Sie ist ein Engel gewesen und wird jetzt noch cm schönerer sein, sagte er einfach aber mit tiefem Gefühl.
„Auch der Eva," sagte mit lauterer Stimme der Schultheiß, „hat sie die ganz gleiche Summe zugewendet."
Ter brave junge Mann wandte sich rasch zu Eva und sagte:
„Sepp, Du bist all Deiner Lebtage ein armer Bursch gewesen, und erst am Allerseelentag ist Dein Glück, man zu sagen pflegt, bei Dir eingekehrt. Aber bei hat es sein Bewmden noch nicht, Du hast jetzt Geld, Geld."
Fruchtbar ist die Fottschrittspartei nur in einem Stück: in Parlaments- und Volksreden. Wirklich geschäftskundig haben sich ihre Mitglieder bewiesen in Handhabung der Presse. Erfolge.
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Schlimme ist aber, daß „gedruckte" Lügeu von ehrlichen Leuten nur allzu oft geglaubt werden.
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Zur Raturgeschichte -er Fortschrittspartei. II.
Ein echter FortschrittSmann ist aus lauter Opposition zusammengesetzt. Nun steckt in dem Bürger des modernen constitutionellen Staates ein gut Stück theoretischer Opposition gegen die Regierung, und wer diese Saite kräftig anzuschlagen weiß, hat oft gewonnen Spiel. Unser parlamentarisches Leben befindet sich noch in den Kinderschuhen und es gehört zu ren vielen falschen Vorstellungen über dasselbe, zu meinen, die Hauptaufgabe eines Abgeordneten bestehe im Neinsagen, im Widersprechen. „Volksvertreter" — ein unglücklicher Ausdruck! Dadurch gewinnt es den Anschein, als handle es sich zwischen Regierung und Voll um einen Prozeß, als ständen sich zwei feindliche Parteien hadernd einander gegenüber und als wären nun die gewählten Vertreter die Rechtsanwälte und Verteidiger des Volles. Die Demokraten haben diese irrtümliche Auffassung eifrig genährt und sich immer als die berufensten Ver« tretet der „Rechte und Freiheiten deS Volkes" aufgespielt. Diesen Sand haben sie den Leuten in die Augen gestreut und so zeitweise viel Anhang gewonnen. Sie beherrschen die politische Phrase meisterhaft, und die Phrase ist eine Macht auch in Deutschland.
Da reden sie z. B. den Leuten tapfer von der Freiheit vor und schelten dabei wacker auf eine unwürdige Bevormundung seitens der Regierung, auf Polizeiwillkür und andere für den freien Bürger unanständige Institutionen. Merkwürdig nur, daß gerade dieselben Verächter der Polizei bei jeder Gelegenheit laut nach der Polizei rufen, die Macht bet Regierung so viel als möglich einschränken und doch wieder alles Mögliche von der Regierung verlangen: das gehört zu den Eigentümlichkeiten fortschrittlicher Gesinnung. Abschaffung der Autorität, Zerstörung der geschichtlich gewordenen und naturgemäßen Ordnungen: das ist die fortschrittliche Freiheit. In Wahrheit heißt bürgerliche Freiheit doch nicht anderes als: in Frieden dem selbst- gewählten Berufe leben und von der eigenen redlichen Arbeit sich nähten zu können. Wer den Bürget darin
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Bremen.
Der Dreibirkeuhof.
Roman von August Butscher.
(Fortsetzung.)
„Da sei getröstet," sagte der Hofbauer; „das wäre doch gekommm, wie cs hat kommen müssen, und wenn es Strafe ist, daS kann ich unter meiner eigenen Weste finden. Doch weiter im Text. Du weißt, wie es in meinem Hof aussieht: Dunkel ist alles, dunkel und Nacht — und jetzt erst recht Nacht, seit das schönste Licht ausgeblasen ist. Den Friedel hast Du mir zugerichtet, daß er umgeht lahm und müde wie eine Herbstfliege, und daß eS unter seinem Brustfleck trüb und stürmisch aussieht, weiß nicht blos unser Herrgott. Der Johannes ist völlig taub und blind für die Arbeit, er steht und hört nur Gne, und die sieht und hört eben auch der Andere nur. Gott besfer's! Wmn nicht Alles zu gründe gehen soll, so muß man jetzt andere Saiten aufziehen und dessentwegen will ich mit Dir reden."
