Nr. 101.
Marburg, Sonntag, 1. Mai 1881.
xvi. Mr-Mg
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Deutsches «eich.
Berliu, 29. April. Die Stempelsteuer-Kommission des Reichstags lehnte mit 13 gegen 6 Stimmen die Steuer auf Checks und Giro-Anweisungen ab; ebenso hat die Kommission mit Stimmengleichheit die Steuer auf Lombard- darlehnc abgelehnt. — Von Prof. Adolf Wagner ist auf Verlangen des Berliner Centralwahlkomitees der Konservativen ein Wahlprogramm entworfen worden, welches die Genehmigung des Komitees erhalten hat und demnächst im Druck erscheinen wird. Das Programm lautet: I. Allgemeine Politik in bezug auf das deutsche Reich: 1) Unverbrüchliches Festhalten an Kaiser und Reich; 2) Aufrechterhaltung der allgemeinen Wehrpflicht, unter möglichster Schonung der Volkskräste. Allgemeine Politik in bezug auf Preußen: 1) Energisches Eintreten über das Königtum von Gottes Gnaden; 2) Aufrechterhaltung einer starken staatlichen Gewalt; 3) Schutz der verfassungsmäßigen Rechte des Volkes, ohne jedoch ein Parlament nach englischem oder belgischem Muster zu erstreben; 4) Selbstverwaltung für Provinz, KreiS, Bezirk und Gemeinde, entsprechend den historischen und wirtschaftlichen Erfordernissen der einzelnen Gebietsteile in allen kommunalen Angelegenheiten; 5) Preß- und Versammlungsfreiheit unter selbstverständlicher Innehaltung der Grenzen, welche die christliche Moral, die gute Sitte und die Rücksicht auf die Grundlagen der öffentlichen Institutionen verschreiben; 6) Ersetzung des Einwohnerbürgerrechts durch das Gemeindebürgerrecht. (Gerichtskosten — Vormundschastsordnung.) II. Kirchenpolitik. 1) Festhalten an den christlichen Grundlagen des Staates und des Volkslebens, Notwendigkeit der Taufe, christliche Eheschließung, christlicher Eid, Heiligung des Sonntags; 2) konfessionelle Volksschule (ausdrückliche Betonung der erziehlichen Seite der Schule); 3) Beilegung deS Streites zwischen Staat und Kirche; Anerkennung der geschichtlich gegebenen Stellung der beiden großen Kirchcngemeinschaften und entsprechende Revision der kirchenpolitischen Gesetzgebung; 4) Eintracht unter den Konfessionen und Garan-
Der Dreibirkevhos.
Roman von August Butscher (Fortsetzung.)
Er hielt ihm die Hand hin. Der Citronensepp zögerte noch und blickte erst Marie fragend an, dann schlug er ein.
Friedel warf sein Glas zum zweiten Mal um und erhielt von der Höhlengundel einen warnmden Rippenstoß, den er aber völlig ignorierte.
Eine Weile saß er stillbrütend da, dann wandte er sich wie^in halber Verlegenheit an Eva mit der sonderbarm Frage:
„Nun Ev' was kostet denn so ein Glacier ?"
„Du wirst doch nicht etwa noch Clavier spielen lernen wollen in Deinem Alter?" erwiderte sie scherzend. „Oder soll's Deine Braut lernen?"
„Ich will wissen, was so ein Ding kostet!" sagte er ärgerlich und doch halb verlegen.
„So etliche dreihundert Gulden, nicht weniger," war Eva's halb erstaunte Antwort. Die übrigen sahen eben- falls neugierig aus den auf einmal musikalisch gewordenen Hofbauernsohn, und die Musikanten verließen Krüge und Instrumente, um besser hören zu könnm.
„Du sollst eins bekommen," rief Friedel, indem er herausfordernd in der Stube umherblickte. „Morgen fahr ich in die Stadt und hol' Dir eines, und wenn es 500 Gulden kostet l"
Alle saßen wie erstarrt ob dem unerhörten Entschluß. Die Tochter vom Höhlenhof fing laut zu wehten an.
„Hast Tu den Verstand verloren? ries der neueOrtS« Vorstand, indem er feinen Sohn heftig am Arme rüttelte. Der Höhlenhofbauer, der eingeschlafen war, fuhr auf und sah in stummer und dummer Verwunderung in die aufgeregten Gesichter seiner Umgebung.
