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Nkr. »9.

Marburg, Freitag, 29. April 1881.

xvi.

fomie d.Annoneen-Bureaux von LH. Dietrich & 6o. in »affel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; SaaseMei» & Bögler in Exankfurt e- M>, Berlin, Liv,ia, 661* re.; Rudolf ^Ke in ®ttli*, Sraul-

ObklheWe jcitmig

Innigen nimmt.' entaearn die Expedition d. Bunt» sowie d-Annoneen-Bureaux von E. L-Daude 4 6o. in

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Der Anwalt des kleine« Mannes.

Gewisse Parteien haben von jeher den Anspruch er­hoben, allein für die Jnteresien des kleinen Mannes, für die Bedürfnisie der wirtschafllich schwächeren und ärmeren Klassen der Bevölkerung zu sorgen. Bisher aber hat der kleine Mann von dieser Wirksamkeit keinerlei Segen ver­spürt; er wurde lediglich als Partei-Schlagwort verwertet, mittelst dessen die Herrschaft einer Partei erstrebt, die Zahl chrer Anhänger vermehrt werden sollte. Niemals aber ist es jenen Parteien, und vornehmlich der Fortschrittspartei nicht, eingefallen, auch nur den Versuch zu machen, die Lebensbedingungen der wirtschafllich Schwächeren besser zu gestalten und den Beweis zu liefern, daß ihnen die Not der Bedrückten wirklich am Herzen liegt.

Oder soll dieser Beweis vielleicht dadurch gegeben sein, daß die Fortschrittspartei fortwährend dm Rus erhebt: .Keine neuen Steuern 1"

Hiermit beweist sie lediglich, daß es ihr nicht um die Interessen der Bevölkerung, sonbem nur um die Stimmen derselben zu thun ist. Steuer zahlen ist für Niemanden ein Vergnügen, und wer die Verminderung der Steuern überhaupt auf seine Fahne schreibt, kann gewiß erreichen, daß Urteilslose ihm ihre Neigung auf kurze Zeit zuwenden. Aber ein solches Versprechen kann Niemand, welcher eine Einsicht in die Bedürfnisse des Staates hat, machen, und die Fortschrittspartei würde wenn sie am Ruder wäre, am allerwenigsten im Stande sein, ein solches Versprechen zu halten. Es wäre jaein kindisches Vergnügen von der Regierung" gleichviel welcher,Steuern aufzuhäusen, deren Betrag nicht erforderlich ist für die durch die Parla­mente gebilligten Bedürfnisse de» Staates." Wer die Verminderung der Steuern in Aussicht stellt, will nur Gimpel fangen und ist ein Winkeladvokat, welcher falsche unmögliche Hoffnungen erregt und so die wirklichen Jnter- effen schädigt.

Die Bedürfniffe der Bevölkerung, vornehmlich der ärmeren, können nur durch eine Erleichterung in der Art der Aufbringung der Steuern und durch die Beseitigung

Der Dreibirkmhof.

Roman von August Butscher.

(Fortsetzung.)

Gab das ein Anstößen, Flüstern und Fragen! Gundels Augm hafteten nichts weniger als vergnügt auf EvaS schöner Gestalt, die in der robusten und nüchternen Um­gebung so fremdartig und wie hinneingeweht erschien. Doch jetzt näherte sich Thomas Bitterle mit einem großen Kelch­glase dem Tische und hob zu sprechen an:

Ich war in Wien gewesen und habe den Kaffer ge­sehen, was man Enthusiasmus heißt, einige sagen auch Loyalität. Aber nirgms ist mein Herz so voll Begeisterung gewesen, als am heutigen Tage. Der neue Schultheiß ist zwar noch nie in Wim gewesen, aber er ist doch ein sonder­bar gescheidter Mann, der nicht auf dm Kopf gefallen ist und der'S dem Strumpf ansieht, wenn der Fuß entzwei ist. Er wird mit Weisheit regieren, denn er kanns und er hat»; er ist ein König gleichsam, man kanns ihm gönnen und uns auch, denn sein Wein ist gut, und der Braten riecht nicht übel. Seine Familie ist großartig für die Zukunft, was ich so auslegen will:

Der Friedel hat die reiche Gundel vom Höhlenhos zur Gesponsin, und wenn sie in Wim wäre, so könnte man Fräulein sagen; das thut aber nichts, daS Vermögm hat sie. Der Johannes wird sich nach einer umsehen, die ihm ein Haus- und Heimwesen mitbringt; er hat den Verstand nicht im Ellenbogen und hört, wie sein Vater, daS Gras wachsen. Die Marie ist ein seines Blut, etwas weniges krank, aber wenn man den Höhlenlenz wollte fragen, so könnte man eine Amsel pfeifen hören, die ihren Schnabel gewetzt hat. Wes in allem, ich bin kein Prophet, aber ich war in Wim gewesen und sehe das Geld durch

des empfindlichen Drucks, welcher in dem direkten Steuer­system besonder» für die minder Begüterten liegt, befriedigt werden. Hiermit muß Hand in Hand gehen, eine weitere fürsorgende, positiv schaffende, aufbauende Thätigkeit, welche sich angelegen sein läßt, die sozialen Schäden zu heilen, unter welchen das gesamte Staatölebm leidet.

