Marburg, Donnerstag, 12. Mai 1881.
Skr. HO
xvi. Jahrgang
führt sind und die aus den Zöllen, den gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern und aus dem Post- und Telegraphenwesen fließenden Einnahmen nicht hinreichen. Ganz bestimmt wurde der Plan ausgesprochen, die Steuern in einer Weise zu kombinieren, die auf der einen Seite Erleichterung, auf der andern neue Einnahmequellen schafft, ohne das Bestreben, über den Bedarf hinaus Einnahmen zu haben. Die gänzliche Abschaffung der Matrikularum- lagen sei wünschenswert und diese Abschaffung, meinte der Kanzler, werde doch an einer parlamentarischen Machtfrage nicht scheitern. „Die parlamentarische Macht bleibt einer verfassungstreuen Regierung gegenüber durch das Ausgabc- bewilligungsrecht gesichert, und einer der Verfassung nicht treuen Regierung gegenüber sind ebensowenig Bürgschaften zu finden wie einer parlamentarischen Kammer gegenüber, die in ihren Beschlüffen sich an den Fortbestand des Reichs oder Staats sich nicht weiter kehren wollte, sondern daraufhin beschließen, bis er eben zu Gmnde ginge. Auf beiden Seiten muß man doch eine ehrliche, vernünftige, gesetzliche und verfassungstreue Gesinnung und Absicht voraussctzen, sonst kommt man ja überhaupt aus den Hemmnissen, aus dem gegenseitigen Mißtrauen, aus einem gewissen gegenseitigen Verschanzungskampfe und Ringen nach Macht im Innern gar nicht heraus und kommt über diese Streitigkeiten eben nicht dazu, zu erwägen: wie sitzt der schwere Stcuerrock dem Volke am bequemsten, oder vielmehr, wie läßt er sich am bequemsten tragen". Leider fanden diese goldenen Worte bei den Fanatikern der parlamentarischen Machtbefugniß und den Doktrinären eine- konstitutionellen Regimes kein Gehör, leider bildeten gerade die sogenannten „konstitutionellen Garantieen" — man erinnert sich des vielen Staubes, den die langen liberalen Reden im Winter 1878 darüber aufwirbelten — das Haupthindernis eines gedeihlichen Zusammenwirkens von Regierung und Parlament, und so stehen wir leider tief in jenem Ringen um Macht, jenem Verschanzungskampfe, den Fürst Bismarck signalisierte. Seine Schuld ist es wahrlich nicht, daß wir die Zeit mit unfruchtbaren Parlamentslämpfen vergeuden; bei d.n Fortschrittlern und Nationalliberalen mag sich das Volk bedanken, daß bisher trotz aller Anstrengung so wenig erreicht worden.
Zur Geschichte der Steuerreform.
I.
Die Flut der Parlamentsreden, welche alljährlich über daö Land dahinbraust, schwemmt manches gute Wort, manchen inhaltsreichen Satz hinweg. Auch dem eifrigen Zeitungsleser wird es nicht leicht, das Wesentliche und Wertvolle aus dem Schwall herauszufinden und festzuhalten. In dem Stimmengewirr des Für und Wider werden die maßgebenden Gesichtspunkte und leitenden Ideen nur allzu leicht verdunkelt oder vergeffen. Darum ist es gut, wenn geschickte und sachkundige Männer die Mühe nicht scheuen, daö wirklich schätzbare und zur Beleuchtung einer großen Frage wichtige Material zu sammeln und zu sichten. Hinsichtlich der Steuerreform, dieser bedeutendsten Aufgabe der Gegenwart und nächsten Zukunft, hat diese Arbeit gethan Th. EilerS, Kreishauplmann, Mitglied des Hauses der Abgeordneten und Hülfsarbeiter im Kgl. Finanzministerium. Angeregt durch eine Aeußerung des Fürsten Bismarck vom 4. Februar d. I., welche den Abgeordneten die Geschichte der Steuerreform angelegentlich empfiehlt, hat er bei Paul Parcy in Berlin erscheinen lassen einen „Beitrag zur Geschichte der Steuerreform im Reiche und in Preußen", worin unter Benutzung amtlicher Quellen die wichtigsten Dokumente und Aktenstücke mitgeteilt und durch einen kurzen erläuterten Text untereinander verbunden werden. Im Anschluß an dies verdienstliche Buch wollen wir eine kleine Skizze des Entwickelungsganges derKSteuerreform entwerfen. Wir hoffen, daß diese Rückblicke unser» Lesern, namentlich auch im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen nicht unwillkommen sein wreden.