tieen für die Gewissensfreiheit. III. Soziale, Finanz- und Wirtschaftspolitik. A. Organische Gestaltung der wirtschaftlichen Gesetzgebung in der Richtung des Schutzes der schwächeren Elemente im Konkurrenzkämpfe. B. Gestaltung des Finanz- und Steuerwesens entsprechend den begründeten Bedürfnissen im Reich, Etnzelstaaten und Kommunen. Zu A.: 1) Staatshilfe, soweit sie notwendig, besonders in bezug auf die arbeitenden Klaffen. 2) Gesunde Gestaltung der Agrarverfaffung unter möglichstem Zurückgreifen auf das deutsche Recht, a. Bäuerliches Erbrecht mit der Tendenz der Erhaltung eines tüchtigen Bauernstandes, b. Verhütung der zu weit gehenden Mobilisierung des ländlichen Grundbesitzes. c. Maßregeln zu zweckmäßiger Umgestaltung des Schuldrechtes des Grundbesitzes, d. Wiederaufnahme der Erbpacht. Zu B.: 1) Richtiges Verhältnis zwischen direkten und indirekten Steuern. 2) Beseitigung direkter Personalsteuern bis zum Einkommen von 1500 M. 3) Bei der Einkommensteuer genaue Einschätzung und Deklarationszwang und mäßige Progression der Steuersätze für höheres Einkommen. 4) Ausbildung der Erbschaftsbesteuerung und Revision der Stempelgesetzgebung. 5) Besondere Belastung des mobilen Vermögens (Kapitalrentensteuer, Börsensteuer) neben der bereits bestehenden Besteuerung des immobilen Vermögens; 6) Inländische Verbrauchssteuer und Finanzzölle, besonders auf Luxusartikel (stärkere Belastung des Tabaks und Branntweins), Revision der Gewerbordnung In der Richtung der Erhaltung eines leistungsfähigen Handwerkerstandes: a. Umgestaltung des Jnnungswesens; b. möglichste Beschränkung des Haussterhandels und der Wanderlager (Wechselrecht); c. Revision des Aktiengesellschaftsrechts; d. Schutz der Fabrikarbeiter in sanitärer, sittlicher und ökonomischer Hinsicht (Abeiterverstcherungswesen, Sonntagsruhe) ; e. realistische Behandlung der auswärtigen Handelspolitik; f. Ausdehnung des staatlichen und kommunalen Wirtschafts-Betriebes, soweit es technisch und ökonomisch sich bewährt. — Die Petitionskommission des Reichstags beschloß soeben, über die Petitionen wegen Aufhebung der Straßburger Tabaks-Manufaktur zur Tagesoronung überzugehen , dagegen die Petitionen gegen das G bahren der Manufaktur dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.
•• Berliu, 29. April. Verschiedene Blätter melden, daß die Reise des Ministers v. Puttkamer nach der Rhein- provinz vertagt worden sei. Sie ist aber nicht nur vertagt, sondern sie ist überhaupt nie beabsichtigt gewesen. Es können daher auch die Oberprästventen von Rheinland und Westfalen nicht, wie behauptet worden, die Landräte schon davon avertiert haben. Das ganze Gerücht beruht auf Erfindung. — Die Debatte im Reichstage über Elsaß-Lothringen war insofern von einer über den Gegenstanv hinausgreifenden Wichtigkeit, als es die erste Verhandlung über elsaß- lothringische Zustände seit der Einrichtung der Statthalter-
„Ja, er ist völlig übergeschnappt", sagte Johannes mit Heller Zornesröte im Gesicht. „Denkst Du nicht daran, daß in vier Wochen Deine Hochzeit ist?"
„Hochzeit?" höhnte Friedel. „Ich will jetzt nicht hei- raten. Und Dich geht's gar nichts an, Johannes; mein Geld ist mein Geld, und wenn ich gern ein Klavier verschenk', so geht das den Teufel was an." Er stürzte ein volles GlaS Wein hinab.
„Aber Deinen Vater geht es an", brauste der Drei- birkcnbauer im grimmen Zorn auf, und mit mächtigem Ruck warf er den Kopf in den Nacken. „Nicht als ob's mich i eute, das Geld — wir haben'S, wir können's Gott Lobl — aber das Ding sieht ja ganz sonderbar aus und das paßt sich nicht für einen Bräutigam."
„O, er will mich nimmer", kreischte die Höhlengundel, „ich weiß eS wohl, ich hab'S gemerkt den ganzen Abend lang."
„Ho, ho", rief ihr Bruder, „das wären saubere Sachen!"
„Friedel", sagte Eva mit dem sanftesten Ton, „sei ge- scheidt und setz' Dir keine Grillen in den Kopf. Ich will kein Klavier und will auch keinen Streit stiften. ES ist schön von Dir, daß Du mir so wohl willst, aber sieh, Du machst nur Unfrieden, und der bringt Elend ins reichste Haus!"
„So ist's recht, Ev'", sagte Johannes, „daS ist so recht von der Leber. Wir benten da ganz gleich, wir verstehen unS." Er suchte ihre Hand zu faffen.
„Und jetzt erst recht", ries Friedel in höchster Erregung, indem er Blicke voll Haß auf seinen Bruder schleuderte. Eva flüchtete an die Seite des TyrolerS, der seine Cither in Sicherheit brachte.
„Warum soll ich kein Klavier kaufen, wer will'S mir
schast war. Abgesehen von der Frage, die zunächst vorlag, dürfte zu konstatieren sein, daß sich in der Beratung eine überwiegend günstige Stimmung in bezug auf die gegen- wärttge Verwaltung kundgegeben hat, was um so mehr hervorgehoben werden muß, als diese Verwaltung bekanntlich in der ersten Zeit nicht bloS gegen das Uebelwollen und Befferwiffen von gewiffen Seiten, sondern auch gegen die Auffaffung vieler in die alten Verhältnisse eingelebten Beamten zu kämpfen hatte.
