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Re. 111

Marburg, Dienstag, 17. Mai 1881.

XVI. M,«1

5 tu eigen nimmt emgegen: Mc Erpedition b.Blotte«, fcsie d.Ännoncen-Lllreauk von Th, Dietrich & So. in gefiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Saafeuflein & Boaler in zranksurt e- M., Berlin, Leipzig, ®6ln ic; Rudolf xiofir in Berlin, Stent« fiert e. M re.

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Anzeigen nimmt entgegen die Lrpeditton d. Blattet sowie d.Annoncen-Bureemr von 9. L Daube LSo.in Frankfurt a-M; gageff*e Buchhandlung bofdete Herrnannsche Buchhandl. daselbst; JuvakL enbauk in Berlin; W- Thiene« in Merfeld; 6. Schlotte in

Bremen

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJInftrtrtet LnuntagStlOtt" durch die Expedition llkochfche Bnchdruckerei) bezogen 2- Mark, durch die Kostümier des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - InsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in bei SxpeÜtion zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adrefien werden 25 Pf«, berechnet.

Der französische Feldzug gege« TuuiS.

Fast in vier Wochen hat Frankreich denselben zu seinen gunsten beendet, denn unterm 12. Mai wird aus Tunis gemeldet: General Brsard fand sich mit seinem Stabe um 41/1 Uhr im Bardo ein, wo ihn der Generalkonsul Roustan empfing und dem Bey vorstellte. Auf die Aufforderung des BeyS setzte sich der General mit seinen Offizieren. Der General holte hierauf ein Papier auS seiner Tasche hervor und las folgende Erklärung ab: Die Regierung der fran­zösischen Republik hat in dem Wunsche, die schwebenden Schwierigkeiten durch ein freundschaftliches Abkommen zu beseitigen, daS die Würde Ew. Hoheit vollständig sicher stelle, mir die Ehre erwiesen, mir diese Aufgabe zu über­tragen. Die Regierung der französischen Republik wünscht die Erhaltung Eurer Hoheit und Ihrer Dynastie auf dem Throne. Sie hat kein Jnterefie daran, die Integrität deS Gebietes der Regentschaft zu verletzen. Sie verlangt nur diejenigen Bürgschaften, die unumgänglich notwendig sind, um die guten Beziehungen zwischen den beiden Regierungen aufrecht zu erhalten.

Der General gab dann dem Bey von dem Vertrage Kenntnis, den derselbe zu unterzeichnen habe, wenn et nicht wolle, daß Frankreich ihn seines Thrones für verlustig er­kläre. Dieser Vertrag lautet im wesentlichen wie folgt: Die Regierung der französischen Republik, welche die Fortdauer der Unordnungen an ihrer Grenze verhindern und ihre Beziehungen mit der Regierung der Regentschaft enger knüpfen will, hat den General Brsard zu ihrem außer­ordentlichen Abgesandten ernannt, um Sr. Hoheit dem Bey folgenden Vertrag zur Unterschrift vorzulegen: Art. 1. Die zwischen Frankreich und der Regentschaft bestehenden Set- träge werden bestätigt und erneuert. Art. 2. Um der fran­zösischen Regierung die Mittel zu erleichtern, die Vertei­digung ihrer Jnteresien sichet zu stellen, gestattet die Regierung de« BeyS der Regierung der französischen Re­publik, die Küsten und die Grenzen der Regentschaft durch eine Besetzung sicher zu stellen, deren Ausdehnung und Bedingungen später festgestellt werden. Art. 3. Diese Be­setzung wird aufhören, wenn die Behörden deS BeyS be­wiesen haben werden, daß fie die Sicherheit der Grenzen wahren können. Die Regierung der Republik stellt ihrer­seits die Staaten des Beys gegen jeden Angriff von außen sicher. Art. 4. Die Regierung btt Republik verbürgt die Ausführung bet bestehenben Verträge. Art. 5. Die Re­gierung bet Republik wirb in Tunis mich einenMinister- Residenten" vertreten, welcher die Ausführung der oben erwähnten Bestimmungen überwacht. Art 6. Die diploma­tischen Agenten der französischen Republik bei den ftemben Höfen werden die tunesischen Landesangehörigen beschützen und ihre Interessen verteidigen. Dagegen verpflichtet sich

Der Dreibirkeahos.

