durchdringen lassen." Der Staat soll an die Stelle der armenpflegenden Gemeinden treten und muß für die Erwerbsunfähige» eine mäßige Zubuße fordern; ohne diese Beihülfe und ohne den Versicherungszwang würde der Gesetzvorschlag keinen Wert mehr für den Kanzler haben; denn „Der Staat, der seiner großen Mehrzahl nach aus aufrichtigen Bekennern des christlichen Glaubens besteht, der sollte dem Armen, Schwachen und Alten auch in einem noch weiteren Maße, als es hier gefordert ist, in dem Maße, wie ich hoffe, wenn ich eö erlebe, im nächsten Jahre von Ihnen fordern zu können, das sollte ein Staat, der praktisches Christentum treiben will, sich nicht versagen und dem armen Manne nicht."
Fürst Bismarck hat sich mit der Fürsorge für den kleinen Mann, den er gegen die Fortschrittspartei und ihre verderblichen wirtschaftlichen Prinzipien zu schützen unternommen, seine letzte große Lebensaufgabe gestellt. Die Meinungeu über die von ihm vorgeschlagenen Mittel mögen noch vielfach unter den Parteien schwanken. Aber durch diese Unsicherheit und Ungewißheit wird sich der Kanzler nicht beirren und von seinem mit reiflicher Ueberlegung und innigster Ueberzeugung gesteckten Ziel nicht abbringen lassm. Für ihn ist es unabweisliche Pflicht, die Interessen und Bedürfnisse des kleinen Mannes in die Hand zu nehmen und somit die Grundlagen des Staates vor der Erschütternng durch Stürme zu bewahren, welche nicht ausbleiben können, wenn die Pflichten des praktischen Christentums den Armen gegenüber außer Acht gelaffen werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. April. Die Abreise Sr. Majestät des Kaisers nach Wiesbaden erfolgt am Donnerstag Abend. Ihre Majestät die Kaiserin begleitet den Kaiser bis nach Frankfurt und begiebt sich von da nach Baden-Baden. — Die „Prov.-Corresp." fchreibt: Eine nochmalige Landtagssession findet nicht statt. — In Uebereinstimmung mit den heute in Reichstagskreisen umlaufenden Nachrichten meldet die „Nationalzeitung": „Nachdem die Schwierigkeiten beigelegt sind, welche dem Ausscheiden des Herrn v. Putt- kamer aus dem Kultusministerium im Wege standen und Herr v. Wolff sich nunmehr zur Uebernahme des Kultusministeriums bereit erklärt hat, darf man den Anordnungen bezüglich der restnittven Uebertragung des Kultusministeriums an Herrn v. Wolff und des Ministeriums des Innern an Herrn v. Puttkamer demnächst entgegensehen." — Die „Kreuzzeitung" schreibt: „Ueber den von Rußland ausgegangenen Gedanken der Einberufung einer Konferenz zu Beratungen über die gegen die internationalen Anarchisten zu treffenden Maßnahmen dauert der Ideenaustausch zwischen den Mächten fort. Man glaubt, daß im Prinzip eine akademische Beschäftigung mit den bezüglichen Fragen weder hier noch in Wien — soweit man sich auf Berichte von dort berufen kann — Schwierigkeiten begegnen dürfte."
•• Berlin, 27. April. Im Staatsministerium finden zur Zeit Beratungen über die Art der Aufstellung des ExtraordinariumS im Staatshaushaltsetat statt. Es liegt, wie ich höre, namentlich in der Absicht, die produktiven Ausgaben und diejenigen, welche sich alljährlich wiederholen, in das Ordinarinm zu übertragen. — Nachdem nunmehr das Gesetz über die Pfandleihgewerbe publiziert worden, sollen die zur Ergänzung desselben erforderlichen polizeilichen Bestimmungen in eine gemeinsame Instruktion für die gesamte Monarchie zusammengefaßt werden. — Die Nachricht mehrerer Blätter, daß die Verwaltungsreform sistiert sei, dürfte sich in kurzem als unbegründet erweisen. Bei der Ausdehnung derselben auf weitere Provinzen sollen vielfach geäußerten Wünschen zufolge die Provinzialstände derselben gehört werden. — Es ist zu konstatieren, daß die Mehrzahl der großen nationalliberalen Blätter und selbst sehr erhebliche Stimmen aus der Fortschrittspartei sich entschieden gegen die Remunerierung von Abgeordneten aus Privatfonds erklären. Und in der That kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Bildung von DiätenfondS durch Privatsammlungen den Vorschriften der Reichsverfassung zuwiderläuft. Denn wenn auch der Ausdruck „Besoldung" anscheinend nur die Remuneratton aus öffentlichen Mitteln verbietet, so verhält es sich doch anders mit dem Ausdruck „Entschädigung." — Als Symptom scheint von Wichtigkeit zu sein, daß die Fortschrittspartei ihre schon einmal, zu den LaudtagSwahlen von 1879 ausgegebene und schon damals zurückgenommene, jetzt wieder aufgenommene Wahlparole „Gegen Bismarck!" abermals zurückzuziehen beginnt. Es muß danach von dem geschwundenen Nimbus deS Kanzlers, über den Herr Eugen Richter so viel zu erzählen weiß, doch noch ein gutes Stück übrig sein.