Der erste Schritt auf dem Wege der Steuerreform wurde im Reiche gethan durch die Vorlage der Gesetzentwürfe über Erhöhung der Braustcuer und über Einführung einer Slempelabgabe von Börsengeschäften und Wertpapieren in der Reichstagssession des Jahres 1875. Schon damals stellte der Reichskanzler es als sein Ideal auf, den Staatsbedarf möglichst durch indirekte Steuern zu decken. Die direkten Steuern, mit Ausnahme einer „Anstandsstcucr" seitens der „wirklich reichen Leute", erklärte er für einen harten und plumpen Notbehelf nach Aehnlichkeit der Ma- trikularbeiträge. Tatsächlich, man möge theoretisch dagegen sagen was man wolle, drückten die indirekten Steuern viel weniger als die direkten, und es {sei ein „heuchlerisches Mitleid" mit der Pfeife und dem Licht des armen Mannes, wenn man demselben armen Manne seine Lebenslust, seinen Athem besteuere und diese Klaffensteuer nötigenfalls durch Exekution eintreibe.
In der Sitzung des Reichstages vom 10. März 1877 wies der Reichskanzler auf Artikel 70 der Reichsverfassung hin, welche die Matrikularbeiträge deutlich genug als einen Notbehelf erkennen läßt, folange Reichssteuern nicht einge-
„Red' nicht so, das thut mir und Dir weh," sagte Eva, indem sie der Kranken leise über die Stirne strich und sie, die trotz der warmen Herbstsonne fröstelte, dichter in das Umschlagtuch hüllte.
„3a, ja," fuhr Marie unbeirrt fort, „ich weiß, wie alles steht, und weiß auch, daß cs nimmer lang mit mir dauert; ich muß in meinen jungen Jahren die Rechnung mit Gott und der Welt abmachen — und ich will sie abmachen. Ev', ich hab* viel Liebes erlebt: und noch auf dem Sterbekiffen will ich dran denken und unferm Herrgott danken. Der Sepp hat mir sein Herz geschenkt für immer und allezeit, aber es soll nicht sein, daß wir zusammen kommen in dieser Welt. Und Ev' — aber Du zitterst ja — ich weiß gut, daß Du ihn soviel gern hast und daß Du Dir nur vorredest, Du könntest ruhig zuschauen, wenn er mit mir zum Altar gegangen wär'. Schweig' nur, ich glaub' all Seinen Worten nicht und muß Dir tausendmal dankbar sein, daß Du so tapfer gewesen bist gegen Dich selber und gegen Dein junges Herz. Unser Herrgott zeicht Euch jetzt selber den Weg; wenn er mich abgerufen hat, so müßt Ihr Zwei ein Paar werden I"
Eva zitterte wie im Fieber und am Kirchhofgitter klirrten die Riegel.
„Marie, versündige Dich nicht," rief Eva wie außer sich. „Wie kannst Du so bestimmen, wo doch alles anders fein soll! Du darfst noch nicht sterben. O, Marie!" — sie brach in Thränen aus — quäl' mich und Dich nicht so, Du lebst ja und wirst gesund werden und noch recht glücklich!"
