Skr. 108.
fllatßurg, Mittwoch, 4. Mai 1881.
XVI.
Ina eigen nimmt emgtgen: Üe Expedition d.vlattes, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & So. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Kankfnrt a.M.; Haasenstein & Logier in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Köln tu; Rudolf Moffe in Berlin, gteul»
MMW jcitmiß
Anzeigen nimmt entgegw die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaui von E. L- Daube *6o. in Frankfurt a. M; Jüger'sche Buchhandlung daselbst; Herrn ann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; B. Thiene« in Aldttfeld: S. Schlotte in Bremen.
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Die Exped. st. Oberh. Zeitaag.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Mai. Nach einer Pariser Mitteilung der „Nordd. Allgem. Ztg." hätten die deutschen Delegierten zur Münzkonferenz sich dahin ausgesprochen, daß nach ihrer Meinung Deutschland die Silberausprägung nicht freigeben könne, namentlich insolange England dies nicht thue, wohl aber bereit sein werde, falls Frankreich und Amerika die Silberausprägung im Wertverhältnisie von 1 zu 15V, sreigeben, sich hinsichtlich der Verfügung über feine Thalerbestände Beschränkungen aufzulegen, eventuell auch in eigenem Münzumlaufe Raum für größere Verwendung des Silbers zu schaffen. — Tie Staatseisenbahn-Direktionen sind von dem Minister ermächtigt worden, bei der Ausfertigung von Abonnementsfahlkarten für mehrere Schulkinder derselben Familie die nachbezeichneien ermäßigten Fahrpreise für jedes Kilometer der zu durchfahrenden Strecke zu erheben; für zwei Kinder (Geschwister) in 3. Klaffe 2, in 2. Klaffe 3 Pf., für drei desgleichen 2,66 und 4 Pf., für vier 3,33 und 5 Pf., für fünf 4 und 6 Pf. Da.ei ist für jeden Schultag (Sonn- und Festtage und die vom Schulvorstande zu bescheinigenden Ferienzeiten nicht mitgerechnet) je eine Hin- und Rückfahrt der Berechnung zugrunde zu legen. Sofern auf einzelnen strecken etwa noch günstigere Bedingungen bestehen, sind dieselben einstweilen beizubehatten. — Gegenwärtig ist verschiedentlich den beteiligten Bewohnern des platten Landes die Nvlwendigkeit nahe gelegt worden, ihre Feldfrüchle gegen Hagelschlag zu versichern, da die Prämien billig und die Gelegenheiten zur Versicherung sehr leicht und allgemein erreichbar sind. Hinzugesctzt ist den Mahnungen, daß die durch eigene Schuld versäumte Versicherung bei etwa eingetretenem Unfälle und Vernichtung der Fcld- srückte durch Hagelschlag in keiner Weise als Grund ange- fehen wird, bei Staats- oder Gemeindesteuern Ermäßigungen oder Nachlässe eintreten zu lassen. Die Mahnungen, welche schon seit längerer Zeit in Uebung sind, haben also noch immer den gewünschten Erfolg nicht gehabt.
•• Berlin, 2. Mai. Einige Blätter wissen wieder ein-
Dcr Dreibirkenhnf.
Roman von August Butschet
(Fortsetzung.) J
Der Dreibirkenbauer rückte das Käppchen hin und her begann dann:
»Ihr habt gehört, daß an dem Wahlabend daö Unglück angefangen hat. Am andern Tag ist der Friedel in der grauen Frühe gleich in die Stadt gefahren und hat richtig so ein Ding von Klavier geholt. Er hat meinen Kopf", setzte er wie mit selbstgefälligem Stolze hinzu.
„Nun, das wäre das Aergste nicht", bemerkte Brinkmann.
„Das ist es auch nicht", war die kurze Antwort. „Aber wie ste's hereingetragen haben, und es hat so gesungen und geklungen in dem Kasten, ist mir's gewesen, als sei eine böse Stimme drinnen — und sie hat wahr geklungen, wie der Ruf vom Tvtenkauz."
