gtr. 102
fllaröurg, DienSlag, 3. Mai 1881.
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Aus der Gewerbe - Orduuugs - Kommisfivu des Reichstags.
Die Gewerbe - OrdnungS - Kommission erledigte am Donnerstag, wie bereits mitgeteilt, den § lOOe, der von den Befugnissen handelt, welche den Innungen in bezug auf daS Lehrlingswescn unter gewissen Voraussetzungen auch in bezug auf NichünnungSmitglieder beigelegt werden können. Abg. v. Kleist-Retzow beantragte die Ausdehnung der Befugnisse auch auf daS Gesellenwesen, wollte oen § lOOe überhaupt in einer Weise umgestaltet und ergänzt wissen, welche den außerhalb der Innung stehenden Gewerbegenossen im gründe alle Pflichten der JnnungSmttglieder aufcrlcgen, nicht aber die Rechte derselben gewähren und somit einen starken thatsächlichen Zwang zum Eintritt in die Innung auSüben würde. Der RegierungS-Kommisiar, Geh. Obcr- RegierungS-Rat Lohmann war nicht in der Lage, zu erklären, wie sich die verbündeten Regierungen zu den Kleist- fchen Anträgen stellen würden. Nach langer Debatte wurden die Kleist'schen Anträge, soweit sie das Gesellenwesen betreffen, mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen. Im ersteren Falle setzte sich die Majorität zusammen aus den Liberalen und Freikonservativen Schmiedel und Süß, während Graf Bismarck mit der Minorität stimmte, im letzteren Falle aus den Konservativen, den Centrumsmitgliedern und den Abgeordneten Schmiedel und Graf Bismarck, während Abgeordneter Süß (freikonservativ) mit den Liberalen ging. Ferner ist auf einen, von derselben Majorität angenommenen Antrag Kleist noch hinzugefügt worden, „daß alle, welche eines der in der Innung ver- vertretenen Gewerbe selbstständig betreiben, den Kranken-, Sterbe- und Hilfskassen der JnnungSgenossen, inzleichen den Wittwen- und Waisen-UnterstützungSkafsen derselben beizutreten und ebenso zu den Fachschulen beizutragen verpflichtet, gleichzeitig aber auch bei deren Verwaltung und Benutzung gleichmäßig zu beteiligen sind, wenn sie zu den Nr. 1 gedachten Arbeitgebern gehören.*
Der Regierungsvorschlag, daß die Verleihung der außer-
Der Dreibtrkeahof.
Roman von August Butschet (Fortsetzung.)
3. Bewegte Herzen.
Die drei Birken leuchteten im Herbstrot wie große Flammen, und gold'ne Blätter lösten stch langsam und zitterten wie Lichtstrahlen zur Erde. Noch schien die Ottober- svnne sommerwarm vom blauen Himmel auf die Erde, die in zarten Duft gehüllt und von fliegenden Geweben über- sponneu war. Die Astern blühten ihr Leben ab, und aus der Laube am Dreibirkenhof blickten die blauen Beeren der Trauben wie viele treue Augen. Auf dem Bachweiher spielten die Lichtfunken, und verspätete Mücken hielten chren letzten Tanz. Alles war totenstill, so recht öde; wie ein versteinerter Sarg streckte der Hof feine Mauern über den Anger vor dem stillen Bach. AuS keinem Fenster sah ein fröhliches Auge, und keine Stimme schickte eine Ahnung von Leben in die Oede des Einödhofes. So krochen die Tage vorüber und fchauten neugierig durch das Gerank der Reben, aber drinnen ruhte alles. Das Gesinde war auf weit entfernten Grundstücken und kehrte erst im Abenddunkel zurück. AuS der Wette klangen wie geträumte Töne die Glocken der Heerden, und nur eine dünne Rauchsäule verriet in der Dämmerung den Rastort deS Hirten.
Und doch schlugen Menschenherzen in dieser Oede, und eben jetzt kam eine Gestatt in der Richtung deS Dorfes dahergeschritten. Der Lustwanoler trug einfache schwatze Kleider uno einen breitkrempigen Hut, unser dem schlichte braune Haare lang in den Racken fielen. Wer sich auf Menschengestchter, als die Offenbarung deS Geistes, verstand, mußte bekennen, daß er hier ein ganz bedeutende« Antlitz
ordentlichen Befugnisse widerruflich sein soll, wurde einstimmig angenommen. Dagegen gingen die Meinungen wieder auseinander über die Bedingungen, unter welchen die Verleihung erfolgen kann. Die Regierungsvorlage stellt als solche Bedingung auf, daß die Thätigkeit der Innung auf dem Gebiete deS Lehrlingswesens stch bewährt haben soll. Abg. v. Kleist wollte diese Klausel gestrichen und die Sache dem unbeschränkten Ermessen der Behörde anheimgestellt wissen. Die Konservativen blieben indes mit diesem Vorschläge allein; alle übrigen Mitglieder stimmten für die Regierungsfassung.