Marie lächelte, und ihre Lippen bebten wie verwelkte Blätter. Dann sagte siet „Kennst Du daö Lied, in dem es heißt:
Auf meinem Grabstein kannst Du lesen, Daß ich Dir so treu gewesen! —
Schau, das sollte man auf meinem Grabstein lesen können; kenn ich halt' zu ihm bis in den Tod, und auch er thut'S, so weit kenn ich ihn. Aber mehr kann Niemand von ihm verlangen und noch viel weniger von Dir, denn Du würdest vergehen an Deinem großen Herzeleid, daS ich so gut kenne. Du und er, Ihr seio für einander geschaffen — und Gottes Segen wird bei Euch fein!"
Sie schwieg und sah unter Thränen lächelnd in Eva'S rosiges Antlitz.
Eva atmete schwer; sie kämpfte mit sich — und sie siegte.
„Nein, Marie, das kann nimmer und nimmer fein!" rief sie dann laut, und immer lauter hob sie ihre Stimme, wie um die des Herzens zu Übertönen. „DaS wäre gesündigt an Dir — aber nein. Du darfst nicht sterben, daS kann der Himmel nicht wollen."
Sie drückte die zarte Gestalt Mariens heftig an die Brust.
„Und warum kann es nicht sein?" erwiderte Marie sanft, fast heiter. „Und selbst, wenn Du ihn nicht so gern hättest, so ist eS doch geboten von oben. Du mußt den Dreibirkenhof retten vor dem Untergang: den Vater und die Brüder. Wenn ich einmal gestorben bin, so gießt es keinen anderen Weg zum Frieden als Eure Heirat."
„Oder, daß ich dahin fliehe, wo die Sonne aufgeht, und er, wo sie untergeht," sagte Eva schmerzlich; „und so werben wir's wohl Beide machen."
„Der Friede ist weg im Birkenhof, und eS steht nicht darnach aus, daß er wieder einkehren wirb."
(Fortsetzung folgt )
Innern unter dem Vorsitz des Staatsministers v. Bötticher die Verhandlungen Über einen Handelsvertrag Deutschlands mit der Schweiz. Es werden zu diesen Beratungen vier Kommissare der Schweiz anwesend sein; auch wird der hiesige Gesandte Dr. Roth an den Verhandlungen teil» nehmen. Bekanntlich läuft mit Ende Juni d. I. der bisherige Vertrag ab. — In betreff der Verhandlungen mit Oesterreich-Ungarn ist eine Entscheidung noch immer nicht erfolgt. — Gegenüber der Eile, mit welcher verschiedene Blätter von den Beratungen der Unfallversicherungs-Kommission kein günstiges Resultat erwarten, muß doch bemerkt werden, daß diese Beratungen bis jetzt den Eindruck Hervorrufen, als ob man auch in parlamentarischen Kreisen den großen Wert einer Verständigung über die wichtige Vorlage erkenne. Es wird daher noch nicht nötig {ein, die Hoffnung auf ein zufriedenstellendes Resultat aufzugeben. — In den von Zeitungen mitgeteilten Berichten über die Verhandlungen der Landespferdezucht-Kommisston ist nicht eines Antrags gedacht worden, welcher immerhin von Bedeutung ist, nämlich der Antrags des KommisstonS- Mitgliedes von Sancken-Tarputschen, im Jahre 1886 in Berlin eine Ausstellung deutscher Pferde zu veranstalten. Dieser Antrag ist von der Kommission mit großer Majorität angenommen worden. — Die Ergebnisse der Kommissionsbcratungen sind, wie aus den Protokollen, deren Veröffentlichung demnächst in Aussicht steht, zu ersehen ist, recht erfreuliche und bezeugen, daß die preußischen Gestüte in den letzten zehn Jahren einen hohen Aufschwung genommen habe. Die Verwaltung derselben hat eS ermöglicht allein für den Bedarf der preußischen Armee ans den Gestüten vollauf Sorge getragen ist, sondern daß auch Sachsen und Süddeulschland Remonte beziehen können. Die Veröffentlichung der Protolle wird der gehässigen und pessimistischen Kritik verschiedener Zeitungen, in welcher sich diese vor einiger Zeit gefielen, am besten entgegentreten.