WilhelMshaft«, 27. Aprll. Von den Schwerverwundeten auf dem Schulschiffe „Mars" sind inzwischen 2 Obermatrosen gestorben. Leicht verwundet wurde auch der Einjährig-Freiwillige Kramer. Soweit es sich bisher übersehen läßt, erfolgte die Behandlung der Granate vorschriftsmäßig. Das Schulschiff „Mars" setzt heute wieder die Schießübungen fort.
Braunschweig, 27. April. Den Schluß der JM- läumsfeierlichkeiten bildete ein gestern Abend im Hoftheater stattgehabtcs Ballfest, welchem der Herzog sowie der Herzog von Cambridge beiwohnten. Der Herzog von Cambridge hat heute Mittag die Rückreise angetreten, die übrigen fürstlichen Gäste des Herzogs haben Braunschweig bereits im Laufe des gestrigen Tages verlaffen.
Müucheu, 26. Aprll. Gestern Morgen, sechs Uhr,
verschied in Meran, wohin er sich zum Kurgebrauch begeben, der kommandierende General des 1. bayrischen Armeekorps, Ludwig Freiherr von der Tann-Rachsamhausen. Das engere wie das weitere Vaterland verliert in dem Dahingegangenen einen sehr verdienstvollen Kämpfer für die nationale Sache, und die Todesnachricht wird in den weitesten Kreisen mit teilnahmsvoller Trauer vermerkt werden. Das welthistorische Datum der Schlacht bei Waterloo, 18. Juni 1815, bezeichnet auch den Tag, an welchem v. d. Tann, als Sohn des gleichnamigen baierischen Kammer- Herrn, in Darmstadt geboren wurde. 18 Jahre alt, trat er in das baterische Heer ein; und 1848 finden wir ihn bereits zum Major avanciert und dem damaligen Kronprinzen, späteren Könige Maximllian LL, als Adjutant bei gegeben. Sein früh- und hochentwicketter deutschpatrio- tischer Sinn führte den begabten Militär beim Ausbruch ber schleswig-holsteinischen Erhebung alsbald auf den Schauplatz und an die Spitze der Aktion. Die Organisierung der Freischaren war in erster Linie das Werk v. d. TannS, und dieselben errangen unter seiner Führung mehrfache, nicht unwesentliche Erfolge gegen die regulären dänischen Truppen. In der späteren schleSwig - holsteinischen Armee bekleidete v. d. Tann unter dem Oberbefehle General von Willisens die Stellung des Generalstabschefs. Nach Beendigung des Dramas in den Elbhcrzogtümern trat von der Tann in die heimische Armee zurück, gefolgt von der Popularität, die er sich durch fein mannhaftes Eintreten für die nordischen Stammesbrüder erworben und die ihn schon damals den baierischen Ultramontanen und Partikularisten verdächtig machte. — Aber weder damals, noch im Jahre 1866, wo v. d. Tann die Operattonen gegen die preußische Mainarmee zu leiten hatte, vermochte die Mißgunst seiner Steider und Feinde chm zu schaden. Dafür bewahrten die KriegS- jahre gegen Frankreich dem tapferen General desto glänzendere Lorbeern auf. Die französische Kriegserklärung fand ihn an der Spitze des 1. baierischen Armeekorps. Mit diesem nahm v. d. Tann ruhmvollen Anteil an den Siegen bei Wörth, Beaumont, Sedan. Noch schwieriger und verantwortungsreicher war die ihm später zufallende Aufgabe, an der Spitze einer aus preußischen und baierischen Truppenteilen kombinierten Streitmacht die Pariser Belagerungsarmee vor Störungen des aus Westen heranziehenden Gam- bettaschen MaffenaufgebotS zu sichern. Auch dieser Aufgabe erledigte sich v. d. Tann mit dem ihm eigenen strategischen Scharfblick, gepaart mit der vollsten Energie eines schneidigen Korpsführers. Zwar ging das am 11. Oktober eroberte Orleans gegen die erdrückende Uebermacht wieder verloren; der Tag von Coulmiers am 9. November brachte den feindlichen Anprall nur momentan zum Stillstände; erst die anfangs Dezember unter dem Großherzog von Mecklenburg eintreffenden Verstärkungen stellten nach achttägigen heißen Kämpfen das Gleichgewicht an der Loire wieder her, worauf General v. d. Tann, der mit seinen Truppen in allen Kämpfen glorreich gefochten, samt seinem arg mitgenommenen Korps in den eisernen Ring der Pariser Belagerungsarmee eintrat. Der Friedensschluß brachte auch dem wackern baierischen Heerführer die wohlverdienten Gunstbezeugungen des Deutschen Kaisers und seines Königs; aber unermüdlich fuhr er fort, seinem Berufe obzuliegen, bis ihn jetzt der Tod, zu früh für das Vaterland und das Heer, von dem Schauplatze seiner Thätigkeit abgerufen. Die Nation aber wird niemals vergesfen, waS sie dem Andenken des dahingegangenen Helden schuldig ist.
