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Rr. 118.

Marburg, Sonnabend, 21. Mai 1881.

XVI. Zahrgilg

Änjeigen nimmt emgegen: Ht Expedition d.vlattes, sowie d-Aanoucen-Bureaux von LH, Dietrich & So. in

staffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a-M.; haaseustein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, LS!» it.; Rudolf Maße in Berlin, Frank­furt a. M. re.

WrWschk Leitung.

Anzeigen nimmt' entgegen die Expedition d.vlattes sowie d- Annoncen-Bureauk von E. 8- Daube L Lo. tu

Frankfurt a- M; Jägerisch« Buchhandlung daselbL; Hermaau'sch« Luchhaudl. daselbst; Zwvslitendaick in Berlin- L- LhienrS in Alberfeld; tt. Schlotte in Breme».

«rfcheint tSglich außer an den Wecktagen nach Tonn- und Feiertage». Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageSlaftrtrt« BonutaaödlNtt" durch die Srpedition (st o-b'swe Buchdruckerei) bezogen 3k Mark, durch du Postämter deS Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pf,, (exel. Bestellgebühr). JnfettionSgebübr für die gespaltene ZMe 10 Pf».

______________________________ Iür m der Sppedrtwn zu ertheilende Luskunst und Annahme von Adressen werden 35 Pf,, berechnet-

Zur Lage i« Ratzlaad.

Die politische Lage in Rußland ist eine recht trübe. Im südlichen und südwestlichen Rußland regen die Juden­krawalle, die zwar in Rußland nichts Neues sind, diesmal aber in ungewöhnlicher Heftigkeit auftreten, daS Land auf. Als Gründe des Ingrimms der Bevölkerung gegen die Juden wird in den Berichten die bekannte Geschäftspraxis der Juden, sowie die starke Beteiligung der Juden an den nihilistischen Bestrebungen angegeben. Darin ist es auch begründet,- die Ausschreitungen deS Volkes sich zugleich gegen die Studenten richten. Das russische Volk haßt die Studenten als Nihilisten und Feinde des Zaren, welchen das russische Volk liebt. In Petersburg lebt man wie auf einem Vulkan. Der Kaiser wird fortwährend von den Nihilisten bedroht. Als die deutsche militärische Deputation bei ihm war, griff er in die eine Tasche und holte einen Zettel heraus, auf welchem ihm noch eine Lebensfrist von drei Wochen gestellt wurde, dann holte er aus der ankeren Tasche einen solchen heraus, auf welchem ihm nur noch mit einer Frist von wenigen Tagen gedroht wurde. Eines Abends stürzte der wachthabende Offizier in sein Kabinet, löschte die Kerzen aus und auf Befragen, warum er das thue, antwortete er, daß man erfahren habe, daß die Kerzen mit Sprengstoff gefüllt seien, welche, sobald die Kerzen bis zu einem gewiffen Punkte heruntergebrannt wären, explodieren würden. Der Kaiser hat nun eine Proklamation erlassen, welche offenbar den Zweck hat, zu bekunden, daß er furchtlos der Revolution gegenüber stehe sich von ihr nicht drängen lasse. Man nimmt an und hofft, daß das Manifest bloö die Einleitung zur baldigen Veröffentlichung von Reformen in der Verwaltung des Reiches bilde. Ursprünglich sollen am Schluffe der Prokla­mation zugleich die Reformen genannt gewesen fein, aber noch in letzter Stunde, und zwar ohne Wissen und auch gegen den Willen deS Ministers LoriS-Melikoff gestrichen wordcn fein, und dieser Umstand soll denselben veranlaßt haben, seine Entlastung zu nehmen. Als erster Schritt der Reformpolitik wird ein UkaS erwartet, welcher das von Alexan­der II. begonnene Werk der Befreiung Der Bauern vollen­den soll, indem er die für die Bauern vielfach unerschwing­lichen Ablösungen durch Staatshilfe bewerkstelligt. Nicht weniger als 3,701,487 Bauern sollen auf Staatsunkosten erleichtert werden, teils durch Herabsetzung ihrer Leistungen, teils durch Nachlaß ihrer Rückstände. An die Stelle Loris Melikoffs ist nun der Graf Nikolaus Jgnatieff ge­treten, welcher zuletzt Domänenmiiüster, früher aber haupt­sächlich im diplomatischen Dienste, namentlich als Bot­schafter in Konstantinopel thätig war. Der orientalische Krieg wird allgemein als sein Werk angesehen. Er ist eins der Häupter der Panslawisten. Als Diplomat ist er im Auslande nicht gut angeschrieben wegen feiner Jn-

