R . 108
Marburg, Dienstag, 10. Mai 1881.
xvi. ^agrgaig
siaieigen nimmt emgegen: Itc Lxpedtttox d.vlattrr, fafflis dAunoucen-Bureaur von LL-. Dietrich & So. in gaffel uni Hannover; Lh. Dietnch in Frankfurt a.M.; Haairnst-in & Logier in »MisHatt «• M., Berlin, l-tpiig, EAu tc.; Rudolf gisfit'is Berlin, Frank-
WkWsche Zkitiiiig.
Innigen nimmt entgegen die lkxpeditlou d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaur von G. L- Daube & So. in Aankfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung daselbst; Hermannsche Buchhandl. daselbst; Jn»»li»end»nk in Berlin; X)iene» in Llserfeld: 4. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich «raffet an den Werttagm nach Tonn- und Mertageu. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Slefhrirtei Lanlltaaldlatt" durch die Expedition (So4’f4e Buchdruckerel) bezogen 3k Mark, -arrch bte Post-rmter deS Deutschen Reiches 3 «ark 50 Pfg. (excl Bestellgebühr). — JnsettionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg. Mr in bet Expedition zu erthellende ÄuSkunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet.
Aus dem Reichstage.
Der Reichstag hat die Vorlage bezüglich der Ver- längcrung der Reichstagsperioden auf vier Jahre und der Budgetperioden auf zwei Jahre in der Gestalt angenommen, daß die Reichstagsperioden von 3 auf 4 Jahre verlängert werden, daß aber der Reichstag jährlich und zwar immer im Monat Oktober einberufen werden muß und daß auch das Budget jährlich beraten wird. Der Zweck der Verlängerung der Wahlperioden liegt auf der Hand und das Land wird ihn freudig begrüßen, denn die Wahlen sind nachgerade zu Qualen geworden, da ihrer zu viele sind. Mit der Verlegung des Reichstages auf den Herbst will man bezwecken, daß der Reichstag das Reichsbudget festgestellt und überhaupt seine Arbeiten absolviert hat, bevor die Landtage, deren Vorlage ja großenteils durch die Beschlüsse des Reichstages bedingt sind, zusammenberufen werden. Durch die Matrikularbeiträge, wie durch die von den Ucberschüssen der Rcichseinnahmen an die Einzelstaaten überzuführenden, in ihrer Große wechselnden Summen sind die Budgets der Landtage abhängig von dem Reichöbudget, und deshalb ist es erwünscht, daß das Reichsbudget bereits festgestellt ist, wenn die Landtage zusammentreten. Sodann hofft man wohl auch, daß die Abgeordneten, wenn der Reichstag vor den Landtagen einberufen wird, ftischer und arbeitslustiger zu dem Reichstage kommen, als wenn sie bereits durch eine vorausgegangene Landtagöseffion ermüdet sind — und thatsächlich gehört doch eine sehr große Anzahl Abgeordneter beiden Parlamenten an. Diesen Nachteil werden nun freilich die Landtage zu tragen haben; allein da der Reichstag eine größere Bedeutung hat, als die Einzellandtage, so gebührt ihm dieser Vorrang, und die Landtage haben in den Diäten doch ein wirksames Anziehungsmittel für die Abgeordneten, welches dem Reichstage abgeht. Wenn wir auch keineswegs sagen sollen, daß die Landtags - Abgeordneten der Diäten wegen zum Landtage kommen, so scheuen sich doch gewissenhafte Abgeordnete, die Diäten anzunehmen und dabei dem Landtage fern zu bleiben. Die parlamentarische Ueberlastung der Abgeordneten und der Ministerien wird durch das Gesetz, wie es der Reichstag gestaltet Hal, nicht erleichtert und daß der Reichstag kurzer Hand das Recht des Kaisers, den Reichstag zu einer ihm gut dünkeuden Zeil zu berufen, ohne vorher die Zustimmung des Kaisers einzuholcn, dahin beschränkt hat, daß der Kaiser den Reichstag immer im Oktober zusammenberufen muß, können wir nicht billigen; denn damit hat dieses Recht des Kaisers eigentlich aufgehört, ein Recht zu sein und ist zur bioß.n Pflicht geworden. Die monarchischen Rechte des Kaisers sind aber in der Reichsverfassung so gering, daß man alle Ursache hat, eifersüchtig darüber zu wachen — hat doch der Kaiser nicht einmal ein Veto gegenüber den Beschlüssen des Reichstages und Bundesrats, was selbst
Der Dreibirkeuhof.
