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Jllacöurg, Dienstag, 31. Mai 1881.
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Gambetta und die Listenwahl.
In Frankreich hat Gambetta jetzt die schon lange von ihm angestrebte Aenderung des Wahlgesetzes erreicht. Die Kammer hat die Listenwahl angenommen und der Senat wird ein Gleiches thun. Bisher wählte in Frankreich, wie bei uns, jeder Wahlkreis einen Abgeordneten zum Parlament; in Zukunft muß jeder Wähler so viel Namen auf seinen Stimmzettel schreiben, als das Departement, dem er angehört, Abgeordnete zu wählen hat; jeder Wahlzettel enthält also eine ganze Liste von Namen und deshalb wird dieses Wahlsystem Listenwahl oder Listenskrutinium genannt. Warum hat sich denn nun Gambetta für dieses Wahlsystem so sehr ereifert? Schon jetzt, wo jeder Kreis einen Abgeordneten wählt, präsentieren die verschiedenen Parteien ihre Kandidaten den Wählern in Form von Wahlzetteln mit den Namen der Kandidaten, weil ja die meisten Wähler gar nicht im stände sind, selbst einen Abgeordneten ausfindig zu machen, den sie wählen wollen, und well ja dann, wenn jeder Wähler ohne vorherige Verständigung mit anderen Wählern einen besonderen Abgeordneten wählen wollte, eine Mehrheit für einen Abgeordneten gar nicht zu stände kommen würde. Wenn schon die Ausfindigmachung eines Wahlkandidaten dem einzelnen Wähler viel Schmerzen machen würde, wieviel mehr würde dar der Fall sein, wenn er eine ganze Reihe von Namen auf seinen Wahlzettel schreiben soll; die Listenwahl macht es also noch in viel höherem Maße nötig, daß die Wahlkandidaten von den Parteivorständen aufgestellt werden. Bisher thaten das Parteivorstände jedes Wahlbezirkes; bei der Listenwahl aber ist eine Verständigung mit den Parteivorständen des ganzm Departements nötig und es wird also die Aufstellung der Listen den Centralwahlvereinen in den Departements-Hauptstädten zufallen. Diese bekommen also die ganze Wahl des Departements in die Hand. Die Departements-Wahlver- rine stehen natürlich mit dem Hanptwahlverein von Paris in Verbindung und dieser Hauptwahlverein bekommt dadurch die Wahlen im ganzen Lande in die Hand. Gambetta hofft auf diese Weise durch seinen Einfluß auf die
Der Dreibtrkeuhaf.
Roman von August Butscher.
(Fortsetzung.)
Martha schluchzte noch lauter, denn nichts ergreift mehr, als wenn ein Sterbender triftet: es liegt etwas Ueber- irdisches darin, eine Selbstverleugnung, für deren Beschreibung es keine Worte giebt. —
„Könnt' denn nicht unser Herrgott/ stammelte die treue Seele, „mich altes, einschichtiges Leut' für Dich abrufen I"
„Du mußt nicht so reden, Martha," sagte Marie leise, indem ein holdes Lächeln müde um ihre bleichen Lippen spielte. „Es soll so sein, und ich geh gern hinüber, denn gesund kann ich doch nimmer werden!"
„Wer weiß?" sagte Eva schnell, um nach einem Anhalt zum Tröste für sich selbst zu greifen.
„Laß das gut sein," lächelte die Kranke, „mit dem Leben bin ich im Reinen, doch redm wir noch, Ev' mll einander. Du weißt, ich habe Dir noch so viel zu sagen, aufzugeben und Dich zu bitten."
Sie sah nach Eva hinüber, die das Gesicht tief auf die Brust neigte.
Von unten kamen Männertritte, und die Fallthüre, die von der Wohnstube heraufführte, öffnete sich.
Der Priester erschien mit den Chorknaben. In der Hand trug er das heilige Sacrarnent, die „Wegzehrung", wie der Volksmund so poetisch und natürlich sagt. Leise klang die Klingel des Ministranten, der die letzten Schneeflocken aus den Haaren strich, denn es hatte zu schneien begonnen.
Im Hintergründe hielt sich der Lehrer mit dem Buche, aus dem die Sterbegebete gelesen werden, neben ihm standen Johannes und der Dreibirkenbauer.