Der Tiroler sah erstaunt auf: es war ihm unfaßbar, was der Bauer von ihm wollte. Eben wollte er eine Antwort geben, als Brinkmann mit Eva eintrat, die er vom Kirchhof heimbegleitet hatte.
Eva sah bleich aus, und ihre Augen waren rotge- rindert. Sie war in Trauerkleidung, und in der Hand trug sie eine Rose von Mariens Bahrschmuck, das Gebetbuch und den silbernen Rosmkranz. Am Goldfinger der linken Hand blinkte ihr LiebeSerbe, der kleine Goldreif von der Hand der Birkenmarie. Sie blieb erschrocken stehen, als sie den Citronensepp im Sessel sitzen sah. Dort hatte ja so ost Marie gesessen.
„Da kommst Du ja gerade zu der rechten Zeit, Ev'," sagte der Hofbauer hastig, „und der Herr Lehrer kann eö auch hören. Was ich da abmachen will, würde sich sonst
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vorüber zu gehen. Manchem gehen freilich die Augen erst auf, wenn sie ihm übergehen. Dergleichen Fälle gehören nicht mehr zu den Seltenheiten. Wohin wir mit diesem sogenannten Fortschritte eigentlich fommen, zeigt die Zerrüttung unseres wirtschasttichen Lebens. Hoffentlich braucht es nicht noch schlimmer zu kommen, um besser zu werden. DaS steht man ferner an dem Verhalten der Fortschritts« Partei nach den fluchwürdigen Attentaten auf unfern Kaiser. Sie stimmte gegen die Gesetze gegen die Sozialdemokratie, wie ein Teil von ihr jüngst auch gegen die Maßregeln hinsichtlich der internationalen Fürstenmord-Gesellschaft gestimmt hat. Vor allem zeigt die Bundes-Genoffenschaft der Fortschrittler, weS Geistes Kinder sie sind: Zur Linken die Sozialdemokraten, zur Rechten ein vaterlandsloser Semitismus. Sorgen wir dafür, daß diese Helfershelfer mit ihren edlen fortschrittlichen Beschützern bei den nächsten Wahlen zu keiner Bedeutung kommen!
Deutscher Reich.
** Berlin, 2. Juni. Die Rede des Abg. Liebknecht, in welcher der sozialdemokratische Führer den Inhalt deS Unfallsversicherungsgesetzes für sich und seine Partei in Anspruch nahm, wird vielfach als bare Münze genommen und die Wahrheit oer Behauptung als selbstverständlich gelten gelaffen. Man hätte diesen Erfolg der Liebknecht- schen Rede doch nicht vorauSsehen sollen. ES gehörte in der That wenig dazu, um dem Redner anzumerken, daß ihm bei seinem Arm in Arm gehen mit dem Reichskanzler nicht allzu wohl war. Man erinnert sich noch recht deut- lich, daß in einer sozialdemokratischen Zeitschrift wissenschaftlicher Haltung die Verstaallichung der Eisenbahnen als ein sozialistischer Gedanke der Partei zur Unterstützung anempfohlen wurde, da aber gerade Liebknecht und seine näheren Freunde eS waren, welche den Vertreter dieser Ansicht höhnisch und verächtlich zurückwiesen, weil man den gegenwärtigen Staat nur befestige, wenn man ihn selbst bei sozialistischen Reformen unterstütze. Die Arbeiter müßten dabei bleiben, daß eS unter diesem Staat nur Verzweiflung gebe u. s. w Die jetzige Bekehrung deS Herrn Liebknecht ist sehr dankenswert, aber daß es ihm so leicht gemacht werden würde, die Rolle deS Triumphators zu spielen, wo er in der That hinter dem Wagen deS Siegers schreitet, hat er wohl selbst kaum gehofft. Im Uebrigen hat die sozialdemokratische Partei freilich immer die allseitige unmittelbare Fürsorge deS Staats für die Arbeiter verlangt, aber über die Technik dieser Fürsorge nie einen ernsthaften, geschweige denn haltbaren Gedanken zum Vorschein gebracht. Nach der technischen Seite hat sie auf die Vaterschaft des jetzigen Gesetzes keinen Anspruch und auf diese technische Seite wird jetzt wie in Zukunft Alles ankommen. Wiederholt sei jedoch betont, daß die Bekehrung deS Herrn Liebknecht vom revolutionären zum
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