Skr. 124
Marburg, Sonntag, 29. Mai 1881.
XVI.
■«eigen nimmt entgegen: He Expedition d.LlatteZ, <c»ie d-Annoncen-Bureaux von Ä. Dietrich & So. in jtaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt gJDL ; Saasenftein & Logier in Frankfurt a M., Berlin, 5 -pjis, Edin ic.; Rudolf Lositz in Berlin, gienl»
ObechesW jritmig
Anzeigen nimmt: entgegen die Expedition b. Buttel sowie d.Annoncen-vureanr von E- L- Daube k So. in Frankfurt a. M; JSger^che Buchhandlung dafelbstj; Hermann'fche Buchhandl. daselbst; Juvaiidendant in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: S. Schlotte in
Bremen-
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V Eine gründliche Niederlage.
Der Abgeordnete Eugen Richter hat mtt dem von ihm in der Hamburger Zollanschlußfrage gestellten Anträge eine recht gründliche Niederlage erlitten.
Gleich nach Einbringung des betreffenden Antrages wurde die in demselben sich kundgebende Ueberhebung deS Abgeordneten Eugen Richter gebührend gekennzeichnet und nach der in der MitlwochS-Sitzung des Deutschen Reichstages verlesenen Erttämng deS Staatssekretärs im Reichsamt des Innern von Bötticher kann über den Charakter und die eigentliche Tendenz jenes Antrages kein Zweifel mehr obwalten.
„Also so weit sind tt>!r gekommen l Wir kommen ja immer weiter auf diesem Wege!" Diese Worte, mit denen der Abgeordnete Eugen Richter seine Rede, nach der Erklärung deS Staatsministers von Böttiger begann, wurden mit einem Ausdrucke von dem agitatorischen Führer der Fortschrittspartei gesprochen, daß man daraus schon entnehmen konnte, wie der Redner die unvermeidliche Wirkung der ir Namen der verbündeten Regiemngen abgegebenen Erk.'uung sofort erkannt hatte.
Herr Eugen Richter meinte im Eingänge seiner Rede am Mittwoch, daß man nicht einmal die Begründung des Antrages anhöre, wie eS sonst doch parlamentarischer Gebrauch sei, svnbern daß der Vertreter des Bundesrats, ehe noch die Absicht deS Antrages klar gelegt, dem letzteren gewisse Absichten und gewisse Motive unterstellt habe.
Nun, der Vertreter deS Bundesrats hat dem Anträge Richter absolut nichts unterstellt, was nicht aus demselben direkt herauszulesen war. Der Antrag verlangte nämlich eine Erklärung deS deutschen Reichstages dahin,
„daß es weder dem bundesstaatlichen Verhältnis, noch der Achtung vor dem geltenden Verfaffungsrecht entspricht, wenn der BundeSrat Aenderungen der Zolleinrichtungen vornehmen sollte, lediglich zu dem Zwecke, um einzelne Bundesstaaten in dem freien
Der Dreibirkeahos.
Roman von August Butscher
(Fortsetzung.)
Friedel war aufgestanden und sang, indem er seinen mit Wein gefüllten Steinkrug auf dem Tisch klirren ließ:
„Die Stadtleut', die haben die Zeit sich vertrieben, Sie haben ein'» Spatz aus dem Wälschland verschriebm, Jetzt pfeift er und sieht wie ein Gockelhahn aus, Drum paßt er so recht zu den Hennen ins Haus."
Wieherndes Gelächter der um die zwei Birkenhofer sich sammelnden Bursche war daö Zeichen der Anerkennung für die rohe Herausforderung. Ein großer Teil der jungen Leute mißgönnte dem Tiroler seinen heut errungenen ungeheuren Gewinn und die Ehren, die er in der Gesellschaft am Herrentisch genoß.
Brinkmann und der Citronensepp waren bleich geworden: Ersterer aus Bestürzung, Letzterer aus Zorn und Beschämung. Wie im Krampf griffen seine Hände in die Saiten seiner Cither, daß sie klirrend sprangen. Der Conzerimeister und Frau von Bern hatten sich unruhig erhoben und concentriertm sich etwas rückwärts nach dem Wagen. Bevor noch ein weiteres Wort gefallen war, hob Johannes mit schriller Stimme an:
„Im Wälschland, da haben sie bittere Not,
Sie reifen nach Schwaben und betteln ihr Brod, Und unsere Mädel, die fangen sie ein, Und der dort muß auch so ein Wälschländer sein!"
Unter Cent Gelächter seiner Curnpane wies er nach dem Tiroler und Eva hin, die totenblaß neben einander standen. Die Bursche brängten jetzt zu ihnen hinüber; um den
Gebrauche ihres verfaffungSmäßigen Rechtes zu beschränken."
