fflatßurg, Freitag, 3. Juni 1881
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Der Dreibirkevhof.
Roman von August Butscher (Fortsetzung.)
recht geflissentlich gegen die evangelische Kirche kehrten, die sie im tiefsten Grunde nicht verstehen und — hassen. Wie erbittert der Fortschritt gegen die Steuer- und Wirtschafts- Reform kämpft, lesen un hören wir täglich. ES wird ihm nichts helfen. DaS eine Gute aber hat die Feindschaft der Fortschrittler gegen Fürst BiSmarck gehabt: den Entschluß des Kanzlers, zu bleiben, gerade weil diese Leute sich über seinen Rücktritt freuen würden. „Nachdem ich die Herren schärfer ins Auge gefaßt habe, die meinen Rücktritt wollen, da habe ich mir gesagt: ich muß dem Baterlande doch noch zu etwas nütze sein, wenn ich bleibe, und ich habe mich entschlossen, so lange ein Faden an mir ist, will ich dem Vaterlande dienen." So Fürst BiSmarck in der Rede vom 4. Januar d. I.
Dort saß Friedel bleich und schlaff; man hatte ihn in einem Lehnstuhle hereingetragen. Um seinen Kopf schlang sich ein dickes Tuch, unter welchem die fieberffch glitzernden Augen unstät hin- und herrollten. Johannes hatte keine Hand angelegt, als man den in der Heilung begriffenen Bruder aus seiner Kammer herübergeholt. Sett ihn Eva so aufopfernd pflegte haßte er ihn noch mehr als früher, fast mehr als den, der ihn verwundet hatte.
Brinkmann stand eroft und schweigend riebest dem flackernden Oellichtchen, und er hielt unbewußt in seiner Hand den BuchSbaumzweig, der in einem Glase mit Wasser stack. Unten in der Stube hatte sich das Hofgesinde versammelt und betete:
Immer stärker heulte der Sturm.
Auf einmal kam es daher mit silbernem Läuten, mit Gewieher und Gestampf — ein Wagen brauste in den Hof und — jetzt stand der Citronmsepp mitten unter der stillen Versammlung, im nächsten Augenblick kniete er am Lager seiner verscheidenden Liebsten auf Erden.
Schon hatte sich halb der Schleier der Bewußtlosigkeit auf Mariens Augen gelegt, aber in diesen leuchtete wie ein Sonnenstrahl noch einmal die alte süße Liebe auf den Knieenden zurück. Aus einmal ging es wie ein Ruck durch ihren Körper, ein kurzes Röcheln — und das arme Herz stand still. Wie eine Schlummernde lag die Entseelte da, das Haupt sanft zur Seite geneigt.
Gläsern stierten die Augen des Tirolers auf das mar» mvrbleiche Antlitz der Toteu. Ein Schüttelfrost ging durch
dieser Opposition gegen die Regierung ist sie bis auf den heutigen Tag stehen geblieben. Sie hat sich der Reorganisation des Heeres am schroffsten entgegengestellt, sie hat den Ministerpräsidenten BiSmarck - Schönhausen ebenso wütend befehdet, wie sie heute den Reichskanzler angreift; diesem Manne Steine in den Weg zu wälzen, das war und ist die Hauptkunst der Fortschrittsmänner. Mit dem Jahre 1866 fing es in den Köpfen einiger an zu tagen. Herr von Forckenbeck, Unmh und Lasker u. a. traten aus der Fortschrittspartei aus und gingen über zu den Rational- liberalen, von denen sie sich indessen vor kurzem wiever getrennt haben, um als verschämte Fortschrittler unter dem Namen der „Sezessionisten" weiter zu vegetieren. Die anderen aber blieben konsequent und — verwarfen die Verfassung des Norddeutschen Bundes als einen „fteiheitsge- sährlichen Rückschritt", als eine „Kränkung und Gefährdung der Volksrechte".