Roman von August Butscher > Fortsetzunr.)
Eva's Lage ward immer peinlicher — sie mußte zu einem Entschluß kommen. Rasch entzog sie dem Burschen ihre Hän e, trat über die Bank zurück und sagte in flehendem Tone:
„Du mußt mich recht verstehen, Friedel, und nicht so stürmisch sein, sonst muß ich mich ja fürchten vor Dir. Sich, Tu brauchst eine Frau, die Deinem Vater gefällt und die Dein Wesen versteht und Dir unterthan ist. Wir Zwei passen nicht für einander; und zudem hab ich schon dem Johannes gesagt, daß es mir bestimmt ist, ledig zu bleiben. Sei also vernünftig, ich bitt' Dich mit aufgehobenen Händen."
Sie erhob wirklich ihre. Hände wie flehend, und ihre Augen glänzten feucht. Sie wußte, daß sie einem Menschen gegenüberstand, dessen Leidenschaft wie die Wogen des Meeres brandeten. Sie hätte gerne um Hilfe gerufen, aber ft war doch zu stolz und zu mutig dazu.
Je ruhiger und flehender sie sprach, um so furchtbarer grollte es in dem störrischen Hofbauernsohn. So nahe er sich dem Ziele geglaubt, um so weiter sah er sich davon verschlagen. Nicht blos sein Stolz war tief verletzt, weit mächtiger krallte sich die Eifersucht in sein Herz ein. Eine unsinnige Wut erfaßte ihn, wie ja bei rohen Naturen die Ausdrücke der Leidinschaft am gewaltthätigsten find. Er schnellte wie außer sich empor. Seine Augen rollten. Er sprang über die Bank und riß das tötlich erschrockene Mädchen an sich, seine Hände klammerten sich um ihren Hals, wie um sie zu erwürgen; aber es trat eine schnelle
den Präsidenten der Republiken zusteht: und der liberale Parlamentarismus wagt fortwährend an den spärlichen monarchischen Grundlagen zu rütteln. Für das Wohl des Volkes wäre es aber das größte Unglück, wenn der Reichstag und mit ihm die Reichsangelegenheiten immer mehr in die Gewalt der politischen Parteien gelangten. WaS dabei herauskommt, wenn politische Parteien die Gesetzgebung zu sehr beeinfluffen, das hat uns die liberale Aera mit ihren sogenannten Freiheits-Gesetzen: Wucher-, Aktien-, Gewerbe-, Schankfreiheit rc. bewiesen, welche den Wohlstand der Nation haben ruinieren helfen. Das Märlein, daß die Parlamente wirkliche Vertretungen des Volkes und seiner Jnlereffen seien, wird nur noch von wenigen geglaubt. Man denke doch, wie die Sache liegt: von den Wahlberechtigten üben bei der Parlamentswahl vielleicht 30 pCt. ihr Wahlrecht aus. Von diesen 30 pCt. Simmen erhält der Abgeornete vielleicht 2/3; er repräsentiert also 20 pCt. der Wähler. Nun kommen diese Herren ins Parlament; vielfach find nur 3/s der Abgeordneten anwesend, welche abstimmen; die 20 pCt. reduzieren sich also wieder auf 12 pCt. und diese 12 pCt. fassen vielleicht ihren Beschluß mit wenigen Stimmen über die Hälfte, so daß also in dem Gesetz vi« Ansicht von kaum 6—7 pCt. der Wähler repräsentiert ist; und wenn man nun bedenkt, daß diese Beschlüsse wieder auf dem Einflüsse einiger Parteiführer be- ruhen, so schrumpft die Illusion der Volksvertretung sehr bedenklich zusammen. Schließlich sind es auch im Parlament einige wenige Männer, welche die Dinge machen; aber das Hebet ist, daß, während bei der Regierung die Macher, die Beamten, sichtbar und verantwortlich dastehen, dieselben sich int Parlament hinter den Beschlüssen der Mehrheit verbergen, so daß für die Parlamentsbeschlüsse eigentlich niemand die Verantwortung trägt. Daher kommt rS denn auch, daß die Ausgaben im Staate und damit die Steuerlast, seit der Parlamentarismus besteht, von Jahr zu Jahr gewachsen ist. ES trägt ja eigentlich niemand mehr die Verantwortung: die politischen Parteien verlangen fortwährend alle möglichen neuen Einrichtungen, die Regierung macht sie, für das Geld sorgt das Parlament durch neue Steuern und Anleihen. So wachsen die Ausgaben, Schulden und Steuern in allen Staaten von Jahr zu Jahr. Daß das aber nicht so fortgehen kann, sondern daß wir, wenn auch natürlich keiner Aufhebung, wohl aber einer Reform deS Parlamentarismus dringend bedürfen, stellt sich immer mehr als dringende Notwendigkeit heraus.