Roman von August Butschet (Fortseyunr.)

Zu beiden Seiten der Bahn ftanben Bänke unb Tische, roh anö Tannenholz gezimmert, an betten allmälig die älteren Bauern in ihren langen Rücken, beten Schöße wie Winbmühlenflügel flatterten, Platz nahmen. Auf dem Kopfe trug heute fast jeber eine Pelzmütze mit einem Auf­satz von Flitterwerk. Die Gesichter waren stets in Tabaks­qualm gehüllt.

Am Aufwurfbrette drängten sich die ledigen Bursche; hinter ihnen saß an einem Tischeder Wiener", der sich auch zu den Ledigen rechnete, weil er erst kürzlich seine Frau in die Grube geärgert hatte. Er sah höchst würde­voll aus, denn er hatte die Namen der Kegelschieber unb bie Anzahl der geworfenen Kegel in ein abgegriffene« und schmutziges Register einzutragen; damals konnten noch lange nicht Alle die Kunst deS Schreibens. Beständig steckte er sein langes Profil mit der Vogelnase durch die sich An- sammelnden und warnte mit seiner spitzigen Stimme vor Auflauf" undSubordination".

Eben kamen den Hügel herauf die zwei Höhlenhofer, Vater unb Sohn. Der Höhlenlenz trug heute seine wuch­tigste Pfeife im linken Mundwinkel, und seine Ketten und Schaustücke läuteten schon von Ferne her sehr vernehmlich. Heerkuh", murmelte Thomas Bitterle, griff aber zugleich nach seinem linken Ange, das immer noch ein bläulicher Schimmer überflorte, wie dies bei alten halberblindeten Fensterscheiben der Fall zu sein pflegt.

Die Höhleuhoser setzten sich und bestellten wie die Uebrigen einen großen Steinkrug SBier. Bei jeder Füllung ließ der Alte einen Kroneuthaler wechseln, so daß die Tasche seiner Lederhose durch die kleine Münze bald dick anschwoll.

die Regierung des Beys, keinen Vertrag, keine lieberem» kunft oder irgend einen internationalen Akt abzuschließen, ohne die Regierung vorher davon in Kenntnis gesetzt und sich mit ihr verständigt zu haben. Art. 7. Die Regierung der französischen Republik und die Regierung des Beys werden sich übet einen Vertrag zur Ordnung der E taatS- schnld und der Rechte der Gläubiger der Regentschaft ver­ständigen. Die Bedingungen dieser Reglements werden später festgestellt werden. Art. 8. Eine Kriegsentschädigung wird von den Stämmen der Grenze und der Küste bezahlt werden; die Höhe derselben unb bie Zahlungsweise werden durch spätere Verhandlungen festgesetzt. Art. 9. Um die französischen Interessen gegen den Schmuggel von Waffen und Kriegsmunition zu beschützen, verpflichtet sich die Re­gierung deS Beys, jede Einfuhr von Pulver nuv Waffen zu verhindern. Art. 10. Der gegenwärtige Vertrag wird der Ratifikation des Präsidenten der Republik unterbreitet.

Nach Uebetlegung von einigen Minuten verlangte der Bey Bedenkzeit, ehe er den Vertrag annehme. General Brsard erwiderte, daß er noch denselben Abend Antwort haben müffe. Der Bey entgegnete, baß er erst seinen Rat befragen werde; der General bestand aber darauf, daß er noch heute Antwort erhalten müsse. Der Generalkonsul Roustan bemerkte,daß alle Artikel bereits mit dem ersten Minister des Beys besprochen worden seien und der Rat unter dem Vorsitz des Beys über dieselben beraten habe". General Brsard fügte hinzu, daß er daraus bestehen müffe, noch heute eine Antwort zu erhalten, er könne keine weitere Frist bewilligen, ohne gegen seine Weisungen zu handeln. Der Bey fügte sich nun in bas Unvermeidliche unb unter­zeichnete den Vertrag um 8 Uhr, obgleich ihm bis 9 Uhr Zeit gegeben war.