triguen, Ränke und feinet Unzuverlässigkeit. Die Türken nannten ihnden Vater der Lüge", die Peroteuden schwarzen Fuchs". Er steht jetzt im 49. Lebensjahre, also in der Vollkraft des ManneSalterS. Er besitzt für russische Verhältnisse eine seltene Fülle von Kenntnissen, Fähigkeiten, Energie und Kraft, er ist ein Feind der Routine und der Kanzlei. Eine bestimmte, feste politische Richtung in der inneren Politik hat er bis jetzt noch nicht gezeigt, man hielt ihn für einen vollendeten Opportunisten, dem alle Mittel recht recht sind, feinen Zweck zu erreichen. Ob seine Ernennung auch oder vorzugsweise eine Bedeutung für die auswärtige Politik hat, oder ob et beauftragt ist, nun feine Energie und Rücksichtslosigkeit in der Durch­führung der inneren Reformen zu erproben, das muß man eben abwarten: jedenfalls ist ein Jgnatieff an der Spitze der rufsischen Politik eine bedenkliche Erscheinung für daS Ausland, hoffentlich aber wendet er feine Kraft lediglich den Reformen im Innern zu. Manche sind der Meinung, er werde nur eine UeberganSstufe für den Grafen Schu- waloff bilden; allein das scheint doch wenig glaublich, da gerade diese beiden Männer immer die größesten Gegner waren. Jedenfalls deuten all diese Maßnahmen darauf hin, daß eS in Rußland noch an oberster Stelle an einem klaren zielbewußten Willen fehlt und doch wäre gerade ein solcher Wille jetzt das, was Rußland am dringendsten nötig hätte. Der Zar meint es offenbar gut mit seinem Volke; aber wenn er auf feine Umgebung blickt, dann muß er sagen: trau, schau, wem? Das russische Volk ist ein gut geartetes und es ließe sich noch etwas aus ihm machen; aber in den obersten herrschenden Klaffen herrscht die hoffnungsloseste Korruption und darin liegt der tiefste Schaden Rußlands, von veffen Heilung alles abhängt. Wie er gehellt werden soll, das ist die große Frage! Daß Rußland nicht geholfen ist, wenn cs eine konstitutionelle Verfassung nach westeuropäischer Schablone einführt, darin sind alle Bersiandigen einig. Die Reformen ; müssen tiefer greifen; ohne religiöse, kirchliche und sittliche Reform, welche einen neuen Geist erweckt, ist keine dauernde Besserung zu schaffen.

Deutscher Reich.

Berlin, 19.Mai. Der Reichskanzler hat dem Bundes­rat den Entwurf eines Gesetzes, betr. die Feststellung eines Nachtrags zum Reichshaushalls - Etat für das Etatsjahr 1881/82 nebst Anlagen vorgelegt. Derselbe lautet:§ 1. Der diesem Gesetz als Anlage beigefügte Nachtrag zum Reichshaushalts-Etat für das Etatsjahr 1881/82 wird die Ausgabe auf 479 546 M., nämlich auf 114 846 M. an fortdauernden und auf 365000 M. an einmaligen Aus­gaben festgestellt und tritt dem durch das Gesetz vom 28. März 1881 festgestellten Reichshaushalts-Etat für das Etatsjahr 1881/82 hinzu. § 2. Die Mittel zur Bestrei-

Der Dreibirkeahss.

Roman von August Butscher

(Fortsetzung.)

Durch die Versammelten lief zuerst ein allgemeines Erstaunen, dann aber brach ein Sturm des Beifalls los, aber fluchend zogen sich die Höhlenhofer an ihre Plätze zurück. Nun erhob sich voll Würde Thomas Bitterle und ergriff das Wort.

Meine Herren! Die Würfel sind gefallen*

Die Kegel, die Kegel!" rief Alles durcheinander.

Ruhig, Ihr Rebeller! Ich war in Wien gewesen und kenne das Turnier und die olympischen Spiele.*

Deutsch! Sag's deutsch!"