Die Fortschrittspartei stimmte gegen die Verfaffung des Deutschen Reiches, gegen die Heeresverfassung vom Jahre 1874 (Septenat) und hört nicht auf Sturm zu laufen gegen unsere Armee, den Schutz und Hort de« jungen, von Feinden rings umgebenen Reiches. Die Soldaten, sagen die Phrasenhelden, kosten zu viel Geld; wir brauchen nicht so viel Militär, das ja doch lediglich ein Paradespielzeug der Könige und eine BersorgungSanstalt armer Junker sei. Wäre eS nach der Fortschrittspartei gegangen, so hätten wir keine kriegstüchtige Armee erhalten, so stünde Preußen heute nicht an der Spitze von Deutschland. Aber freilich, der Demokrat ä la Schulze-Delitzsch wollte ja Preußen auch den Großmachtskitzel austreiben I Wahrhafttg, wir sichen vor einem haushohen Haufen von Unverstand und politischer Impotenz. — Aber vaS deutsche Reich ist entstanden trotz der Fortschrittspartei. Es ist und wird im Innern ausgebaut trotz der Fortschrittspartei. Das VerfassungSgebäude und die Schutzwehren für seine Befestigung und die Sicherheit der Nation werden diese großwortigen Redner nicht mehr umstoßen. Auch die deutsche Rechtseinheit haben sie nicht zu hindern vermocht, obwohl sie gegen die Justizgesetze gestimmt haben, aber wohl gemerkt, durchaus nicht aus dem Grunde, weil dieselben an sich unvollkommen und den Berhältniffen unangemeffen waren, sondern weil einige Preßfreiheiten durch sie noch nicht erreicht wurden. Doch wir würden kaum fertig werden, wollten wir alles daö aufzählm, was gegen den Widerspruch der Fortschrittspartei Gutes und Großes und Dauerhaftes geschaffen ist. WaS wir dieser Partei verdanken, das sind die Handels-, Gewerbe», Wucher-, Vagabondcu- und andere Freiheiten, die Gesetze, an deren Revision, bez. Beseitigung wir alle Kräfte setzen müffen, damit das Volk nicht ruiniert werde. Dahin gehören auch die Kulturkampfs- Gesetze, deren Spitze Herr Virchow und Genossen — Herr Virchow hat ja selbst das Wort „Kulturkampf" erfunden —
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seinen Leib, und endlich flössen die Thränen, die sein gepreßtes Herz erleichterten.
„Gott gebe ihr die ewige Ruhe!"
„Und daS ewige Licht leuchte ihr" — klang's von der unteren Stube herauf, wo das Gesinde im Gebete versammelt war. —
Die alte Martha öffnete dann, wie eS Brauch war, ein Fenster.
Mit verhülltem Gesicht saß der Dreibirkenbauer; schwer atmete Friedel, und Johannes weinte.
Wie segnmd ruhte Brinkmanns Hand auf der Stirne der Toten, der Eva nun schluchzend die Augm zudrückte.
Von unten herauf klang noch immer das Gebet, dumpf wie die Totenglocken.
Wenige Stunden nach ihrem Tode lag Marie in Blumen gebettet, weiß gekleidet und mit einem weißen Schleier bedeckt. In den starren Händen hielt sie Sepp's Citrone und das Sterbekreuz. Um sie herum brannten Wachskerzen auf versilberten Leuchtern, und zu Füßen stand ein Kreuz.
Roch einen Schmuck hatte Eva für die Tote hergerichtet. Am Barbaratage (4. December) wurden zu jener Zeit und werden auch noch jetzt Birkenzweige geschnitten und in lauem Wasser für das Weihnachtsfest zum Ausschlagen gebracht. Von dm drei Birken im Hofe hatte Eva die Zweige geschnitten, und sie warm nun wie im Lenz im Blätterschmuck. - Mit einem solchen grünmdm Zweige umwand Eva thränenvollen AugeS die weiße Stirne der Toten und die blonden Haare. Wer sie so sah, sprach nur das eine Wort: „Die Birkenmarie!"
Am Weihnachtstage wurde die Leiche der Birkenmarie
Devlsche« «eich.
•* Berlin, 31. Mai. In Reichstagskreisen wird mit Befremden ein auf der linken Seite hervortretendes Bestreben bemerkt, die Beschlußfähigkeit in den vor Pfingsten noch in Aussicht genommenen Sitzungen möglichst zu verhindern. Es scheint, daß man linkerseits Besorgnis hegt vor einigen dritten Lesungen, z. B. derjenigen des Stempel« stmergesetzes, für welche, wie man hört, Anträge zur Wiederherstellung der abgelehnten Bestimmungen der Regierungs- Vorlage nicht ohne Aussicht auf Erfolg angekündigt werden. Man fcheint zu glaub m, daß, wenn es gelinge, das Pensum nach Pfingstm möglichst zu überladen, einige den Linken besonders unerwünschte Teile desselben gar nicht mehr zur dritten Lesung gelangen dürften. — Ein besonderes Aufsehen haben die kürzlich von der „Nordd. Allgem. Ztg." gebrachten Nachweise erregt, wie die Staatsregierung bemüht gewesen ist, von verschiedenen Stellen für den katholischen Religionsunterricht in vorschriftsmäßiger Weise zu sorgen, ihr dies Bemühen aber kirchlicherseits vereitelt worden ist. Von katholischen Blättem hat bis jetzt die „Germania" geantwortet, aber keine andere Rechtfertigung zu finden gewußt, als das Fehlen der bischöflichen Verwaltung in den betreffenden Diözesen. Auf diese Weise wird man frellich nicht zum Frieden gelangen. Sowie die Staatsregierung sich bemüht, die Folgen der bischöflichen Nicht-Funktion zu mindern, entgegnet man ultramontaner- seits: Wir wollen gar nichts beitragen, die Uebelstände der infolge rechtskräftiger Verurteilung gehemmte bischöfliche Funktionen minder fühlbar zu machen. Diese Uebelstände sollen vielmehr so empfindlich als möglich auftreten, damit dem Staat nichts anders übrig bleibt, als die Bischöfe zurückzurufen. Wie gesagt, dies Verfahren kann nicht zum Frieden führen, aber auch nicht zur Unterwerfung der Staatsregierung. — In Abänderung des die Ueberweisung von Postformularen betreffenden Erlasse« vom 27. Dezember 1879 hat der Minister des Innern hinsichtlich des Bezuges der Postgebühren für den Bereich der Monarchie, mit
arg, 44.