Mit ber Annahme biefer Bedingungen durch den Bey hat Frankreich das Protektorat übet Tunis erlangt, wenn auch formell dieser Ausdruck vermieden worden ist. ES war längst kein Geheimnis mehr, daß die Expedition der französischen Republik sich weniger gegen die räuberischen Kruwirs, als gegen den Bey richtete. Italien stand dem französischen Einflüsse in Tunis im Wege und es hatte in der letzten Zeit nicht unwesentliche Vorteile errungen. Da gaben die Einfälle des tunesischen Stammes der KrumirS in französisches Gebiet der französischen Regierung den willkommenen Vorwand, den Jntriguen des italienischen Konsuls ein für alle mal ein Ende zu machen und sich Tunesien für die Zukunft zu sichern. 20 000 Mann wur­den aufgeboten und die Krumits von allen Seiten einge- fchloffen, zu gleicher Zeit aber auch Anstalten getroffen, um die Hauptstadt Tunis selbst besetzen zu können, falls der Bey irgend welche Schwierigkeiten machen sollte. Die Krumirs haben aber bis jetzt keinen Versuch zu einem ernsthaften Widerstände mit den Waffen unternommen und

Ei, ei, es geschehen noch immer Zeichen unb Wunder," sagte auf einmal ein r ber jungen Bursche,Da kommt wahrhaftig ber Birkenhofer, ber Schultheiß, daher."

Alles drehte sich dem Ankömmling zu, der ruhigen Schrittes einherschritt. Die Höhlenhofer sahen ärgerlich drein.

Ei, guten Tag, Schultheiß!" rief Alles dem Drei­birkenbauer zu, denn die schultheißenamtliche Würde be­deutete damals noch weit mehr als wie heute. Thomas Bitterle beeilte sich, seinem Vorgesetzten einen gepolsterten Stuhl aus der Wirtschaft zu holen, und versicherte mehr als einmal, er wisse wohl, was sich schicke, er sei nicht umsonst in Wien gewesen. Der Birkenbofbauer setzte sich an den den Höhlenhofern am nächsten stehenden Tisch und gab sich den Anschein, alö kümmere er sich keinen Deut um ihre Feindschaft.

Die Hofnachbarn ignorierten sich völlig und thaten, als ob allein das Spiel sie interessiere, das seinen Anfang genommen hatte.

Kurze Zeit nach dem Erscheinen de« Ortsvorstehers war Friedel wie ein Gespenst unter seine Kameraden ge­treten. Sein Haar war wirr unb sein Anzug unordentlich. Die großen schwarzen Augen blickten unheimlich aus dem fahlen Gesicht. Er grüßte nur mürrisch, selbst seinem Vater schenkte er nur ein kurzes Wort. Die Höhlenhvfer beachtete er gar nicht und sah, die Hände m den Taschen, dem Spiele zu.

Kaum hatte man sich von dem Erstaunen über das Erscheinen Friedel« und seines Vaters, die schon lange alle Gesellschaft gemieden hatten, erholt, als auch Johannes die Dorfstraße herabschlendette und nach kurzem Zögern herankam. Er sah mehr traurig als mürrisch ans und

es ist dies bei der Ueberrnacht der französischen Truppen auch für die Zukunft wohl nicht mehr zu befürchten. Die räuberischen Stämme werden cllso ihre Untijaten nur durch bie Ausbringung von Kriegskontributionen zu büßen haben. Der Bey selbst hat vergebens gegen bas Eindringen der Franzosen in fein Land Protest erhoben, er hat sich ver­gebens an die Pforte um Unterstützung gewandt. Letztere erließ an die Mächte telegraphisch ein Cirknlar, in welchem sie ihre Suzeränitätsrechte über Tunis historisch begründet und die Vermittlung der Mächte anruft. Indessen er­klärte die französische Regierung kurzweg, daß sie die Ober­hoheitsrechte der Pforte über Tunis nicht anerkenne unb drohte, als die Pforte Kriegsschiffe nach Tunis entsenden wollte, daß sie dies als eine Kriegserklärung ansehen werde. So mußte sich die Pforte geduldig fügen. Italien sah zwar mit Mißvergnügen dem Vorgehen Frankreichs zu, aber zu Thaten vermochte es sich nicht aufzuschwingen Auch England widersprach nicht unb begnügte sich mit der Erklärung, daß es sich die Wahrung seiner Interessen Vor­behalte. Wie derTemps" zu melden weiß, verhielten sich Deutschland und Oesterreich beifällig. Nun, unö kann es recht fein, wenn die Franzosen ihren AnSdehnungs- gelüften in Nordafrika Luft machen; durch diese Befriedi­gung deS nationalen Ehrgeizes wird vielleicht der Revanche­gedanke gegen Deutschland wieder eine zeitlang etwas ein­geschläfert. Die Annexion von Tunis darf man wohl nur als eine Frage der Zeit betrachten.