Thoru, 28. April. In Argenau, einem Städtchen bei Thorn, sind, dem „B. T." zufolge, Tumulte gegen Juden vorgekommen, Wohnungen wurden zerstört und die Drohung laut, die Juden zu ermorden. Der Magistrat bestätigte auf Anfrage des Blattes die vorgekommenen Tumulte.
Ausland.
Pest, 29. April. Das Abgeordnetenhaus nahm die Konvertierung der Ungarischen Goldrente mit überwiegender Majorität an.
Rom, 29. April. (Kammer. Nachmittags-Sitzung.) Zeppa und OdeScalchi entwickeln Interpellationen über die Ministerkrisi«. Cairoli giebt Aufklärungen über die Gründe der Krisis sowie über die Zurückziehung deS DemifstonS- gesucheS und fordert die Parteien zur Eintracht auf, um die schwebenden Reformen zu vollenden. DepretiS spricht über den verfassungsmäßigen Vorgang bei der letzten Mi- nisterkrists. Zeppa beantragte Annahme der Tagesordnung, daß der Ausgang der letzten Minifterkrists den konstitutiv- neuen Formen nicht entspreche. OdeScalchi erklärt sich von den ministeriellen Erklärungen nicht vollständig befriedigt, und beantragt eine diesbezügliche Tagesordnung. Die Kammer beschloß unter Zustimmung des Ministeriums über die Tagesordnungen morgen zu verhandeln.
Paris, 28. April. Nach den letzten Nachrichten war die Lage auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen in Tunesien folgende: Die Stadt El Kef hatte am 26. um halb 12 Uhr den Franzosen ihre Thore geöffnet, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Alle Kanonen des Platzes waren geladen. Wie verlautet, war es der französische Konsul von El Kef, der auf seinem Posten geblieben war, um den Gouverneur zur Uebergabe und zum Abzug zu bestimmen. Er suchte ihm begreiflich zu machen, daß die Franzosen nicht als Eroberer, sondern als „Befreier" in Tunesien eingezogen wären! Der General Lorgerol ließ in El Kef ein Bataillon Infanterie, eine Abteilung Reiterei und zwei reitende Batterieen zurück und setzte seinen Marsch nach Besha fort, wo er bis Nehör auf keinen Widerstand stieß Der Hauptzweck der Besetzung dieses Ortes ist, zu verhindern, daß die Stämme, welche südlich von der Medscherda wohnen, nicht zu den KrumirS stoßen können. Auf der Insel Tabarka und in Forts des festen Landes haben die Franzosen ungefähr 1500 Mann unter dem
verbieten?" bornierte Friedel abermals. „Wir flnb reich genug auf bem Dreibirkenhof, unb wer dabei Böses bentt, der soll's nur sagen, ich will ihn ordentlich heimschicken I" Er stülpte die Aermel zurück; ein großer Teil der Gesellschaft zog sich scheu in den Hausflur hinaus.
Jetzt flammte auch in dem Höhlenhofbauer der Zorn auf, er schlug auf den Tisch und schrie mit heiserer Stimme:
„Wenn Du so redest mit uns, so bettelt man nicht um Dich. Wenn Dir die hergelaufene Dirne mehr wert ist, als mein Mädel, so sag's nur, sag's nur, Birkenfriedel!"
„Jawohl ist sie mir mehr teert, wenn Jhr'S wissen wollt", schrie Friedel, außer sich vor Wein und Zorn. „Unb hergelaufen ist sie nicht, sie ist ehrlicher Leute Kinb —•
„Ja, bas ist sie!" rief auch jetzt Johanne-.
„Ho, ho", heulte bet Höhlenlenz, inbem er bie Pfeife an ben Ofen warf, „im Dreibirkenhof gehen lustige Geschichten vor, da wachsen die Narren wie die Hasänüsse, und wenn'S nicht genug giebt, so kommen sie noch auS dem Tirol mit dem Bettelsack und mit der Bettelmusik —"
Eine gewaltige Faust legte sich um seinen Hals: und der Citronensepp hob den sich heftig Sträubenden mit einem kräftigen Rucke in die Höhe und trug ihn zu bem offenen Fenster, burch bas „der Wiener" zeitlich ben Rückzug genommen hatte. Ein Schwung — unb bet Stammhalter vom Höhlenhof fanb sich an bie Lust gesetzt, wo bie Dorfbuben braußen mit ihren Fackeln stauben unb sich erboten, ihm „heimzuleuchten".
Währenddem hatte auch der Dreibirkenbauer sich erhoben.
„Ihr braucht auch nicht zu betteln," rief er, „wir stehen auf guten Füßen, unv wenn's denn fein soll, so behaltet die Gundel. Wer ben Birkenhof schimpft, soll mir nimmer über die Schwelle. Unb bamit Basta l"