Der Lehrer sah sinnend zu Boden.
„Der Johannes hat nicht mittragen wollen und hat ein Gesicht gemacht wie eine Hagelwolke. Den Bruder hat er angesehen wie den ärgsten Feind, die Ev' aber versengt er schier mit seinen Augen. Die hat kein' Freud gehabt an dem Klimperkasten und hat noch keine, und den Beiden weicht sie aus, wo sie kann. Ich habe gute Augen, aber solche Lieb' und solcher Haß, wie sie hier umgehen, von denen weiß ich keinen Ausgang zu finden."
„Wie meint Ihr das mit der Liebe und dem Haß?" fragte der Lehrer ruhig, obwohl eine Wolke über seine Stirne zog.
„Wie ich das meine? Das sieht ein Kind", entgegnete zornig der Schultheiß. „Daß beide Buben in die Ev' vernarrt sind bis zum Tollwerben, das liegt auf der platten
mal von Differenzen zu berichten, welche zwischen dem Finanzminister und dem Minister der öffentlichen Arbeiten in betreff der Erwerbung neuer Eisenbahnen zum Vorschein getreten sein sollen. Wie mir positiv versichert wird, haben seit vielen Monaten über einen solchen Gegenstand keine Verhandlungen zwischen den genannten Ministern stattgefunden.—Zur Ergänzung einer neulich gegebenen, von der „Post" beanstandeten Notiz ist folgendes zu bemerken: Der Finanzminister hat sich im Abgeordnetenhause sowohl als auch im Herrenhause über eine zu verändernde Behandlung des Extraordi- nariums im Staatshaushaltsetat ausgelassen. Dabei ist nicht die Rede gewesen und konnte nach Lage der Sache auch nicht die Rede sein von einer Uebernahme derjenigen produktiven Ausgaben auf das Ordinarium, welche unter allen Umständen durch außerordentliche Mittel gedeckt werden müssen. Dies hat auch meine neuliche Notiz nicht besagen wollen. Schon die Zusammenstellung der prodMiven Ausgaben mit den alljährlich sich wiederholenden ließ ersehen, daß nur von solchen Ausgaben die Rede sein sollte, welche aus den laufenden Einnahmen bestritten werden können. Die „Post" schließt ihre Bemerkung mit der von uns geteilten Annahme, daß nach Richtigstellung jener mißdeuteten Notiz auch die unliebsamen Glossen den Boden verlören, welche von der Oppositionspresse an dieselbe geknüpft worden sind. — Nach der vom Centralblall für das deutsche Reich mitgeteilten Nachweisung der zur Anschreibung gelangten Einnahmen (einschließlich der kreditierten Beträge) an Zöllen und Verbrauchssteuern im deutschen Reich für die Zeit vom 1. April 1880 bis zum Schlüsse de« Monats März 1881 wurden vereinnahmt 400 568 834 M., von welchem Betrage nach Abzug der Bonifikationen für die Reichskasse verblieben 335 915 863 M., welche Summe gegen die Einnahmen in demselben Zeitraum des Vorjahres ein PluS von 44 787 321 Mark aufweist. Dieses Plus rührt in erster Linie aus der Einnahme an Zöllen (40708 917 M.) her, was bemerkenswert ist. — In der Göthestraße in Charlottenburg wird am heutigen Tage mit den Ausgrabungen zur Fundamentlegung des neuen PostgebäudeS begonnen. — Im Norden Berlins wird am 15. Mai eine fahrende Landbrieflräger- stelle eingerichtet. Der Briefträger hat die Orte Weißensee, Malchow, Lindenberg und Ahrensfelde zu befahren.