Die Notwendigkeit einer thättgen Fürsorge für das Wohl der wirtschafllich Schwächeren und der Einwirkung des Staates zum Schutze derselben ist nun von dem Fürsten Bismarck mit dem ganzen Ernst, welchm diese für unser Jahrhundert so hochwichtige Frage erfordert, anerkannt und die Lösung derselben mit Nachdruck in die Hand genommen worden, sowohl in der Steuer- wie in der Arbeiterreform.

Weder der Bauernstand noch die Arbeiter haben mit ihren Klagen Jnteresien und Bedürfniffen im Parlament eine genügende Vertretung gefunden. ES liegt in der Natur der Sache, daß dieselben bei den Sorgen um ihre wirtschaftliche Existenz wenig daran denken, sich selbst Ver­tretung und Gehör zu verschaffen. Sie vertrauen ihre Wünsche Anderen vielleicht berufsmäßigen Parlamentariem an, welche unter dem Einfluß des parlamentarischen Ge­triebes ihr Augenmerk mehr auf Frakllvns- und Partei- politik als auf das Sinnen und Trachten nach den Mitteln und Wegen richten, welche geeignet sind, den berechtigten Klagen de» Bauern- und Arbeiterstandes Abhülfe zu ver­schaffen. Das sind Beobachtungen, welche man seit Jahren hat machen können. Außer dem falschm Anwalt, in der Gestalt der Fortschrittspartei und der Sozialdemokratte, welche mit dem armen Manne meist nur politische Zwecke verfolgten, hat es in der Volksvertretung Niemand gegeben, welcher die wirtschaftliche Existenz dieses armen Mannes in erster Linie ins Auge faßte, ihre Ursachen ergründete und an die große Glocke schlug, weil alle Vertreter ent­weder zunächst ihre StandeSintereffen ober ihre Partei- tntereffen im Sinne haben.

Eben darum hat Fürst Bismarck sich selbst zum An­walt des kleinen ManneS gemacht und für denselben seinen mächtigen Einfluß eingesetzt, nicht wiederum zu Partei­zwecken, sondern um der Sache selbst willen.

Der Reichskanzler hat in seinen letzten Reden die Not des kleinen Mannes nach allen Seiten hin beleuchtet und die Aufgaben klar vorgezeichnet, welche zur Linderung derselben zu erfüllen sind. Er hat den Finger in die Wunde des Staatslebens gelegt und die Verhältnisse auf­gedeckt, deren natürliche Wetterentwickelung der bisher geltende Grundsatz des Gehen- und GeschehenlasienS fordert. _____________

Fürst Bismarck zeigte, daß .unsere Landwirte, und zwar nicht nur die Rittergutsbesitzer, sondern namentlich die Bauern in der Grundsteuer einen ganz erheblichen Kornzoll ihrerseits

die Lederhosen. Der Dreibirkenbauer ist ein gemachter Mann, und ich bin Willens, ihn mit seinem Hausstand und mit dem Glück, das noch in der Wiege liegt, hochleben zu lassen von nun an bis in Ewigkeit. Hoch und Vivat der Schultheiß! Hoch! Hoch!"

Hiermit schloß der würdige Redner und der Gemeinde­rat ärgerte sich schwer darüber, daß ihm der vorlaute Polizeidiener zuvorgekommen.

Der Dreibirkenbauer schmunzelte, die Gundel strich ver­legen lächelnd über die Schürze und die alte Martha sah mit andächtigem Staunen drein. Johannes lächelte ver­gnügt und sah bedeutungsvoll auf Eva, die wie durch Zu­fall an des Citronenfepps Seite zu sitzen ge­kommen war. Mariens Mienen hatten sich etwas ver­düstert, nur wenn der Blick des Tirolers zu chr hinüber­wanderte, ging es wie ein Lichtschein über ihr liebes müdes Gesicht. Friedel war noch finsterer geworden und so zer­streut, daß er stets mit Eva anstieß, wenn an der Höhlen- guneel die Reihe war. Martha sah mit dem geübten Blicke des Alters die Veränderung und schüttelte ost sinnend den Kopf.

Hellauf, Sepp! Laß einen luftigen Steirischen los!" rief Johanne».

Der Citronensepp präludierte. Athemlos mit vorge­beugten Köpfen lauschte die Gesellschaft, als er fang:

Ich hab' eine Liebste mit flachsblondem Haar, Und mein will sie werden wohl über ein Jahr, Und mein will sie bleiben trotz Kummer und Not, Drum bleib ich ihr treu bis zum bitteren Tod.

Ich hab' eine Liebste, die Schönste im Land, Ich steckt' chr den Ring an die schneeweiße Hand,

für die inländische Produktion bezahlen", so daß eS also nur gerecht ist, wenn auch auf das ausländische Getreide ein Zoll, welchen die Jmportmre tragen, gelegt wird. Er betrachtet die Grundsteuer als einen ungerechten Maßstab für Zuschläge zur Kommunalsteuer und hofft durch die Aus­hebung der Zuschläge die inländische Getreidewirffchast zu heben.