Wer wollte bestreiten, daß in diesem Ansprüche, der dem BundeSrate direkt eine Mißachtung des geltenden Verfassungsrechtes und die Absicht unterschiebt, einzelne Bundes-Staaten in dem freien Gebrauche ihres verfassungsmäßigen Rechtes zu beschränken, eine schwere Beleidigung deS Bundesrates enthalten ist?! Wer wollte ferner — außer Herrn Eugen Richter natürlich — noch so naiv sein, die Forderung aufzustcllen, daß der schwer Beleidigte auch noch die besondere Begründung derartiger Jnvectiven anzuhören habe?!
Herr Eugen Richter, der im Landtage, als der Abg. Ludwig gegen einzelne Mitglieder schwere Anklagen erhob und diese zu begründen suchte, der erste war, welcher den Ankläger von der Tribüne zu entfernen suchte, dachte jetzt, wo er die Rolle des Anklägers und Beleidigers spielte, ganz anders; ihm sollte der beleidigte Bundesrat selbst zuhören! Ein abermaliger Beweis, was eS mit dem Rufe der Fortschrittspartei: „Gleiches Recht für alle" für eine BewandniS hat.
Nun trifft die Nachricht ein, daß bereits am Mittwoch, an welchem Tage der fortschrittliche Agitator Eugen Richter sich so sehr für die Verdächtigung des Reichskanzlers und Bundesrats ins Zeug legte, die Prälimi- nar-Uebereinkunft zwischen Reichsregierung und Hamburg bezüglich des Zollanschlufses unterzeichnet worden ist!
Diese Nachricht von der freien Entschließung deS Hamburger Senats muß in der That die Agitation eines Eugen Richter und der Fortschritts- Partei am verständlichsten kennzeichnen und gründlicher kamt eine Niederlage schwerlich eintreten, als sie durch dieses Ereignis dem Abg. Eugen Richter und feinem Anträge bereitet worden ist.
Deutsche» Reich.
Berlin, 27. Mai. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Finanzministers, wonach nicht in den Monaten Januar, Februar und März 1882, sondem in den Monaten Juli, August und September 1881 die Monatsraten sämtlicher Stufen der Klaffensteuer und der fünf untersten Stufen der Einkommensteuer unerhoben bleiben. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." sagt: Die Verhandlungen über die Hamburg und die Unterelbe betreffenden Anträge im Reichstage beweisen, daß auch bei den gemäßigteren Elementen das Streben des Reichstages nach Alleinherrschaft und die unwillkürliche Neigung, die verfassungsmäßigen Rechte der Regierungen in Besitz zu nehmen, mehr und mehr ans Licht treten. Die im Bundesrate vertretenen Regierungen haben durch Vertrag unter» Citronensepp scharten sich die Anhänger des Höhlenhofcs, in erster Reihe der Höhlenlenz, der sich völlig auf die Seite des Citronenseppö geschlagen hatte und mit einem Stuhlbeine kampfbereit war. Der Dreibirkenbauer stand unschlüssig seitwärts, während Brinkmann Eva wegzuziehen suchte, die sich an den Citronensepp angeklammert hatte. Dieser schwang hoch über seinem Haupte die Cither und rief: „Und wenn Ihrs denn wollt mit dem Wälschländer, so sollt Ihrs haben. Immer her, wer feinen Schädel in der Versicherung hat!"
Auf den Tischm standen schon einzelne Lichter, und mehrere Satemen huschten Irrlichtern gleich durch den Knäul, der sich nun in einander verwirrte. Krüge zersplitterten, und Tische und Bänke krachten zusammen, Keuchen und Flnchm begleiteten den nun entronnenen Kampf. Die Partei der Birkenhofer war bedeutend stärker als die angegriffene, und diese zog sich langsam den Hügel hinunter, wo in der Kutsche der Conzertmeister mit schlotternden Knieen saß. Frau von Bern stand an dem Wagentritte und rang die Hände. Der Citronensepp hatte sich anfänglich mit der rechten Faust verteidigt; als aber jetzt Friedel wutschnaubend mit einer erhobenen Latte auf ihn zustürzte, schwang er seine Cither und schuretterte sie ans Friedels Kopf nieder. Dröhnend zerbarst sie, und blutend stürzte Friedel zusammen.
Der tlirrenbe Krach bet Cither hatte alles erbeben gemacht, unb bet Kampf stockte.