— Der „Reichsanzeiger" publiziert das Gesetz betreffend die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der Reichsbeamten der Civilverwaltung. — In Argenau ist eine Verstärkung der Gendarmerie eingetroffen. Militärische Hülfe ist nicht nötig. Die öffentliche Ordnung ist wieder hergestellt. Die Untersuchungskommission befindet sich am Orte.— Der „Germania" wird aus Argenau (Gniewcowo) geschrieben: „Im allgemeinen sind circa 300 Fensterscheiben cin- geschlagen woroen. Die jüdische Gemeinde hat eine Kaution von 6000 M. bei dem Magistrate von Gniewcowo deponieren müssen, um die Kosten der Untersuchungskommission, die noch Hand, und daß daS zu bösen Händeln führen muß, ist eben so sonnenklar. ES ist wie ein Zauber um die Dirne, sie thul'S jedem an; wer in ihre Augen sieht, brennt lichterloh. Hab' mir ja am ersten Abend schon des Mädels wegen den ganzen Höhlenhof auf den Hals gehetzt. Sie hat daS Unterste zu oberst gekehrt — und sie kann erst nichts dafür", setzte er ärgerlich hinzu.
„Würde sie wohl dem Friedel ihre Hand am Altäre reichen?" meinte der Lehrer bedächtig.
„Seid Ihr von Sinnen?" rief der Dreibirkenbauer. „Glaubt Ihr denn, ich würde eine Bäuerin hier einziehen lassen, die nichts hat! Ha ha! Ein blutjunges Ding, das nur zu eigen hat, was es am Leibe trägt? In alle Ewigkeit nicht, und wenn man mir den Hof anzünden würde an allen Ecken — ha ha, eine Bettlerin als Hofbäuerin!"
Er lachte wieder, aber eS war das Lachen des Zornes.
„Frevelt nicht", erwiderte der Lehrer. „Der Mensch denkt und Gott lenkt. Aber reden wir nicht mehr davon. Friedel ist somit verurteilt zum Entsagen, da bliebe also der Johannes. Gebt der Eva eine Mitgift und laßt sie mit dem Johannes in Gottes Namen ziehen."
Der Schultheiß wiegte sinnend das graue Haupt. „Das ließe sich schon anhören", sagte er dann, „aber mir scheint, sie will ihn nicht. Sie hat einen Eisenkopf, sie wäre imstande nein zu sagen, wenn er sie fragt. Gethan hal'S noch keiner, dem Mädel gegenüber find sie hasenherzig. Und selbst wenn sie dem Johannes daS Wort gäbe, wäre das Unglück nicht vorbei; ich könnte Mord und Totschlag erleben. Schon jetzt laufen sie einander aus dem Wege; der eine lungert im Walde herum und jagt, der andere fischt im Bachweiher , und die Beute bringen sie der Ev', dem Unglückskind, jeder heimlich. Herrgott, ist daS ein Elend —
hier verweilt, zu bestreiten. Verhaftungen find bis jetzt nicht vorgenommen.—Die Kommission des Reichstags für Veränderung des Raumgehaltgesetzes verwarf heute den Art. 1 der Vor- läge, welcher lautet: „Flüssigkeiten, welche in Fässern nach dem Raumgehalt zum Verkauf kommen, dürfen dem Käufer nur in solchen Fällen, auf welchen die den Raumgehalt blldende Zahl der Liter durch Stempelung beglaubigt ist, überliefert werden." Danach wird eS voraussichtlich bei dem jetzt bestehenden gesetzlichen Zustande bleiben, wonach die Faßzeichnung nur für Wein obligatorisch, für alle übrigen Flüssigkeiten fakultativ ist.