An dem jetzigen Wendepunkt der tunesischen Geschichte werden einige historische und geographische Daten über Tunis, das nach einander den Karthagern, Römern, Vandalen und Griechen gehört, wurde es 675 von den Arabern unter dem Kalifen Othman erobert und wurde mit der Zeit einer der berüchtigsten und gefürchtetsten Seeräuber­staate. Ludwig der Heilige von Frankreich unternahm 1270 einen Kreuzzug gegen Tunis und verlor dabei das Leben; 1535 zog Karl V. gegen Tunis, eroberte bie Haupt­stadt unb befreite 50000 Christensklaven. Im Jahre 1575 würbe Tunis von Selim II ber Oberherrschaft der Sultane unterworfen unb bei dieser Gelegenheit auch das bisher spanisch gebliebene La Goletta nach heldenmütiger Verteidigung feiner Besatzung erobert. Von da an wurde Tunis von Beys (Deys) regiert, bis Hammuda (von 17821814) sich von ber Pforte frei machte. Später kam Tunis, welches ben Abdelkader unterstützte, mit Frank­reich in Konflikt, als aber die Pforte merken ließ, baß sie Tunis toieber unterwerfen wolle, schloß sich ber Dey Sibi Achmed an Frankreich an unb suchte, unter Mithilfe seines Ministers, des Italieners Ruffo, Land und Hofstaat Tunis zu europäisieren. Der Pforte leistete er indes 1844 Hilft gegen Rußland. Im Jahre 1858 gelangte derReformator" Sidi Mahommev auf den Thron, fetzte sich zu feinem Vater, der halb verdrießlich, halb er­staunt das Erscheinen seiner Söhne bemerkte.

Alle Drei, Vater unb Söhne, hatten ben Hof verlassen, wie um sich selbst zu entfliehen ober draußen in der sonnigen Natur ungestört ihren Gedanken nachzuhängen. DaS Lärmen im Dorfe und die von allen Seiten herkommmden Bauern hatten sie veranlaßt, in das ®orf zu gehen. Sie hatten bald der erwachenden Neugierde nachgegeben, unb als sie erst von unten die Höhlenhofer bemerkt hatten, folgten sie nur dem Trotze, welcher in allen Dreien wie verknöchert stak, nnv mischten sich unter baS Getümmel, unbesorgt um das, was etwa kommen möge.

Der Dreibirkenhofbauer hatte schon einige Krüge Bier geleert. Er suchte offenbar das zu betäuben, was in ihm gährte unb nagte. Schon fiel mancher herausfordernde Blick nach den Höhlenhofern hinüber, und immer straffer reckte bet Schultheiß seine Gestalt empor. Er hatte schon von der Frau von Bern, die eS leicht hingeworfen, erfahren, daß ber Höhlenhofbauer ihm in dem Waldkauf den Rang abzulaufen gedachte, und er sah darin nur einen Beweg­grund der Bosheit und Rachsucht. Dies bohrte um so heftiger in ihm, al« der Gedanke, sein Gut durch den herrlichen Wald abzurunden, daS höchste Ziel feiner Be­strebungen war. Die rechte Faust auf den Tisch gestemmt, sah er eben hinüber nach dem Schulhause unb erblickte dort den Citronensepp, seine Cither unter dem Arme, bei dem Lehrer stehen, der Endiviensalat aufbanb, und in ein Gespräch mit dem jungen Tiroler vertieft schien. Johanne« blickte nun ebenfalls hinüber und der traurige Ausdruck seines Gesichts wich einem trotzigen. Dieser Trotz, der sich immer mehr entwickelte, machte ihn seinem Bruder viel ähnlicher als früher.

(goct{e|tmg folgt.)