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Zur Naturgeschichte der Fortschrittspartei. I.
Der Stern des Fortschritts befindet sich im Niedergang. Nur allzu lange hat er die Menschen irregeführt. Wie in aller Welt war daS nur möglich? Denn geleistet hat diese Partei rein garnichts; sie hat weder die Entwickelung Preußens noch den Ausbau des deutschen Reiches gefördert, wohl aber beide gehemmt. Woher also ihr Einfluß und ihr Anhang?
Zunächst von dem sehr geschickt gewählten Namen. Fortschritt! Wer möchte nicht zu den Fortgeschrittenen gehören? Wie muß es dem Philister nicht schmeicheln, an der Spitze der Bewegung einherzuschreiten? In Wahrheit sind die Fortschrittsmänner Demokraten, die „guten Revolutionäre" von 1848. Leider haben nun viele die Kinderkrankheit jenes JahreS noch nicht überwunden und darum merken sie es nicht, wenn man sie auf jenen überwundenen Standpunkt zurückschrauben will. Es ist bezeichnend für die Fortschrittler, daß sie nichts vergeffen und nichts gelernt haben: sie stehen eben still und drehen sich auf demselben Fleck herum. Sie selbst nennen das Konsequenz und dadurch ködern sie wieder eine Menge von Leuten, denen dies konsequente Wiederkäuen derselben Grundsätze imponiert. Wie wenige begreifen es, daß die wahre Konsequenz, die Folgerichtigkeit des politischen Denkens eben darin besteht, der geschichtlichen Entwickelung des Staates nachzugehen, die geschichtliche Bewegung mit klarem Ueberblick über die gegebenen Verhältnisse zu leiten! Zu dieser staatsmännischen Weisheit gehört freilich ein scharfer und weiter Blick, ein Horizont über den die wenigsten verfügen. Beschränkten Köpfen ist eS immer am wohlsten im engen Bezirk des ausgeklügelten Systems. Hat die Fortschrittspartei nicht förmlich die Augen zugemacht vor den großen Ereignissen der letzten Dezennien? Hat sie nicht alles gethan, um eine gesunde Weiterentwickelung der inneren wie äußeren Angelegenheiten zu hemmen?
In dem Jahrzehnt nach 1848 war es die Aufgabe der demokratischen Partei, der Reaktion entgegenzuarbeiten. In
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Bestellungen für den Monat Juni der Merhessischen Zeitung mit deren Gratisbeilage Jlluftrirtes Sonntagsblatt bitten wir baldigst machen zu wollen.
MT" Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
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««eigen nimmt entgegen: tfe Expedition b.Blatte«, loste d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & 60. in jtoffe! und Hannover; Th. Dietrich in Kankfurt a.M.; Sa-lenstet» & Bögler in ftarfftirt a M., Berlin, -einzig, rc.; Rudolf Me in Berlin, Frank- kurt «. M ic.
hineingetragen nach Blumenrain und auf dem ftiUcn Dorskirchhofe begraben. --
Der Citroneusepp war mit dem Schultheiß wieder zurückgegangen in das große öde Haus und stand nun bei ihm in der Wohnstube mit dem düsteru Getäfel und mit dem alten eichenen Schreibtisch.
Der Hofbauer ließ sich schwer auf einen Seffel fallm, dann begann er gegen den jungen Tiroler gewendet: „Wir haben jetzt ein wichtiges Wort miteinander zu reden, Sepp ; setze Dich nieder und höre, waS ich sage."
Die Stimme des gebeugten Vaters war leise gewordm und stockend. Sepp setzte sich und starrte aus die graue Diele. „Du bist in der Stadt, nicht wahr?" fragte er, wohl bei der Fran von Bern?"
„Nein, nicht gerade bei Frau von Sern," antwortete Sepp, „ich bin bei dem Konzertmeister Gnteknnst."
„Und was machst Du dort, wenn man fragen darf?"
»Sie haben mich schier mit Gewalt dort behatten, ich soll noch mehr fingen lernen und aufs Conzert und ins Theater, weiß Gott, was sie alles mit mir machen wollen, aber jetzt gehe ich auf und davon, so wett die Welt groß ist."
„Und von was lebst Du?" inquirierte der Schultheiß.
„Von dem unglückseligen Geld, das ich dazumal am Alleiseelentag drüben in Blumenrain gewonnen hab'; eS wird das falsche Glück mir zur Strafe geworden sein für meinen großen Uebermut."
„Jawohl zur Strafe," fuhr er dann auffahrend fort, „denn ich habe ja doch mein HeimatSrecht - da außen verspielt und vielleicht ein paar Wochen des Lebens für die arme Marie."
(Fortsetzung folgt.)
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