Kitl, 29. April. Es steht nunmehr fest, daß der Kaiser nicht nur den Uebungen des 9. Corps beiwohnen wird, sondern auch der Marine einen neuen Beweis fördernder Teilnahme zu geben gedenkt. Am 17. September kommt der Kaiser nach Kiel, um das UebungSgeschwader zu besichtigen, welches in der Kieler Föhrde ein großes Seemanöver ausführen wird. Der Besuch des Kaisers gllt nur der Marine, doch heißt es, daß auch die Festung Friedrichsort besichtigt werden soll. — Es bestätigt sich, daß die Befestigung Kiels jetzt sehr ernsthaft ins Auge gefaßt wird, doch befindet sich die ganze Angelegenheit noch in den ersten Stadien der Vorberatung. Es gilt aber in gut unterrichteten Kreisen als wahrscheinlich, daß im Laufe des Sommers eine eigene Festungsbaub-Hörde in Kiel errichtet werden wird. An eine Umwallung Kiels wird nicht gedacht. Es handelt sich darum, Kiel in einem weiten Bogen mit einem Ringe von Forts zu fumgeben. Die Zahl derselben ist noch nicht genau festgestellt, doch wird nach vorläufigen Ermittelungen ein Kostenaufwand von gegen 30 Millionen Mark für erforderlich gehalten, um einen vollgenügenden Schutz herzustellen. Diese ganze wichtige Angelegenheit kommt nicht an den Reichstag, die Mittel werden aus dem Festungsneubaufonds genommen.
Alle lau-.
Wit«, 30. April. Im österreichischen Abgeordnetenhause wird heute die Generaldebatte über das Budget geschlossen. Man kann nicht sagen, daß sie in der Bevölkerung ein besonderes Interesse erweckt hätte, wie denn auch die Galerieen fast leer waren. Auf beiden Seiten beschränkte man sich lediglich auf die Zusammenstellung der beiderseitigen Sündenregister und war sehr sparsam mit positiven Vorschlägen. Zwar hat ein Mitglied der Rechten, der galizische Abgeordnete Hauöner, den Versuch gemachtem wirtschaftliches Reformprogramm zu entwickeln, dessen einzelne Punkte die vollste Aufmerksamkeit aller an der Gesetzgebung beteiligten Faktoren ve> dienen, aber eS ist sehr daran zu zweifeln, daß die entwickelten Reform-Jdeeen von seiner Partei geteilt werden, wenigstens ist diese letztere bi« jetzt den Beweis schuldig geblieben, daß sie ein richtiges Verständnis für die Anforderungen des praktischen StaatS- und der Hof leidet, die Arbeit wird schlecht gethan, und im Hause ist eS grabeSstill, es ist zum Verzweifeln!" —
Der Schultheiß stützte den Kopf auf die Hand und sah starr auf die Diele.
„Auch dem Reichtum wachsen die Sorgen", erwiderte Brinkmann, wie mit sich selbst redend. Dann hob er die Stimme: „Aber warum denkt Ihr nicht daran, die Ursache des Nebels zu entfernen? Ich will die Eva —Ihr wißt, ich liebe sie, als wäre sie mein eigenes Kind — wieder in die Stadt bringen zu der Frau von Bern, die nimmt ste auf mit tausend Freuden, dann wird wieder Ruhe hier sein."
„Ist das Eure ganze Weisheit?" fuhr der Bauer auf. „Glaubt Ihr, ich hab' bas nicht schon tausendmal überlegt? DaS ist nicht«. Hört Ihr mein armes Kind? —
Durch eine Oeffnung, die über dem Ofen durch die getäfelte Decke in's obere Zimmer führte und einen Teil der Wärme dorthin überleitete, drang der Hall von einem kurzen, hohlen, unsagbar beängstigenden Husten.
„Das ist meine Marie", sagte der Schultheiß auf einmal mit tie!em Gefühl. „Sie ist so schwach, ihr Herz hängt an der Eva; die Martha ist alt, Eva ist eine Wärterin wie ein Engel. Soll ich dem armen Kind sein Letztes nehmen? Nein und tausendmal nein! — Und selbst wenn sie fort ginge", fuhr et fort, „wäre die Ruhe noch weit weg. Wenn einer einmal den Kopf mit dem Herzen verloren hat, so hilft kein Doktor und kein Apotheker. Meine Buben sind wie Hainbuchen, so knorrig und trotzig, die Leute sagen, ste haben'S von mir; die Stadt ist nicht weit, und da« Geläuf und der Hader hätten kein Ende. Herr, wo ist da ein Ausweg und ein Ziel? Gott besser's. Ich finde nichts und hab' mich selber saft verloren in dem Trubel um mich herum."
Fortsetzung folgt.)