Ich will der Hacke gleich einen Stiel machen," bornierte der Schultheiß dazwischen.Jetzt wird der Böller losge­lassen, und der Hammel gehört meinem Johannes. Du hältst jetzt das Maul," wandte er sich an den Wiener, der schwergekränkt zu einet Entgegnung ausholte.

Es erhob sich einiger Widerspruch, und Bitterle fand Zeit, sich noch einmal auf die Höhe der Situation zu schwingen.

Es wird bekannt gemacht," kreischte er,daß man sich melden kann, bis eS dunkel ist, und eben schlägt cs erst drei; wer also noch werfen will, soll sich bei dem Präsidenten, was ich bin, melden!"

Wer will?" rief Johannes hochmütig;nur her, wer über sechsundzwa zig werfen will!" Er sah rings in dem Kreise herum, und zufällig fiel sein Blick auf dm Citronen- sepp, der wie geistesabwesend nach der Gegend des Drei­birkenhofes hinausstarrte.Holla," höhnte Johannes nun nach ihm hinüber,will vielleicht der Wälfchländer mir

den Meister zeigen? He, willst Du mir aufgeigen auf der Kegelbahn? Komm her, wenn Du Schneid hast!"

Alle Köpfe hatten sich nach dem Angerufenen gewandt; diese Herausforderung klang ja ganz feindselig. In Friedels Augen war es zornfröhlig aufgeflammt, denn ob­wohl et seinen Bruder jetzt noch mehr haßte als früher, würde er doch Seite an Seile mit ihm gegen Dm ge­stritten haben, dem beide Brüder die Ursache des Wehes zuschrieben, das innerlich in ihnen fraß.

Der Citronensepp war blaß geworden, fein Ehrgefühl war auf« Tiefste verletzt. Er rang nach einer Antwort, die er im Augenblick nicht in Worte zu kleiden vermochte. Besorgt ergriff ihn der Lehrer am Arme, während der Schutth seinem Sohne einen entrüsteten Blick zuschleuderte. Eben begann der Citronensepp eine zornige Antwort her­vorzusprudeln, aber sie ging unter in einem allgemeinen Murmeln des Erstaunens, daS der Helle Klang eines Post­horns erregte. Drunten am Aufgang hielt eine schöne Kutsche, und ein etwas ältlicher Herr mit einer blauen Brille stieg aus. Dieser half einer städtischen Dame aus dem Wagen, und ihr folgte Eva. Was hatte doch das zu bebeuten ?

Während die drei Ankömmlinge den kleinen Hügel er­stiegen, stürzte der Wirt vomLerchenflügel" mit bloßem HAupte und flatternder weißer Schürze dem Fuhrwerke zu, deffm Kutscher und Pferden er eine Verbeugung nach der andern machte. Solch' vornehme Gäste hatte der Lerchen- flügel ja noch nie gedeckt. Der Kutschet nahm die unter­würfigen Bücklinge mit würdevoller Herablassung entgegen und fuhr, des Wittes Weisung folgend, an dem Stallhof- gebäuDe vor. Oben Hanen tinteroeffen der Schultheiß und bet Höhlmhoset versucht, sich bei ber Bewillkommnung