Deutsche» »eich.
Berlin, 7. Mai. Aus sonst gut unterrichter Quelle erfahren wir, daß der Geheime Oberregierungsrat Tiedemann zum künftigen Regierungspräsidenten in Trier designiert ist, und daß der Regierungspräsident v. Wolf das Oberpräsidium der Provinz Sachsen übernehmen wird. — Wendung ein. Mit seinem Sprung über die Bank war das Uebergewicht auf das Hinterteil des Kahnes geworfen, und während Eva einen wilden Schrei auöstieß, stürzten Beide ins Wasier. Der Kahn schlug um und trieb verkehrt auf dem Weiher fort.
Schon im Sturze hatten sich Friedels Hände von Evas HalS gelöst. Der Jähzorn hatte ihn in den Zustand der Trunkenheit versetzt! — das kalte Wasser brachte ibn bald zu sich, und obwohl ihn seine Kleider hindertm, schwamm er doch endlich mit gewaltiger Anstrengung dem buschijchen Uferrande zu. Er sah nichts von Eva — selbstsüchtig von Natur und noch durchwühlt von hundert Zornesgedanken — dachte er nur an die eigene Rettung.
Eva schien verloren. Als daS Master über ihr zusammenschlug , verwirrten sich ihre Sinne. Aber cs war nur die erste Ueberraschung, die sie lähmte. Ihr Arm kam über die Oberfläche und bald auch erhob sie den Kopf in die Lust. Von ihren schwarzen Haaren träuften Sltöme von Wasserperlen. Einen tiefen Atemzug schöpfte sie und schwamm dann wieder helleren Blickes aus den Kahn zu, dessen Rand sie mit letzter Kraft erklammerte. Sie wandte den Kopf und sah, wie Friedel dem entgegengesetzten Ufer zukämpste. Ein Seufzer der Erleichterung ging über ihre bleichen Lippen; es wäre ihr furchtbar gewesen, wenn er das Leben verloren hätte, denn ihr Gemüt war so milde, so energisch sie auch sein konnte.
Ihre Lage war immerhin nur höchst gefährlich. Sie befand sich noch weit vom Ufer. Der Nachen schwankte bedenklich, ihre Hand ward starr, und die «offen Kleider drohten, sie auf den Grund zu ziehen. In höchster Not rief sie:
„Jesus, Maria! Hilfe, Hilfe!"