republikanischen Wahlvereine sich eine Mehrheit im Parlament schaffen zu können, welche ganz nach seiner Pfeife tanzt — eine Partei Gambetta saus phrase. Er hat dazu umsomehr Aussicht, als er ja bisher durch seinen Einfluß es fertig gebracht hat, daß die Verwaltungs- und Rtchter- stellen des Landes, wie die einflußreichen Stellen in der Armee mll ihm willig ergebenen Leuten besetzt sind. Gambetta will jetzt offenbar bald die Regierung von Frankreich in seine Hand nehmen, dazu bedarf er einer großen, ihm gehorsamen Mehrheit der Kammer, well bei der Präsidentenwahl Kammer und Senat unter dem Namen Nativ-, nalversammlung zur Wahl des Präsidenten zusammentreten. Ob der Präsident Grevy seine 7 Jahre aushält, erscheint fraglich; in der Wahlfrage hat Gambetta einen großen Sieg über ihn, der gegen die Listenwahl war, davonge- tragen und durch seine letzte Reise nach Cahorö, seiner Vaterstadt, wo seine Eltern noch leben, hat Gambetta bewiesen, daß er nach der Regierung strebt. Diese Reise wurde mit wahrhaft fürstlichem Aufwande unternommen.. Die Bahnverwaltung stellte ihm einen Extrazug zur Verfügung; er war umgeben von einem glänzenden Gefolge von 20 Perfonen: Abgeordnete, Senatoren, Staatsräte, sein Arzt, sein KabinetSchef, fein Sekretär und sein Leib» journalist. Ueberall wurde er auf den Bahnhöfen mit Musik und Ansprachen begrüßt, in der Gegend von Cahorö wurden in den Dörfern die Glocken geläutet; als der Zug in Cahorö einfuhr, erscholl Kanonendonner, die Spitzen, der Behörden erschienen zu seiner Begrüßung, die Fener- wehr und eine Kompagnie Soldaten waren aufgestellt, Musik und ein Sängerchor trugen eine eigens gedichtete Gambetta-Hymne: „Heil dir, o großer Bürger", „Salut, grand citoyen“, vor. Die Stadt war mit Fahnen und Guirlanden geschmückt, abends große Illumination. In Cahorö hat er eine große Rede gehalten bei der Einweihung eines Denkmals für die 1870 gefallenen Soldaten. Seine Lippen triefen von Friedensworten (s. d. Depesche aus Cahorö in vor. Nr.). Wie Napoleon sagte: „das Kaiserreich ist der Friede," so sagt Gambetta — das ist. der Kern seiner Rede — „die Republik ist der. Friede." Die eine Phrase ist so trügerisch wie die andere, je sried- licher Napoleon sprach, desto kriegerischer faßte die Welt, seine Worte auf. Gewiß, Gambetta sagt so wenig wie Napoleon, ich will den Krieg. ES wird immer versichert: ich oder der von mir geleitete Staat will den Frieden, und wenn Gambetta sagte: Frankreich will die Ordnung und den Frieden, so ist daö jetzt nicht mehr wahr, als damals, als es Napoleon sagte. Wenn aber Gambetta zu seinen Zuhörern sagte: „Weil Sie die Herren sind, darum kann nichts ohne die Nation geschehen" — so ist es eine Phrase. Der tunesische Krieg ist unternommen worden, ohne daß das Volk von Cahorö auch nur davon gewußt hat, geschweige daß es darüber gefragt worden ist. Solche Reden
Der Letztere neigte das Haupt tief auf die Brust, während in seiner Hand das kleine Käppchen zitterte.
Johannes sah starr und wie geistesabwesend auf die Kranke und das Tischchen, auf dem zwei Kerzen neben dem silbernen Crncifix flackerten.
Marie empfing andächtig das letzte Abendmahl und faltete still die mageren, schlanken Hände bei den Gebeten des Pfarrers.
„Wie ein Hirsch nach Wafferqnellen, so lechzet meine Seele nach Dir," las der Pfarrer, und fein graues Haupt zitterte, es zitterte ja auch dem Grabe zu.
Maria sah nach oben, und wie ein Verklärungsschimmer lag es auf den blonden Haaren, die auf das Kissen sich breiteten.
Aus Brinkmanns Auge quoll eine große Zähre, und seine Lippen bebten in inbrünstigem, schmerzerfülltem Gebete: er empfand wohl am ttefften die Weihe des Augenblickes.
Aus des Birkenbauerö Brust klang nut ein halb ersticktes Stöhnen. Es mußte fchrecklich in seinem Herzen wühlen, denn das Liebste, der gute Engel seines so freude- armen Lebens, ging von ihm — für immer 1 Seine Augen ruhten nnverwandt auf ben Zügen der Tochter, die nun wie zum Schlummer die Lider senkte.
Der Pfarrer schied, die heilige Handlung war vollzogen. Der Lehrer blieb. Marie hatte eö so verlangt, denn sie wollte chr Testament machen, bei dem sie ihren Lehrer als Zeugen wünschte. Johannes stieg hinunter zur Stube, und ein Zug von jenem früher besessenen, fast schwermütigen Gesichtsausdruck zeigte sich auf Augenblicke als er noch einen Blick nach seiner Schwester und einen nach Eva sandte, die mit Martha neben Mariens Lager kniete und bitterlich weinte.