Diesen Augenblick nützenb, brängte Fran von Bem ben Tiroler, der wie erstarrt in ihrer Nähe staub, in bie Kutsche und stieg schnell hinter ihm ein. Der Kutscher hieb auf bie Pferde ein, und der Wagen surrte wie eine große Heuschrecke die Dorfstraße hinunter.
einander auf ihre früheren Sonderrechte verzichtet und die Unterlage für die politische Kompetenz des Reichstages hergestellt, indem sie von ihren eigenen Rechten so viel aufgaben, als für den nationalen Zweck erforderlich ist. Der Reichstag würde es nicht geduldig hinnehmen, wenn der Bundesrat Resolutionen über die Ausübung von Rechten, die dem Reichstage allein zustehen, faffen wollte. Die verfassungsmäßigen Rechte des Reichstages habm keine andere Quelle und Bürgschaft, als die des Bundesrates, sie beruhen auf Verfassung und Bundes- resp. Zollverträgen. Die „Nordd. Allg. Ztg." ist sicher, daß die Anstifter des Versuches, die Reichseinrichtungen auf die Probe zu stellen dadurch, daß der Anteil des Bundesrats an der Regierung geschmälert werden soll, die Mehrheit des deuffchen Volkes nicht auf ihrer Seite haben werden.— In hiesigen Reichstagskreisen wird bestimmt versichert, daß der Hamburger Senat den Präliminarvertrag wegen oeS ZollanfchluffeS mit 8 gegen 2 Stimmen angenommen habe und die offizielle Mitteilung an die Hamburger Bürgerschaft hmte bevorstehe. — Die „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt, daß das Protokoll über den Eintritt Hamburgs in den Zollverband durch den Finanzminister, den Reichsschatzfekretär und die Hamburgischen Senatoren Versmann und Oswald nebst dem Ministerresidenten Krüger gestern Nachmittag vollzogen worden ist. Die schwierige und so viele Interessen in sich schließende Angelegenheit sei beiderseitig den ergangenen Instruktionen gemäß in vollster Verständigung erledigt worden. —In den zwischen der Reichsregierung und Hamburg wegen des Zollanschlusses Hamburgs abgeschlossenen Verträgen soll die Höhe der Kosten sich auf 99 Millionen Mark belaufen, von denen das Reich 40 Millionen und Hamburg den Rest zu tragen hat. Die von Hamburg geforderte Sicherstellung wegen Uebemahme der Zollverwaltung soll nicht bewilligt worden sein. Der Zollanschluß soll nach 5 Jahren erfolgen. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt dazu: „Dem Vernehmen nach ist in den Vorverhandlungen über die Einbeziehung der hamburgischen Bevölkerung in den Zollverein die Verständigung soweit gediehen, daß zunächst der hamburgischen Bürgerschaft, dann eventuell dem BundeSrat und schließlich — soweit Geldbewilligungen in Aussicht genommen sind — dem Reichstag bestimmte Vorlagen gemacht werden können. Wir glauben, daß diese Verständigung schon früher hätte erreicht werden können, wenn sie nicht durch die ungeschickte Einmischung der angeblichen Freunde Hamburgs im vorigen Jahre bei der Debatte über die Elbschiffsahrtakte und in diesem Jahre bei den jüngsten Anträgen der Fortschrittspartei und durch die Haltung der Vertreter Hamburgs im Reichstage wesentlich erschwert worden wäre." — Der „Tribüne" wird auS Hamburg telegraphiert: „Die Ablehnung des Zollanschluß- Vertrags durch die Bürgerschaft wird hier als gewiß betrachtet." In Reichstags - Kreisen glaubt man jedoch nicht,
„O, Sepp, fahre wohl!" rief Eva mit zitternder Stimme.
Der Schultheiß hatte sich über seinen verwundeten, bewußtlosen Sohn gebeugt und gab dann, indem er sich stramm aufrichtete, ben Befehl, ihn auf einem Wagen heimzuführen. Johannes knirschte mit ben Zähnen.
Diese Nacht saß Eva an Friedels Lager, ihr zur Seite der Lehrer unb ber Schultheiß — aber kein Wort kam über ihre Lippen. Drüben in Blumenrain war Alles auseinander gestoben, unb ber bleiche Mond beleuchtete ein Chaos von Trümmern, an benen hie und da ein Tropfen Blut klebte.
6. Nacht.
Seit dem Allerseelentage waren wieder einige Wochen ins Land gegangen, und die Weihnacht nahte. Schon war bie Gegend von blütenweißem glitzernbem Schnee überstreut, unb ber Bachweiher hatte eine bläuliche Eisbecke. Doch kein Fug glitt barüber, und nur die Raben krächzten auf ben. kahlen Bäumen, bie ihre nackten Aeste im Schnee- sturm über bie Eisplatten reckte. Die Singvögel waren gen ©üben gezogen.
Drinnen im Dreibirkenhofe, ber breit wie ein Riese sich auf bem weißen Schneebett dehnte, war eine Seele bereit,, die große Wanderung in eine schönere andere Welt anzutreten.
Die arme Maria!
Am zartesten Bande hing schon längst ihr Leben, und nun war ein Riß geschehen, der es bis zur letzten Faser sprengte. Unb auch diese Faser drohte jetzt zu reißen. Es hielt bie Arme nichts mehr am Leben, nicht einmal bie Hoffnung, benn bie war am Abenb des Allerseelentages begraben worben.