ÄSSl-Arö.
Graz, 27. April. General» Feldzeugmeister Benedek ist heute Morgen gestorben.
Paris, 27. April. Meldungen aus Algier bestätigen die Ermordung des Lieutenants Weindermer vom arabischen Bureau zu Geryville mit 4 Spahis infolge Aufreizungen von Marabuts aus Benamana; gleichzeitig wurde der Führer des Postwagens, der von Saiiva nach Geryville fährt ermordet und die Pferde geraubt. Nach Geryville gingen vier Bataillone und drei Schwadronen ab, nach dem Süden von Sabdon wird 1 Bataillon mit 3 Schwadronen abgehen. — DaS Journal des Dsbats schreibt: „Diejenigen, welche wie wir Griechenlands Freunde sind, können nicht umhin, demselben anzuraten, die vom gesamten Europa gefaßten letzten Beschlüsse anzunehmen. Diese Bedingungen sind allerdings nicht dieselben, wie jene, die bei der Berliner Conferenz so feierlich stipuliert worden sind; trotzdem aber gewähren sie Griechenland einen bedeutenden Zuwachs, den es erhält, ohne daS Schwert gezogen zu haben. Es darf nicht außer Acht lasten, daß die Schwierigkeiten, woraus die Türkei gegenwärtig in Albanien stößt, gerade dieselben sind, worauf es selber gestoßen wäre, wenn es EpiruS hätte in Besitz nehmen wollen. Die Albanesen stehen gegen die Pforte auf, feitbem sie überzeugt sind, daß sie nicht an Griechenland abgetreten werden soll n; allein die Griechen würden bei ihnen keine Alliierten finden. Wir haben die feste Hoffnung, daß Griechenland, trotz dieser letzter» Verwicklung, welche es in Versuchung führen könnte, vernünftig genug sei» wird, um der letzten Mitteilung der Mächte beizustimmen." — Cairoli hat den Commandeur Scotti nach Paris gesandt, damit er den Versuch mache, mit den Rothschilds die für die 600 Millionenanleihe eingeleiteten Unterhandlungen wieder aufzunehmen. — Emile Girardin ist heute Morgen um 8 Uhr gestorben.
Loudou, 27. Aprll. Unterhaus. Bradlaugh will dm Eid leisten. Lord Northcote beantragt, angesichts der früheren Vorgänge könne das Haus Bradlaugh nicht ge- stattm, von der Form abzugehm und die Worte des EideS
zu wiederholen. Davy bekämpft den Antrag durch einen Unterantrag, das Haus wolle nicht auf gründ einer äußeren Information ein Mitglied verhindern, die vorgeschriebenen Formalitäten zu erfüllen. Gladstone und Bright unterstützten Davys Unterantrag, der unter dem Beifalle der Konservattvm mit 208 gegen 175 Stimmen verworfen wird. Bradlaugh weigert sich, das Haus zu verlassen. Da Gladstone keinm Antrag stellt, fragt Lord Northcote Gladstone, ob er die Autorität des Sprechers unterstützen wolle. Gladstone erklärt, er überlaste der Majorität des Hauses die Aktton in dieser Sache. Lord Northcote er- wiedert, da Gladstone von den Functtonm eines Führers des Hauses abgedankt habe, beantrage er, Bradlaugh anzuweisen, sich zurückzuziehen. Der Anttag wirv angenommen. Bradlaugh protestiert, er weiche nur der Gewalt. Northcote weigert sich, weiter in der Sache vorzugehm, eS sei dies Sache der Regierung. Gladstone bestreitet dies, die Majorität, die für die Resolutton gestimmt habe, muffe die weiteren Schritte thun. Cowen beantragt Vertagung des Hauses, da weder die Regierung, noch die Opposition dm Beschluß des Hauses zu einem logischen Ende führen wollten. Cowens Antrag wird angenommen.