bedeuten gar nichts, daö sind schöne Phrasen, mit welchen dem Volke Sand in die Augen gestreut wird. Wenn Gambetta zur Regierung kommt — und das will er — so wird sein Streben dahin gehen, die Republik zu befestigen, die alten monarchischen Erinnerungen und Bestrebungen für die Zukunft abzulhun. Zu diesem Zweck wird er die Scharte von 1870 anszuwetzen suchen; sein Hauptgedanke ist bekanntlich die Revanche. Erst kürzlich sagte eines der ihm befreundeten Journale: „Was will die Erwerbung von Tunis bedeuten, so lange Elsaß von Frankreich getrennt ist?" Und der von seinem Sekretär Richard inspirierte „Voltaire" ist wütend darüber, daß der Minister St. Hilaire an ein deutsches Blatt einen Brief geschrieben hat, in welchem er sich anerkennend und dankbar über die Haltung Deutschlands in der tunesischen Frage ausspricht. Der „Voltaire" sagt, ein Minister, der solche Briefe schreibe, denke offenbar an seinen Rücktritt. Deutschland hat jedenfalls allen Grund, die Entwickelung der Dinge in Frankreich aufmerksam zu verfolgen.
Gambetta wird wahrscheinlich erst nach den Wahlen die Krisis, welche ihn an die Regierung bringt, herbeizuführen suchen, schwer ist dies ja nicht; bei der letzten größeren Ministerkrists wackelte ja schon der Stuhl Grevyö. Im Augenblick versucht Gambetta die Gegner durch die versönliche Haltung seiner Blätter zu gewinnen; aber wenn Gambetta an die Gewalt kommt, so darf man als sicher annehmen, daß er seine Zeit nicht mit der herkömmlichen Abwickelung der täglichen Geschäfte zubringen wird. Gambetta will und muß etwas besonderes thnn, daS erwartet die Nation von ihm. Was daö besondere fein wird, ist ja fraglich, aber auf alle Fälle ist'« gut, wenn die Wacht am Rhein nicht einschläft.
Deutsche« «eich.
Berlin, 28. Mai. Znm heutigen Diner beim Fürsten Bismarck, an welchem auch der Kaiser teilnimmt, erhielten sämlliche Minister mit ihren. Gemahlinnen Einladungen. — Auf der gestrigen parlamentarischen Soiröe bei dem Reichskanzler äußerte derselbe u. A.: Die Erhöhung des MehlzollS sei durchaus notwendig, weil andere Länder auch Erhöhungen ihrer Zölle vornehmen und weil insbesondere gegenwärtig die Vereinigten Staaten Anstrengungen machen, Mexiko in ihr Zollgebiet hineinzuziehen. Der Reichskanzler berührte alsdann die brennende TageSfrage, indem er sich über die ebenso langen wie unnützen Reden in der zweitägigen Debatte über die Hamburger Zollanschluß-Angelegenheit ausführlich ausließ. Als Vorschläge zu etwaiger Abhilfe des hierbei zu Tage getretenen Uebelstandes empfahl er, man solle die Herren nur ruhig reden lasten, für wichtige Abstimmungen aber bestimmte Tage im voraus festsetzen und dann auf die Anwesenheit großer Majoritäten, womöglich der Vollzahl sämtlicher Abgeordneter bestehen. Der Fürst
Wieder näherten sich Tritte. Es war .der Notar und noch ein Zeuge. Man mußte die drei Männer allein bei der Kranken lasten, die frei übet ihr mütterliches Vermögen zu verfügen hatte und es auch thun wollte. Sie hatte die Augen wieder aufgemacht, und ein Zug von Willmö- kraft zeigte sich um den kleinen Mund. Der Notar setzte sich mit den beicen Zeugen um den runden Tisch, der im Zimmer stand, legte fein Papier zurecht und begann, Mariens langsam gesprochene Worte niederzuschreiben. Diese bictierte einfach Folgendes:
„Mein mütterliches Vermögen beträgt 18000 Gulden, und über diese verfüge ich folgendermaßen."
„Nun, Sie brauchen sich nicht weiter anzustrengen," fiel der Notar ein, „natürlich soll die ganze Summe an Ihren Vater zurückfallen, und ich will daö Betreffmde aufsetzen, damit Sie es nur zu unterschreiben brauchen."
Marie winkte mit der abgezehrten Hand, an der immer noch Sepps Goldreif blitzte, und fegte wie in halber Ungeduld, nachdem sie ben quälenden Todeshusten bewältigt hatte:
„Mein Vater stt der Verwalter meines Vermögens und will, daß ich ganz frei darüber verfüge. Schreiben Sie nur!“
„Zweitausend Gulden vermache ich an meine treue Wärterin, Martha Rodin, als Zehrung für ihre alten Tage."
Der Lehrer nickte freundlich zu der Kranken hinüber, welche ihre letzten Augenblicke mit Wohlthun ausfüllte.
Die Sterbende fuhr mit halberloschener Stimme fort: „Viertausend Gulden vermache ich meinem treuen und geliebten Freund und Lehrer Brinkmann von Blumenrain als Andenkm an seine Schülerin.
(Fortsetzung folgt.)