tung dieses Mehrbedarfs sind, soweit biefelben nicht durch Mehrerträge bei den außer den Matrikularbeiträgen zur Reichskaffe fließenden regelmäßigen Einnahmen ihre Deckung finden, durch Beiträge ber einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe ihrer Bevölkerung aufzubringen." Diese Nach­forderung bezieht sich auf den deutschen VolkswirtschaftSrat, für den 84 000 M. an Tagegeldern und Fahrkosten :c., und auf das Patentamt, für welches 10 200 M. verwendet werben sollen, nämlich 9 000 Mark mehr für einen Vor­sitzenden und 1200 M. als WohnungSgeldzuschüffe. Moti- viert wird diese Forderung durch das stetige Wachstum deS Geschäftsumfanges deS Patentamts, daß es unabweislich geworden ist, mindestens die Stelle des Vorsitzenden mit einem Beamten zu besetzen, welcher in der Lage ist, seine Zeit und seine Arbeitskraft ausschließlich den Aufgaben dieser Behörde zu widmen. Bisher wurde die Stelle al« Nebenamt verwaltet und dafür 3 000 M. Besoldung ge­zahlt; der künftige Vorsitzende soll 1200 M. erhalten. Weiter enthält der Nachtrag 60000 M. als Kosten der Beteiligung des Reichs an dem internationalen Kongreß für Elektriker und an der internationalen Ausstellung für Elektrizität zu Paris. Ferner wurden für den Militär-Etat 155 000 M. nachgefordert, und zwar zur Beschaffung von BekleidungS- und Ausrüstungsstücken als notwendigen teil­weisen Ersatz für die durch den Kasernenbrand in St. Avold dem Schleswigholsteinischen Dragonerregiment Nr. 13 er­wachsenen Verluste, sowie 150 000 M. zum Wiederaufbau der abgebrannten Wohnkaserne für zwei EskadronS in St. Avold einschließlich der Kosten für die Wiederbeschaffung der Utensilien. Ueber diese Vorlage wird bereits in der Freitagsitzung des BundeSratS vom AuSs.huß für Rechnungs­wesen mündlich Bericht erstattet werden. Außerdem stehen für diese Sitzung namentlich die Vorlagen über den Zoll­anschluß ber Unterelbe unb über die Auflösung des Haupt- zollamts unb jxt Zollverein-Niederlage in Hamburg auf der TageZordnüng, ferner u. a. ein Antrag, betreffend die Wahl eines ständigen Mitgliedes des Patentamtes an Stelle des zum Untcrstaatsfekretär im Handelsministerium ernannten Herrn v. Möller. Der Justizminister hatte auf Ersuchen des Ministers des Innern die Beamten der Staatsanwalt­schaft Darauf hingcwiesen, wie es im Interesse einer gedeih, lichen Fortentwickelung des Instituts ber Amtsvorsteher geboten erscheine, bie Mitwirkung der Amtsvorsteher bei den Geschäften ber Strafjustiz nur in einem Grade in An­spruch zu nehmen, welcher der Rücksicht auf bie übrigen Zweige der Berufsthätigkeit der Amtsvorsteher angemessen Rechnung trage. Die Beamten der Staatsanwaltschaft sind namentlich angewiesen worden, es zu vermeiden, die Amts­vorsteher mit besonders ausgedehnten und umfangreichen Vernehmungen zu befassen ober ihnen bie Vornahme von Ermittelungen u. f. w. in solchen Sachen zu übertragen, deren Behandlung wegen der Beschaffenheit des Delitts für gegenseitig den Rang abzulaufen. Was sonst keine Macht der Erde zu stände zu bringen je vermocht hätte ber Eigennutz und die Selbstsucht verbrachten das Unglaubliche, die beiden Feinde standen Seite an Seite. Eva hielt sich schüchtern hinter der Frau von Bern, und ihr Blick suchte den Citronensepp. Doch daS Auge der Dame durchforschte den Menschenknäuel der sich um sie gesammelt hatte.

Das ist ja eine ganz beoeutenbe Ehre," sagte ber Dreibirkenbauer.

Wirklich eine erschreckliche Gnade," beeilte sich der Höhlenhofcr hinzuzusetzen.

Thomas Bitterle hatte seine Figur ganz in den Vorder­grund gedrängt, und während er mit dem rechten Fuße rückwärts durch den knirschenden Sand kratzte, verneigte er sich lächelnd mehrere Male.

Wer ist der Mensch?" fragte Frau v. Vern erstaunt. Präsident und Sekretär", gab der Wiener eilfertig zurück. Ein Narr bist Du," sagte bet Schultheiß zornig. »Der Kerl ist in seiner Jugenb einmal einige Wochen in Wien gewesen unb feitbem rappelt es in feinem Kopse." Frau von Bern lachte, baß ihre Locken zitterten, währenb ber Präsident sich wieber unsichtbar machte.

Vor Allem muß ich Ihnen sagen, Herr Schuttheiß," begann Frau von Bern,warum wir auf einmal wie her- geweht hier erscheinen. Ich fuhr biefen Mittag wieder nach Dem Dreibirkenhof hinüber, um Sie m der Ihnen bekannten Angelegenheit noch einmal zu sprechen. Es sind nämlich noch einige Angebote eingelaufen, die ich bei meiner Nachhausekunft vorfand. Ich traf Sie leider nicht an und wurde hierher gewiesen, wo ich Sie wahrscheinlich finden würde, was zu meiner Freude der Fall ist."

(Fortsetzung folgt )