Der Abg. v. Kleist-Retzow hat ferner zu § 102 einen Antrag dahin gestellt, daß für alle in dem Bezirke einer oder mehrerer höherer Verwaltungsbehörden bestehenden Innungen eine Handwerker-Kammer eingerichtet werden soll. Ihr soll die Vertretung der allgemeinen Interessen deS Handwerks in den betreffenden Bezirken obliegen. „Sie wird von der Behörde mit ihrem Gutachten gehört, wenn es sich um derartige Maßregeln handelt.* Infolge dessen soll im 2. Absatz des Paragraphen „Handwerkskammer* statt „JnnungsauSschuß* zu setzen sein und folgende neue Paragraphen eingefügt werden: § 102a: „Sie (die Handwerkerkammer) hat die Befolgung der Vorschriften über daS Jnnungswesen, speziell über die Annahme und Haltung der Lehrlinge, über die Annahme und Entlassung der Gesellen und Gehilfen, wie über die Meister- und Gesellen-Prüfungen zu überwachen, und bei den JnnungSvorstäncen, event. bei der Aufsichtsbehörde auf Abstellung der wahrgenommenen Uebelstände zu dringen. Sie ist mit ihrem Gutachten über Neubildung und Auflösung von Innungen über die Feststellung ihrer Statuten und über die Verweigerung, Verleihung und Wiederaufhebung der Berechttgungen nach § 100k. zu hören und bei der Leitung der Gewerbefachschulen zu betettigen. § 102b.: Sie kann innerhalb der Grenzen des Gesetzes nach Anhörung der Beteiligten Festsetzungen über die Behandlung der Lehrlinge, Gesellen und Gehilfen treffen. Sie kann innerhalb der ' Grenzen der polizettichen Verordnungen bestimmen, in welchen Dringlich- keitsfällen und zu welchen «stunden SonntagSardeiten zu- lässig sind. Sie entscheidet über Beschwerden wegen der Aufnahme und Ausschließung auS einer Innung, so wie rücksichtlich der Gesellen- und Meisterprüfungen. § 102c.: Wie durch die Landesgesetzgebung Gewerbekammern bestehen, können die hier den Hanowerkerkammern eingeräumten Be- fugniffe durch die Centralbehörde des betreffenden Landes chnen übertragen werden.*
Deutsches Reich.
Berlin, 30. April. Die Pariser Münzkonferenz wird länger dauern, als ursprünglich angenommen wuroe, da man jetzt eine Dauer der Konferenz bis in den Herbst voraussetzt. Es werden zur Zeit Fragebogen ausgearbeitet, vor sich habe. Eben hob der Wanderer den Hut und entblößte eine Stirne von mächtiger Wölbung, die noch größer erschien durch die Kahlheit des VorderhaupteS. Unter scharfen Brauen glänzte ein lichtgraues Auge voll Feuer und Güte. Die Nase bog stch kühn auf den kleinen Mund, und das Kinn schloß fast viereckig daS Antlitz ab. Der Mann mußte mit sich und dem Leben in'S Reine gekommen fein, den» jeder Zug verriet klare Ruhe uno Festigkeit. Von Stürmen zeugten nur zwei tiefe Stirnfalten, die wie eingemeißelt erschienen. Von Zeit zu Zeit blieb der Mann stehen und brach eine verspäl te Blume, die er sinnend betrachtete. Das Auge aber schaute oft prüfend und wie sorgend nach dem Dreibirkenhof hinüber, dem er sich näherte. Leise raschelten die Blätter unter seinen Füßen, als er unter die drei Birken dahinschritt und über die Schwelle deS Hofes trat.
In einer Ecke der Wohnstube, in der dunkelsten, saß der Dreibirkenbauer tiefgebückt am Schreibtisch, aber das Auge schaute regungslos auf eine Stelle. Nichts war hörbar als der Penoelgang der Uhr und das Fallen des Reb- laubes. In der Wand nagte der Bchrwurm oder die Totenuhr, und im Herzen des Schultheißen nagte auch ein Bohrwurm, die Sorge und die Leidenschaft. Rasch fuhr er aus, als der vorhin Beschriebene eintrat, und im nu war er der alte feste Birkenbauer.
„Gott zum Gruß, Herr Lehrer*, sagte er kurz. „Sitzt nieder verwett: kann ich etwas aufwarten?*
„Nein, Herr Schultheiß", antwortete der Lehrer Brinkmann mit sonorer Stimme. „Ich komme nur, um mich nach dem Befinden der Eurigen zu erkundigen und der Eva eine Klavietstuude zu geben, wenn sie daheim ist.*
„Daheim ist sie", erwiderte der Hofbauer, „aber gespiett und gesungen wird fetten mehr auf dem Dreibiäenhof.