Berlin, 10. Mai. Nach der „Kreuzztg." steht es in Frage, daß Graf Eulenburg bereit fein werde, schon in naher Zeit wieder in den Staatsdienst zu treten, was bis jetzt bezweifelt worden ist. Dagegen bezweifelt die „Kreuz- jeitung" nicht, daß derselbe für jedes Ober-Präsidium ein im hohen Grade befähigter Kandidat sein dürfte und daß die Verwaltung solche Kräfte nicht unbeschäftigt lassen sollte. — Die „Germania" schreibt: „Die „Nat.-Ztg." will wissen, daß an die Führer des CentrumS aus dem Vatikan die dringendste Mahnung ergangen sei, jede Friktion mit dem Reichskanzler zu vermeiden. Selbstverständlich beruht diese Mitteilung auf Erfindung, die nicht einmal Anspruch auf den Reiz der Neuheit hat. Denn daS Centrum mußte es sich lange gefallen lasten, als Marionette des Papstes betrachtet zu werden, bis eS der liberalen und offiziösen Taktik gefiel, dasselbe der Rebellion gegen bte
Lettischer Reich.
** Berlin, 10. Mai. Die Meldung einzelner Blätter, daß in allernächster Zeit dem Reichstage eine Vorlage, betreffend die Erbauung eines Reichstagsgcbäubes auf dem Grundstück des RaczynSkischen Gebäudes zugehen werde, ist wohl noch verfrüht. Eine solche Vorlage liegt jedenfalls in der Absicht, sie kann aber nicht eher mit Bestimmt angetüubigt werten, bevor sie nicht in den Vorentscheidungen definitiv zum Abschluß gebracht ist. — Donnerstag den 12. Mai beginnen im Reichsamt des
Der Dreibirkeuhof.
Roman von August Butscher (Fortsetzung.)
Der Citronensepp batte die Pferde an einen Baum gebunden und näherte sich dem Gitterthor, um nach den Mädchen auSzuschauen. Er blieb stehen, als er sie so sitzen sah, fast versteckt im Dunkel der Esche, die schon kahl zu werben begann. Er wollte sie nicht stören und lehnte sich an's Gitter; so warb er ohne Absicht Zeuge eines kurzen, aber bedeutungsvollen Gespräches.
„Vielliebe Ev'," hatte die bleiche Marie begonnen, indem sie ihren Kopf sanft auf Evas Schulter sinken ließ, „weißt Du noch, wie an dem Wahlabend unser guter Sepp so ein gar trauriges Lied gesungen, wo es drin geheißen hat von dem Ring:
Und streift sie ihn nimmer vorn Finger herab,
So muß ich ihr treu sein bis über das Grab — weißt Du's noch, Ev'?"
„Freilich weiß ich's," war Evas beklommene Antwort; „aber was redest Du so traurige Sachen an dem traurigen Ott?"
„Laß mich reden, wie mirs umö Herz ist, ich werd' so nimmer gar lang reden," sagte Marie weich. „Sieh, das Lied hat er auf mich gesungen. Diesen Ring" — sie ließ ihn im Sonnengolde funkeln — „hat er mir gegeben als Unterpfand der Treue, und von dem hat er gesungen:
Und mein will sie bleiben trotz Kummer und Not, Drum bleib ich ihr treu bis zum bitteren Tod!
Und schau, das will ich aber nicht mehr. Er soll mir treu sein bis zum bitteren Tod, aber nicht bis über das Gr >b!"
dnaeigen nimmt entgegen: He Expedition b .Blattet, sowie d.Annoncen-Bureaux ' von Tb. Dietrich & So. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; ftoafenffein L Logier in Kranmrtt s M., Berli», Leipzig, M» ic.; Rudolf , Stoffe ix Berlin, Front-
Anzeige» nimmt' entgegen die Expedition fc. Blattet sowie d. Annoncen-Bureanx von E. L- Daube L So. in Frankfurt a-M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Hermamrsche Buchhandl. daselbst; Jnv-liiendaul ix Berlin; L. Thienes ta ilbetfelb; 6. Schlotte in
Bremen.
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