Dublin, 27. April. In der gestrigen Sitzung der Landliga erklärte Dillon, in der nächsten Woche würde die Regierung angegangen werden, die Exmissionen und den Verkauf von Gütern in Irland für die Dauer eines Jahres zu suspmdierm; im Weigerungsfälle würde dm ferneren Exmissionen bewaffneter Widerstand geleistet werden und Gladstone, wie Forster würden für das vergossene Blut verantwortlich sei '.
Petersburg, 27. April. Der „Regiemngsanzeiger* und das „Journal de St. PeterSbourg" veröffentlichen folgendes kaiserliche Reskript an den Fürsten Gortschakoff: „Fünfundzwanzig Jahre find heute verflossen, seit mein Vater Sie zu einem der wichtigsten Staatsämter berief, indem er in der schwierigen Epoche des Pariser FriedenS- schlusteS die Leitung des Ministeriums deS Aeußeren Ihnen anvertraute. Während dieses Vierteljahrhunderts sind Sie der getreue Dolmetscher der edelmütigen Gedanken und Absichten meines Vaters gewesen und haben seine weisen Pläne genau auSgeführt, wachend über die Ehre und die Interessen Rußlands und unsere äußere Polittk. Der Vorschrift meines VaterS folgend, haben Sie den berechtigten Einfluß Rußlands unter dm europäischen Großmächten wieder hergestellt und die Beschränkungen beseitigt, welche die Folge deS unhellvollen Krimkrieges waren. Mein Vater fand in Ihrer Erfahrung, Ihrem Patriotismus einen treuen, den wahren Interessen Rußlands ergebenen Mitarbeiter, als er das siegreiche Vaterland von den Schwierigkeiten befreite, welche durch die Prätenstonen fremder Kabinette geschaffen worden waren, um in unseren Angelegenheiten intervenieren zu können. Sie rechtfertigten da» Zutrauen meine» Vaters durch unermüdliche Anstrengungen zur Erhaltung friedlicher Beziehungen zu den europäischen Regierungen. So konnten wir zwanzig Jahre lang die Wohlthaten des Friedens genießen und uns den großen Reformen widmen, welche den Stolz und den Ruhm der letzten Regierungsepoche bilden. Unter Ihrer erleuchteten Leitung entwickelten sich unsere Beziehungen zu den Staaten des Orients und Central-Asiens, befestigten fich unsere polittschen und Handels-Jnteresten dort. Genau und bestimmt war endlich Ihr thätiger Anteil an dem großen Werke der Wiedergeburt der christlichen Völkerschaften der Balkanhalbinsel, welches durch den großherzigen Gedanken meines VaterS, durch die Anstrengungen und Opfer der russischen Nation geschaffen, und durch den Berliner Kongreß von Europa anerkannt worden ist als Preis Ihrer beständigen nutzbringenden Arbeiten im Dienste des Thrones und Vaterlandes. Erfüllt von frommer Verehrung für daS hehre Gedächtnis meines VaterS und zugleich dem Wunsche des eigenen Herzens folgend, gereicht es mir zur besonderen Genugthnung, Ihnen hierbei daS auf der Brust zu tragende, mit Diamanten geschmückte Bildnis meines Vaters und mein eigene« zu übersenden. Möge das Bildnis für Sie der Ausdruck meiner tiefen Dankbarkeit und Hochachtung für Ihre ruhmreichen Dienste, sowie ein Zeichen der Erinnerung an dmjenigen sein, mit welchem Sie während eines Vierteljahrhunderts für das Wohl des von meinem Vater so heiß geliebten Rußlands gemeinsam gearbeitet haben."
Koust««ttm>-el, 27. April. Die Pforte erließ gestern auf telegraphischem Wege ein Circular an die Vertreter des Auslandes, betr. den Einmarsch der Franzosen in Tunis. — Fuad Pascha wird anstatt Reuf PaschaS nach Petersburg gehen, um den Kaiser von Rußland zu begrüßen.
Heffeu-Xaffa«.
Marburg, 27. April. (Strafkammer Kgl. Landgerichts.) Zur Verhandlung kamen folgende Fälle: 1) Die Brüder Joh. Peter, Joh. Jacob und Joh. Adam Mann von Kehna waren der Entwendung eines zweifpännigen Wagens Laub aus dem Walde von Kehna angeklagt und stnd vom Schöffengericht freigesprochen worden. Im Jahre 1867 teilten die Interessenten, darunter auch der Vater der Angeklagten, den Wald von Kehna durch die Spec.-Kommis- sion unter sich, erhielten 1869 den Wald als freies Eigen- tum überwiesen und wurden der Administration dieses Waldes durch die Königliche Forstadministration enllaffen unter der Bedingung, daß die Waldbesitzer eine Waldge- nossenschaft blldeten und der Verpflichtung, den ganzen Wald nach einem gemeinsamen Plane zu bewirtschaften.