Dem Kanzler schwebt alsIdeal" vor, daßderjenige, der nichts hat als seine beiben Hände, um sein Brod zu erwerben, und zwar zwei ungeschuüe Hände, der kein Ge­werbe gelernt hat, überhaupt ganz steuerfrei sein sollte, nicht blos von Staatssteuern, sondern auch von Kommu­nalbeiträgen, und daß die Belastung erst da anfangen sollte, wo ein werbendes Kapital vorhanden ist".Derjenige, dem seine Müel überhaupt nicht erlaubt haben, sich auf etwas anderes in der Welt zu verlassen, als auf das wechselnde Verdienst, der, wie hier in Berlin, im Winter Schnee schippen, im Sommer Erdarbeiten und dergleichen verrichten muß, der sollte meines Erachtens für den Staat nicht anders herangezogen werden, als daß er im Kriege das gemeinsam doch mit verteidigen hilft, waS ihn schützt gegen Fremde."

Fürst Bismarck will, daß der Staat den Gemeinden in ihren Armenlasten und sonstigen Lasten zu Hülfe komme. Ihm schwebt als Ziel vor,den Gemeinden einen großen Teil ihrer Armenlasten dadurch abzunehmen, daß mit staat­licher Unterstützung eine Atters- und JnvalidenversorgungS- Anstalt im ganzen Reiche eingerichtet wird, und daß dies nicht ohne staatliche und Reichszuschüsse thunlich sein wird." Ich glaube sagte der Kanzler, daß die Gemeinden und besonders die mit Armen vorzugsweise belasteten, eine erhebliche Erleichterung dadurch empfinden würden, auch die Kreise unter Umständen, wenn die Armenlast auch im Lande richtiger auf größere Verbände verteilt wird wie bisher." Es sollfür eine bessere und würdigere Behand­lung der Erwerbslosen" überhaupt gesorgt werden.Die Bestrebungen der Regierung, (zunächst) den verunglückten Arbeiter in Zukunft besser und namentlich würdiger zu be­handeln wie bisher, seinen noch gesunden Genossen nicht das Beispiel eines, so zu sagen, auf dem Kehricht langsam verhungernden Greis zu gewähren, das kann man nicht als sozialistisch bezeichnen."Es ist vielmehr praktisches Christen­tum, wobei wir die Leute nicht mit Reden und Redensarten bezahlen, sondern wo wir ihnen wirklich etwas gewähren wollen."ES ist für uns ein angenehmes Gefühl, für die weniger vom Glück begünstigten Massen, welche der Abg. Bamberger mit dem NamenPöbel" bezeichnet, auf dem Wege der Gesetzgebung sorgen zu können."Der Staat, der in seiner großen Mehrheit aus Christen besteht, muß sich in seinen Grundsätzen der Religion, zu der wir UNS bekennen, namenllich in bezug auf die Hülfe, die man dem Nächsten leistet, in bezug auf das Mitgefühl mit dem Schick­sal, dem alte leidende Leute entgegengehen, einigermaßen

Und streift sie ihn nimmer vom Finger herab, So muß ich chr treu sein bis über da- Grab.

Ich hab' eine Liebste, das wissen nur Drei, Ich selber und sie und der Herrgott dabei, Sie hat mir versprochen, sie bleibe mir hold, Und wenn sie darüber auch sterben gar fallt' 1*

Der Tiroler hatte mit einer wundersam weichen und biegsamen Tenorstimme gesungen, anfangs mit mächtiger Kraft und Fülle; aUmälig aber hörte man den Schmerz heraus au» dem Gesänge, und überleitend in» schwer­mütige Moll, hatte er in so düsterer Weise geendet, daß es wie ein Alp auf allen Gliedern zu lasten schien. Lied unb Weise hatte der talenwolle Bursche improvisiert, er hatte seine Liebe gesungen, das wahre HerzenSlieb. Sein Auge hastete schmerzlich sinnend auf dem Ring, der an der Hand der Birkenmarie glänzte. Es war sein Andenken, und des Ringes hatte er in dem Liede gedacht.

Es ging wie eine stille Ahnung durch die Versammetten, daß ein Korn Wahrheit in dem Gesänge liegen müsse; selbst der Dreibirkenbauer, der anfänglich zu der Weise mit den Fingern auf den Tisch getrommelt hatte, war nachdenk­lich geworden. Marie saß schmerzverloren und doch so selffam selig in ihrem Lehnstuhl; auffallend aber war, daß über die Wangen Eva» große Thränen rollten, und sie, über chr Glas gebeugt, die Hände heftig gegen die Brust preßte. Der Cttronensepp sag immer noch wie träumend, unb seine Hanb spielte mit den Satten, unb auch wie im Traume sah er Evas Thränen, e» wollte ihn babei fast wie Stolz überkommen, baß sein Sang so rühren konnte.

(gertfevung folgt.)