welche den Spezialuntersuchungen der eingesetzten Commission zu gründe gelegt werden sollen, die daraus dann erst das Material für die Plenarverhandlungm zusammenstellen wird. So weit stch die Sache übersehen läßt, scheint eS sicher, daß die Konferenz sich für BimctalliSmuS erklären werde. — Der Landesdirektor der Provinz Pommern und Abgeordneter zum preußischen Landtage v. Heyden-Cadow ist für den Posten des Regierungs-Präsidenten in Frankfurt a. O. in Aussicht genommen. Herr v. Heyden trat in den letzten Sessionen mehrfach im preußischen Abgeordnetenhause und zwar mit Geschick und Glück als Redner der konservativen Fraktion in finanziellen und Verwaltungsfragen auf. — Gegenteiligen Notizen, die vielfach in der Presse auftauchen, gegenüber kann konstatiert werden, daß eine Entscheidung über die Besetzung deS Oberpräsidiums der Provinz Sachsen zur Zeit noch nicht getroffen ist. — Die „Kreuzzettung* versichert, daß auch ein neuer Kultusminister nur in den Wegen des Herrn v. Puttkamer vorzugehen braucht, um die Versöhnung allmälig herbeizu- führen, und daß dazu nicht eine völlig neue Politik und eine Verleugnung des jetzigen Ministers notwendig ist. „Was speziell Herrn v. Wolf betrifft, über welchen jetzt allerlei Gerüchte verbreitet werden, so hat derselbe unseres Wiffens niemals zu den Kulturkämpfern von Profession gehört, sondern stch auf die Ausführung der betreffenden Gesetze beschränkt. ES mag allerdings ein Unglück sein, wenn gerade Marpingen zum Bezirk gehört und wen» außerdem Fälle wie der Lorenzi'sche vorliegen. Trotzdem glauben wir bestimmt auSsprechen zu dürfen, daß Herr v. Wolff unter den Beamten, welche |oit betreffenden Gesetze auszuführen hatten und mit Gewissenhaftigkeit ausgeführt haben, zu den gemäßigsten gehört. Er hatte auch, so viel wir wissen, am Rhein nicht den Ruf eines besonders eifrigen Kulturkämpfers.* — Der Kultusminister hat betreffs Ermittelung der den Geistlichen und Kirchendienern für Ausfälle an Stolgebühren zu gewährenden Entschädigung jüngst die Regierungen und Conststorien im Einverständniffe mit dem Finanzminister dahin verständigt, daß der Festsetzung einer fixierten Entschädigung der Regel nach die in den Jahren vom 1. Oktober 1874 bis dahin 1878 den Liquidanten bewilligten Entschädigungen zu gründe zu legen sind; die Berechnung nach dem vierjährigen Durchschnitt erfolgt auch, wenn eine Entschädigung nicht liquidiert ist. Ist jedoch im ersten Jahre, vom 1. Oktober 1874 bis dahin 1875, eine Entschädigung nicht liquidiert und festgesetzt worden, so kann d>e fixierte Entschädigung nach dem dreijährigen Durchschnitte berechnet werden. Sofern die Bewilligung einer fixierten Entschädigung nicht vom 1. Oktober 1878, sondern erst von einer späteren Jahresfrist ab nachgesucht wird, kann die Fixierung der Entschädigung nur erfolgen, wenn eine solche mindestens für drei volle Jahre festgesetzt ist. Trifft diese Vorau«-
O das verfluchte Klavier I* fuhr er aus einmal mit auS- brechendem Zorne auf, „das hat den Hader uno das Slmd in'S Haus gebracht. Auf wen soll ich die Schuld werfen? Aus das Klavier allein? Aus die Eva? Aus daS Schulzenamt? Ich weiß bei Gott nicht, wie es nur gekommen ist, daß alles so flügellahm geht?*
„Beschaut jedes Ding vor allem mtt Ruhe, dann habt Jhr'S weit genug gebracht*, entgegnete Brinkmann; „erst sichtet und dann schlichtet*.
„Ja, wer Fischblut im Leibe hätte!* brauste der Hofbauer auf.
.Jeder kämpft den großen Kampf mit stch selbst, Zünd Tausende gehen zur Grub, ohne sich besiegt zu haben", sagte der Lehrer lächelnd.
„Aber ich streite nicht bloS mit mir", tief der Hofbauer mit steigender Erregung, „ich streite mit meinen Söhnen, mit meinen Nachbarn, mit dem bösen Geist, der in meinem Hose umgeht und dem ich keinen Namen weiß, ich kämpfe mit dem Unglück! Aber ich kämpfe!" setzte er nachdrücklich hinzu und richtete stch hoch auf, „und werde den Geist zwingen; daS Unglück srellich —*
.„DaS Unglück schleicht, und die Schleicher sind die gefährlichsten", sagte Brinkmann bedeutungsvoll. „Legt mir alles klar, nur dem sichtbaren und kennbaren Feind kann man wirksam begegnen. Ihr wißt, ich bin Eures Hauses Freund, Ihr habt mich näher kennen gelernt, also laßt mich klar sehen." — Er setzte stch in den Lehnstuhl am Ofen.
Der Dreibirkenbauer war wieder klein geworden, deS LchretS Ruhe imponierte ihm.
(gortfetfung folgt)