Bekanntlich beabsichtigt man auf liberaler Seite einen Anttag zu stellen, in welchem der Reichskanzler ersucht werden soll, die Aufhebung sämtlicher StaatSlotteneen zu veranlasten. Ohne für das Lotteriespiel an sich uns zu begeiftem, müssen wir doch hervorheben, daß eine Aufhebung des unter staatlicher Aufsicht stehenden Lotteriespiels lediglich der Privatspeculation Vorteil bringen, die niedere BevölkcrungSklaste aber geradezu den Unternehmern sogenannter industrieller rc. Lotterieen in die Anne treiben würde. Die letzteren sind bereits pilsenartig auS der Erde geschossen und schädigen daS Nationalvermögen in ganz erheblicher Weise. — Das „Berliner Tageblatt" äußert sich über die Freitagsdebatte im Deutschen Reichstage, „daß der Lorbeer des Tages dem Abg. Rickert gebühre." Wer der erwähnttn Debatte beigewohnt hat, muß zu der Ueber- zeugung gelangt sein, daß der Abg. Rickert noch niemals so schlecht und stets Altes und Bekanntes wiederholend gesprochen Ijcrt als am Freitag. Wenn das fortschrittliche Blatt ihm für dieses Fiasko eine Lorbeerkrone windet, so erhellt auch hieraus, wie sehr der Fortschritt bemüht ist, den Sezessionisten Lob zu spenden, um letztere zu sich herüberzuziehen. — Die Gerichtskostengesetzkommission beendigte in ihrer heutigen Sitzung die erste Lesung des Entwurfs. Ein Antrag auf Ermäßigung der Gebühren der Rechtsanwälte wurde für nicht opportun erachtet und abgelehnt, dagegen in einer Resolution der Wunsch an den Herrn Reichskanzler gerichtet, mit der Revision des Gerichtskostengesetzes auch eine Revision der Gebühren- Ordnung für die Rechtsanwälte zu verbinven und, wenn möglich, schon in nächster Session dem Reichstage eine diesbezügliche Vorlage zu machen. Die Gebühren für das Verfahren bei Privatklagen, wurden in heutiger Sitzung nicht unerheblich ermäßigt. Die Commission wird in ihrer nächsten Sitzung in die zweite Lesung des Entwurfs eintreten. — Die Kommission für das Trunksuchtsgesetz hat auf den Antrag des Abg. Reichensperger einen Zusatzparagraphen angenommen mit einer Strafbestimmung gegen Wirte, welche an betrunkene oder jugendlichen Personen geistige Getränke verabreichen. Ucber den wichtigen § 2, hinsichtlich dessen eine ganze Reihe von Abänderungsanträgen vorliegt, ist es zu einer Abstimmung noch nicht gekommen. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." dementiert die Nachricht verschiedener Zeitungen, daß die Regierung die einer Ver- * staatlichung der Bergisch-Märkischen Eisenbahn angeneigte Haltung aufgegeben und eine 47* proz. Rente nebst 10 Mark ConverlierungS-Prämie geboten habe.
— Der.Wahlverein der deutschen Konservativen" hat eine Art Rechenschaftsbericht erstattet, der die Vereinsthätig- keit charakterisiert und speziell deren Beziehung zur konservativen Presse erläutert, wobei bezüglich der letzteren speziell im Hinblick auf die Gründung eines Parteiorgans' sehr beherzigenswerte Winke gegeben werden. D.r Berichs
Und die Hilfe war nah.
Vom Dreibirkenhofe her stürzte atemlos Johannes; im Freien umherirrend, hatte er den Notruf gehört und die Stimme erkannt. Wild flog sein lockiges Harr, und kalte Tropfen standen auf seiner Stirne, unter der wilde Phantasien glühten.
So sehr er aber auch eilte, es kam ihm doch einer zuvor. Der Citronensepp hatte im Auftrage des Dreibirken, bauer6 einen Umritt auf den stundenweit sich auSdehnenden Feldern gemacht. Er hatte schon den ersten Schreckensschrei gehört, und rasch die Richtung erkennend, kam er im Galopp dahergesprengt. Sobald er Eva und die furchtbare Gefahr erkannte, sprang er vorn Pferde, warf Joppe, Hut und Schuhe von sich und stürzte sich in den Bachweiher. Bald hatte er Eva erreicht, die ihn mit einem Schrei des Entzückens begrüßte. Der Cittonensepp umschlang sie mtt dem linken Arm, während er mit dem rechten ruderte. Schwer keuchte seine Brust, aber endlich gewann er das Ufer, eben als Johannes herbeistürzte.
Zitternd vor Aufregung und totmüde legte er die schöne Last auf den im Abendschein glimmenden Anger. Eva hatte aber noch ihren Arm um seinen Hals geschlungen, so daß er sich zu ihr niederbeugen mußte. Drüben hatte fast gleichzettig Friedel das Ufer erstiegen und schaute jetzt, an einen Baum gelehnt und schwer atmend, mit Blicken deS HasscS herüber. Johannes stand neben dem Pferde daS ruhig irn Grase weidete. Er wußte nichts zu sagen' ja kaum zu denken, und lehnte sich wie kraftlos an den Hals des grafenoen Schimmels. Es wäre die Gruppe am Bachweiher ein schöner Stoff gewesen für einen Maler; aber sie waren ja allein mit ihrem Haß und ihrer Liebe.
(Fortsetzung folgt.)